Hidden Champion

Jochen Hahn

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Lesezeit ca. 8 Minuten

„Wir verkaufen keine Software, sondern Vertrauen.“

Er reitet gerne in den Sonnenuntergang, umgibt sich mit unzähligen Badeentchen, ist keinesfalls ein „Quitter” und veranstaltet regelmäßig BBQs für sein Team: Jochen Hahn leitet die Bite AG, die sich auf IT- und Softwareentwicklung spezialisiert hat

Es hätten auch Subway Sandwiches oder Orange Julius Smoothies werden können. Denn ursprünglich wollte Jochen Hahn eine Geschäftsidee aus den USA nach Deutschland holen. Während des Studiums in Übersee hatte ihn der Entrepreneurship-Kurs so fasziniert, dass ihn das Unternehmerfieber packte. „Mein Professor hat mir die Augen geöffnet, dass ich alles tun kann im Leben. Ich muss es nur konsequent umsetzen. Für mich war damit klar: Ich mache mich so schnell als möglich selbständig!“ Inzwischen ist er Vorstandsvorsitzender der Bite AG mit Sitz in Filderstadt. In seinem Unternehmen wird innovative Software für Sicherheitsdienste entwickelt.

Es gibt zwei Arten von Hindernissen: Solche, die du durch eine Veränderung lösen kannst. Also höre auf zu jammern und ändere es! Oder solche, die du nicht ändern kannst. Dann höre auf zu jammern und lebe damit.

Jochen Hahn Bite AGDas Gras hört Jochen Hahn zwar nicht wachsen – dafür aber das Moos. Denn in seinem Büro und direkt hinter seinem Schreibtisch hat er zwei große quadratische Moos-Flächen anbringen lassen. Die natürlichen Kunstwerke reduzieren den Schall, sie beleben das Raumklima, sind pflegeleicht und genügsam. Das Pflanzenbild soll einerseits beruhigend wirken und andererseits die Kreativität fördern. Genau diese Eigenschaften braucht es, um zum Vorreiter in der Sicherheitsbranche zu werden. Und zum Allround-Talent – insbesondere wenn es im Alltag mal stressig oder terminlich eng wird: „Ich bin Controller, Motivator, Visionär, Macher. Das Tagesgeschäft machen die Mitarbeiter. Meine Aufgabe im Unternehmen besteht darin, schwierige Situationen zu meistern“, sagt Jochen Hahn.

Dass Jochen Hahn ein engagierter Unternehmer wird, war anfangs gar nicht der Plan. „Ich werde Sachbearbeiter oder Abteilungsleiter – dieser Meinung war ich in meiner Lehre“, erinnert er sich heute. Das Studium in den USA änderte plötzlich alles: Keine Angst vor der Zukunft zu haben, sich die Selbständigkeit auch schon mit 25 Jahren zutrauen, Goldgräberstimmung und amerikanischer Spirit – das alles hatte Einfluss auf den jungen Mann aus dem Schwäbischen. „Plötzlich sah ich neue Perspektiven, mein Wunsch war internationales Marketing und das Vermarkten von Produkten in der ganzen Welt.“ Doch dann kam alles anders…

Der Vater wollte schon immer, dass sein Sohn Jochen den Familienbetrieb übernimmt. Der Vater hatte sich mit einem Buchhaltungsservice selbständig gemacht, 1984 dann die EDV-Beratung Hahn gegründet. Mit der Einstellung des ersten Mitarbeiters wurde 1988 daraus eine GmbH – in diese sollte der Junior einsteigen. Als nach der Lehre die fordernde Frage kam, lehnte Jochen Hahn allerdings dankend ab. „Mit 17 Jahren konnte ich es mir daher kaum vorstellen, in die Firma mit einzusteigen.“ Nach dem Studium wurde Jochen Hahn direkt von einer amerikanischen Softwarefirma nach Frankfurt rekrutiert. Dort sollte er Pionierarbeit leisten. „In einer Fünf-Zimmer-Wohnung komplett ohne Mobiliar ging es nur ums Verkaufen – so sah mein Berufseinstieg aus. Nach drei Monaten kündigte ich gemeinsam mit meinen beiden Kollegen.“ Am Ende der Episode fragte ihn der Vater ein letztes Mal – und der Sohn willigte ein. Unter der Voraussetzung, dass es Zoff nur hinter verschlossenen Türen geben durfte. „Wir hatten eine gute Aussprache und die Fronten waren geklärt. Meine Bedingung lautete: Sollte er mich auch nur einmal vor den Mitarbeitern brüskieren, wäre ich weg.“

Jochen Hahn Bite AG Jochen Hahn Bite AG40 Kunden, acht Softwarepakete, zig individuelle Varianten, erst reine Erfassungsprogramme, später eine Buchhaltungssoftware – so sah die Welt des Vaters aus. Als IBM-Geschäftspartner im Bereich mittlerer Datentechnik gehörten in den 1980er-Jahren Programmierschulungen zum Portfolio. Doch damit wolle sich der Junior nicht zufrieden geben. „Never ever quit – das lernen die Amerikaner schon im Kindergarten. Ein ‚Quitter‘ zu sein ist ein schlimmes Schimpfwort in dieser Kultur. Das hat mich geprägt: Ich gebe nie auf und finde es ominös, wenn jemand zu mir sagt: ‚Das geht nicht.‘ Die einzige Frage, die mich interessiert, ist: Wie geht es?“ Der Gedanke an ein eigenes Business wurde also immer stärker: Wie wäre es, mit den Konventionen zu brechen und eine Unabhängigkeit von der Hardware zu erreichen? Wie ließe sich eine Software entwickeln, die wie SAP alle Bereiche der Verwaltung eines Sicherheitsdienstes abdeckt?

Also gründete Jochen Hahn seine eigene Softwarefirma. „Und von da an ging es erst einmal permanent bergab.“ Denn erst als Vizepräsident, dann als Vorsitzender der Wirtschaftsjunioren Esslingen hatte sich der Jungunternehmer ein großes Ehrenamt zugemutet, das enorme Ressourcen fraß. Auf einer ohnehin schon angespannten finanziellen Basis wurden unfertige Produkte ausgeliefert und mit Mitteln jongliert, die nicht existierten. „Zitternd stand ich mit der Zigarette auf dem Balkon und wusste nicht, wie ich morgen die Löhne bezahlen soll. Und sagte mir immer wieder: So lange es weiter geht, so lange mache ich weiter!“ Dass es ein langer Weg zwischen der Geschäftsidee und der Realisation ist, erlebte Jochen Hahn hautnah.

Jochen Hahn Bite AGHeute schaut er auf Meilensteine seines Erfolges, beispielsweise die Niederlassungen in Düsseldorf und Krakau (Polen), die wachsende Mitarbeiterzahl von inzwischen 19 Experten, derzeit 250 Kunden sowie mehr als 25.000 Web-User aus dem Wachdienst. 14 der Top 25 Sicherheitsdienste arbeiten mit den Produkten aus dem Hause der Bite AG. Seit nunmehr 15 Jahren hält das Unternehmen die Marktführerschaft in der Branche. Für das neueste Produkt DISPONIC wurde sogar der Innovationspreis der Sicherheitsbranche 2016 in Bronze verliehen. Für 2018 ist der Aufbau einer Entwicklungsniederlassung in Shenyang (China) geplant. „Das alles braucht großes Engagement und den Willen zur Umsetzung.“

Diese Weisheit versucht er auch seinen Mitarbeitern zu vermitteln. Zwar sagt er als Chef, wo es lang geht, doch weißt er auch, dass sich in der Unternehmenslandschaft vieles verändert hat, dass Teammitglieder mehr Transparenz und Möglichkeiten zur Mitgestaltung fordern. „Ich habe die Weisheit nicht mit Löffeln gegessen. In vielen Bereichen sind meine Mitarbeiter besser. Sie also einzubeziehen macht unser aller Leben einfacher.“ Früher, so erinnert sich Hahn, habe er sich mit Angestellten angelegt und sie in ihre Grenzen gewiesen. Heute zeigt er sich im Teammeeting offen und vertraut darauf, dass die Gruppendynamik so manches regelt. „Wir diskutieren auf Augenhöhe und ich höre mir gerne Vorschläge an. Bei alledem muss klar sein, dass es Business ist und kein Ringelpietz mit Anfassen.“

Jochen Hahn Bite AGGemeinschaft stärken, sich austauschen, im Sommer jeden Monat ein gemeinsames BBQ machen. Wenn es die Zeit erlaubt, kocht der Chef für sein Team. Jochen Hahn hat verstanden, dass sich die Arbeitswelten wandeln: „Erfolgreiche Firmen wie Apple und Google machen es vor. Ich hänge zwar keine Hängematten im Büro auf, aber bin einfühlsam und schaue, was sich verändern muss. Ich will wissen, was die anderen denken und sich wünschen, wo sie sich hin entwickeln wollen.“

Ob für das Teambuilding auch die vielen kleinen bunten Gummitiere dienen, die das Regal in Jochen Hahns Büro bevölkern? Runde graue Elefanten, Disneys Pluto, Bälle, Schweinchen und ein Nashorn haben es sich hier gemütlich gemacht und warten auf ihren Einsatz. „Die gehören alle Marcus!“ Das Spielzeug hat also nichts mit dem Vorstandsvorsitzenden zu tun – dafür aber mit seinem wichtigsten Mitarbeiter. Der braucht nämlich zwischendurch immer mal etwas zum Spielen oder zum Fokussieren, zur Ablenkung oder zur Erheiterung. Marcus ist ein treuer Begleiter des Unternehmers. Er darf manchmal zu Kundenterminen außer Haus den Chef begleiten. Auch beim Anwendertreffen und auf Messen ist er immer dabei – als Security-Chef auf vier Pfoten. Im Büro hat er sogar seinen angestammten Platz inklusive Kuschelecke direkt neben dessen Schreibtisch. Marcus, der Mischling, hat nicht nur in Jochen Hahns Leben seinen besonderen Stellenwert, sondern eben auch im Geschäftsalltag. Der schwarzhaarige Vierbeiner mit den blonden Strähnen gehört fest zur Bite-Familie.

Jochen Hahn Bite AGWie in jeder Familie geht es auch in einem Unternehmen mal aufwärts und mal abwärts. Dass eine Softwareentwicklung sehr zeitintensiv ist und der Prozess wahre Berge an Geld verschlingt, das gehört zu Hahns prägendsten Erfahrungen. „Man ist immer gefangen zwischen dem Wunsch nach schnellerer Entwicklung, damit verbundenen höheren Kosten und dem real erzielbaren Umsatz am Markt.“ Jahrelang hatte der Unternehmer einen steinigen Weg zu meistern. Erst nach sechs Jahren erreicht er den Breakeven, doch auch danach hatte er immer wieder mit Höhen und Tiefen zu tun. „Von dem ersten Geld, das ich nach der Anfangszeit an harter Arbeit verdiente, kaufte ich mir ein Motorrad. Es sollte eine Harley werden – doch es reichte nur für eine Yamaha. Die Maschine habe ich heute noch. Wenn mir alles zu viel wird, setze ich mich auf das Bike und reite in den Sonnenuntergang.“

Jochen Hahn Bite AGRaus aus der Krise, raus aus dem wirtschaftlichen und seelischen Tief, endlich die Kurve kriegen. Von Rückschlägen, von denen es in 20 Jahren genügende gab, ließ sich Jochen Hahn nie aufhalten. 2010 kam dann die Entscheidung für eine Software-Neuentwicklung. Obwohl er genau das nicht mehr machen wollte, erkannte er die Sicherheitsbranche als interessante Branche und investierte hier seine Power und sein Knowhow. „Ich habe meinen Schwur zwar nicht gehalten, doch das war die richtige Entscheidung.“ Seine Branchensoftware DISPONIC, an der er sechs Jahre entwickelte und mehr als zwei Millionen Euro investierte, begleitet Wach- und Sicherheitsdienstleister in ihrem komplexen Arbeitsalltag. Anstatt einem unpersönlichen Support per Hotline gibt es bei der Bite AG für die Kunden einen direkten Draht zum Entwickler, die individuelle Ansprache gehört zum Service und bietet echten Mehrwert. Nicht am Bedarf vorbei, sondern mit echtem Praxisbezug weiter entwickeln – das ist der Anspruch, den das Unternehmen hat.

Jochen Hahn Bite AGGerade klingelt das Smartphone. Der Klingelton ist die Erkennungsmelodie vom Tatort. Ob an dem Mann mit den auffallend bunten Hemden und den noch auffälligeren außergewöhnlichen Schuhen ein guter Kommissar verloren gegangen ist? Tatsächlich geht Jochen Hahn mit geschärften Sinnen durch seinen Tag. Er nimmt intensiv wahr, sammelt Eindrücke und formt sie zu Gedanken, hinterfragt und durchleuchtet. „Die Frage, die mich24 Stunden am Tag umtreibt, heißt: Wie kann ich dieses oder jenes für uns in der Firma verwenden? Mit meinen vielen Ideen treibe ich dann meine Mitarbeiter in den Wahnsinn.“ Vielleicht sind es auch die vielen negativen Erfahrungen und der lange harte Weg zur Marktführerschaft, die ein solches Verhalten hervor rufen – immer auf dem neuesten Stand zu sein, sich bewusst inspirieren zu lassen und niemals auf einem Status Quo auszuruhen. „Am Tag meiner Hochzeit sagt meine Mutter zu meiner Frau: Mit dem wird es dir nie langweilig. Heute versteht sie, wie es gemeint war.“

Jochen Hahn Bite AG2014 kam dann das finanziell schwierigste Jahr in der Firmengeschichte. Seither geht es mit der Bite AG steil bergauf. Das Risiko hat sich gelohnt, davon ist Hahn überzeugt. Und auch davon, dass die nächste Konjunkturdelle bestimmt kommen wird und jeder Unternehmer solche Krisen immer mit einplanen sollte. „Rückschläge haben mich geprägt. Klar könnte man im Nachhinein darauf gerne verzichten. Doch bei jedem Fehler in meinem Leben habe ich auch viel gelernt. Sonst wäre ich nicht der, der ich heute bin. Und ich weiß, dass ich mich auf mich und meinen Einsatzwillen immer verlassen kann.“


Mein Motto:
„Ein wahrer Entrepreneur ist ein Macher, kein Träumer.“ (Nolan Bushnell)
Das wollte ich als Kind werden:
Koch
Meine besonderen Stärken:
Ausdauer, täglich neue Ideen entwickeln und von anderen lernen
Ein besonderer Charakterzug:
Ich versuche jeden Tag viel Spaß zu haben und mein Leben zu genießen.
Das zeichnet mich als Mensch aus:
Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Vertrauen
Das zeichnet mich als Unternehmer aus:
Ausdauer, guter Verkäufer und verlässlicher Partner sein
Mein Tipp für Jungunternehmer:
Durchhalten! Ohne Fleiß kein Preis…
Mein Ratschlag für alle anderen Unternehmer:
Konzentration auf den Verkauf, denn das ist der Motor der Firma. Verkauf ist Vertrauenssache – und Vertrauen schafft man auf einer sehr persönlichen Ebene.
So sieht ein perfekt funktionierendes Unternehmen aus:
Alle Mitarbeiter haben Spaß und arbeiten voll motiviert an einem gemeinsamen Ziel. Das hat Strahlkraft für Kunden und Lieferanten. Das bereitet den Nährboden für Kreativität und Ideen – und bringt letztendlich den Erfolg.
Meine Sammel-Leidenschaft:
Bade-Entchen. So kann ich mit der Queen, Sissi und Angela Merkel gleichzeitig baden…
Meine Methode um abzuschalten:
Augen zu und schlafen.
Hier mache ich gerne Urlaub:
im Allgäu
Das habe ich letztes Wochenende gemacht:
Ich war mit dem gesamten Team bei der Formel 1 am Hockenheimring. Seit etwa einem Jahr ist das unser Kunde – mehr als 1000 Mitarbeiter werden an den Renn-Wochenenden mit unserer Software geplant und abgerechnet.
Mit dieser bekannten Persönlichkeit würde ich gerne einen Abend verbringen:
Elon Musk. Ich würde mich gerne über seine Visionen unterhalten und mich von ihm anstecken lassen.
Wenn ich ein Tier wären, dann:
ein Pinguin – die ziehen sich immer so schön an
Das Geheimnis meines Erfolgs:
Ausdauer, niemals aufgeben und trotz Erfolg immer auf dem Boden bleiben.
Das tue ich um abzuschalten:
Im Auto höre ich Hörbücher, vor allem Krimis. Und Sonntagabends ist der Tatort Pflichtprogramm.

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