Hidden Champions

Martin Kiene

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Lesezeit ca. 17 Minuten

The Magic Happens – hinterher

Diversifikation sichert die Unternehmen in einer ungewissen Zukunft

Was tust Du, wenn Du ein erfolgreiches Unternehmen hast, aber niemand für die Unternehmensnachfolge in Frage kommt? Du verkaufst an unseren heutigen Hidden Champion Martin Kiene und seine Vamea Group. Der 34-jährige war lange Jahre selbst im Maschinenbau tätig und hat als Berater schon vielen Unternehmen geholfen. Heute kaufen er und sein Partner mit ihrer neugeründeten Vamea Group erfolgreiche Werkzeugbauer und Betriebe aus der Teilefertigung auf, für die die Inhaber keinen Nachfolger finden. So tragen die beide Unternehmer nicht nur zum Erhalt der Arbeitsplätze bei, sondern bewahren sogar die ursprünglichen Strukturen in den aufgekauften Unternehmen. Denn Martin ist überzeugt, dass es keinen Sinn hat, in einem funktionierenden Unternehmen alles umzukrempeln, und er ist sich sicher: „Jemand anders kann mindestens genauso gut Entscheidungen treffen.“

Auch sonst setzt Martin vor allem auf sein Team und dessen Kompetenz. Dabei ist im Diversität sehr wichtig. Damit meint er aber nicht nur das Alter der Teammitglieder oder andere biologische Faktoren, sondern auch die Einstellung zu einer Unternehmensübernahme. Während der eine sich besser mit Zahlen auskennt, vertraut der andere eher seinem Bauchgefühl. Doch auch wenn unternehmerisches Risiko, Finanzierungsfragen und Diversität zu seinem Alltag gehören, so definiert sich Martin doch nicht ausschließlich über sein Unternehmertum. Eine gesunde Balance zwischen Arbeit und Privatleben ist ihm wichtig. Bei welchem außergewöhnlichen Hobby er die findet und ob er im Unternehmen der Zahlen- oder der Bauchmensch ist, erfährst Du in unserem Interview.

Interview mit Martin Kiene

Johannes: Er verfolgt sein Ziel, die führende Unternehmerfamilie im Bereich Teilefertigung und Werkzeugbau zu werden. Dieses Ziel verfolgt er insbesondere durch Zukäufe von bestehenden Unternehmen. Mit seinem Unternehmen ermöglicht er anderen Unternehmern, dass ihr Lebenswerk fortbesteht, auch wenn keine passende Nachfolge in Aussicht ist. Durch diese Vorgehensweise wächst er als Gruppe dynamisch. Wenn ihr noch wissen wollt, wie das mit einer Fischzucht zusammenhängt, erfahrt ihr das in dem folgenden Interview. Herzlich willkommen Martin Kiene, CEO und Vorstand der Vamea Group!

Martin: Hi.

Johannes: Du hast nicht Moin gesagt, obwohl Du aus dem Norden kommst?

Martin: Ja, Hannover. Hannover ist für die Süddeutschen im Norden. Aber für die Norddeutschen bekomme ich hinterher Ärger, wenn ich das so sage. Deswegen machen wir es neutral, ausnahmsweise.

Johannes: Okay. Erzähl mir mal so in ein, zwei Sätzen. Was machst Du eigentlich?

Martin: Ja, das in ein, zwei Sätzen ist wahrscheinlich schwierig zusammenzufassen, aber Du hast ja jetzt ein tolles Intro auch rund um Vamea gemacht. Deswegen fokussiere ich mal darauf. Also wir haben die Vamea AG zum Jahresstart ins Leben gerufen. Das hat einfach den Grund, dass es tolle Unternehmen in Werkzeugbau und Teilefertigung in ganz Deutschland gibt, die Schwierigkeiten mit der Nachfolge haben. Tolle, profitable Unternehmen, die es noch Jahrzehnte geben könnte. Da setzen wir an und wir akquirieren diese Unternehmen und bieten denen ein tolles neues Zuhause in unserer Unternehmensfamilie, viel Wertschätzung für das, was geleistet wurde, aber auch von unserer Seite gerne viel Inspiration. Wir haben auch Ideen und bringen die gerne ein. So sieht dann die Zukunft aus. Damit verbringe ich so meinen Tag.

Johannes: Das heißt, ihr kauft die tatsächlich dann auf?

Martin: Ja, korrekt. Wir übernehmen gewissermaßen als Holding diese Unternehmen und bauen sie dann gerne auch weiter aus.

Johannes: Wird dann in der Regel auch die Struktur des Unternehmens beibehalten oder wie macht ihr das?

Martin: Ja, im Regelfall schon. Wie gesagt, es geht um hochprofitable, erfolgreiche Unternehmen. Das heißt, wer wären wir, wenn wir jetzt sagen würden: „Boah, da muss man jetzt alles auf den Kopf stellen?“ Das ergibt keinen Sinn und das wollen wir auch gar nicht. Deswegen sind die strukturell eigentlich immer gleich. Aber natürlich haben wir ein paar Ideen, die meistens auch gerne angenommen werden.
Kommunikation ist ein solches Thema. Wie kann man einem Mittelständler helfen, noch mal irgendwo online neue Kundengruppen zu adressieren? Wie kann man den vertrieblich neu aufstellen? Viele Mitglieder unserer Familie haben in den letzten Jahren einfach auch keine Zeit für den Vertrieb gehabt. Da gibt es immer Anfragen von Kunden, aber auf operativer Seite war es dann schwierig. Da kann ich nur einen Neukunden annehmen und da wollen wir ansetzen und stärken. Auch nicht zuletzt im Thema Digitalisierung und, gerade im Backoffice-Bereich, noch mal neue Akzente setzen mit Tools, die genutzt werden können.
Aber, um das noch mal zu unterstreichen, das sind jetzt keine großen strukturellen Von-links-nach-rechts-Themen. Wir wissen auch, wie sensibel eine solche Nachfolgesituation halt sein kann. Das ist ja einfach ein People-Prozess. Darum kommen wir jetzt nicht mit der Strukturaxt um die Ecke, sondern wertschätzen das, was da ist und wollen das halt einfach gerne weiter nutzen. Natürlich zusammen mit der Mannschaft, die auch vor Ort ist.

Johannes: Ich kann mir gut vorstellen, dass es da auch Synergien gibt. Wenn mehrere in eurer Gruppe sind, gibt es ja sicherlich auch Tage, wo Ausfall ist oder wo ein anderes Unternehmen aus eurer Gruppe einspringen könnte …

Martin: Ja, ich sage mal so: Wenn man so überlegt, dann haben wir ein Unternehmen, das sitzt in Mecklenburg-Vorpommern. Ein anderes sitzt vielleicht bei euch hier in der Nähe im Schwabenländle. Die Utopie, dass man sagt, hier unten lässt die Produktion ein wenig nach, darum schicken wir das jetzt nach da oben … Weiß ich nicht. Aber Einkauf zusammen, also vermeintlich triviale Themen, wo man ansetzen kann, zusammen Metall einkaufen, das ist ja jetzt zurzeit auch nicht gerade einfach.

Johannes: Wie viele Unternehmen sind schon in eurer Gruppe?

Martin: Wir werden dieses Jahr drei Unternehmen in unserer Gruppe haben.

Johannes: Euch gibt es gar nicht so lange, sondern erst seit einem Jahr oder seit Januar.

Martin: Gegründet. Ab April sozusagen ging es so richtig los. Also ja, es geht zügig, aber das entspricht auch dem Naturell der Gruppe. Deswegen gefällt uns das auch. Klar, ich frage auch immer: „Machen wir zu viel?“ Aber die Geschwindigkeit, mit der wir eine sinnvolle Integration in unsere Familie durchführen können, ist das A und O bei der ganzen Sache. Da gucken wir schon darauf, dass wir jetzt nicht sagen: „Das müssen jetzt zehn im Jahr sein“, sondern die Akquisition ist sehr fokussiert. Das ist, glaube ich, aktuell auch eine sinnvolle Vorgehensweise.

Johannes: Ich muss auch ehrlich zugeben, drei Unternehmen in einem Jahr finde ich persönlich auch schon viel, deswegen mache nicht zu viel. Das ist relativ.

Martin: Natürlich. Ambitioniert wollen wir aber sein. Wer wären wir, wenn wir sagen, wir wissen, wie viel da ist, drei passt jetzt gerade gut? Wir sind uns mit drei Unternehmen da sehr einig, wo es langgehen soll. Klar ist drei nicht wenig, aber wir haben auch Erfahrungswerte aus der Vergangenheit, aus ähnlichen Konstrukten, wo wir irgendwo sagen, dass das funktionieren wird.

Johannes: Wie bist Du eigentlich der Mensch geworden, der Du jetzt bist? Du bist jetzt 34. Was hast Du in den letzten 14 Jahren gemacht?

Martin: Hochzeit, Kinder bekommen. Ich glaube, das ist immer das, was tatsächlich dann doch eher überall steht. Klar ist man irgendwo privat sehr beschäftigt, mit Frau und Kind. Macht ja auch alles Spaß. Aber beruflich habe ich tatsächlich in der Unternehmensberatung einiges gemacht, auch als selbstständiger Berater mit einem kleinen Unternehmen und habe dann sozusagen meine Sporen im Maschinenbau verdient. Gar nicht so weit weg von hier, wo wir gerade sitzen. Hat auch immer Spaß gemacht, muss ich sagen. Aber ich bin einfach Unternehmer und habe auch parallel immer investiert und anderen Unternehmern irgendwo geholfen, mit Know-how und Netzwerk die Unternehmen aufzubauen. Und da hat es mich immer wieder hingetrieben und deswegen bin ich jetzt da, wo ich bin.

Johannes: Wolltest Du schon immer selbstständig werden?

Martin: Ja, ich war ja zuerst selbstständig, sozusagen in meinem Berufsstart. Deswegen ist das schon der Weg für mich. Ich glaube, man unterschätzt, man malt viel schwarz-weiß, selbstständig versus angestellt. Ich glaube, man kann aus beiden Welten unglaublich viel ziehen. Habe ich auch gemacht, ich bin unglaublich dankbar für das, was mir Leute, ob es jetzt in der Selbstständigkeit oder im Angestelltenverhältnis war, am Ende gegeben haben. Ein wenig mehr Nervenkitzel ist in diesem selbstständigen Umfeld natürlich, aber Du kannst bei Sachen einfach unglaublich viel lernen und weiterentwickeln. Deswegen würde ich da gar nicht so differenzieren. Aber dieser unternehmerische Weg ist sicherlich das, was gut zu mir passt.

Johannes: Was war Dein größter Fehler?

Martin: Ich spreche ungern von Fehlern. Ich will jetzt nicht so ein plakatives Ding machen, aber ich habe Schwierigkeiten, den größten Fehler in dem Gedankengang herauszufinden. Aber sicherlich ist so ein Thema zu verstehen, wann auch Schluss und wann genug ist, sozusagen. Also ich glaube, es gab Zeiten, wo wir gesagt haben, immer ein wenig mehr, investier in irgendwas und dann siehst Du, dass das funktioniert, und dann kannst Du noch mal einen drauflegen. Aber vielleicht war es auch gut genug an einer bestimmten Stelle. Diese Stelle zu finden, da habe ich mir manchmal das Leben eher schwer gemacht, als dass ich es leicht gemacht habe. Fehler klingt immer so hart, aber heute weiß ich halt, wie es besser geht und daran muss man halt auch wachsen. So kommt es, glaube ich. Das ist einigermaßen gelungen.

Johannes: Sonst wärst Du ja auch nicht durchgegangen. Also Du bist durch die Themen durchgegangen und daraus hast Du dann Deinen Weg auch irgendwie zusammengeschustert und Deine Erfahrungen gesammelt …

Martin: Klar. Also ich glaube immer, Du musst halt lernen, den Prozess zu lieben und nicht die Resultate. Ich glaube, das ist so ein Credo, das mir unglaublich geholfen hat. Also nicht immer nur zu versuchen höher, schneller, weiter und dann immer das nächste Resultat, sondern irgendwo genießen. Lebe mal im Hier und Jetzt und genieße das, was Du tagtäglich tust. Also im Hier und Jetzt leben und das auch dankbar sehen und wertschätzen, was hier ist und nicht gucken, was das Nächste ist. Hat ja offensichtlich auch keinen schlimmen Effekt auf die Dynamik, die dahintersteckt und auf die Ambition. Aber man muss einfach irgendwo sehen, wann genug auch genug ist.

Johannes: Wenn ich mir jetzt so vorstelle, ein Unternehmen aufzukaufen, dann benötigst Du auf der einen Seite jemanden, der sehr analytisch auch vorgeht und die Zahlen versteht, und auf der anderen Seite jemanden, der den Mut aufbringt, um diese Entscheidung auch zu treffen: Ich kaufe jetzt ein Unternehmen auf. Bist Du der Mutige?

Martin: Ich glaube, wir sind alle bei uns mutig. Aber klar, benötigst Du Mut. Du musst Chancen einfach ergreifen. Wir haben den Mut und auch den Allerwertesten in der Hose, das zu tun, was wir tun. Ganz klar. Das muss man so sagen. Ich glaube, das Analytische und das Mutige, das schließt sich nicht aus, sondern es ergänzt sich. Ich glaube, wir müssen alle an den Tisch und miteinander diskutieren: Was ist die beste Lösung? Da muss jemand sein, der ein wenig analytischer ist, Du musst einen Draufgänger haben. Dann musst Du jemanden haben, der das noch mal von einer ganz anderen Perspektive sieht. Ich treffe ja die Entscheidung nicht allein, sondern da sind viele, die miteinander draufgucken. Das hemmt jetzt nicht die Entscheidung, sondern das macht die Entscheidung besser. Ich glaube, ich bin in den Rollen, die ich da einnehmen kann, durchaus flexibel. Aber vermeintlich bin ich eher der, der sagt: Lass das machen!

Johannes: Wie viel ist Bauchentscheidung, wenn Du ein Unternehmen aufkaufst, und wie viel davon ist wirklich, wo die Zahlen umgedreht werden?

Martin: 50:50, immer. Nein. Es gibt einen Wert. Ganz sachlich ist es ein Asset. Es gibt Bewertungsschemata und in dieser Spanne befinden wir uns. Das ist einfach. Klar kann man noch über alles diskutieren, aber es ist immer irgendwo eine gewisse Spanne, über die man diskutieren kann und innerhalb dieser Spanne entscheiden wir natürlich in der Gruppe strategisch. Was liefert das Unternehmen für uns nochmal insgesamt für einen Mehrwert? Was glauben wir auch? Haben wir dafür Möglichkeiten der Entwicklung, wenn wir irgendwo sagen, wir stärken das Unternehmen auch kommunikativ noch mal ein wenig weiter? Was für Chancen haben wir am Markt? Und der Spanne wird sich bewegt. Aber es ist immer ein Mix.
Es geht nie so der Kopf durch die Wand, auf der anderen Seite ist aber auch nicht so, dass wir die sind, die besonders lange im Keller sitzen und Zahlen hin und her wälzen. So ehrlich will ich auch sein. Wir sind People-Leute. Wir lernen unglaublich viel im Gespräch. Wir lernen auch sehr, sehr viel im Gespräch, wenn man miteinander dasitzt. Also nicht ausschließlich per Teams. Wir sind Fans von Video-Calls, keine Frage. Aber manches passiert auch im persönlichen Gespräch und das steht über allem. Das People-Business steht über allem. Da legen wir unglaublich viel Wert darauf, dass Meinungen gehört werden. Aber es gibt natürlich eine sachliche Spanne, in der wir uns bewegen. Das muss man einfach so sagen.

Johannes: Wie kamst Du denn auf die Idee, diese Richtung einzuschlagen? Klar, Du hast vorher schon eine Erfahrung im Consulting-Bereich gehabt, aber das ist ja etwas, das ich – für mein Verständnis – jemanden zuordnen würde, der schon 30 oder 40 Jahre Berufserfahrung hat.

Martin: Ich kenne die Altersdiskussion.

Johannes: Ich kenne das auch bei mir. Ich verstehe das, aber ich möchte trotzdem darauf eingehen. Wie kommst Du zu einer Idee, so etwas anzugreifen, was nach außen hin meist sehr komplex ist? Wie kommt man auf die Idee, das einfach so anzugehen, denn die Idee liegt ja nicht einfach so in irgendeiner Schublade. Das sind ja noch viele Sachen, auch das Thema Finanzierung, die bei so etwas bestimmt auch nicht leicht zu tragen sind.

Martin: Ja, es ist alles nicht leicht, aber es ist immer so leicht wie möglich. Aber ich sage mal zu den Nachfolgethemen: Ein guter Bekannter von mir, der auch bei uns im Aufsichtsrat sitzt, hat mit diesen beiden Konstrukten schon viel Erfahrung gesammelt. Sehr gute Erfahrung. Ich durfte auch Mitgründer sein und wir kennen da die Vorgehensweisen, das ist die eine Komponente. Wenn Du auch so von Finanzierung sprichst: Mit Inkubator-Modell macht er auch weiter und bringt dieses Know-how in ein Unternehmen. Auf der anderen Seite war ich ja im Maschinenbau länger tätig, kenne das Business, aber natürlich weiß ich nicht alles. Egal ob hier jemand, der Mitte 30 ist, sitzt oder jemand, der Mitte 80 ist: Wir wissen beide nicht alles, aber dafür gibt es ja das Team und ich würde mir auch niemals anmaßen, Sachen zu wissen, die jemand anders besser weiß. Also wo es objektiv so ist. Jemand anders kann mindestens genauso gut Entscheidungen treffen. Klar gibt es irgendwo den großen Überblick, den mein Kollege und ich im Vorstand haben müssen. Aber das kann ich immer nur wiederholen: Wir wollen die Leute hören.
So wird da ein Schuh draus. Wir mischen bewusst Altersstrukturen, also das Thema Diversity. Jetzt dürfen wir es auch nicht zu kompliziert machen. Aber ich sage mal, Diversität ist halt wichtig. Know-how, was für Erfahrungen hat jemand gesammelt? Und vielleicht sitze ich hier und reiße unseren Altersschnitt ein wenig runter. Das mag ja sein, da gibt es ein paar, die reißen den wieder ein bisschen hoch, dann wird ein Schuh draus. Und vielleicht bekommen wir dann die Industrie. Da werden wir wahrscheinlich schon einen Altersschnitt von knapp Mitte 40 kriegen und dann ist das auch gar nicht mehr so fragwürdig, wer weiß. Aber ich glaube, das Team macht halt den Unterschied, und ich würde mir das, wie gesagt, nie anmaßen, irgendwo Sachen zu entscheiden, wo ich einfach weiß, es kann jemand anderes besser entscheiden. Keine Frage.

Johannes: Was wolltest Du werden, als Du Kind warst?

Martin: Da muss ich tatsächlich darüber nachdenken. Trotz 34 muss ich jetzt ein wenig zurückgehen. Also, da sind wir wieder. Ich fand das Thema Profisport da schon immer cool. Fußball war es damals noch. Ich war ein begeisterter Tennisspieler, kam dann auch so zu den Skateboard-Themen. Also ich fand das Thema Sport schon immer sehr cool. Ich finde aber, Du kannst das toll aufs Unternehmertum übertragen. Deswegen fühle ich mich ja heute wohl, auch wenn ich früher vielleicht Profisportler werden wollte, und das habe ich ja leider nicht ganz geschafft, aber viele Sachen lassen sich auch gut übertragen. Ich glaube, wenn Du mich so fragst, ich würde mich jetzt für die Profisportlervariante entscheiden, ich weiß es nicht mehr ganz genau, wenn ich ehrlich sein soll, auch wenn es nicht so lange her ist. War eine schöne Zeit, als ich noch die Zeit auf dem Skateboard verbracht habe, also war super.

Johannes: Ja, wie kommt man eigentlich so durchs Leben?

Martin: Die Balance finden, wann man die Leichtigkeit anwenden kann und wann Sachen auch ernst sind. Also ich glaube mir hat es einfach geholfen, dafür ein Feingefühl zu entwickeln, wann es mir hilft und auch den Leuten in meinem Umfeld hilft, wenn ich ein wenig Lockerheit rüberbringe, aber ich wusste auch, wann Themen ernst sind. Und das halte ich immer noch für wichtig. Wir sind ja keine alberne Truppe. Aber es ist immer noch wichtig, dass man sich die Leichtigkeit immer bewahrt und dass, auch wenn Situationen manchmal schwierig erscheinen, im Privaten und sonst was, diese Leichtigkeit hat. Das hat mir ein Stück weit geholfen.

Johannes: Wie kriegt man eigentlich so ein Ding finanziert? Also ich könnte mir vorstellen, ich kaufe auch ein Unternehmen auf, aber am Ende scheitert es bei mir eher am Preis als am dem Wollen. Was habt ihr da für eine Strategie, um das so zu machen, wie ihr es macht?

Martin: Wir arbeiten auch mit Finanzierungspartnern zusammen. Wir haben Eigenmittel, arbeiten aber bei diversen Themen mit Finanzierungspartnern zusammen. Also unter anderem sind es auch Banken, mit denen wir arbeiten. Das ist auch das Spannende von Fall zu Fall. Jede Übernahme ist ja anders als die andere. Das ist das Spannende, das macht ja auch den Job ein Stück weit aus. Ich sage mal, the magic happens hinterher. Bei der Integration sind das natürlich die super spannenden Themen. Aber auch vorne gleicht eins nicht dem anderen. Wir sind ja auch in Märkten unterwegs, kleine Unternehmen, das ist ja nicht das Merge- and Acquisitions-Thema, was man so aus der Konzernwelt kennt, sondern es ist ein Peoplebusiness und da passieren auch andere Sachen als erst mal so gestreamlinte Prozesse und das ist jedes Mal anders und da kann auch die Finanzierungsstruktur jedes Mal anders aussehen. Das hängt wirklich davon ab. Da stellen wir uns aber flexibel auf, haben irgendwo eine gute Basis.

Johannes: Deswegen auch flexibel…

Martin: Ja, es ist, glaube ich, wichtig, dass niemand irgendwo da jetzt mit einem Speer im Rücken steht und sagt: Wir müssen jetzt zehn Sachen kaufen, sonst muss er capital deployen und los geht’s! „Martin, Attacke!“ Sondern das ist immer noch gewählt. Das ist so und das zeichnet uns auch aus. Wir müssen ja nicht. Klar ist es handpicked und das soll auch von anderer Seite gut gewählt sein, wem man jetzt sein Lebenswerk in die Hände anderer gibt, und da lassen wir uns lieber nochmal einen Ticken mehr Zeit für die Gespräche, als dass wir jetzt sagen: Kopf durch die Wand und Du musst jetzt und musst. Deswegen ist die Flexibilität immer unterschiedlich.

Johannes: Das würde mit diesen Konzern-Prozessen, die Du eben beschrieben hast, auch gar nicht gehen. Da würdet ihr die Flexibilität rausnehmen.

Martin: Ja, und das ist wichtig. Es kann ja sein, dass mal alles glattläuft, von A bis Z, wie im Leben, wie es manchmal so ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass alles sehr, sehr glattläuft, ist einfach nur sehr, sehr gering. Du benötigst einfach Leute, die damit umgehen können. Das ist ja bei allen Menschen so, da schläft jemand mal ein wenig schlechter, dann ist die Situation mal eine andere und man muss halt von Tag zu Tag schauen. Deswegen ist die Flexibilität auch Schlüssel zum Ganzen.

Johannes: Ich tue mich bei mir selbst mit Prozessen auch immer extrem schwer und habe gemerkt, dass es einfacher ist, wenn man Spielregeln hat, weil dann mehr Offenheit da ist und man gemeinsam die Richtung kennt, aber nicht bis ins kleinste Detail alles versucht zu definieren und zu prozessieren. Denn das führt meistens dazu, dass man vielleicht einen Prozess entwickelt hat, aber der am Ende doch das ganze System verlangsamt oder zu aufwendig in der Kreierung ist, als dass am Ende dessen so ein Mehrwert dabei rauskommt.

Martin: Klar, das ist glaube ich immer so: zwischen Schwarz und Weiß liegt Grau. Diesen Grauton zu treffen – auch bei der Prozessthematik versus Flexibilität – das macht es irgendwo aus, aber das macht es auch irgendwo spannend. Aber es gibt Leute, die sagen: „Ja, wir müssen alles hier in Prozesse gießen.“ Das finde ich auch wichtig. Also brauchst Du in den Operations natürlich irgendwo Prozessdokumentation, Qualitätsmanagement etc. Es gibt aber auch Prozesse, da muss man mal ein Stück weit fünfe gerade sein lassen, um in der Praxis überhaupt leben zu können. Das ist so. Ich beschreibe das immer mit Schwarz und Weiß und das finde ich gut.

Johannes: Weil da viel Grau dazwischen ist …

Martin: Ja natürlich. Weil es ja richtig ist. Du machst es Dir leicht, aber mach es Dir nicht zu leicht, in dem Du denkst, es gibt Schwarz und Weiß. Das ist nicht die Realität, aber das macht es ja auch aus. Dafür brauchst Du überhaupt People im Business, die den Grauton irgendwo miteinander festlegen. Das ist so.

Johannes: Du hast Abitur gemacht. Ich meine, ich weiß, wo ich da stand, ich habe Abitur gemacht, ich hatte überhaupt keine Ahnung, warum.

Martin: Same, ja.

Johannes: Manchmal hat man ja so eine… nicht eine Sinnkrise, aber man fragt sich: „Scheiße, wo werde ich mal sein? Was wird mich erwarten? Wo geht es? Was werde ich machen?“ Das sind ja so viele Themen, die einen so ein wenig rumtreiben. Meistens ist es ja auch so, dass Du studierst und immer noch keine Ahnung hast, wo es Dich hinführt. Ich habe ein Semester BWL studiert, da dachte ich, das ist es nicht, da war zu viel Mathematik und so.

Martin: Da gibt es aber Schlimmeres.

Johannes: Ja, definitiv. Volkswirtschaft.

Martin: Es gibt im technischen Bereich auch noch ein paar Sachen.

Johannes: Da wusste ich sofort, das kann es nicht sein. Ich wusste nur, ich muss irgendwas anderes machen, aber ich wusste selbst dann nicht, was es sein wird. Was würdest Du den anderen, die jetzt so in dieser Phase sind, raten? Die sich fragen: „Mache ich mich selbstständig? Mache ich mich nicht selbstständig? In welche Richtung schlage ich ein?“ Was würdest Du denen mit auf den Weg geben?

Martin: Ich glaube, ich würde denen gerade in dem Alter mit auf den Weg geben: Machst Du das, was Du zu machen hast, auch wenn Geld keine Rolle spielen würde? Ich glaube, viele schlagen irgendwo eine Richtung ein, weil das Finanzielle natürlich passen muss. Keine Frage, zweifelsohne! Aber ich glaube, viele laufen sozusagen in die falsche Richtung. Wenn ich so beobachten darf, des Geldes wegen und dann müssen sie irgendwo korrigieren. Das kann man auch alles korrigieren. Wo wir wieder beim Thema wären: Mach es Dir leicht oder mach es Dir schwer.

Ich glaube, wenn Du es Dir leicht machen willst, dann hör auf Dein Herz. Das klingt immer so sehr, sehr plakativ, aber ich glaube, das ist es am Ende, denn auch ich, wenn ich mich so zurückerinnere, hatte an den selbständigen Sachen auch damals schon irgendwo immer Spaß, habe es dann aber nicht direkt gemacht. Das ist nicht schlimm, hätte ich aber direkt machen können. Das ist so und ich glaube, da hilft es, wenn man sich noch mal Gedanken macht und sagt: Was würdest Du tun, wenn Geld keine Rolle spielen würde? Und wenn man das nochmal reflektiert, dann glaube ich, bist Du schon auf dem richtigen Weg. Manchmal kann es länger dauern, um da zu sein und manchmal geht es halt ein wenig schneller. Das, glaube ich, sollten die meisten Leute so nachvollziehen können, nach dem Abitur. Woher willst Du das wissen? Also woher willst Du die Entscheidung treffen? Was ist gut für dein Leben in der frühen Phase deines Lebens, das kannst Du ja gar nicht so, aber ich glaube schon, dass Du tief im Inneren irgendwo eine Idee hast. Was macht Dir Spaß und was macht Dir einen Spaß? Ich glaube, dann solltest Du Dich nicht verleiten lassen, von oberflächlichen Faktoren, die da mitschwingen und natürlich da sind.

Johannes: Erzähl mir mal ganz kurz: Was hast Du mit Fischen am Hut? Ich habe das jetzt schon im Intro gebracht.

Martin: Das musste noch kommen. Ja, ich habe so eine Hobbyfischzucht. Das macht mir auch Spaß, muss ich sagen. Ich lebe mit meiner Familie sehr ländlich und wir haben da auch so eine eigene kleine Fischzucht, wo ich so ein wenig besetze und züchte. Da habe ich Spaß dran und wir haben eine Fischzucht auf dem Grundstück und ich hole mir noch ein paar Fische, bei Ebay und so und das macht mir auch Bock, die dann zu besetzen. Das ist erst mal ein wenig mein nerdiges Hobby, aber macht mir auch Spaß.

Johannes: Wie viel Zeit verbringst Du damit?

Martin: Den Rasen drumherum zu mähen ist zeitintensiver als die Zucht.

Johannes: Du hast wahrscheinlich verschiedene Becken?

Martin: Ja, das sind kleinere Becken und klar musst Du da ein wenig Zeit investieren, aber das ist nicht viel. Das ist immer abends, wenn man mit Leuten beim Bierchen sitzt. Das ist eine beliebte Frage. Also wie ist denn das, hast Du mal wieder Fische geholt?

Johannes: Ja, ich kenne das, Koi-Karpfen-Liebhaber oder so…

Martin: Nein, das ist das nicht so meins. Das passt nicht so zu mir.

Johannes: Nein, aber ich sage so: „Ich züchte Fische.“

Martin: Ja.

Johannes: Finde ich cool.

Martin: Wie gesagt, jeder hat so sein Hobby. Also am Ende ist ja ein Leben, eine Balance aus vielen Sachen. Und klar, wir haben alle anspruchsvolle Jobs und arbeiten viel, keine Frage. Aber der Rest, das ist ja miteinander verwoben. Also Du kannst ja gar nicht sagen, ich arbeite jetzt 20 Stunden und dann ist die Arbeit besonders gut, sondern das muss halt alles in einer gewissen Balance stehen und das geben wir auch unseren Mitarbeitern so mit. Das ist ein wichtiges Credo. Der eine züchtet Fische, der andere golft, da spielt einer Tennis und ja … Hauptsache macht Spaß.

Johannes: So ist es. Was bedeutet denn für Dich eigentlich Risiko?

Martin: Risiko ist eine notwendige Angelegenheit. Also ich will auch gar nicht sagen, dass man ohne ein gewisses Risiko lebt. Jede Entscheidung birgt ein gewisses Risiko. Das ist einfach so, ich glaube auch nicht daran, dass man sagt: Je mehr Risiko, desto höher der Ertrag, wie auch immer man das dann möchte. Risiko ist Business. Also das Daily Business ist ein gewisses Risiko zu tragen, aber mach es nicht zu sehr, also reiß Dich nicht ins Risiko, gebe nicht zu viel und setze die ganze Angelegenheit zu viel Risiko aus. Es ist eine schwierige Aufgabe, das gut einschätzen zu können und fordert einen immer wieder aufs Neue. Aber es gehört einfach mit dazu.

Johannes: Ja, kann ich mir vorstellen. Du hast ja vorhin, bei unserem gemeinsamen Mittagessen gesagt, dass ihr die drei Bereiche Keramik, Kunststoff und Metall habt. Man weiß ja auch nie, wo diese einzelnen Branchen landen, was mit der Keramik passiert. Kann man sich das Heizen dann noch überhaupt leisten oder was bedeuten gewisse Konflikte in der Welt für den Stahl? Das kann man ja nicht ganz einkalkulieren. Also das ist ja auch ein Teil des Risikos, das ihr dann tragt, wenn ihr Unternehmen aufkauft.

Martin: Ja, ich glaube, Credo ist einfach: Auch ihr habt hier keine Glaskugel stehen.

Johannes: Schön wäre es aber.

Martin: Ja, oder auch nicht. Also was macht es dann aus? Wer kann am besten wohl darauf reagieren und keiner hat die Glaskugel. Wir haben für uns irgendwo für einen Weg entschieden, uns auf verschiedene Säulen zu stellen, weil wir einfach nicht wissen, wie die Zukunft aussieht. Wir haben aber einen Weg gefunden, wie man trotzdem sinnvoll vom verarbeitenden Gewerbe, vom Wachstum, profitieren kann. Ohne jetzt, wie sagt man so schön, all in gehen zu müssen, sondern eine Diversifizierung festzulegen.

Johannes: Ich glaube, ich habe keine weiteren Fragen. Das war alles. Doch guck bloß nicht auf meine Liste.

Martin: Hast Du alles gefragt?

Johannes: Nee, ich könnte… Okay, eine Frage noch. Nicht hingucken. Was wirst Du die nächsten fünf Jahren machen?

Martin: Ja, immer mehr vor allem.

Johannes: Wie viel? Habt ihr so ein Punkt, wo ihr sagt: Hey, noch zehn Unternehmen und dann heißt es optimieren oder macht ihr das alles?

Martin: Klar gibt es einen gewissen Plan, aber ein Plan ist ein Plan. Das heißt, hatte ich ja auch schon gesagt, es steht ja keiner mit einer Pistole im Rücken hinter uns und sagt: „So, jetzt so und so viel, aber wir müssen jetzt und wenn nächstes Jahr keine zehn kommen, dann oh je!“, sondern wir nähern uns da auf Augenhöhe mit erfolgreichen Unternehmern an und wenn es drei sind, sind es drei. Wenn es mal mehr sind, sind es mehr. So arbeiten wir halt. Klar gibt es irgendwo gewisse Größen und Felder. Ich sag mal, wenn man in einer dreistelligen Mitarbeiterzahl angekommen ist, wo man sagt, schwierig, über den Punkt nochmal hinauszuwachsen. Aber es gibt einen Plan.

Johannes: Danke, schön war es.

Martin: Hat mich gefreut.

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