Hidden Champions

Philipp Götz

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Lesezeit ca. 25 Minuten

Trick Shots auf TikTok

Philipp Götz: Darum sollten Industrie-Unternehmen Social-Media-Marketing betreiben

Bist Du noch ein Hidden Champion, wenn sich jeden Freitag hunderte Nutzer auf Deine Trick-Shots bei LinkedIn freuen? Das haben wir Philipp Götz gefragt. Der Jungunternehmer wollte ursprünglich nur seine Erzeugnisse aus der 3D-Drucktechnologie in dem Business-Netzwerk präsentieren, zum Trick-Shot-Shootingstar hat er es mehr zufällig gebracht. Dennoch ist er der Überzeugung, dass es auch für ein Unternehmen aus dem produzierenden Gewerbe unerlässlich ist, sich in den Sozialen Medien zu präsentieren. Insbesondere, wenn man eigentlich aus der Lohnfertigung kommt und keine eigenen Produkte hat. Warum er diesen Weg gegangen ist, hat er uns im Interview verraten.

Philipp hat das Unternehmen aber nicht gegründet. Ursprünglich wollte er Meeresbiologe werden und ein paar Monate durch die USA reisen. Mitten auf einer Fährfahrt rief ihn sein Vater an: Wenn er ins Unternehmen eintreten wolle, dann jetzt, sonst müssten sie einem Kunden absagen. Für Philipp war die Entscheidung klar: Er ist Maschinenbauer mit Leib und Seele. Also ist er in das Familienunternehmen eingetreten. Denn da arbeitet sein größter Held: sein Vater. Von ihm hat er einen wichtigen Ratschlag bekommen: Sachen aus der Arbeit nicht mit nach Hause nehmen. Daran versucht er sich zu halten. Und noch eine Sache ist Philipp wichtig: der Spaß bei der Arbeit. Wir verbringen mehr Zeit bei der Arbeit als zu Hause. Damit das funktioniert, müssen wir Spaß daran haben. Wie er das im Alltag umsetzt und welche Pläne Philipp Götz für die Zukunft hat, verriet er uns im Interview.

Interview mit Philipp Götz

Johannes: Willkommen zurück bei The Hidden Champion. Vom Hühnerstall zu mehr als 12.000 Quadratmetern, von einem Einmannbetrieb zu mehr als 100 Mitarbeitern. Mein heutiger Gast hat zwar nicht selbst gegründet, ist aber einer von zwei Nachfolgern, die das Erbe ihres Vaters antreten. In die Fußstapfen treten sie bewusst nicht, denn sie gehen auch neue Wege. Heute geht es darum, wie man die Nachfolge an eine neue Generation abgibt. Vor allem hören wir aus der Sicht der neuen Generation, wie es ist, Flügel zu bekommen und dann fliegen zu müssen. Wie ist es, zwischen Etabliertem und Innovation zu jonglieren? Darum geht es heute, hier und jetzt persönlich vom Geschäftsführer: Philipp Götz von Götz Maschinenbau.
Vielen Dank für Deine Einladung, lieber Philipp. Ich habe ein paar Fragen aus unserer Community mitgebracht. Die erste Frage: Wie ist das so mit einem Familienunternehmen? Wirklich familiär oder kommt da manchmal der knallharte Geschäftsmann durch?

Philipp: Ja, grundsätzlich ist alles schon sehr familiär. Man hat halt nicht nur daheim zu tun, sondern eigentlich sieht man sich die ganze Zeit. Dadurch ist tatsächlich auch das Familiäre ein bisschen im Hintergrund, weil man auch zu Hause, wenn man dann am Tisch sitzt, auch sehr viel übers Geschäft spricht. Aber man muss auch mal seine Grenzen stecken, auch zwischen Vater und Sohn oder zwischen Bruder und Bruder. Dann geht es halt ums Geschäft und nicht um das Familiäre. Also das ist schon so. Der harte Geschäftsmann kommt oft.

Johannes: Die nächste Frage: Musst Du die Firma so weiterführen, wie es Dein Vater geplant hat oder strebst Du vielleicht neue Wege an? Hast Du Innovation oder Änderung im Blick?

Philipp: Nein, natürlich muss ich die Firma nicht so weiterführen, wie sie mein Vater geplant hat. Man weiß nie, was morgen ist. Aber wir haben ein Ziel und sind sehr zukunftsorientiert. Mein Vater hat in den letzten 40 Jahren sehr viel richtig gemacht, sonst wären wir nicht da, wo wir jetzt sind. Aber wir haben zum Beispiel gerade ein neues Unternehmen gegründet. Ich habe eine eigene Maschine entwickelt. Also wir sind nicht nur klassischer Dienstleister, sondern unser Ziel ist, in Zukunft einerseits bekannter zu sein, auch europaweit, aber auch mit eigenen Produkten am Markt zu sein, nicht nur als Dienstleister. Also von dem her: Nein, ich führe das Unternehmen nicht so weiter, wie es mein Vater will, sondern so, wie wir es wollen.

Johannes: Gab’s auch mal alternative Berufswünsche oder warst Du schon immer von der Firma fasziniert?

Philipp: Also als Kind wollte ich Meeresbiologe werden, tatsächlich. Aber ich bin in diesem Unternehmen aufgewachsen. Seit ich denken kann, arbeite ich hier mit. Für mich war schon immer klar, in die Richtung Maschinenbau zu gehen. Ich habe es nicht umsonst studiert und habe immer darauf hingearbeitet, dass ich irgendwann das Unternehmen weiterführen darf.

Johannes: Die nächste und vorletzte Frage ist von unserer Userin Stephanie: „Ich stehe vor der Entscheidung, mein Ding zu machen oder ins Familienunternehmen einzusteigen. Kannst Du mir einen Ratschlag geben? Wann war für Dich klar: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt?“

Philipp: Das ist eine schwierige Frage. Es kommt darauf an, was Dein Ding ist, liebe Stefanie. Aber grundsätzlich: Du solltest mit Deiner Familie klarkommen. Bei mir war es einfach so: Ich habe sehr viele Freiheiten bekommen und konnte mein Ding in meiner Firma oder in der Firma meines Vaters machen. Dadurch war es für mich relativ einfach und weil ich es schon immer machen wollte. Auf der anderen Seite: Wenn man sich gezwungen fühlt, dann wird es nichts. Von daher kann ich Dir nur sagen: Mach, was Dein Ding ist und entweder Du kannst es kombinieren, dann hast Du mit Sicherheit einen Vorteil, doch wenn es zwei komplett unterschiedliche Sachen sind und Du sagst, Du kommst mit Deinem Familienbetrieb nicht klar, dann macht das andere auch Sinn.

Johannes: Eine weitere spannende Frage, die ein bisschen anders ist, als ich sie immer stelle, ist von Susi: Was war der schlechteste Ratschlag, den Du je bekommen hast?

Philipp: Also ein guter Ratschlag wird mir einfallen. Ein schlechter Rat … Lass mich kurz überlegen. Der schlechteste Ratschlag. Mir fällt auf Anhieb gerade nix ein. Kann man vielleicht nachher noch mal machen.

Johannes: Dann habe ich noch eine Backup-Frage: Wie hebst Du Dich von Deiner Konkurrenz ab? Hast Du einen USP? In Deiner Branche gibt es ja viele Mitbewerber.

Philipp: Ja klar. Wir als Dienstleister haben sehr, sehr viele Mitbewerber. Unser USP ist, dass wir sehr innovativ sind, sehr fortschrittlich. Zum Beispiel arbeiten wir nur noch einschichtig bemannt, produzieren aber 24 Stunden, haben sehr komplexe Bauteile, arbeiten in ganz vielen verschiedenen Branchen, nicht für die Automotive. Da sind wir nicht zu Hause, sondern wirklich eher Medizintechnik, Sonderanlagen, Maschinenbau. Bei uns geht es um hohe Komplexität und um sehr genaue Teile. Das ist das, wo wir dann der Konkurrenz vorne weglaufen können. Also wie gesagt, seit 25 Jahren machen wir das Spiel schon mit zwei Schichten, eine Schicht mannlos, eine bemannt. Also wir haben schon immer versucht, so ein bisschen pioniermäßig unterwegs zu sein. Dann kommt natürlich das Thema 3D-Druck noch dazu, das jetzt mittlerweile in aller Munde ist. Ich mache das auch schon seit zehn Jahren und bin da bei einem der Weltmarktführer Entwicklungspartner und bin da auch relativ breit aufgestellt.

Johannes: Du hast spannende Trickshot-Videos auf LinkedIn gepostet. Und wenn man einmal liked und das immer wieder sieht, dann denkt man sich irgendwann: Hey, der schafft es, Aufmerksamkeit zu generieren. Welche Aufmerksamkeit? Darüber lässt sich streiten. Aber ich finde es super spannend. Deswegen haben wir hier schon mal einen Ball, um den es meistens ja geht. Was hat es damit auf sich? Was ist Dein Ziel mit Deinen Trick Shots, die Du so gerne machst?

Philipp: Ja, wie gesagt, wir sind ja eigentlich ein klassischer Dienstleister aus der Zerspanung. Unsere Zerspanungsfabrik ist relativ voll. Wir haben sehr gute Kunden und das Thema war, den 3D-Druck ein bisschen plastischer darzustellen, ein bisschen greifbarer Leute damit anzusprechen. Wir waren gerade dabei, so ein bisschen Social-Media-Plattformen zu erobern und für uns zu entdecken und im Endeffekt stand ich tatsächlich mit diesem Ball in der Küche.
Das ist also Material, ist sehr fest, aber durch die Art, wie er hergestellt wurde, springt der Ball. Ich stand also in der Küche und habe nicht mal absichtlich den Ball in die Kaffeetasse geworfen. Ich stand da und ich habe halt rumgespielt und der Ball landete in der Tasse und das Ergebnis war, dass ich ihn dann gegen die ersten Teller geworfen habe und irgendwann, nach ein paar Versuchen, ist er von drei Tellern in die Tasse gesprungen. Ich habe meinem Mitarbeiter gesagt: „Wir machen jetzt was – wir machen Content.“ Auf diesen ersten Post kam so ein gutes Feedback, dass wir relativ schnell so eine kleine Community hatten, die jeden Freitag nur darauf wartet, dass dieser Trick-Shot kommt. In einer Atmosphäre, die sehr „steif“ ist, sehr B2B-lastig und sehr für Unternehmer. Das ist halt so ein bisschen Auflockerung und das Ziel ist tatsächlich Kunden zu kriegen und das funktioniert sehr gut. Wir machen das jetzt seit ziemlich genau einem Jahr. Jeden Freitag kommt ein neuer Trick-Shot, alles mit 3D-gedruckten Gadgets. Mal ist es ein Ball-Katapult, und so haben wir tatsächlich einige Neukunden generiert.

Johannes: Wie wichtig sind für Dich persönlich und für Dich als Unternehmer die Social-Media-Kanäle wie zum Beispiel Instagram oder LinkedIn? Da haben wir ja gehört, dass da durchaus auch Kunden kommen. Machst Du auch im Bereich Instagram was?

Philipp: Ja, wir haben das jetzt gerade schon angefangen. Wie gesagt, wir kommen aus dem klassischen Maschinenbau und hatten da nie so richtig die Notwendigkeit gesehen, dass wir uns im Marketing extrem breit aufstellen. Ich bin jetzt seit elf Jahren im Unternehmen und habe das dann so in den letzten drei, vier Jahren ein bisschen mehr forciert. Durch den 3D-Druck kamen wir auf LinkedIn und jetzt sind wir seit ein paar Monaten auf Instagram aktiv. Auch da kamen jetzt schon die Ersten, die gesagt haben: „Wir möchten da was mit euch machen.“ Also ja, diese Social-Media-Plattformen werden immer wichtiger für uns alle. Wahrscheinlich werden die immer wichtiger, weil sich in diesem kurzlebigen Markt alles darum dreht, wer wen kennt, wer zeigt, wer sich am besten präsentiert. Wer schafft es am besten, sein Produkt so ins Rampenlicht zu stellen, dass es ansprechend für andere ist? Das funktioniert über die sozialen Medien sehr, sehr gut.

Johannes: Du hast ja schon mal ein paar Mal gesagt, dass Du aus dem Maschinenbau kommst. Sag mal in ein paar Sätzen: Was macht Ihr eigentlich? Ich habe Dich ja gar nicht wirklich vorgestellt. Was macht Ihr und wo sitzt Ihr?

Philipp: Also wir sind ein klassisches Maschinenbauunternehmen in der Nähe von Karlsruhe und wir sind im Endeffekt klassischer Dienstleister. Das bedeutet, wir bekommen von unseren Kunden Zerspanungsanteile, also Zeichnungen. Die produzieren wir und sind zudem ganz schwer in der Medizinbranche und im Sonderfahrzeugbau unterwegs. Für Feuerwehrautos machen wir zum Beispiel sehr viele Elemente für Drehleitern, im Hubbereich oder auch sehr viel Elemente für OP-Tische, also wie gesagt, querbeet im Maschinenbau.
Wir machen, wie gesagt, zerspanende Dienstleistung. Das heißt jetzt mal ganz plastisch für die, die nicht wissen, was das ist: Ich habe ein Stück Metall und mach‘ irgendein cooles Bauteil daraus, das nach was aussieht, mit gewissen Bohrungen, mit Passungen drin, damit ich am Schluss eine Baugruppe habe, die funktioniert. Ganz viele Menschen stolpern jeden Tag über zerspante Bauteile und wissen es gar nicht. Also, wenn ich in ein Auto reinsitze, ist quasi die Hälfte davon zerspant. Im Alltag hat man überall Teile, die gedreht oder gefräst sind. Das ist unser Kerngeschäft. Und wie gesagt, seit zehn Jahren sind wir im 3D-Druck aktiv und da haben wir mit Prototypen begonnen und mittlerweile können wir mit den neuen Technologien eben auch hier Serien abbilden oder Prothesen und Orthesen bzw. eher Elemente davon, denn eine Prothese ist ja meistens im Körper. Die Orthese ist eine Unterstützung am Körper und Orthesen können gedruckt werden und werden auch regelmäßig gedruckt.

Johannes: Und es hängen auch teilweise Menschenleben an Euren Baugruppen oder Bauteilen?

Philipp: Ja, definitiv. Wir sind zertifiziert und dürfen Sicherheitsbauteile herstellen. Wir arbeiten für einen der namhaftesten Achterbahnhersteller in der Welt und da hängen tatsächlich Menschenleben an den Bauteilen, je nachdem, wo die Teile in der Achterbahn verbaut sind. Da muss viel gemacht werden, dass es hält.
Vielen ist gar nicht bewusst, was da alles hinten dran steckt. Jeder geht in den Freizeitpark, setzt sich in die Achterbahn und denkt sich: „Jawohl, wird schon schiefgehen!“ oder denkt überhaupt nicht drüber nach. Was aber in dem vorgelagerten Prozess alles stattfindet, wie viele Prüfungen, wie akribisch alles gemacht werden muss, damit ja nichts schiefgeht, darüber denkt kaum jemand nach. Das Wichtigste ist das Menschenleben und auch das, das am meisten Gefahr birgt. Also wir machen nicht nur Teile für Achterbahnhersteller, wir arbeiten auch für große Kranhersteller oder auch in der Baggerbranche, wo es dann um Verriegelungsmechanismen geht. Wenn so eine Verriegelung nicht funktioniert und der Baggerlöffel fällt vorne runter und der Arbeiter steht vorne, dann ist der halt Matsch. So krass das klingt, aber die Sicherheit ist tatsächlich das Wichtigste und da wird auch viel Wert darauf gelegt, dass diese Bauteile allen Prüfungen standhalten. Das ist das, was wir tun.

Johannes: Was hat es mit diesem Godzilla- und mit dem King Kong-Plakat auf sich, das hinter Dir hängt?

Philipp: Ich will den Leuten, die reinkommen, Angst machen. Nein, natürlich nicht. Die hingen früher bei mir im Haus. Ich habe in Berlin die Originale von 1956 erworben. Ich weiß ich nicht, ob sie gemalt sind, aber sie sind auf jeden Fall original, noch mit der Hand unterschrieben. Also das könnte schon gemalt sein. Das ist auf jeden Fall eine Lithografie. Die hier habe ich tatsächlich durch Zufall auf einem Markt entdeckt, bei einem Händler, und habe mit dem lang gesprochen und ich habe sogar das Dokument, dass es ein Original ist. Das ist schon sehr cool und wie gesagt, die sind eigentlich nur hier, weil meine Frau dann irgendwann gesagt hat, die passen nicht mehr ins neue Haus. Aber sie passen ganz gut hier her, auch bei den Teammeetings. Da sieht man immer schön mich und nebendran King Kong. Also, es macht ein bisschen Eindruck.

Johannes: Deine Spielwiese ist ja offensichtlich auch hier. Die Trick-Shots, die Plakate … Du hast ja hier auch Spaß …

Philipp: Wenn Du überlegst: Als Arbeiter, aber auch als Geschäftsführer oder Inhaber eines Unternehmens, verbringst Du mehr Zeit im Betrieb, in der Firma, als zu Hause mit Deiner Familie und allem. Also musst Du Dir irgendwo Dein Büro, Deine Wohlfühlzone schaffen. Ich habe hier Bilder von meiner Familie ausstehen oder auch das. Das ist einfach so ein bisschen der Wohlfühlcharakter, denn Du verbringst so viel Zeit in Deinem Büro, in Deinem Unternehmen. Also ich mache das mit Leidenschaft, ich mache es gern. Ich komme jeden Tag gerne ins Unternehmen und habe nicht umsonst andauernd neuen Ideen, wo wir uns hin entwickeln, was man als Nächstes machen kann. Aber dafür musst Du Dich auch wohlfühlen, sonst funktioniert es nicht.

Johannes: Was ich total spannend finde und selten in anderen Betrieben gesehen habe, ist, dass ihr hier wirklich unbemannt produzieren könnt. Also da fliegen Späne, aber da ist kein Mitarbeiter an einer Maschine. Und das macht ja auch schon sehr lange, obwohl die Maschinen damals dafür ja nicht ausgelegt waren, oder?

Philipp: Ja, wir haben vor 25 Jahren damit angefangen. Also tatsächlich hat damals die Matz AG ein Konzept entwickelt, aber die hatten eine ganz andere Zielgruppe. Allerdings war mein Vater damals in einer 20-Mann-Bude und ich sage ja, mein Vater war schon immer sehr zukunftsorientiert. Deshalb arbeite ich auch so gerne mit ihm zusammen. Auch wenn er jetzt 69 ist, hat er immer noch Ideen, auf die ganz viele Junge gar nicht kommen. Damals ist er eben an den Stand gelaufen und hat gesagt: „Das ist die Zukunft, das will ich haben!“ Dann haben sie ihn erst mal zum Teufel gejagt: „Was willst Du jetzt hier? Du kannst Dir das eh nicht leisten“ und überhaupt wollten die Große ansprechen, aber die haben nicht gezogen. Am Schluss stand hier dann die erste Anlage und wir waren in Baden-Württemberg und wahrscheinlich auch in ganz Deutschland eines der ersten Unternehmen im Dienstleistungsbereich, die das hatten.
Also man muss vielleicht eins dazu sagen: Wir machen Stückzahlen von 5 bis 500 im Jahr. Also wir sind kein Automobilzulieferer mit 100.000 im Jahr, sondern wirklich kleine Stückzahlen. Und da waren wir dann am Schluss die Ersten, die es vor 25 Jahren geschafft haben umzusetzen, dass wir in zwei Schichten produzieren. Nachts bestückt der Roboter unsere Fräsmaschinen und die laufen durch. Also wir produzieren tatsächlich zwischen 22 und 23 Stunden Späne. Das schaffen viele heute noch nicht.

Johannes: Ich habe mir vorhin die Produktion angeschaut. Fünf, sechs Maschinen, dahinter automatisiertes Lagerwerkzeug, Systeme mit unzähligen Werkzeugen und Bildschirmen davor.

Philipp: Das ist übrigens ein Neubau, der ist vor fünf Jahren entstanden, da waren wir tatsächlich auf einem Event von Liebherr und die haben uns ihr neues System mit ein bisschen Palettenwechselsystem usw. vorgestellt. Da war ein Hersteller von, ich weiß nicht mehr, Schraubstöcken oder so was. Der hat davon erzählt, eine Schicht mannlos zu arbeiten sei das neue Ding. Da haben wir das aber schon fast 20 Jahre gemacht und dann haben wir tatsächlich nach der Hälfte des Tages gesagt, wir fahren wieder nach Hause, wir sehen hier nichts Neues, das bringt uns überhaupt nichts. Auf dem Heimweg von Ulm sind mein Vater und mein Bruder nicht im Auto gesessen, haben überlegt, dass wir jetzt irgendwas machen müssen. Diese zehn Jahre, 15 Jahre Vorsprung, die wir hatten, die holen uns langsam ein. Wir müssen den nächsten Wurf machen oder den nächsten Stein oben draufsetzen. Und dann haben wir in der Heimfahrt quasi ein Konzept entwickelt, was wir haben wollen. Damit wir uns so aufstellen könnten, wieder zehn Jahre voraus zu sein.
Jetzt sind wir genau an dem Punkt, den Du gesehen hast. Wir haben hier viel größere Verkettungen. Wir haben immer drei Maschinen in der Verkettung, mit 140 Paletten, 1.000 Werkzeugen on top. Hier fahren wir weitestgehend einschichtig, produzieren aber 24 Stunden und das aber auch samstags und sonntags. Also die Anlagen laufen rund um die Uhr und das immer noch bei kleinen Serien, also die Stückzahl, wie gesagt, ab eins. Das ist unser USP, was vorhin mal die Frage war, da heben wir uns deutlich gegenüber den anderen ab und egal, wer bisher hier durchgelaufen ist, egal, wie groß die Firma war, alle haben gesagt, sowas haben sie noch nie gesehen. Also Deine Reaktion, die zeigen ganz, ganz viele.

Johannes: Ich habe ja schon viel Einblick bekommen und weiß, wie andere Unternehmen arbeiten. Das war auf jeden Fall und definitiv ein Vorsprung …

Philipp: Aber das war auch unser Ziel und seit fünf Jahren steht’s und es hat immer noch keiner irgendwo anders gesehen. Das ist für uns der Vorsprung, den wir uns erarbeitet haben und es hat auch funktioniert. Diese Idee, dieses Konzept, das wir im Auto entwickelt haben, wurde tatsächlich fast eins zu eins genauso umgesetzt. Klar, wir brauchen unsere Leute draußen, also wir haben nur eine Idee. Am Schluss geht es um das Personal unten oder die Menschen, die bei uns arbeiten, die Spaß dran haben, die ebenso ihr Herzblut und ihren Hirnschmalz da reinstecken, um so was umzusetzen. Nur weil ich eine gute Idee habe oder mein Vater oder mein Bruder, heißt das nicht, dass es da draußen funktioniert.

Johannes: Wenn Ihr dann zusammen im Auto sitzt, genießt Ihr das wahrscheinlich total, oder? Also versteht Ihr Euch gut als Familie?

Philipp: Ja, natürlich, das musst Du. Wenn Du Dich nicht mit den andern verstehst, dann kannst Du das vergessen, dann kannst Du den Laden in drei Jahren zumachen. Wenn es dann irgendwo Grabenkämpfe gibt, funktioniert das nicht. Wir haben alle miteinander ein sehr gutes Verhältnis. Liegt auch daran: Wir sehen uns zwar sehr viel, aber trotzdem hat jeder irgendwo seinen Bereich und dadurch sitzt man nicht die ganze Zeit aufeinander. Also klar, wir haben sehr viele Schnittmengen, aber trotzdem kann sich jeder selbst verwirklichen und hat selber Entscheidungsfähigkeit und Entscheidungskraft. Das ist ganz wichtig. Dadurch funktioniert es, aber wenn drei Alphatiere aufeinander rasseln, dann gibt es am Schluss meistens einen Knall. Das gilt es dann schon auszutarieren. Da muss man schon den richtigen Weg finden, dass am Schluss einer sagt: „Okay, so machen wir es jetzt.“

Johannes: Du sagtest vorhin, Du wolltest eigentlich Meeresbiologe werden. In unserem Vorgespräch sagtest Du, dass Du auf dem Weg in die USA warst, und dann hat Dich Dein Vater zurückgeholt …

Philipp: Ja, genau. Ich war ein halbes Jahr in Amerika. Ich war nach dem Studium einfach für ein halbes Jahr zum Reisen dort, hatte aber auch die Greencard, weil das Ziel schon ein bisschen war, danach noch dort zu arbeiten. Ich war da dann unterwegs und wir waren auf dem Schiff nach Alcatraz. Also, es ist kein Witz. Ich stand auf der Fähre nach Alcatraz, als mein Vater mich verhaftet hat. Er hat mich angerufen: „Hey, Philipp. Pass auf, wir haben hier ein Riesenprojekt. Wir müssen entweder absagen oder wir nehmen es an und müssen dann jemanden einstellen, der sich drum kümmert – oder Du kommst nach Hause. Die Firma lässt den Rest sausen und Du kriegst dann Deine Firma in der Firma.“ Das war tatsächlich auch mit einer der Gründe, warum ich zurückkam, weil er mir sofort gesagt hat: „Du kannst machen, wie Du möchtest. Wir arbeiten das zwar zusammen aus, aber es ist Dein Ding und Du kannst Deine Firma in der Firma gründen.“ Also, das ist tatsächlich eine der Sachen, die mir fehlt. Ich habe studiert. Ich war im Ausland. Ich war in so vielen Unternehmen, habe so viele schon gesehen. Aber mal woanders zu arbeiten, ist das Einzige, was mir fehlt. Aber ich durfte dann hier mein Meisterstück machen, indem ich einfach eine eigene Halle und dann den kompletten Prozess etabliert habe und eine komplette Firma in der Firma aufgebaut habe.

Johannes: Welche Halle war das?

Philipp: Die Montagehalle, wo sich auch der 3D-Druck befindet. Das ist ja mein zweites Steckenpferd, das ich hier reingebracht habe. Die Halle war übrigens mal eine der größeren Diskotheken hier im Umkreis und die wurde komplett saniert. Da ist jetzt die Montage mit 1.000 Quadratmeter drin. Der 3D-Druck ist mein Baby, weil ich den wirklich komplett selber hier etabliert habe.

Johannes: Den gab es vorher gar nicht?

Philipp: Nein, den gab es nicht. Den habe ich hier mit reingebracht. Aber das war übrigens super, weil mein Vater ebenso innovativ ist, und ich habe im Studio mit den 3D-Druckern zum ersten Mal vor 15 Jahren gearbeitet und da habe ich gesagt: „Vater, das ist die Zukunft, das brauchen wir.“ Wir arbeiten ja sehr viel in der Entwicklung mit Kunden, da können wir noch was draus machen. Und ich habe ihn nicht mal groß überreden müssen. Er sagte, das sieht gut aus, das ist da, da geh ich mal hin. Ich war da, glaube ich, gerade ein halbes Jahr im Unternehmen, dann waren wir auf einer Messe, haben die Riesenmaschine gesehen, die wir gekauft hatten und dann ging es los. Also, das ist tatsächlich mein Baby.
Natürlich, die Montage hängt mir immer noch am Herzen, so wie alles andere vom Maschinenbau auch. Aber ich kann mich da nicht mehr voll drum kümmern. Also, wir haben da unsere Leute, die sich in der Montage um alles kümmern. Aber ich habe ja nach der Montage die QS geleitet. Ich bin quasi quer durch, habe dann die ganze Produktionsoptimierung gemacht. Ich habe im Versand unsere Logistikabteilung komplett über den Haufen geschmissen. Also, ich bin wirklich so eine Stufe nach der anderen im Unternehmen durch, bis mir mein Vater vor fünf Jahren einfach alle Kunden hingeschmissen hat und dann habe ich nach und nach alles übernommen und jetzt bin ich so ein bisschen der Puppenspieler. Bei mir laufen die Fäden zusammen und ich organisiere das Ganze im Hintergrund.

Johannes: Wie war das Gefühl, als Dein Vater gesagt hatte: „Jetzt bist Du bereit, die Kunden zu übernehmen“?

Philipp: Also eigentlich habe ich mich gefreut, weil es halt der nächste Schritt war. Also wie gesagt, ich bin von einer Abteilung zur nächsten, hab dann immer die alte weiter betreut, habe die nächste dazu genommen und habe es so hingestellt, wie ich es haben wollte oder habe dann jemanden aufgebaut, der sie in meinem Namen weitergeführt hat und mir nur noch rapportierte und von daher habe ich mich sehr gefreut, denn ich kann mit Leuten. Ich kann Menschen deuten. Ich weiß wie. Ich kann auch verhandeln, funktioniert gar nicht mal so schlecht. Von dem her mache ich das gern. Ich habe da überhaupt keine Probleme. Eigentlich. Aber ich hatte vorher schon den ganzen Kontakt übernommen, deshalb war es nicht so schlimm, aber trotzdem. Wo es dann in die ersten Gesprächsrunden ging, wo ich alleine dort war, das war dann schon erst mal so: „Okay, schauen wir mal.“ Aber man wächst nicht umsonst mit seinen Aufgaben. Also das funktioniert. Hat für mich sehr gut funktioniert und ich merke es auch jedes Jahr, dass ich immer sicherer im Auftreten gegenüber Neukunden, gegenüber Kunden werde. Aber ich habe halt auch echt was Gutes im Rücken stehen. Einerseits klar, mein Vater, auf den ich immer zurückgreifen kann, aber andererseits die Basis des Unternehmens. Die spricht für sich selbst. Wenn man durchläuft und den Leuten zeigt: Das haben wir, das machen wir hier manchmal, das ist unser Weg. Das spricht schon mal ganz viel für sich selbst.

Johannes: Wie lernt man denn eigentlich Verantwortung? Das ist ja das, was Du hier hast.

Philipp: Indem man sie bekommt? Also wenn Du keine Verantwortung bekommst, weil Du immer weißt, die Entscheidung, die Du triffst, wir von jemandem geprüft, der hinter Dir sitzt, dann wird Dir jede Verantwortung entzogen. Verantwortung lernst Du nur, indem Du auch Fehler machen darfst. Also das ist natürlich das Allerwichtigste. Wenn Du von vornherein Angst hast, Fehler zu machen, dann kannst Du nie Verantwortung lernen, weil Du immer Rückfragen triffst oder so. Verantwortung kannst Du nur lernen, wenn Du auch die Erlaubnis hast, den Fehler zu machen.

Johannes: So hast Du einen Fehler gemacht. Bestimmt fällt Dir einer ein, wo Dein Vater Dich vielleicht bewusst irgendwo laufen ließ …

Philipp: Mit Sicherheit gab es einige, aber so einen eklatanten Fehler hat er natürlich irgendwann mal vorher angesprochen. Ja, mit Sicherheit habe ich Fehler gemacht. Ich habe Entscheidungen schon getroffen, die vielleicht auch personaltechnisch nicht die richtigen waren. Also ich kann jetzt nicht zu 100 % sagen, ich habe diesen Fehler gemacht und der hat mich 100.000 € gekostet. Ich glaube, jeder macht täglich irgendwelche Fehler, die Du anders besser hättest regeln können.
Also vielleicht ist mein größter Fehler nicht, dass ich meine Leute nicht wertschätze, das ist es überhaupt nicht, denn für mich ist mein Personal das Wichtigste. Mein Fehler ist eher, dass ich mir momentan so viel aufgebürdet habe, da ich ein neues Unternehmen gegründet habe und da relativ viel mache und gleichzeitig die Weiterentwicklung des Unternehmens betreue, sodass ich meine Leute zu wenig sehe. Also wenn ich so zurückdenke, mein Vater ist früher immer jeden Samstag durchgelaufen, aber auch so unter der Woche. Jeden Tag hat er versucht, sich einmal irgendwo eine halbe Stunde in der Produktion blicken zu lassen, mit den Leuten zu sprechen, das gelingt mir überhaupt nicht mehr. Also mir langt mein Tag einfach nicht und das ist so das Problem. Das würde ich tatsächlich vielleicht als Fehler sehen, weil das größte Gut, das wir haben, sind die Mitarbeiter und die müssen auch entsprechend wertgeschätzt werden. Also ich schätze die Leute absolut, aber die sehen mich zu wenig. Das ist vielleicht so das, wo ich auch selber versuche, dass das wieder mehr wird.

Johannes: Wenn Du Dich in fünf Jahren betrachtest, was machst Du dann anders?

Philipp: Ich glaub‘, so viel würde ich gar nicht anders machen. Ich bin mit dem, was wir tun, wie wir uns entwickeln, eigentlich sehr zufrieden. Die Geschäftsentwicklung selbst ist auch sehr positiv. Das Einzige ist das, was ich gerade gesagt habe. Ich versuche wieder mehr an die Basis zu kommen, mehr mit den Leuten zu sprechen, dass die mich mehr sehen, dass mehr Verbindung da ist. Das ist das Einzige, was ich für mich selbst anders machen würde. Wie gesagt, alles andere läuft eigentlich sehr gut. Natürlich kann man sich immer weiterentwickeln und ich habe auch das Ziel, mich weiterzuentwickeln. Aber ob ich jetzt großartig was anders machen werde, das kann ich Dir nicht sagen. Ich bin eigentlich sehr zufrieden mit dem, wie wir uns gerade entwickeln und was gerade alles passiert.

Johannes: Was war der beste Ratschlag, den Du je bekommen hast?

Philipp: Ich kann Dir einen Ratschlag nennen, den mir mal jemand gesagt hat, der mir tatsächlich auch immer wieder in den Kopf kommt. Warum auch immer. Da war ich ganz frisch im Unternehmen. Da haben wir über Manager geredet und er hat mir dann auch erklärt, wie man tatsächlich richtig führt. Er hat mir halt erklärt, dass man nicht nur Druck ausübt, sondern dass es darum geht, den Leuten wieder Verantwortung zu geben – und dass ein guter Manager nicht der mit dem teuersten Anzug und der teuersten Uhr ist, sondern der, der seine Leute so im Griff hat, dass sie für ihn arbeiten wollen, mit ihm zusammenarbeiten und dass er quasi nur noch am Schluss die Strippen zieht oder halt das Controlling macht. Aber alle anderen tun das in seinem Interesse, was er tun soll. Das muss man lernen. Da muss man hinarbeiten, dass das funktioniert. Also das ist tatsächlich auch mein großes Ziel. Ich will nicht sagen, dass ich nichts mehr arbeiten will. Das ist natürlich falsch. Aber dass ich mich auf unsere Säulen, die wir aufgebaut haben, so verlassen kann, dass ich theoretisch nichts mehr machen müsste.
Das war tatsächlich so ein Ratschlag, den ich beherzigen will, denn darum geht es. Es geht darum, dass Du Mitarbeiter, dass Du Säulen hast, auf die Du Dich verlassen kannst, die für Dich in Deinem Namen so agieren, dass Du weißt, Du musst dem nicht hinterherrennen, denn als Geschäftsführer oder Inhaber kannst Du nicht alles selber machen, das musst Du lernen. Du musst lernen, loszulassen. Wenn Du das nicht schaffst, dann bist Du jeden Tag 24/7 im Betrieb und das funktioniert nicht. Das ist tatsächlich eine der wichtigsten Sachen. Ein Ratschlag von meinem Vater war immer, die Sachen nicht mit nach Hause zu nehmen. Das ist ganz wichtig. Das ist tatsächlich ein unglaublich wichtiger Ratschlag. Ich muss sagen, er funktioniert nur bedingt. Meine Frau kommt überhaupt nicht aus der Branche. Ich erzähle ihr Sachen, die mich dann persönlich belasten, da reden wir übers Geschäft. Aber ansonsten ist daheim das Geschäft relativ tabu. Natürlich, wenn man dann mal fünf Minuten hat, verarbeitet man Sachen am Tag noch mal selber. Ich habe beim Duschen ganz oft Ideen, was ich als Nächstes noch umsetzen will, wo da noch ein Projekt ist, oder hier ist noch was und dann schreibe ich mir kurz eine Mail, was ich mir wünsche. Es ist ja nicht vergessen.

Johannes: Hast Du einen Helden der Wirklichkeit? Außer Godzilla und King Kong?

Philipp: Wenn ich jetzt mein Vater sage, dann ist es sehr platt. Aber tatsächlich schaue ich schon sehr an ihm hoch. Wenn man überlegt, er hat im Hühnerstall angefangen. Also die Geschichte meines Vaters ist schon eine sehr krasse. Mein Opa ist gestorben, als mein Vater sechs Jahre alt war und er war dann der in ganz frühen Jahren Herr im Haus und hat sich hochgearbeitet, hat dann 4.000 Mark von seiner Oma geliehen, um eine kaputte Drehmaschine zu kaufen, die er repariert hat und seine ersten Aufträge bekommen hat. Er hat hier einen Millionen-Laden draus gemacht. Also ich muss nicht weit gehen. Wenn ich an jemandem hochschaue, dann ist das mein Vater, muss man schon ganz klar sagen. Einfach auch seine Art wie er denkt, dieses nach vorne und allen anderen einen Schritt voraus sein wollen. Das finde ich schon sehr beeindruckend.

Johannes: Was ich in unserem Vorgespräch auch spannend fand, dass der erste Kunde Deines Vaters jetzt noch einer der größten Kunden ist.

Philipp: Ja, vor 42 Jahren hat er angefangen und der erste Kunde ist immer noch da und jetzt der zweitgrößte in unserem Unternehmen. Er war zwischenzeitlich auch auf Nummer Eins. Klar, am Anfang sowieso, aber auch später. Dann haben wir mit denen auch deutlich mehr gemacht. Wir haben aber, wenn es um Kunden geht, eine sehr geringe Fluktuation.
Das spricht tatsächlich für alles, was in unserem Unternehmen in den letzten 42 Jahren passiert ist. Wir sind zwischenzeitlich sehr schnell, aber trotzdem kontrolliert gewachsen. Wir haben nicht einfach mal irgendwo ganz viele Hallen gekauft und etliche Maschinen reingestellt, sondern wir haben immer geschaut, dass wir in einem Maß wachsen, dass die Leute bei uns bleiben und die Qualität, die Lieferperformance, die Menschlichkeit bestehen bleiben. Ich finde nach wie vor, dass extrem wichtig ist, dass das alles auf einem Level bleibt, das extrem hoch ist. Natürlich, wir sind nicht die billigsten. Ganz bestimmt nicht. Es gibt mit Sicherheit einige Firmen, wo man ähnliche Teile günstiger bekommt. Aber nicht mit der Performance und nicht mit diesem Wohlfühlpaket, sage ich jetzt mal, weil wir eben alles machen. Also wir machen nicht nur hier ein Teil fertig, sondern wir betreuen den Kunden von der Entwicklung bis hin zur fertigen Baugruppe inklusive Endabnahme, alles Drum und Dran. Das ist der Grund, warum Kunden bei uns bleiben und auch dann bereit sind, ein paar Euro mehr zu bezahlen, weil sie einfach wissen, die Qualität passt und der Entwicklungscharakter ist da und wir sind auch übermorgen noch da und auch in fünf Jahren und vielleicht noch viel länger, weil einfach die Basis stimmt und die Art, wie wir gewachsen sind. Wir sind nicht wie Popcorn, das einfach aufpoppt und dann irgendwann matschig wird, sondern wir haben ein Fundament und das ist gut.

Johannes: Was bedeutet für Dich Risiko?

Philipp: Das, was ich mit dem neuen Unternehmen gemacht habe. Ein Risiko ist eine Investition. Du weißt nicht, ob es funktioniert. Wir haben jetzt, wie gesagt, eine neue Gesellschaft gegründet. Es ist eine AG. Im Endeffekt geht es da um Venture Capital, was ja Risikoinvestments sind. Wir planen hier gerade einen Neubau mit einem dreistöckigen Bürogebäude, wo wir unter anderem die 3D-Druck-Technologie sehr stark ausbauen werden und zusätzlich auch Start-ups zu unserem Standort ziehen wollen. Das ist ein sehr großes Risiko, was wir da machen, weil es keine Investition von ein paar Euro ist, sondern wir werden hier ein Millionen-Projekt hinstellen und zusätzlich bauen wir nochmal eine neue Montagehalle mit 3.500 Quadratmetern Montagefläche, um eben den Start-ups den Platz zu bieten, dass die sich mit uns zusammen weiterentwickeln können. Das ist Risiko, denn das weiß keiner, ob es so funktioniert. Aber ich bin sehr überzeugt davon, dass dieses ganze Konsortium, das wir hier aufgebaut haben, mit den Partnern sehr gut funktioniert. Aber klar, wenn ich mehrere Millionen investiere, ist das mit Risiko behaftet.

Johannes: Hast Du Angst?

Philipp: Nö. Ich habe einfach Lust. Ich weiß schon, dass es funktionieren wird. Sonst würde ich es nicht tun. Angst habe ich keine. Ich freue mich drauf.

Johannes: Und dass Du den Standort hier gewählt hast, liegt daran, weil es einfach sehr nah bei Dir ist?

Philipp: Ja, uns gehört das Grundstück. Wir können da den Start-ups eine Plattform schaffen, mit unserem GOA und den Investoren, von denen wir Gelder einsammeln. Wir bieten Rückhalt und wir bieten natürlich auch dem Start-up die Plattform. Wenn Kunden kommen, können sie durch ein Unternehmen laufen und auch was zeigen. Also es macht absolut Sinn, dass die hier bei mir am Standort sind. Klar, wir sitzen jetzt nicht in einer Metropole wie München oder sonst was, aber dieser Campus, der hier entsteht, der ist wiederum so interessant, dass es gerade egal ist. Außerdem sind wir in Reichweite von Karlsruhe. Das ist gerade mal 18 Kilometer weg. Deshalb habe ich den Standort hier absolut bewusst gewählt.

Johannes: Du sagtest vorhin GOA. Was bedeutet das?

Philipp: Es hat nichts mit der Musik zu tun, sondern es kommt daher, dass wir als Familie Götz gegründet haben. A steht für Anderer, das ist der Bertram Anderer, der ist quasi der zweite Partner in dem Ganzen. Es ist einmal die Götz-Familie plus der Herr Anderer und wir haben das zusammen gegründet. So ist der Name GOA entstanden.

Johannes: Kommt Herr Anderer hier auch aus der Gegend?

Philipp: Er kommt ursprünglich aus Au, lebt aber in Karlsruhe. Aber er ist auch von hier.

Johannes: Ihr habt den Campus auch mit dem Ziel gegründet, Deine eigenen Aktivitäten im 3D-Druck voranzubringen, oder?

Philipp: Ja, einerseits den 3D-Druck, aber andererseits natürlich auch den Maschinenbau. Also dieses ganze Konsortium oder dieses Ökosystem, dass sich da entwickeln wird, ist ja für alle positiv. Einerseits wird das neue Unternehmen wachsen, andererseits wird der Maschinenbau mitwachsen. Ich habe es vorhin mal erwähnt, wir haben ein eigenes Produkt entwickelt, habe zwei weitere gerade in Planung. Die werden wiederum ausgegründet und anteilig in das neue Unternehmen fließen, wo wir dann unsere Start-ups betreuen. Das Ganze soll natürlich zusammenwachsen. Ich will jetzt nicht den Fokus auf eins legen, sondern ich möchte, dass die beiden Unternehmen zusammenwachsen und gedeihen. Aber natürlich hängt mein Herz im Maschinenbau. Aber auf das Neue habe ich richtig Bock. Das macht mir Spaß, das noch zusätzlich hochzuziehen. Da sind wir auch nicht allein. Wie gesagt, ich habe den Bertram noch dabei und dann noch ein paar andere, mit denen wir das Ganze aufbauen und was natürlich auch noch so ein kleines Zuckerle ist: Wir haben das Steinbeis Institut, das hier mit an den Standort kommt. Also die gehören dann auch zu unserem Ökosystem. Die werden dann wiederum noch mehr Rückhalt schaffen. Einerseits helfen sie uns, die Start-ups zu betreuen, andererseits können sie die Start-ups eben anders weiterentwickeln, weil sie auch ein anderes Netzwerk haben, und dann geht es um Fördergelder usw.

Johannes: Was ich spannend finde: Ihr seid ja an sich mit dem, was Ihr tut, als Dienstleister nicht sichtbar. Ihr habt kein Produkt, wie etwa ein Auto, das auf der Straße fährt oder eine Kamera oder ein Handy, das man in die Hand nimmt. Ihr seid eher das Unternehmen dahinter, zu einem Anteil meistens. Wie schaffst Du es, dass Du Produkte platzierst, die aus Eurem Haus kommen, aber die dann auch eine Außenwirksamkeit benötigen? Ich will gar nicht zu viel fragen, ist wahrscheinlich noch alles in den Kinderschuhen.

Philipp: Ja, es ist alles relativ neu. Das stimmt schon. Aber das war eine der Sachen, die ich zu meinem Vater immer gesagt habe: Wir haben hier im Endeffekt einen Rohdiamanten, der noch geschliffen werden muss. Das einzige Ding, was uns fehlt, ist ein eigenes Produkt. Wir haben alle eine Entwicklung, wir haben Serienproduktion, wir haben Teile, Technologien, wir haben alles, wir haben nur kein eigenes Produkt. Ich habe in meiner Schublade da hinter mir noch zwei andere Entwürfe liegen. Es kommt noch ein bisschen was, aber ich habe es jetzt endlich geschafft. Das erste eigene Produkt ist auf dem Markt. Es läuft. Das ist jetzt natürlich was für den 3D-Druck. Das spricht jetzt nicht jeden an, der wahrscheinlich auch uns jetzt hier sprechen hört. Aber trotzdem, wir haben jetzt das erste Ding. Der erste Wurf für ein eigenes Produkt ist gemacht und jetzt geht es weiter und jetzt kommt dieser Ball langsam ins Rollen.

Johannes: Bist Du emotional oder bist Du mehr der Kopfmensch?

Philipp: Schwer zu sagen. Ich bin nach außen hin … Wahrscheinlich werden mich die Leute nicht als sehr emotional darstellen. Es kommt darauf an, welche Emotionen.

Johannes: Die Trick-Shot-Emotion ist echt?

Philipp: Genau. Also ich sage mal Freude. Freude kann ich sehr gut zeigen. Ich bin auch ein Mensch, der gerne lacht und sehr fröhlich ist und es auch nach außen tragen möchte. Das ist auch tatsächlich der Führungsstil, den ich hier forciere. Ich bin keiner, der mit aller Gewalt irgendwas durchhämmert oder die Leute anbrüllt. Das mag ich nicht, das will ich nicht. Mir geht es um positiv verstärkte Emotionen, um die dann zu vermitteln und auch so die Leute zu motivieren. Das ist eher so das Ding, was ich mag, und ich bevorzuge nicht dieses Hau-drauf oder so. Aber ich werde sicher nicht draußen stehen. Nur weil ich einen Film sehe, da brauch ich nicht anfangen zu heulen, ich bin nicht emotional.

Johannes: Kannst Du weinen?

Philipp: Schwierig. Ja, natürlich kann ich weinen. Also ich glaube, jeder Mensch kann weinen. Wenn man gar nicht weinen kann oder sich seine Gefühle nicht selbst nicht zeigen kann, hat man ein ganz anderes Problem, weil dann frisst man sich von innen auf. Aber ich glaube, mich haben noch nicht so viele Menschen weinen sehen.

Johannes: Habt Ihr eine Duzkultur oder siezt Ihr?

Philipp: Eigentlich eine Duzkultur. Also ich glaube hier im Unternehmen gibt es keinen, der lange per Sie mit mir war. Es gab eine, die mich eine Weile gesiezt hat, bis ich irgendwann gesagt hab: „Du kannst mich ruhig duzen, ich habe damit kein Problem.“ Aber auf der anderen Seite ist es natürlich immer das Thema „Du Arschloch ist schneller gesagt als Sie Arschloch“. Das ist schon so, aber trotzdem. Ich mag es, wenn man intern eine Basis hat. Wir haben vorhin mal gesagt, man ist mehr im Geschäft als zu Hause. Und wenn ich dann auch noch die Leute siezen muss, dann macht es keinen Spaß. Es muss natürlich auch in die Richtung Spaß gehen. Mein Vater wird von mehreren Leuten gesiezt, das muss man ganz klar sagen, aber in der Regel mache ich es so, dass ich relativ kurz nach der Einstellung den Leuten sage, dass sie mich duzen dürfen. Also das kommt wirklich drauf an, aber eben normalerweise.

Johannes: Ich fand es so schön, wie ich vorhin ankam. Da habe ich gesagt: „Ja, ich habe einen Termin mit dem Phillipp“ und dann hat er gleich angefangen zu telefonieren und hat geguckt, wo Du bist. Ja, ich rufe den Philipp an. Und da war gleich so eine coole Atmosphäre irgendwie. Also nicht den Herrn, sondern ich rufe den Philipp kurz an. Es war auf jeden Fall eine direkte und persönliche Art und das mag ich auch total.

Philipp: Ja, es ist eine andere Arbeit, eine andere Ebene, auf der man dann arbeitet und es ist ein bisschen entspannter. Trotzdem ist es ganz wichtig, in einer Duzkultur die Autorität zu bewahren. Das muss halt trotzdem ganz klar sein. Das ist wichtig, weil, wie gesagt, dieser Satz, den ich eben gesagt habe, da steckt schon ein großes Stück Wahrheit drin. Es wird sehr schnell flapsig oder so und wir haben ja auch hier aus dem Umkreis viele Leute. Also ich habe mit einigen zusammen Fußball gespielt oder auch zum Teil gegen die schon Fußball gespielt und da wurde ich auch schon ein paarmal darauf angesprochen, dass die Leute hier im Unternehmen von mir anders behandelt werden als privat, was aber nicht negativ von denen gesehen wurde, sondern sehr professionell. Aber trotzdem ist dieser Schritt schwierig, dass der eingehalten wird, wenn Du Montagabend ein Bier mit jemandem trinkst, nachdem Du mit ihm gekickt hast und noch irgendwelchen Quatsch erzählst. Hier musst Du dann wieder auf den Punkt sein. Vor allem muss dann schon klar sein, das ist mein Chef. Auf der anderen Seite mag ich es, wenn man auf Augenhöhe diskutiert. Ich mag nicht diese extrem spitze Pyramide. Ich sitze oben, alle anderen kriegen von mir nur auf den Deckel. Das ist eh nicht unsers. Das ist schwierig. Da muss man schon schauen und da muss man Grenzen abstecken. Aber ja, die Du-Kultur ist schon etabliert bei uns.

Johannes: Vielen Dank für Deine Zeit und für die unfassbar vielen Inhalte.

Philipp: Ja, sehr gerne. Ich danke Dir noch. Es hat Spaß gemacht, war sehr cool.

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