Hidden Champions

Pia Meier

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Lesezeit ca. 14 Minuten

Es läuft nie nach Plan – zum Glück

Personalleiterin Pia Meier: „Persönlichkeitsentwicklung ist der Schlüssel meines Erfolgs.“

Heute ist The Hidden Champion zu Gast bei Pia Meier. Die gelernte Arzthelferin ist heute als Personalleiterin der Seidel GmbH & Co. KG für 700 Menschen verantwortlich. Dabei hat sie sich diese Aufgabe zunächst gar nicht zugetraut. Dass sie es eines Tages einmal für den gesamten Bereich #humanressources bei einem mittelständischen Unternehmen verantwortlich sein würde, hätte Pia Meier selbst nicht gedacht. Aber sie hätte auch nie geglaubt, dass sie einmal Baggerfahrerin, Sekretärin und Assistentin der Geschäftsführung werden würde. Aber sie war alles das. Wie es dazu kam, hat sie uns im Interview verraten. Außerdem sprechen wir darüber, warum sie nicht gern Pläne macht.

Über ihren Führungsstil sagt Pia Meier, dass er Ihr Ziel ist es aus Mitarbeitern Mitunternehmer zu machen, denn für sie ist klar: „Wenn Menschen nicht motiviert sind, nutzen wir ihr Potenzial nicht.“ Doch was ist das Geheimnis effektiver #Mitarbeitermotivation? Pia Meier setzt auf einen Stil der #Personalführung, den sie selbst als „liebevoll-konsequent“ bezeichnet. Darunter versteht sie eine offene Kommunikationskultur, in der so lange Rücksprache gehalten wird, bis alle alles verstanden haben. Denn sie ist überzeugt: Nur wenn die Mitarbeiter verstehen, warum sie etwas tun, können sie das Unternehmen erfolgreich machen. Aber auch klare Ansagen an schwierige Mitarbeiter, deren Verhalten die übrige Belegschaft belastet. Trotz ihrer konsequenten Einstellung war es die Belegschaft, die gesagt hat: „Wir wollen, dass Frau Meier neue Personalleiterin wird!“ Denn eines ist Pia Meier immer schon wichtig: „Auf mein Wort kann man ein Haus bauen – aufs gute wie aufs schlechte.“

Interview mit Pia Meier

Johannes: Herzlich willkommen zurück bei The Hidden Champion. Heute ist Pia Maier bei mir. Pia Maier ist gelernte Arzthelferin und ist heute in der Geschäftsleitung eines mittelständischen Unternehmens namens Seidel GmbH Co. KG in der Nähe von Marburg, mit – und jetzt haltet euch fest – 700 Mitarbeitern. Wie sie das geschafft hat, das erzählt sie uns heute. Wenn Du nichts dagegen hast, fangen wir gleich an: Was war der beste Rat, den Du je bekommen hast?

Pia: Never judge a book by it’s cover, was so viel heißt wie: Nimm Dir die Zeit, tief in das Buch einzusteigen, bevor Du entscheidest, ob es gut ist. So ist es auch mit Menschen.

Johannes: Was war Deine wichtigste Entscheidung?

Pia: Persönlichkeitsentwicklung zu machen.

Johannes: Ab wann?

Pia: Vor circa zehn Jahren.

Johannes: Okay. Was war Dein größter Fehler?

Pia: Dass ich das nicht früher gemacht habe, um damals, als ich meine Kinder großgezogen habe, das anzuwenden, was ich heute bei Mitarbeitern anwende, nämlich stärken orientiertes Führen. Dass ich dieses Know-how nicht schon früher hatte, um das in die Kindererziehung einfließen zu lassen. Die sind aber trotzdem cool geworden.

Johannes: Cool. Was macht für Dich ein Hidden Champion aus?

Pia: Wenn er was bewirkt, wenn er hinter den Kulissen, ohne großes Aufsehen, Dinge entscheidet, die Menschen guttun und wenn dann der Fokus darauf liegt, gute Ergebnisse zu erzielen, wird er das schaffen, weil er den Fokus auf die Menschen hat.

Johannes: Wie bist Du der Mensch geworden, der Du heute bist?

Pia: Gute Frage. Sicherlich durch all die Dinge, die ich als Kind erlebt habe. Da waren ein paar sehr unschöne Dinge dabei, dann aber auch durch das Aufarbeiten. da habe ich gelernt, dass Enttäuschung von Erwartungen kommt; also warum hatte ich eigentlich die Erwartung, irgendwas von irgendwem zu bekommen, um dann enttäuscht zu sein, dass ich es nicht bekomme? Außerdem dieses Bewusstsein durch Persönlichkeitsentwicklung erlangt zu haben und einfach dankbarer zu sein für das, was ich habe und nicht traurig darüber zu sein, dass ich Dinge nicht getan habe. Also Persönlichkeitsentwicklung ist Schlüssel meines Erfolgs. Dadurch bin ich zu dem geworden, der ich heute bin.

Johannes: Lief danach alles nach Plan?

Pia: Es läuft, Gott sei Dank, ja nie nach Plan. Leben ist das, was passiert, wenn du eifrig Pläne machst. Es lief nicht nach Plan, sonst wäre ich heute nicht, wo ich bin. Dann wäre ich vielleicht heute Erste Arzthelferin in einer großen Arztpraxis und wäre vielleicht von zehn Arzthelferinnen die Ober-Arzthelferin oder so. Gott sei Dank ist das nicht so. Und ich bin einfach als Quereinsteiger einen Weg gegangen.

Johannes: Wie hast Du das geschafft? Was hast Du gemacht von der Ausbildung zu einer Arzthelferin bis zu der Stellung, die Du heute hast?

Pia: Also ich bin vom Arzthelferin sein in den Erziehungsurlaub, also Mutter geworden und nach dem Erziehungsurlaub, der ziemlich genau fünf Jahre ging, bin ich wieder in die Arztpraxis zurückgegangen, um dann den ehemaligen Chef meines Vaters zu treffen. Der war Inhaber verschiedener Sandgruben und Inhaber von Schneider Steine war – ein großes Unternehmen in der Region, in der ich aufgewachsen bin. Er hat mir eine Stelle auf der Sandgrube angeboten, die habe ich gerne angenommen habe. Dann habe ich gelernt, Radlader zu fahren, hab LKW mit Sand, Kies und Schotter beladen, was am Anfang sicherlich belächelt wurde, aber anschließend dann sehr gerne angenommen wurde. Also die Fahrer wollten anschließend nur noch von mir beladen werden. Doch dann hat er seine Sandgruben und alles verkauft. Sein damaliger Personalchef, der früher mal Polizeichef in Gießen war, hat zu mir gesagt: „Mensch Pia, machen Sie noch mal eine weitere Ausbildung. Wir werden jetzt hier alles verkaufen und ich denke, für Sie wäre es gut, wenn Sie noch eine Stufe höher gehen. Machen Sie noch irgendwas aus sich.“ Ich habe mich dann in der kaufmännischen Berufsschule in Bad Nauheim angemeldet und habe dann eine Fortbildung gemacht, für Fremdsprachen, Englisch, Französisch und Spanisch. Nach dieser Ausbildung habe ich mich auf diverse Stellen beworben, unter anderem bei Seidel Assistentin oder Sekretärin der Geschäftsleitung. War damals für mich eine mega hohe… Sekretärin der Geschäftsleitung, in so einem Unternehmen. Also ich meine: Ob das, was ich kann, dafür reicht? Für mich, die mal Arzthelferin war, jetzt eine kleine Fortbildung gemacht hat, die irgendwie so zwei ganze Jahre gedauert hat. Dann gehe ich zum Vorstellungsgespräch und dann kommt der größte Mentor meines Lebens in den Raum Dr. Ritzenhoff. Stellt sich kurz vor, fragt, wer ich bin, was ich früher so gemacht habe, sag ich sage Ich bin Arzthelferin. Er sagt: „Das trifft sich gut, ich bin, ich bin Arzt. Da hole ich mir doch meine Arzthelferin ins Unternehmen.“ Also mein Chef ist gelernter Mediziner, der dann das Unternehmen seines Vaters übernommen hat und lernt mich beim Vorstellungsgespräch kennen und sagt: „Arzthelferin, cool, ich bin Arzt. Ich glaub, das passt.“ Und das war so, das passte einfach. Weißt Du, manchmal ist es so und das war dann irgendwie schnell entschieden. Also ich habe dann da angefangen. Nach kurzer Zeit wurde ich Assistentin der Geschäftsführung. Das war ich dann sechs Jahre lang. So ging irgendwie mein Weg.

Johannes: Und heute bist Du in der Geschäftsleitung…

Pia: Heut bin ich in der Geschäftsleitung.

Johannes: Ein Wahnsinns-Weg und ja auch nicht lange. Also 10 Jahre von der Arzthelferin zur Baggerfahrerin, Fremdsprachen-Sekretärin in die Geschäftsleitung. Aber das wusstest Du ja vorher nicht, wohin das führt.

Pia: Nein, das waren auch nicht meine Ambitionen. Also meine Ambition war nicht, ich gehe jetzt mal zu Seidel und werde Sekretär in der Geschäftsführung, um dann irgendwann mal in der Geschäftsführung zu sein. Das wäre ja auch irgendwie vermessen gewesen.

Johannes: Ja, das ist auch eine nicht vorstellbare Möglichkeit. Also man stellt sich ja nicht vor, ich gehe über so viel Umwege..

Pia: Die hätten mir den Vogel gezeigt, wenn ich im Vorstellungsgespräch gesagt hätte: „Was wollen Sie denn mal werden?“ – „Geschäftsführer!“

Johannes: Aber so superspannend. Bist Du darauf stolz?

Pia: Ja, wie Oskar. Ich freue mich natürlich sehr. „Stolz“ ist vielleicht so der der falsche Ausdruck. Ich bin unglaublich dankbar, dass es da jemanden gab, der nicht drauf geguckt hat, was mir eine Universität bescheinigt, sondern dass jemand da war, der geguckt hat, was ich wirklich kann und der sehr schnell gemerkt hat, da steckt mehr drin als Sekretärin oder Assistentin zu sein. Die kann was, die öffnet Menschen, Menschen vertrauen sich ihr an und der irgendwie gedacht hat, die kann mehr als das. Ich bin einfach dankbar, dass ich zur richtigen Zeit den richtigen Menschen getroffen habe, der einfach geguckt hat, wer ich wirklich bin und meine Stärken liegen und wo meine Stärken liegen.

Johannes: Das ist Dr. Ritzenhoff…

Pia: Das ist Dr. Ritzenhoff.

Johannes: Also ein Mentor? Wie lange hat es gedauert, dass er gesehen hat, dass Du mehr Potential hast?

Pia: Das müssten wir jetzt ihn fragen, aber ich glaube, er hat es schnell gesehen. Er hat sehr schnell ganz viele Dinge mit mir geteilt. Auch Dinge, die die Geschäftsführer untereinander besprechen. Er hat mich um Rat gefragt und wir haben uns ausgetauscht und ihm war meine Meinung wichtig und das ging irgendwie schnell. Also nach zwei Jahren oder so oder vielleicht noch schneller. Das war echt rasant. Unser Herz schlug im Gleichklang. Wir haben uns angeguckt und wir hatten irgendwie die gleiche Meinung zu Aussagen, die gleiche Meinung zu irgendwelchen Dingen. Es ist weniger Stolz, es ist Dankbarkeit. Ein bisschen stolz bin ich aber auch.

Johannes: Wie hat er Dich gefördert?

Pia: Indem er mir immer wieder Aufgaben gegeben hat, die mir mehr Verantwortung gegeben haben. Ich wurde dann Leiterin des Marketings, da habe dann das erste Mal Führungsverantwortung übernommen. Ich habe sukzessive einfach mehr Verantwortung übernommen. Ich wurde dann Prokurist, also durfte ich Dinge selbst entscheiden. Als der Personalchef kündigte, hat man mich gefragt, ob ich vielleicht die Personalleitung übernehmen möchte. Ich habe dann gesagt: „Oh nein, der Schuh ist mir zu groß. Ich bin kein Jurist, kenne mich nicht mit Arbeitsrecht aus und so weiter. Dann hat mein Chef gesagt: „Okay, wenn Sie dann vielleicht mit dem Betriebsrat reden würden und Sie bringen mir die Themen, die entschieden werden müssen und dann kommen sie zu mir, dann entscheiden wir die und die können Sie dann wieder zum Betriebsrat bringen.“ Ich hatte einen Riesenbammel davor. Was kommen denn da für Fragen? Bin ich dem überhaupt gewachsen? Als der Betriebsrat dann zu mir kam und mir diverse Fragen gestellt hat, habe ich mich gefragt: „Hieß das jetzt das?“ – „Also wir haben einen Kollegen, der hatte irgendwie ein Problem und dem fehlen jetzt die Arbeitsschuhe, der bräuchte noch ein zweites Paar Schuhe. Ja und also können wir die anschaffen?“ Das ist jetzt ein blödes Beispiel, aber es waren für mich so Themen, wo ich dachte: „Muss man darüber wirklich reden?“ Die Dinge sind abgearbeitet und sie sind entschieden worden und das gefiel dem Betriebsrat. Nach drei Monaten hat der Betriebsrat zum Dr. Ritzenhoff gesagt: „Die Belegschaft möchte, dass die Frau Meier unsere neue Personalleiterin wird.“ Cool und irgendwie hatte ich dann auch das Gefühl, man wirft sich vor zu vielen Dingen in den Schlamm und man macht sich wahrscheinlich manchmal zu klein. Als ich dann Personalleiterin wurde, wuchs ich natürlich mit meiner Aufgabe. Anfangs war ich auch unsicher, ich kannte mich im Arbeitsrecht unheimlich schlecht aus, aber ich habe mich damit beschäftigt und ich habe in den Fällen gelernt. Was ich einmal gelernt hatte, das konnte ich das nächste Mal anwenden. Also irgendwie learning by doing, so wie man auch Sprachen lernt. Das klappte dann immer besser und immer besser. Mene Aufgabe war es nicht, irgendwelche Arbeitsverträge abzuarbeiten. Ich dachte, das kann ein Anwalt viel besser. Also rufe ich lieber einen Anwalt an, der macht es für uns. Ich fand, eine richtig gute Personalarbeit machst Du da, wo sie hingehört, nämlich beim Personal. Bei den Talenten, die irgendwo schlummern, die Du versuchen musst zu erkennen und zu fördern. Wenn du feststellst, dass sie an falschen Stellen sitzen, dann versuchen wir es einfach an einer anderen Stelle. So wurde das irgendwie immer besser und besser und besser. Als ich die Personalführung übernommen habe, war der Krankenstand bei über 10 Prozent. Das ist viel, sehr viel. Das ist einfach verschwendetes Geld, das sofort im Gewinn landet, wenn Du es nicht hast. Wir haben heute einen Krankenstand zwischen 2,5 und 3 Prozent.

Johannes: Bei 700 Mitarbeitern…

Pia: Sich um die zu kümmern, für die Du zuständig bist und das nicht vom Büro aus, sondern live und in Farbe anfassbar Mitarbeiter zu Mitwissern machen, denn wenn sie Mitwisser sind, dann können sie Mitunternehmer werden. Wenn sie Mitunternehmer sind, können sie das Unternehmen zum Erfolg bringen, ohne dass sie es Kraft kostet, weil sie Dinge einfach wissen. Wenn sie wissen, wie viel die Teile wert sind, die jetzt weggeworfen werden müssen, achten sie vielleicht darauf, sie nicht wegzuwerfen oder so eine Qualität herzustellen, dass man sie nicht wegwerfen muss. Wenn Mitarbeiter wissen, was es kostet, krank zu sein oder, sagen wir mal, nicht krank zu sein, sondern krank zu machen. Man träumt davon, dass nur die Mitarbeiter fehlen, die wirklich krank sind und nicht die Mitarbeiter, die krank machen. Es ist ein riesengroßer Unterschied, denn wir haben eine soziale Verantwortung für die, die wirklich krank sind. Diesen Mitarbeitern Schicken wir Blumen und wir kümmern uns um sie. Aber denen, die immer wieder krank machen, den muss man doch irgendwann die rote Karte zeigen. Das ist auch Deine Verantwortung denen gegenüber, die es eben nicht tun. Das ist eine Mission und eine Vision, die niemals endet, an der Du permanent arbeiten musst. Wenn Du aufhörst, daran zu arbeiten, wird es schlechter. Aber wenn Du permanent daran arbeitest, wird alles besser. Zum Beispiel die Mitarbeiterzufriedenheit: Wir haben gerade eine aktuelle Umfrage gemacht. Ich wollte gerne eine 2,0 haben. Es wurde eine 1,8. Hier weißt Du, Mitarbeiter sind zufrieden, wenn sie wissen, für was sie das tun, was sie tun. Wenn sie einen Sinn in dem erkennen, was sie tun, wenn Du sie mitnimmst auf Deine Reise, wenn Du ihnen Dinge erzählst, was kostet es, auf dem Lager Ware liegen zu haben? Wie viel hast Du auf dem Lager liegen? Was bedeutet es überhaupt betriebswirtschaftlich? Es gibt eine Menge ungenutztes Potenzial. Wenn Menschen nicht motiviert sind, nutzen wir ihr Potenzial nicht und wir müssen aufhören, sie zu demotivieren. Weil motiviert ist jeder selber, wenn er morgens aufsteht. Wir müssen aufhören, sie zu demotivieren. Das ist aber eine Herkulesaufgabe. Die ist nicht leicht. Personalarbeit beim Personal zu machen, in der Fabrik, bei den Menschen, bedeutet auch, so wenig wie möglich Zeit am Schreibtisch zu verbringen. Also habe ich gedacht, ich schaffe den Schreibtisch ab. Es gibt andere, die können ihn gut gebrauchen. Ich nehme jetzt meinen Laptop und nehme bei den Mitarbeitern Platz.

Johannes: Du kriegst auch viel mehr mit. Wahrscheinlich alles…

Pia: Aber nicht nur ich, auch die anderen bekommen Dinge von mir mit. Also ich bin nicht jemand, der auf dem Schimmel durch die Produktion reitet, sondern ich bin einfach anfassbar und da.

Johannes: Ich habe von einer Spedition gehört, wo der Mann, der Eigentümer, gestorben ist. Die Frau muss das übernehmen und dann hat sie gesagt, dass sie einfach jeden Tag bei einem anderen LKW-Fahrer mitfährt. Der soll sie dahin bringen, wo seine Reise hingeht und wieder mit zurück. Dadurch hat sie so viel mitbekommen aus diesem Unternehmen, dass sie genau wusste, welche Stellschrauben sie verändern muss? Wie führst Du Deine Mitarbeiter?

Pia: Liebevoll-konsequent, mit Herz und Verstand, stärkenorientiert.

Johannes: Was sagen denn Deine Mitarbeiter über Dich?

Pia: Dass man auf mein Wort ein Haus bauen kann, auf das Positive und das Negative. Soll heißen: Wenn ich ihnen was verspreche, halte ich es ein. Wenn ich ihnen verspreche, dass sie für Ihre Leistungen einen Bonus bekommen, bekommen sie für Ihre Leistung einen Bonus. Aber wenn ich ihnen sage: „Wenn Sie noch mal bei mir sitzen, aus dem gleichen Grund, dann verlassen Sie das Unternehmen“, dann halte ich das auch ein. Also liebevoll-konsequent, natürliche Härte.

Johannes: Was heißt denn für Dich richtig kommunizieren?

Pia: Richtige, gute Kommunikation bedeutet für mich, dass das, was Du sagen willst, beim anderen auch genauso ankommt. Das ist nämlich ein großes Problem in unserer Gesellschaft. Jemand sagt was und der andere versteht, was er verstehen will und nicht das, was ich gesagt habe. Das machen wir gerne mit Texten, wenn wir uns schreiben. Aber wir machen es auch gerne, wenn wir miteinander reden, weil das, was ich sagen will, oft beim anderen so ankommt, wie er es jetzt verstanden hat. Wir gucken nicht, ob der andere auch ein Bild hat, was ich gerade sagen will. Wenn wir gut kommunizieren würden, dann würden Arbeitsabläufe… Ich sage Dir: Es arbeiten so viele Menschen für den Mülleimer. „Mach mir mal Flachstahl!“ – „Nein, ich will das und das machen!“ Er kommt zurück. Falsch. Falsche Länge, falsches Maß? Keine Ahnung. Weil man vielleicht nicht gesagt hat, was man damit machen will, weil man ihm nicht genau die Maße gegeben hat oder was auch immer. Aber gute Kommunikation ist, wenn das, was Du sagen willst, beim anderen auch genauso ankommt. Das ist eine Herausforderung.

Johannes: Weil man denken muss und überlegen muss, was man sagen will…

Pia: …und klare Sprache. Also nicht rumeiern ist auch wichtig.

Johannes: Wie machst Du das? Du musst sicherlich auch viel kommunizieren bei 700 Mitarbeitern.

Pia: Wenn ich einen Arbeitsauftrag gebe, dann frage ich: „Verstanden?“ Und noch mal ganz kurz zum Abgleichen „Was genau wollen wir machen?“ Dann weiß ich: Ist es jetzt verstanden oder ist es nicht verstanden? Wenn Du das ein paarmal gemacht hast, brauchst Du es nicht mehr machen, weil Dein Inner Circle genau weiß, wie Du tickst und wie du wie Du arbeitest. Das man sich ohne Sprache versteht ist viel wichtiger, denn der Körper spricht 80 Prozent, Deine Zunge 20. Wenn Du für Deine Mitarbeiter verbindlich bist, wenn sie auf Dein Wort ein Haus bauen können, dann wissen sie, wer Du bist. Dann wird Sprache fast überflüssig.

Johannes: Kannst Du ein bisschen mehr über Deinen Mentor erzählen?

Pia: Ein bisschen mehr über meinen Mentor? Mein Mentor hat ganz starke Werte. Also für ihn sind Vertrauen, Glaube, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit wichtig. Das sind für ihn starke Werte, die er auch lebt. Er ist ein verlässlicher Arbeitgeber, er ist ein verlässlicher Chef, er ist aber auch ein verlässlicher Freund, auf dessen Wort Du ein Haus bauen kannst.

Johannes: Hast Du das auch von Anfang an gesehen?

Pia: Ja, das habe ich von Anfang an gesehen. Ein Mensch, den man einfach respektieren muss. Es gibt eine Beispiel: Es hat mal jemand den Dr. Ritzenhoff gefragt, als er ihn durch die nagelneue Fabrik geführt hat. Der Kunde hat ihm gesagt: „Andreas, warum machen Sie das, was Sie hier machen, nicht in China? Sie könnten Ihren Gewinn verdreifachen.“ Da hat der Dr. Ritzenhoff gesagt: „Damit Ihre Kinder morgen noch einen Arbeitsplatz finden.“ Er sagt: „Ich habe Verantwortung für so viele Menschen und nicht nur für die, die hier arbeiten. Wenn ich 700 Menschen beschäftige, habe ich wahrscheinlich Verantwortung für 200.000, weil einfach so viel dranhängt. Lieferanten und Familien und einfach alles.“ Wir können uns auf ihn verlassen. Das ist, was ihn ausmacht, seine absolute Stärke. Ein toller Mensch, ein cooler Mensch, ein toller Mentor.

Johannes: Gibt es etwas, was Du noch nicht gemacht hast oder gerne machen würdest? Nein, du gibst das, was du ja bist.

Pia: Nein, ich bin ein sehr spontaner, risikobereiter Mensch. Was ich wirklich machen will, das mache ich.

Johannes: Deswegen hast Du so schnell zugesagt zu dem Interview…

Pia: Ja, genau das fand ich cool, dass ihr mich hier haben wollt. Das war so wertschätzend für mich.

Johannes: Wir haben gehört, was für Potenzial Du hast und was Du schon geschafft hast. Aber was sind Deine Ziele im Leben? Wenn Du schon die letzten 11 Jahre nicht geplant hast, was sind Deine Ziele für die für die nächsten Jahre?

Pia: Das ist wirklich eine gute Frage. Das größte Ziel in meinem Leben ist Glück und Zufriedenheit. Aber es ist eigentlich gar kein Ziel, es ist eigentlich eine Entscheidung. Glück ist eine Entscheidung. Zufrieden sein können auch. Wenn ich von so coolen Menschen wie euch angesprochen werden, dann bin ich einfach glücklich.

Johannes: Und wenn man mal nicht alles nach Plan läuft? Hast Du ein Ventil?

Pia: (lacht) Ein hysterischer Schreianfall? Meinst Du das?

Johannes: Ja, meine ich…

Pia: Wenn mal nicht alles nach Plan läuft, ist das eigentlich die Herausforderung, die ich liebe. Weil wenn Du Personal führst, hast Du jeden Tag Dinge, die nicht nach Plan laufen. Jeden Tag ist irgendwas. Du nimmst Dir was vor für den nächsten Tag und das Leben empfängt Dich. Und das ist eigentlich genau das, was ich liebe. Ich bin gar nicht der Mensch, der sein Leben nach Plänen lebt, sondern ich bin genau der richtige Mensch für die Personalführung. Weil es genau diese Challenges sind, die ich brauche. Ich muss euch noch eine kleine Geschichte erzählen, die einfach so cool ist. Also ein Mitarbeiter hatte seine Liebe bei Seidel, seine Frau. Er heiratet sie. Sie wird schwer krank, bekommt Knochenkrebs. Sie geht also in den Krankenstand, Monate, ein Jahr oder so und wir haben eine Betriebsvereinbarung, die besagt, dass man in der in der Sommerzeit nur drei Wochen am Stück Urlaub nehmen darf. Das müssen wir machen, damit wir unsere Produktion auch im Sommer aufrechterhalten können, weil unsere Mitarbeiter halt längere Zeit nach Rumänien oder Russland oder in die Türkei oder so wollen. Wir sagen drei Wochen am Stück innerhalb des Sommerskorridors. Wenn ihr länger Urlaub machen wollt, bitte außerhalb dieses Korridors. Jetzt kommt ihr Mann zu mir und sagt: „Frau Meier, ich würde so gerne mit Kathrin in ihr zu meiner Familie fahren. Ich brauche 5 Wochen. Ich muss in Türkei.“ Ich sage ihm, dass das nicht geht. Wir haben doch die Betriebsvereinbarung für die drei Wochen am Stück. Wenn ich Ihnen das jetzt genehmige, dann stehen bald 25 andere vor der Tür. Da sagt er: „Frau Meier, ich weiß nicht, wie lange meine Frau noch lebt. Sie kennt meine Familie nicht. Ich würde so gerne mit ihr fahren. Sie darf nicht fliegen. Ich brauche für die Fahrt eine Woche und ich brauch zurück eine Woche und ich will drei Wochen Urlaub.“ Da habe ich gesagt: „Wissen Sie was? Nehmen Sie sie und fahren Sie. Fünf Wochen. Jetzt.“ Auf einmal ruft mich der Betriebsrat an: „Frau Meier, Betriebsvereinbarung werden abgeschlossen, damit sie eingehalten werden. Jetzt haben sie es dem erlaubt, jetzt können sie es allen erlauben. Die anderen sind alle stinksauer.“ Ich sage: „Sagen Sie allen einen schönen Gruß. Außergewöhnliche Belastungen erfordern außergewöhnliche Entscheidungen und jeder von denen, die da jetzt sauer sind, können sehr gerne zu mir kommen, wenn sie diese außergewöhnliche Belastungen haben, aber ich wünsche Ihnen, dass Sie es nie nötig haben. Das ist meine Antwort darauf.“
Die sind also gefahren. Als sie wiederkamen wollten die Frau sich bei mir bedanken, dass sie fünf Wochen mit ihrem Mann dahinfahren konnte. Versucht mich anzurufen. Eine Mitarbeiterin kommt, gibt mir ein kleines Post-it, ich solle die frau anrufen. Sie möchte sich bedanken, sie ist so froh. Ich sage: „Ist alles gut, sagen Sie ihr einen schönen Gruß, habe ich gerne gemacht. Ich habe sie nicht angerufen. Sie hat es noch mal probiert, aber ich habe es wieder nicht geschafft, sie zurückzurufen. Später laufe ich durch die Fabrik und treffe den Mitarbeiter. Als ich frage, wie es seiner Frau geht, sagt er, dass sie im Koma liegt. Ich sage: „Nein, oh Gott!“ Manchmal, wenn Du nicht reagierst, dann läuft die Zeit davon. Mist, hätte ich sie doch angerufen. Wenn Du Dir die Zeit nicht nimmst, nimmt Dir Die Zeit die Dinge. Ich habe mich so schlecht gefühlt. Zwei Wochen später Lauf durch die Fabrik und frage ihn: „Wie geht es Ihrer Frau?“ – „Sie ist gerade aufgewacht.“ Ich sage: „Rufen Sie sie sofort an!“ Er ruft sie an und ich frage sie: „Was machen Sie denn für Sachen“ Da sagt Sie: „Frau Meier, anders kriege ich Sie ja nicht ans Telefon.“
Aber das sind so die Dinge, da musst Du in wichtigen Momenten die richtige Entscheidung treffen und Dich nicht an vorauseilenden Gehorsam halten, an Gesetzestexte, die irgendwo geschrieben stehen. Du brauchst den Mut, auch mal Dinge so zu entscheiden, wie sie vielleicht unpopulär sind.

Johannes: Die richtige Entscheidung steht nicht immer auf dem Papier…

Pia: …und die wichtigen auch nicht. Du hast natürlich Betriebsvereinbarungen uns so weiter und die sind auch wichtig für den roten Faden. Aber trotzdem: Außergewöhnliche Belastungen erfordern außergewöhnliche Entscheidungen. Manchmal musst Du auch daran vorbei entscheiden. Und weiß Du was? Der Betriebsrat liebt das, weil er weiß, dass ich das für die Menschen mache und nicht gegen sie. Das ist das Besondere. Dieses Verständnis dafür und das Wissen: Wir legen unser Herz ihr zu Füßen, auch auf die Gefahr, dass sie drauftritt. Aber in dem Wissen, dass sie es nicht tut.

Johannes: Weil man auf ihrem Wort ein Haus bauen kann…

Pia: …aufs gute und aufs schlechte.

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