Hidden Champions

Hella Kohlhof

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Lesezeit ca. 15 Minuten

Das Zeug zum Entrepreneur!

Hella Kohlhof: So geht unser Unternehmen an die New Yorker Börse

Krank sein will niemand. Besonders schlimm wird es dann, wenn es sich um eine schwere Erkrankung handelt, die das Leben massiv verändert. An Medikamenten gegen solche Erkrankungen forscht unser heutiger Hidden Champion: Hella Kohlhof ist Chief Scientific Officer bei der Immunic AG. Doch sie ist dort nicht einfach zur Entwicklung neuer Arzneien gegen Autoimmunerkrankungen angestellt, sie ist selbst Mit-Gründerin des Unternehmens. Wie wird man von der Laborassistentin zur promovierten Biologin und zur Unternehmerin? Hella hat mit uns darüber gesprochen und uns auch vom Börsengang in den USA erzählt.

Außerdem sprechen wir über angemessene Preise für Medikamente, die in der Entwicklung gerne mal über 100 Millionen Euro kosten und wie man Investoren in sein Unternehmen holt, ohne die Kontrolle aus der Hand zu geben. Der Börsengang war ein großer Schritt für die Naturwissenschaftler, die zu Unternehmern geworden sind. Dennoch würde Hella diesen Weg immer wieder gehen. Ihr Erfolgsrezept ist erstaunlich einfach: Mach, was Dich interessiert, dann wirst Du auch gut sein! Dabei bleibt Hella nie auf ausgetretenen Pfaden, sondern bleibt immer offen und traut sich, neue Sachen auszuprobieren. Das war schon immer ihre Philosophie. Was das alles mit Hellas Vater, der neugierigen Frage einer Praktikantin bei ihrem alten Arbeitgeber und einem Wäschetrockner zu tun hat, erfährst Du im Interview.

Interview mit Hella Kohlhof

Johannes: Herzlich willkommen zurück zu einer neuen Folge von Hidden Champion. Heute habe ich einen ganz besonderen Gast. Sie trägt den Titel CSO, was weder Chief Sales Officer noch Chief Safety Officer bedeutet, sondern Chief Scientific Officer, denn sie arbeitet an Medikamenten in der klinischen Phase, das heißt, die Phase, in der neue Medikamente an Menschen erprobt werden, um ihre Verträglichkeit und Wirksamkeit sicherzustellen.

Wie es ist, wenn Jahre an Arbeit abhängig von den eigenen Ergebnissen sind? Was bedeuten Erfolg oder Fehlschläge für das börsennotierte Unternehmen und vielleicht auch für den eigenen Kopf? Das erfahren wir jetzt. Herzlich willkommen, Helga Kohlhof! Schön, dass ich heute bei Dir in München sein darf und ich bin sehr gespannt, was Du mir so heute alles erzählen wirst.
Erzähl doch mal in ein paar Sätzen: Was macht ihr eigentlich?

Hella: Wir machen Medikamenten-Entwicklung im Bereich Autoimmunerkrankungen, also zum Beispiel Multiple Sklerose, Psoriasis, also Schuppenflechte und momentan auch noch Zöliakie. Wir haben angefangen, uns neue Strukturen zu überlegen, die für die Erkrankung wichtig sind. Haben dann Small Molecules, also sogenannte Mod Molecules entwickelt, also kleine chemische Moleküle, die einen Einfluss auf diese Strukturen haben. Die haben wir dann in Zellen getestet, dann im Tiermodell und schließlich mit unserem CMC-Team quasi in verabreichbare Formen gebracht, wie Tabletten oder Kapseln. Das testen wir jetzt gerade am Menschen und hoffentlich haben wir dann in ein paar Jahren, etwa in vier, ein zugelassenes Medikament gegen Multiple Sklerose.

Johannes: Das hört sich nach einer total langen Arbeit an, weil das muss man ja erst mal entwickeln.

Hella: Ja, absolut. Also wir hatten den Vorteil, dass wir die Firma gegründet haben und da haben wir einen Asset Deal mit unserer vorherigen Firma gemacht und haben zwei Projekte rausgekauft. Das heißt, wir haben da nicht bei null angefangen, sondern da hatten wir schon ein Medikament. Das war schon mal in einer leicht anderen Form getestet worden und da konnten wir darauf aufbauen.

Johannes: Euch gibt es auch noch gar nicht so lange, oder?

Hella: Seit 2016, da haben wir uns gegründet.

Johannes: Okay, mit wie viel Mann?

Hella: Wir waren zu viert: zwei Chemiker, ein Mediziner und ich als Biologin. Wir sind bei null gestartet. Wir haben beschlossen, wir wollen es machen, haben mit Investoren gesprochen, weil man das ja finanzieren muss, haben quasi parallel zur Finanzierung diesen Asset Deal gemacht und haben da losgelegt.

Johannes: Und heute seid ihr sogar gelistet, ihr seid Aktiengesellschaft im Nasdaq.

Hella: Genau, seit Donnerstag.

Johannes: Wie kriegt man das nach so einer kurzen Historie hin?

Hella: Also wir haben ja, wie gesagt, die Firma 2016 gegründet und haben immer gesagt, irgendwann müssen wir ja mal gucken, dass wir mehr Geld reinkriegen, damit wir die ganze klinische Entwicklung auch machen können und hatten die Überlegung, das am europäischen Börsenmarkt zu machen, also am Euronext oder als Alternative am Nasdaq in den USA. Das dauerte so ungefähr ein Jahr, bis wir alles vorbereitet hatten, um das zu machen. Dann waren wir im Januar 2018 und es war völlig klar: Wir wollen mit unseren Sachen auch Phase-3-Studien machen und das lässt sich über eine private Aktiengesellschaft nicht finanzieren, denn das sind Studien, die kosten über 100 Millionen Euro. Da braucht man wahnsinnig viele Patienten und die dauern einfach lange und verschlingen ein irres Geld. Da haben wir überlegt, wie wir es finanzieren können.

Wir kamen gerade zurück von einem Besuch in Paris, wo wir mit Investoren und einer Bank gesprochen haben, und hatten da gleichzeitig das Angebot einer amerikanischen Bank, die im Prinzip eine Firma gesucht hat, die mit einer anderen Pharmafirma, die schon gelistet war, verschmelzen wollte und damit den Investoren, die in diese andere Firma investiert hatten, wieder einen Wert zu geben, denn da gab es keine Projekte, weil deren Projekt abgestürzt war. Das haben wir dann sehr witzig zwei Stunden lang wild diskutiert und haben dann gesagt okay, wir versuchen das mal mit dem Reverse Merger. Also so heißt das, wenn quasi eine amerikanische Firma, die börsennotiert ist, eine Bank beauftragt, um irgendwie den Aktionären diesen Wert zu erhalten oder Mehrwert zu generieren. Die Bank wird beauftragt, andere Firmen zu finden, die interessant sein könnten, um mit ihren Projekten da reinzukommen. Dann waren wir auf der Liste und haben uns beworben. Das war damals ein irrer Aufwand, diese ganzen Dokumente zusammenzustellen und wir haben uns dann entschieden, dass wir das jetzt machen. Wir haben das eingereicht, diese Bewerbung und sind dann Zweiter geworden – also erster Verlierer.

Johannes: Nicht genommen?

Hella: Nicht genommen. Also das waren, ich weiß gar nicht, 50 Firmen, die da ihre Bewerbung abgegeben haben und wir sind Zweiter geworden. Was eigentlich für so eine kleine deutsche Klitsche schon ganz gut war, fanden wir. Aber hilft halt nichts, wenn man nur Zweiter wird und nicht Erster, denn dann hat man nichts mehr drin. Wir haben dann hinterher festgestellt, dass das so ein Deal war, den die vorher schon eingetütet hatten. Also hätten wir eh keine Chance gehabt und wir waren relativ frustriert, ehrlich gesagt. Aber dann kam etwa zwei Wochen später die nächste Bank und sagte: „Hey, wir haben hier was für euch und wollt ihr nicht mitmachen?“

Johannes: War das so eine ähnliche Konstellation?

Hella: Genau, eine Hülle, die da war. Die Hülle, war von der Firma, die ihre Phase-3-Studie leider nicht geschafft hat und damit kein Projekt mehr hatte und die andere Bank kam auf uns zu, hat gesagt: „Hier wollt ihr?“ Dann haben wir erst gesagt: „Boah nee, jetzt nicht, das wird wieder nix und nervt.“ Aber dann sagt mir ein Kollege: „Hey, wieso? Ich muss doch nur den Namen austauschen, das mach‘ ich ihn zehn Minuten und dann reichen wir das ein.“ Dann haben wir einfach gesagt: „Okay, Scheiß drauf. Wir machen das jetzt einfach.“ Und dann haben wir es gemacht. Das war dann schon noch eine Menge Aufwand. Aber tatsächlich, es hat funktioniert. Wir haben dann am 6. Januar 2019 bekannt gegeben, dass wir einen Reverse Merger mit der Firma machen wollen und dadurch halt ein Börsen-Listing kriegen. Nebenbei mussten unsere Aktionäre, also unsere Altaktionäre, noch mal kurz 30 Millionen finden und investieren, damit das Ganze fliegt. Haben sie auch geschafft. Dann sind wir im April 2019 offiziell ein börsennotiertes Unternehmen geworden – am Nasdaq.

Johannes: Hattet ihr Bedenken bei diesem Reverse Merger, dass vielleicht da andere Interessen im Hintergrund sind, die ihr jetzt nicht absehen könnt? Oder war es schon ganz klar, dass ihr dann eure Freiheiten trotzdem behalten könnt?

Hella: Na ja, also das war klar für uns. Also dieser Zusammenschluss mit der anderen Firma war ja im Prinzip so, dass wir die Hülle dieser Firma gekauft haben. Wir haben einen einzigen Mitarbeiter übernommen, also wir hatten am Anfang, glaube ich, noch drei oder vier, die dann die Buchhaltung und alles gemacht haben, denn die konnten das einfach schon und wir konnten es ja noch nicht nach dem neuen System. Und der eine, den wir übernommen haben, der ist auch immer noch Chairman of the Board. Also unser wichtigster Mann hier in der Firma.

Johannes: War der Schritt für Dich einfach, zu sagen: „Ich nehme das raus aus dieser alten Firma und wir gründen uns neu?“

Hella: Das schon. Also der Hintergrund war der, dass die alte Biotech-Firma die Auflage hatte, sich auf Onkologie zu fokussieren und das heißt, die zwei Projekte, die es im Bereich Autoimmunerkrankungen gab, die wurden da einfach auch nicht weiterentwickelt. Dann haben wir damals gesagt, die Projekte sind so cool, wir sollten da was draus machen und ziehen es da raus und gründen eine neue Firma.

Johannes: Wo geht die Reise für euch hin? Was steht jetzt auf dem Plan?

Hella: Letzte Woche waren wir in New York. Also ist nicht mehr viel Vorbereitung. Aber das sieht immer so aus, als wenn man das über Nacht machen würde. Wir haben es sogar von Sonntag auf Montag gemacht. Normalerweise telefonieren Investoren auch sonntags nicht. Die wollen auch ihre Ruhe haben. Aber das war offensichtlich interessant genug für die, wir haben 60 Millionen abgegrast. Das dient tatsächlich dazu, um die Phase-3-Studie, also die Zulassungsstudie für das Medikament gegen Multiple Sklerose, weiter vorwärtszubringen, bis wir dann hoffentlich 2025 fertig sind mit der Studie und dann ab 2026 die Zulassung beantragen können.

Das zweite Projekt, das wird gerade an Schuppenflechte, also Psoriasis, getestet, um da eine Phase-2-Studie machen zu können, also eine sogenannte Proof-of-Concept-Studie, um wirklich zu zeigen, das funktioniert. Wir sind jetzt gerade dabei und haben das an die Phase-1-Studie angeschlossen. Normalerweise guckt man in der Phase-1-Studie nur nach Sicherheit und Verträglichkeit des Medikaments und wie es im Körper verteilt ist, also einfach um so was zu lernen. Wir haben die Chance genutzt und haben quasi einen Patienten-Teil drangehängt, in dem wir ungefähr 40 Psoriasis-Patienten mit behandeln. Da kriegen wir Ende des Monats die Ergebnisse.

Johannes: Spannend. Was war der beste Rat, den Du je bekommen hast?

Hella: Der kam von meinem Vater, der war Handwerker: Man muss nichts als gegeben hinnehmen. Da ging es um den Anschluss eines Trockners in einer Mietwohnung. Er meinte: „Man muss hier nichts als gegeben hinnehmen!“ Es war eigentlich mehr so dieses, einfach keine Angst zeigen. Ja, wenn man es noch nicht ausprobiert haben, dann wissen wir es auch nicht.

Johannes: Das ist auch einer eurer Werte, die auf dieser Tasse stehen … Wenn Du jetzt so ein bisschen zurückblickst auf die letzten fünf Jahre, so viel ist es ja wirklich nicht: Was war die beste Entscheidung, die Du machen konntest?

Hella: Diese Firma zu gründen und sie einfach selbst voranzutreiben.

Johannes: Ja, und das hat auch richtig Bock gemacht, oder?

Hella: Genau, vom Angestelltenverhältnis in unsere neue Situation zu kommen und einfach mal richtig zu machen.

Johannes: Hattest Du das schon immer im Gefühl gehabt, Du möchtest mal Dein eigenes Ding haben?

Hella: Nein, gar nicht.

Johannes: Du bist Biologin?

Hella: Ja, ich bin Biologin. Es ist ja eigentlich völlig absurd, so was.

Johannes: Man guckt durch sein Mikroskop und so stelle ich mir jetzt irgendwie Biologie vor, wenn man Biologin ist. Obwohl, das war, glaube ich, mein schlimmstes Fach in der Schule …

Hella: Habe ich damals überhaupt nicht gedacht. Nach dem Abi habe ich eine Ausbildung als MTA gemacht, weil mit einer Ausbildung, da hat man was. Da habe ich auch nie daran gedacht zu studieren. Oder ich habe immer gedacht, studieren ist was für die anderen. Dann habe ich die Ausbildung gemacht. Die war super spannend. Hab dann zwei Jahre in der Routine-Diagnostik in Aachen im Klinikum gearbeitet, Virologie und Immunologie. Die Themenfelder waren spannend, aber der Job war dann nicht so spannend. Ich hatte das Gefühl, ich kann damit schlafen, im Hirn hingehen und schlafen, im Hirn wieder rausgehen und trotzdem einen sehr guten Job machen. Dann hab‘ ich gedacht: „Puh, hier muss irgendwas passieren.“ Dann hat mich tatsächlich eine Praktikantin, die damals bei uns im Labor war, darauf gebracht. Die hat dann gesagt: „Wie sieht so ein Virus eigentlich aus?“ Und dann habe ich gedacht: „Mist, ich weiß das nicht. Ich muss das, ich will das wissen!“ Dann habe ich Biologie studiert und wollte eigentlich nach dem Diplom aufhören, denn die Doktorarbeit ist ja totale Ausbeutung, was korrekt ist, aber es war so spannend, dass ich es machen wollte. Dann habe ich meine Doktorarbeit geschrieben, was eine sehr gute Entscheidung war, und habe dann tatsächlich bei dem Biotech-Unternehmen angefangen und habe dann das Onkologie-Labor aufgebaut, habe dann irgendwann die Verantwortung für eine klinische Phase-1-Studie übernommen und habe zum Schluss quasi alle Projekte da vorwärts getrieben. Und dann haben wir halt beschlossen: „So, jetzt mal unsere eigene Firma!“

Johannes: Wenn ich Dich gefragt hätte: War das immer schon ein Plan? Würdest Du sagen: Nein, überhaupt nicht?

Hella: Wahrscheinlich nein. Aber es war so dieses: Ich will das wissen und verstehen!

Johannes: Du hast immer Bock gehabt und warst auch wissbegierig und das hat Dich dahin geführt, wo Du heute bist. Wäre das eigentlich auch ein Tipp, den Du anderen geben würdest?

Hella: Genau. Einfach das machen, was einen interessiert und dann wird man auch gut drin, glaube ich.

Johannes: Wie habt ihr es denn damals geschafft, eure Rollen zu verteilen?

Hella: Ja, also, das war tatsächlich eine Diskussion am Anfang. Die großen Sachen waren völlig klar. Der Mediziner ist für die klinischen Studien zuständig. Ich bin für die Forschung zuständig. Bei den Chemikern gab es Daniel, als der selber diese andere Biotech-Firma schon gegründet hatte, vor 20 Jahren. Da war auch klar, der ist CEO und der andere Chemiker war im Prinzip für die ganze Chemie zuständig. Also das hört sich ja immer so einfach an und wenn man so eine Tablette in der Hand hat, weiß man ja nicht, wie viel Jahre Arbeit das ist, dass der Wirkstoff da drin ist und er, wenn man sie schluckt, auch wirklich im Körper verteilt wird. Also das ist echt eine Kunst, das zu machen. Die Rollen waren relativ schnell klar, aber eine Firma muss ja ein paar andere Sachen abdecken, wie zum Beispiel Finanzen. Das hat dann auch der Chemiker gemacht, der die für die Tabletten zuständig war. Personal hat damals unser CEO gemacht. Mittlerweile bin ich für Personal zuständig. Qualitätsmanagement habe ich dann gesagt: „Okay, mach‘ ich, weil ich diejenige bin, die weiß, wie wichtig das ist und ich übernehme das mal, dann wird es auch gut.“ Qualitätsmanagement ist superwichtig und es gibt wenige, die das gerne machen, denn es hat immer so den leichten Störfaktor. Da kontrolliert einer, das ist aber superwichtig. Okay, also das Visum Controller bei den Finanzen, der ist auch super wichtig. So haben wir uns dann die Jobs verteilt. Also, jeder hat ein paar Kröten zu schlucken und jeder durfte das machen, was er am liebsten machen wollte.

Johannes: Und heute entscheidet ihr immer noch allein?

Hella: Wir sind mittlerweile nur noch drei von den Gründern. Der eine ist schon ausgestiegen. Aber die absolut relevanten Entscheidungen, die machen wir hier im Management, also mit meinem Chemiker- und mit meinem Mediziner-Kollegen.

Johannes: Wenn man eine GmbH gründet und alleiniger Geschäftsführer ist, dann weißt man, wie es läuft, Du hast die eigene Verantwortung, Dir kann eigentlich keiner das Geschäft wegnehmen, aber sobald man eben börsennotiert ist, ist halt das Risiko schon da, dass dann vielleicht andere sich mehrere Anteile holen. Seid ihr das auch bewusst eingegangen?

Hella: Ja, absolut. Also Medikamentenentwicklung funktioniert nur mit viel Geld und ich habe jetzt privat nicht irgendwie 60 Millionen, die ich in so ein Medikament stecken kann. Nee, irgendwas aber ist okay. Aber das war völlig klar.

Johannes: Aber wie schützt ihr euch, die Firma, wie euer Baby?

Hella: Über Patente, ganz eindeutig und über die richtigen Investoren. Gegen eine feindliche Übernahme gibt es im amerikanischen System so was wie eine Poison Pill, wo nicht einfach einer kommen und die Firma verschlucken kann. Wenn wir ein Angebot von irgendeiner großen Pharmafirma kriegen, die uns für eine Milliarde aufkaufen möchten, würden wir es nicht mehr hergeben. Mittlerweile müsste es schon mehr sein. Aber dann können wir reden.

Johannes: Okay. Das heißt, die Poison Pill, die treibt den Preis dann so weit nach oben? Geht das über die Patente?

Hella: Genau. Unsere Projekte sind über Patente geschützt. Und da kommt man auch nicht drum rum. Also es kann jetzt nicht einer sagen: „Hey, cooles Molekül, ich synthetisiere es mal nach und mache meine eigene Entwicklung.“ Das geht nicht.

Johannes: Hast Du ein Lebensmotto?

Hella: Spaß haben.

Johannes: Glück und Spaß?

Hella: Ja. Funktioniert auch echt gut.

Johannes: Du fährst jeden Tag mit dem Fahrrad hier her?

Hella: An jedem Tag eine halbe Stunde hin, eine halbe zurück mit dem Fahrrad. Genau wie neulich jemand gefragt hat: „Ja, was machst Du denn bei Regen?“ Ich so: „eine Regenjacke anziehen.“ Das ist so ein bisschen wie Zähneputzen. Ich gehe halt morgens zu meinem Fahrrad und los!

Johannes: Hast Du einen Helden in der Wirklichkeit?

Hella: Ich durfte letzte Woche einen Nobelpreisträger in Medizin kennenlernen. Der war cool, aber auch nur ein normaler Mensch, habe ich festgestellt.

Johannes: Glaubst Du, eine glückliche Kindheit führt zum Erfolg?

Hella: Ich glaube, sie hilft auf jeden Fall. Also bei mir war es zumindest so. Ich hatte so ein Grundvertrauen. So dieses „Wird schon klappen“ und wenn es nicht klappt, dann muss man es halt anders probieren.

Johannes: Wie haben Dir das Deine Eltern weitergegeben?

Hella: Ich glaube, die haben mich einfach immer ganz viel machen lassen. Ausprobieren lassen, unterstützt, wenn es notwendig war, auch gesagt, können wir Dir jetzt nicht helfen, das musst Du allein machen. Ich habe noch drei Schwestern, mit denen ich aufgewachsen bin und das ist auch cool.

Johannes: Bist Du die Jüngste?

Hella: Nee, die Vorletzte bin ich. Da war schon ein bisschen Erziehung auch unter untereinander. Das ist, das merke ich, wenn ich meine Kinder anschaue. Ich habe auch drei Kinder und die beschäftigen sich auch ziemlich gut untereinander, da muss man gar nicht mehr viel machen. Also man muss schon mal was sagen, aber trotzdem ist eine sehr hohe Eigendynamik drin. Das, glaube ich, wäre nicht so, wenn man nur ein Kind hätte. Das Lustige ist aber auch, dass das immer so bleibt. Meine große Schwester bleibt immer meine große Schwester und meine kleine immer meine kleine Schwester. Um wen muss ich mich kümmern? Wer kümmert sich um mich? Das ist echt lustig.

Johannes: Wenn Du einen Tipp geben könntest, an jemanden, der vielleicht auch direkt davor steht, in die Selbstständigkeit zu gehen, was würdest Du denen mit auf den Weg geben wollen?

Hella: Einfach immer offenbleiben und sich trauen, Sachen auszuprobieren. Also die Situation haben wir tatsächlich manchmal, weil wir auch mit Start-ups sprechen oder mit Wissenschaftlern, die selber was machen wollen. Dann sagen wir immer: „Ja, das hat bei uns gut funktioniert, das heißt aber nicht, dass es bei euch jetzt auch funktioniert.“ Aber zum Beispiel eine Firma, die im Biologie-Bereich nur Service anbietet, das ist echt ein hartes Brot. Wenn man die Chance hat, dann selber Medikamenten-Entwicklung zu machen, ist die Bewertung einer Firma schon mal ganz anders. Also wenn ich die Möglichkeit habe, würde ich das immer koppeln.

Johannes: Was hältst Du von dem Spruch: Schuster, bleib bei Deinem Leisten?

Hella: Da bin ich zwiegespalten. Wenn einer das kann, dann soll er das auch bitteschön so weitermachen. Aber auf der anderen Seite wird man ja nie was anderes machen, wenn man wirklich nur bei seinem Leisten bleibt, statt mal den coolen vom Nachbarn auszuprobieren.

Johannes: Das sieht man ja auch bei Dir ein bisschen. Ich meine, wenn man aus der Forschung kommt und dann auf einmal dieses ganze Spielfeld vor sich hat. Und dann musst Du lernen zu spielen.

Hella: Ja, genau. Wenn ich mich mit Wissenschaftlern unterhalte, macht das einfach nur Spaß und ich lerne immer wahnsinnig viel und dann kann man das gleich auch wieder anwenden. Bei Investoren ist es natürlich auch so, das sind ja so meine eigentlichen Gesprächspartner. Die ballern mich ja immer mit Fragen voll, weil sie verstehen wollen, wie unsere Moleküle funktionieren. Das macht wahnsinnig Spaß. Da hört man dann über die Fragen, die die stellen, wie ich mich für nächstes Mal vorbereiten sollte. Also es ist immer schon so ein Lernprozess, der echt Spaß macht.

Johannes: Ihr entscheidet dann auch selbst, wer dann als Investor dazu genommen wird?

Hella: Also mittlerweile schon, am Anfang nicht. Wie gesagt, wir hatten jetzt gerade die Kapitalerhöhung von 60 Millionen und da haben wir auch im Titel der Pressemitteilung „Oversubscribed“ stehen. Wir hätten deutlich mehr einnehmen können, als wir dann genommen haben. Das heißt, das Interesse der Investoren war wahnsinnig hoch.

Johannes: Habt ihr bewusst welche nicht genommen?

Hella: Wir haben die meisten Investoren, mit denen wir vorher in Kontakt waren, genommen, aber die durften dann zum Beispiel nicht 20 Millionen investieren, sondern halt nur drei, damit das Gesamtpaket nicht zu groß wird.

Johannes: Also das heißt, die Macht, die dann ein Einzelner hat, sollte unter einem gewissen Prozentsatz liegen?

Hella: Ja, das war wichtig für uns und wir wollten halt die Runde auch nicht so groß machen, weil unser Aktienpreis irgendwie bei 4 Dollar lag. Ich habe vorhin gesehen, wir hatten vor zwei Jahren eine Kapitalerhöhung, da lag der Aktienpreis bei 18 Dollar. Das heißt, wenn ich jetzt neue Investoren zu dem ganz niedrigen Shared Price reinlasse, dann haben die plötzlich über die Hälfte der Aktien. Also diese neue Gruppe und die alten sind ein bisschen unglücklich mit uns, wenn die so verdünnt worden sind. Deswegen müssen wir das schon ein bisschen steuern, wie viel wir wirklich einnehmen. Wir hätten auch mehr Geld gebrauchen können, so ist es nicht.

Johannes: Weil so eine klinische Phase-3-Studie schnell mal 100 Millionen verschlingt?

Hella: Genau.

Johannes: Es ist super interessant, mal diesen Einblick zu bekommen, der bisher mir eigentlich verwehrt geblieben ist, weil es einfach ein ganz anderer Bereich ist, an den man auch nicht so schnell rankommt, finde ich. Auch in dieser frühen Phase, ich meine, so schnell und so lebhaft, voller Neugierde und Arbeit, die ihr hier reingesteckt habt. Auf einmal steht ihr da und seid gelistet und jetzt geht es darum, die Sachen auf die Straße zu kriegen.

Hella: Genau, das Medikament, die Phase 3, erfolgreich zu machen und dann ne Zulassung zu kriegen.

Johannes: Wahrscheinlich ist es auch ein Medikament, das sehr früh eingesetzt wird und nicht erst im späten Zeitraum, oder?

Hella: Tatsächlich ist es bei Krebsmedikamenten so. Da sagt man immer, First Life, Second Life. Da ist genau vorgeschrieben, was man wann kriegt. Bei Multipler Sklerose gibt es so eine Regelung nicht. Ich weiß gar nicht, wie es in Deutschland ist, ehrlich gesagt. Aber in Amerika ist es so, dass im Prinzip die Krankenversicherung sagt, was sie Dir zahlen: „Wenn bei Dir Multiple Sklerose diagnostiziert wird, zahlen wir Dir das erste Generikum, was Du nehmen musst. Wenn das irgendwie nicht funktioniert und die Erkrankung weiter fortschreitet, dann kannst Du ein anderes Medikament nehmen.“ Also die sind wahnsinnig kostengetrieben und sagen: „Jetzt nimmst Du erst mal das, das funktioniert bei manchen, wenn es nicht funktioniert, kannst Du das nächste nehmen.“ Deswegen können wir im Prinzip mit unserem Medikament schon relativ früh in die Patienten. Aber ich meine, es ist eine lebenslange Erkrankung. Bei vielen wird die mit Mitte oder Ende 20 diagnostiziert.

Johannes: Aber wirklich dann merken tut man es ja dann…

Hella: Manche merken es sehr früh. Also viele merken es, glaube ich, weil sie einfach einen ersten Schub haben. Der klingt dann wieder ab, aber das merkt man, was weiß ich. Man kann plötzlich für eine bestimmte Zeit nicht mehr sehen. Oder man fühlt nichts mehr oder man kann nicht ordentlich laufen. Dann gehen die meisten zum Arzt und sagen: „Hey, da stimmt was nicht.“ Bis dann die Diagnose gestellt wird, dauert es ein bisschen, aber dann gibt es tatsächlich in Amerika viele Patienten, die sagen: „Nö, ich lasse mich gar nicht behandeln mit diesen ganzen Nebenwirkungen, so schlimm ist er nicht.“ Und dann ist halt die Frage, ob man dann sagt: „Ja, jetzt ist nicht so schlimm“, aber wir können halt das Fortschreiten der Erkrankung aufhalten. Aber heilen kann man das nicht. Man verhindert einfach, dass das fortschreitet. Und ich meine mit dieser Kombinationstherapie, die man für HIV verwendete, die funktioniert da echt gut.

Johannes: Mittlerweile habt ihr auch den Preis für das Medikament, dann eben in eigener Regie, oder?

Hella: Ja, da macht man immer so eine grobe Abschätzung. Okay, was kosten denn die anderen Medikamente am Markt? Als Billigheimer wollen wir da auch nicht durchgehen und wir müssen ja irgendwie auch unsere Investitionskosten wieder reinkriegen.

Johannes: Aber das ist eine der Sachen in der Schublade?

Hella: Ja, genau. Die müssen aber auch noch bis da hinkommen und bis dahin wird noch eine Menge Geld verschlungen. Aber es gibt schon so Prozesse, wo man sagt, Antikörper-Therapien kosten soundsoviel. Normalerweise sind es mehr Moleküle. Diese gängigen Medikamente sind in der Herstellung viel günstiger. Das heißt, da hat man noch nicht so riesigen Preise. Aber ich glaube, das Medikament, womit wir uns vergleichen, das hat 80.000 € Therapiekosten im Jahr. Das muss aber erst mal eine Krankenkasse zahlen.

Johannes: Hast Du einen Mentor?

Hella: Ich glaube keinen offiziellen Mentor, aber ich habe so einen Sparringpartner. Das ist der Daniel, mit dem ich die Sachen einfach diskutieren kann. Wir haben auch ein Büro zusammen.

Johannes: Hella, vielen Dank für die Einblicke.

Hella: Danke ebenfalls. Hat sehr viel Spaß gemacht.

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