Hidden Champions

Djordje Nikolic

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Lesezeit ca. 29 Minuten

Wann ist ein Unternehmen gesund?

In Menschen investieren

„Ist hier ein Arzt?“ Ja, im neuen Interview von The Hidden Champion! Djordje Nikolic hat Medizin studiert und danach, wie die meisten seiner Kollegen, in Krankenhäusern gearbeitet. Daran störte ihn, wie ebenfalls die meisten seiner Kollegen, dass seine Arbeitskraft und die der anderen Mitarbeiter zu einem zu großen Teil für Aufgaben drauf ging, die eigentlich gar nicht notwendig waren. Djordje wollte etwas ändern und entschloss sich zu einem mutigen Schritt: der Gründung der consus clinicmanagement GmbH. Heute berät sein Unternehmen Kliniken in ganz Deutschland und hilft so, dass Management aber auch den Arbeitsalltag der Ärzte, Pfleger und anderen Mitarbeiter zu verbessern. Im Interview hat er uns verraten, warum er bei der #unternehmensgründung auch ein bisschen Glück hatte, wie er sein Unternehmen durch die #Covid19-Pandemie gebracht hat und wie er es gesund erhält.

Djordje Nikolic wurde es keinesfalls an der Wiege gesungen, dass er einmal sein eigenes Unternehmen mit über 130 Mitarbeitern führen würde. Seine Eltern haben ihm das Studium ermöglicht, aber sein Unternehmen hat er sich selbst aufgebaut. „Die wenigsten Unternehmer haben wirklich selber gegründet, und vor allem haben nie eigenes Geld dafür gehabt, sondern sie sind meistens irgendwie so zweite, dritte Generation, basierend auf irgendwas“, berichtet er uns. Trotz seines Erfolgs ist es im am liebsten, wenn die Leute in ihm weiter „Djordje von nebenan, den kleinen Bengel vom Dorf“ sehen. Doch natürlich ist er das heute nicht mehr. Djordjes Unternehmen ist in der Pandemie durch eine schwere Krise gegangen, dass es heute dennoch da ist, schreibt er nicht nur seinem Geschick und seiner #Mitarbeiterführung zu. Was sonst noch eine Rolle gespielt hat, erfährst Du im Interview.

Interview mit Djordje Nikolic

Johannes Wosilat: Willkommen zurück zu einer neuen Folge von The Hidden Champion. Heute bin ich zu Gast bei Dr. Djordje Nikolic, dem Gründer von consus clinicmanagement. consus ist ein Management- und Beratungsunternehmen im Gesundheitswesen, und ein Hidden Champion der Gesundheitswirtschaft. Heute hat consus mehr weitaus mehr als 100 Mitarbeiter und fünf Standorte in Deutschland. Wie ihm das alles gelang, wie schnell er das schaffte, was dabei nach Plan lief und was vielleicht auch nicht, das hören wir jetzt von Djordje selbst. Hallo Djordje, wie geht es Dir?

Djordje Nikolic: Hallo, Johannes. Sehr gut, vielen Dank.

Johannes Wosilat: Was war der beste Rat, den Du je bekommen hast?

Djordje Nikolic: Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, das kann man gar nicht nur beruflich oder privat sehen, sondern das muss ich auf beides beziehen. Ich glaube, der beste Rat war gewesen: Das letzte Hemd hat keine Taschen. Mit anderen Worten: im Hier und Jetzt leben.

Johannes Wosilat: Bist Du ein Lebemensch?

Djordje Nikolic: Würde ich schon sagen, ja, und zwar beruflich wie privat.

Johannes Wosilat: Du lebst also Deinen Job?

Djordje Nikolic: Ja, auf jeden Fall, und zwar so, dass es mir auch Spaß macht. Ich hoffe auch, dass es den Mitarbeitern Spaß macht.

Johannes Wosilat: Ja, glaube ich. Was war Dein größter Fehler?

Djordje Nikolic: Ich glaube, der größte Fehler war, höchstens mal nicht auf den Bauch gehört zu haben. Ich habe mir zu eigen gemacht, dass der Kopf einen bemogeln kann, aber der Bauch, wenn der grummelt, dann sollte man nicht drüber weggehen. Und wenn ich Fehler bereut habe, in meinem Leben, dann waren das die, wo ich nicht auf den Bauch gehört habe. Da gibt es keinen konkreten Fall, aber das waren die Stellen, wo das Muster, nicht auf den Bauch zu hören, wo ich das gebrochen habe.

Johannes Wosilat: Bist Du ein Kopfmensch?

Djordje Nikolic: Ja, sehr. Aber ich kann davon abweichen, wenn mir irgendwas in mir sagt: „Das fühlt sich nicht gut an oder das fühlt sich sehr gut an.“ Es gibt im Volksmund so Dinge: ,,Ein gutes Bauchgefühl haben“ oder ,,Es schlägt auf den Magen.“ Ich bin so einer, der sehr aus der Bauchgegend agiert, aber das ganze muss so sein, dass der Bauch alleine mir nicht reicht. Es gibt Menschen, die können nur aus dem Bauch raus agieren, aber ich kriege den Kopf nicht ausgeblendet.

Johannes Wosilat: Also auch Zahlen sind dann natürlich wichtig, aber ein Konzept muss auch vom Bauch her passen…

Djordje Nikolic: Genau. Ich würde in Menschen investieren, in Kombination mit gewissen Zahlengerüsten. Es gibt andere, die können nur in Zahlen investieren, und messen auch Dinge nur an Zahlen, ich brauche die Kombination. Aber im Wesentlichen ist es so, dass der Bauch eben zur handelnden Personen eben passen muss, und damit bin ich ganz gut gefahren.

Johannes Wosilat: Kleine Abseitsfrage: Dein Unternehmen gibt es jetzt seit zehn Jahren, und wenn Du jetzt zehn Jahre zurückschraubst, und mal die letzten zehn Jahre betrachtest, waren die meisten wichtigen Entscheidungen, eher Kopfentscheidungen oder waren die aus dem Bauch heraus?

Djordje Nikolic: Die wesentlichen Entscheidungen waren Bauchentscheidungen. Also allein die Gründung ist eine Bauchentscheidung, dass man sagen muss: „Jetzt springe ich einfach mal, jetzt mache ich das einfach mal.“ Keiner sagt einem, wie es läuft und jetzt, mit Covid, muss man auch sagen, dass einen das auch noch mal nachdenklich gemacht hat, weil man so ein paar Kalkulationsgrößen eben anders eingeschätzt hatte – und das lief alles im Bauch. Im Übrigen auch die ganze Truppe zusammenzuhalten, zu motivieren, das sind alles Dinge, die kriegt man gar nicht irgendwie analytisch herbei, sondern die kriegst du hin, indem Du so redest, wie Du es auch denkst. Klar denkst Du mit dem Kopf, aber ich denke schon, dass ich ein sehr bauchgetriebener Mensch bin.

Johannes Wosilat: Wahrscheinlich auch, was die Mitarbeiter angeht, die müssen im Team passen

Djordje Nikolic: Ja, also ich habe eine sehr hohe Autonomie im Unternehmen, die Teams dürfen selber entscheiden, wer zu ihnen passt und ich habe erst ein einziges Mal ein Veto eingelegt. Das war nicht wegen der Fachlichkeit, da hätte es gepasst, sondern weil es in dem Fall, glaube ich, der Fingerhut gewesen wäre, der das ganze umgekippt hätte, was die Stimmung betrifft. Da haben bei mir alle Alarmglocken geschlagen. Wir haben mittlerweile auch so die Diktion, dass wir die richtigen Menschen suchen, also Fachlichkeit ist in unserem Bereich unabdingbar, aber wenn wir jemanden haben, der fachlich top ist und menschlich nicht passt, würden wir den nicht nehmen.

Johannes Wosilat: Wenn Du mal zurückgehst vor diese Zeit, bevor Du gegründet hast. Du hast einen Doktortitel, das heißt, du kommst aus dem Medizinbereich. Was hast Du vorher gemacht und warum bist Du da rausgegangen und machst heute das, was du jetzt machst?

Djordje Nikolic: Guter Punkt. Also ich habe im Medizinstudium immer schon sehr viel nebenher gemach, Tausend unterschiedliche Sachen: Kellnern, auf dem Bau, hatte einen Job in der Formel 1, ganz irre Sachen waren dabei gewesen. Ich habe also schnell gemerkt, dass man irgendwie die Miete bezahlt kriegt, wenn man fleißig ist im Leben. Gerade Kellnern war ein toller, ganz ehrlicher Job. Wenn Du freundlich bist zu den Gästen und zum Kunden, kommen sie wieder und dann geben sie auch Trinkgeld, also da habe ich sehr ehrlich gelernt, das Leistungsprinzip im Grunde kennenzulernen. Dann kam die Medizin und aus der Medizin habe ich mich wegbewegt, weil ich es nicht mehr ertragen konnte, wie unfassbar unsinnig Krankenhäuser organisiert sind. Also es leuchtete mir null ein, wieso wir uns von Patienten überraschen lassen, wieso wir auch vorangemeldete Bestellungen oder Einbestellung von Patienten nicht gut durchdacht haben. Wieso Ärzte unsinnige Tätigkeiten ausführen, wieso Pflegekräfte pflegefremde Tätigkeiten ausführen, die sie eigentlich gar nicht machen müssten, die andere machen könnten und das an anderen Stellen aber ärztliche und pflegerische Kapazität gefehlt hat.
Dann habe ich mich mal so ein bisschen umgeschaut und festgestellt, dass das nicht nur in meinem Krankenhaus der Fall war, sondern eigentlich die Regel gewesen ist und habe für mich entschieden: ,,In dem Muster möchtest Du nicht arbeiten, dieses Muster möchtest Du aber verändern.“ und habe mich dann zu einem privaten Krankenhausträger verändert und war da Krankenhausgeschäftsführer geworden und war so in das Management von Kliniken gegangen und konnte dann tatsächlich auch zumindest versuchen, Strukturen zu verändern und anzupassen und hoffe, dass das hier und da auch gelungen ist. Dann irgendwann kam die Entscheidung – das war eigentlich mit der Geburt unseres ersten Kindes zusammen –, dass wir Berlin, wo ich zuletzt gewesen bin, verlassen werden und aufs Land ziehen wollen und dann ergab ein Zufall das andere. Ich bin da ehrlich, man lässt sich natürlich gerne auch feiern für Dinge, aber hierfür kann ich mich nicht feiern, das war so nicht geplant. Also ich war in einer guten Zeit, glaube ich, an einem guten Ort, und habe ein gutes Netzwerk gehabt und vielleicht ein, zwei gute Ideen, aber es war nie geplant, dass es so groß wird, und jetzt macht es aber Spaß.

Johannes Wosilat: Das glaube ich dir sofort. Aber das heißt, Du hast nicht diese Vision gehabt, dass es so groß wird, sondern es hat sich einfach ergeben, ein Schritt nach dem anderen? Und von Berlin weg, hier nach Freiburg: Hattest Du Angst gehabt vor diesem Schritt? Ich meine, mit einem Kind, mit Verantwortung, Familie. Vielleicht fragt man sich, ob das alles gut geht. Hast Du Angst gehabt vor diesem Schritt, in die Selbstständigkeit zu gehen?

Djordje Nikolic: Witzigerweise sehr viel Demut und Ehrfurcht, aber keine Angst. Mit meiner Frau war das schon sehr klar besprochen. Wir hatten dann noch in der Gründungsphase nicht nur das erste Kind, sondern meine Frau wurde dann auch schnell schwanger mit dem zweiten Kind. Das ist natürlich dann irgendwie schon eine taffe Zeit, wenn Du wegziehst aus deinem ganzen Umfeld, und wenn Du wirklich genau niemanden hast, wo Du Dir dann auch mal Unterstützung herholen kannst. Es ist doch klar, es bleibt nicht aus, dass dann auch mal Frau oder Kind krank werden, das würfelt alles durcheinander, aber ich habe einen großartigen Support durch meine Frau, und dadurch war das eigentlich möglich. Die Größe war tatsächlich nicht geplant, also es war schon geplant, dass ich weiter wachsen möchte und verschiedene Bereiche des Krankenhausmanagements anbieten möchte, aber ich hatte damals eine Marketingagentur, die mich so ein bisschen unterstützt hat, die haben gefragt: ,,Wie groß willst Du denn werden?“, da habe ich gesagt: ,,Eines Tages vielleicht mal so 20, 25 Mitarbeiter“ und die hatten wir relativ schnell, und jetzt sind es 130, und wir stellen jeden Monat ein, also wachsen immer weiter, und das ist cool.

Johannes Wosilat: Ja, macht richtig Spaß, oder? Du würdest Dich selbst auch als mutig bezeichnen, nehme ich an, oder?

Djordje Nikolic: Auf jeden Fall. Also das merke ich immer dann, wenn ich mit meinem Umfeld, auch mit anderen Unternehmern, spreche. Die wenigsten Unternehmer haben wirklich selber gegründet, und vor allem haben nie eigenes Geld dafür gehabt, sondern sie sind meistens irgendwie so zweite, dritte Generation, basierend auf irgendwas. Ich muss wirklich sagen, ich komme aus einem nicht sonderlich wohlhabenden familiären Umfeld, es gab nichts, das ich da irgendwie vorgefunden hätte, ich bin mit null in das Studium. Das, was ich meinen Eltern wirklich zu verdanken habe, ist, dass sie mir das Studium finanziert haben, ansonsten habe ich immer für mich selbst gesorgt. Wenn ich jetzt sehe, wie mein Umfeld da agiert, dann ist die Normalität eben, dass man schon was hat und dass man nichts gefährdet. Insofern würde ich schon sagen, dass ich wahrscheinlich eher mutig bin. Ich selber sehe das so nicht so richtig für mich, weil es meine Normalität ist, aber wenn ich das schon abgleiche mit vielen anderen Unternehmern, würde ich schon sagen.

Johannes Wosilat: Bist Du jemand, der gut abgeben kann?

Djordje Nikolic: Das musste ich lernen. Es gibt eine Runde von Freunden, mit denen ich einmal im Jahr in den Skiurlaub fahre, sind fast alles Unternehmer, bis dahin eigentlich alle ganz erfolgreich, mittlerweile muss ich mich nicht mehr verstecken. Aber da war es so, dass ein guter Freund von mir, alter Schulfreund, mir sagte: „Du musst lernen abzugeben. Du musst lernen, dass Du nicht mehr jeden Auftrag selber schreiben kannst, und Du wirst auch Aufträge verlieren, die Du gekriegt hättest. Aber Du wirst welche kriegen, die Du nicht gekriegt hättest, die Dir geholt wurden. Das musst Du lernen, sonst wirst Du nicht unternehmerisch wachsen.“ Da habe ich hingehört und das stimmt. Seitdem glaube ich schon, dass ich ziemlich gut abgehen kann, wenn die Werte des Unternehmens vertreten werden.
Also es gibt Dinge, da quatsche ich immer noch mit rein. Da ist mir einfach wichtig, ich möchte nicht, dass wir einen Arbeitsvertrag auf irgendeinem billigen Papier ausdrucken, das aussieht wie Butterbrotpapier, durch das Du, wenn Du es vor das Licht hälst, durchgucken kannst. Da finde ich einfach, unsere Mitarbeiter verdienen, dass das anständig ist. Ich finde auch unsere Give-Aways, unsere Kulis, müssen vernünftig in der Hand liegen und im Übrigen auch nebenher schreiben, wenn man sie über Papier zieht. Bei solchen Sachen habe ich einen Knall, aber ansonsten, ich rede den Leuten überhaupt nicht rein, wie sie ihre Arbeit machen sollen. Also ich habe mich bemüht, Leute zu finden, die das, was sie tun, erheblich besser können als ich es kann. Was soll ich denen dann reinquatschen, wie wir Krankenhäuser bauen müssen? Das wissen die, das wissen unsere Architekten.

Johannes Wosilat: War das ein langer Prozess, das zu lernen? Ein Mitarbeiter, zwei, drei, da ist man noch sehr, sehr eng und muss sehr, sehr viel absprechen und dann kommt wahrscheinlich irgendwann der Punkt, da geht das auch gar nicht mehr, da sind so viele Projekte am Start, wo Du gar nicht mehr mitmischen kannst, oder?

Djordje Nikolic: Das ist absolut so, ja. Also ich lasse mich zum Teil freudig überraschen, wo wir überall tätig sind, das kriege ich zum Teil gar nicht mehr mit. Bei den großen Projekten natürlich schon, also bei denen, die eine sehr hohe Personalbindung haben oder aber die eine hohe Aufmerksamkeit haben, wo die Politik zum Beispiel involviert ist und wo jederzeit auch mein Telefon klingeln kann und ich dann natürlich sprachfähig sein muss. Ich interessiere mich natürlich auch dafür, so ist es nicht, aber man kriegt wirklich nicht mehr alles im Einzelnen mit. Ich glaube schon, dass der Prozess eigentlich einigermaßen schnell ging. Das liegt auch daran, dass ich davon überzeugt bin, dass starke Leute starke Leute um sich scharen, und ich habe durchaus sehr selbstbewusste Menschen um mich rum. Die wissen auch, wie sie mich managen müssen und haben mich, glaube ich, auch dahin erzogen, dass ich auch loslassen muss, weil der Deal auch einfach lautet: „Du weißt, was Du kannst. Du hast das jahrelang gemacht in dem Umfeld und möchtest jetzt von der Kette gelassen werden und es wirklich so machen, wie Du eigentlich immer überzeugt warst, dass es organisatorisch sinnvoll ist. Wenn ich Dir diese Luft zum Atmen dann organisatorisch wieder nehme, habe ich Dir Deinen Motor sozusagen gebremst.“ Das funktioniert sehr gut. Es ist so, dass ich wirklich Bereiche habe, da werde ich auch freundlich wieder ausgeladen, und gesagt: „Jetzt lass uns mal, wir wissen schon, was wir tun“ und ehrlich gesagt, so soll es sein, das ist top.

Johannes Wosilat: Hattest Du das Gefühl, als Du noch im Krankenhaus Arzt warst, dass Du ausgebremst wurdest?

Djordje Nikolic: Ein Krankenhaus ist ein extrem reguliertes Umfeld, und da wirst Du notgedrungen ausgebremst. Wenn Du diesen Rahmen aber erkennst und Dich innerhalb dieses Rahmens austobst, dann wird das sehr schnell wertgeschätzt, weil Du auch im Krankenhaus sehr kluge Leute hast. Man denkt dann immer gleich an die Ärzte, das ist mitnichten der Fall. Du hast im Labor, in der Pflege, überall hast Du kluge Leute und die haben die besten Ideen. Dann ist es eigentlich an dir als Geschäftsführer, dass Du das, was möglich ist, auch ermöglichst. Ich glaube, dass die Leute erkennen, dass Du ihnen eigentlich nur das Beste willst, innerhalb der wirtschaftlichen Notwendigkeiten, in denen Du Dich bewegst, aber dass es erstens überhaupt kein richtig und kein falsch gibt, sondern das gemeinsame Ziel erreicht werden muss und dass Du auch gar nicht schöner oder schlauer bist als die, und dass es um deren Alltag geht. Wenn Du sagst: „Mach es doch so, weil wenn ihr es nicht macht, muss ich es doch machen. Also macht ihr es doch besser, dass ihr euren Alltag bestimmt und organisiert“, dann wird das sehr schnell wertgeschätzt und das war auch das Feedback, das ich gekriegt habe, wenn ich die Klinik je wieder verlassen habe. Ich war im Konzern, das heißt Veränderung, auch Standortwechsel gehörten zur Karriere dazu, und insofern gab es auch dieses Element des Feedbacks beim Verlassen eines Standortes. Das habe ich versucht mit in die jetzt sehr, sehr viel freiere Welt zu retten. Also Krankenhaus ist sehr reguliert und reglementiert, auch durch Anforderungen, die das Land Dir macht, die die Kassen Dir machen und so weiter. Du bist tariflich sehr gebunden, also kannst Du nicht unternehmerisch so frei agieren. Wenn wir Zwei uns jetzt selbstständig machen und einen Blumenladen betreiben, dann können wir machen, was wir wollen: welche Blumen, so viele wir wollen, können bezahlen, wie wir wollen, so viele Mitarbeiter haben, wie wir wollen – das geht alles im Krankenhaus nicht. Die Farbe der Blumen ist festgelegt.

Johannes Wosilat: Das heißt, hier in Deinem Kosmos bist Du absolut frei, aber sobald Du mit Deinen Kunden arbeitest, gibt es da auch wieder Grenzen, die Du einhalten musst? Wahrscheinlich schon, oder?

Djordje Nikolic: Ja, schon. Und umso größer wir werden, desto mehr sind das auch so Grenzen, die mir gar nicht so gefallen sind. Du bist dann, wenn Du ganz große Projekte machst, wo das Land von mir aus mit involviert ist – es gibt auch Krankenhäuser, gerade die Unikliniken, die sind Landesbetriebe –, dann wird es weniger hemdsärmelig, es wird alles sehr viel formaler: Die Berichtspflichten, die Formalisierung. Das heißt, wir binden unsere guten Kapazitäten eigentlich im Erstellen von Powerpoints und irgendwelchen Excel-Dateien, wo wir in der Zeit auch richtig was bewegen könnten. Unser Team wühlt gerne im Matsch, wir wollen gerne einen Sumpf trockenlegen, wir wollen das System umsetzten, wir wollen nicht Powerpoints erstellen – gehört aber zum Spiel dazu.
Es gibt auch so was wie – Wie soll ich sagen? – Marktvergleiche, wo man sagt: „Ihr Wettbewerber bietet aber das an.“ Dann redest Du plötzlich nicht über das, was Sinn macht, sondern über das, was der Wettbewerber angeboten hat, hältst es vielleicht für inhaltlich totalen Quatsch und musst jetzt darüber reden und das Spiel mitspielen. Das ist natürlich nicht ganz so schön, aber ich kann – und das ist immer noch unser großer Trumpf – auch unserer Kunden gegenüber genauso auftreten, wie ich auch bin, und zwar kann ich, wenn die Tür zu ist, auch sagen: „Ich halte das für ziemlich Unsinn, was wir da gerade machen. Können wir alles machen, aber es ist eigentlich Quatsch. Ihr Problem liegt doch eigentlich ganz woanders.“ Das wird sehr geschätzt, weil wir eben von innen kommen. Also ich habe Krankenhäuser geleitet als Geschäftsführer und kann sowas sagen wie: „Lieber Herr Wosilat: wenn ich Sie wäre, glaube ich, hätte ich eigentlich ein ganz anderes Problem – wollen wir nicht darüber mal reden?“ Da fühlst Du dich schon irgendwie abgeholt.
Wenn ich jetzt aber der große Berater wäre und eigentlich gar keine Ahnung hätte, sondern nur mein Beraterhonorar habe, weil ich auch eine ganz andere Renditeerwartung zu erfüllen habe als bei uns, wäre das anders. Also wir leben auch nicht in der Schwerelosigkeit und wir müssen auch irgendwie zusehen, dass wir Kosten bestreiten, aber wir haben keine Renditeerwartung, keiner von uns kriegt einen Plan vorgesetzt und muss das erfüllen. Aus der Welt kommen wir alle, da haben wir alle – auf Deutsch gesagt – keinen Bock mehr drauf. Jetzt ist das so: Die Kohle folgt ihm schon von ganz alleine – er muss gut sein, muss überzeugt sein, muss seine Arbeit redlich und anständig machen, und das merken die Leute, und da werden wir rumgereicht. Insofern, ja, es hat sich ein bisschen was geändert, aber was immer noch passt ist, dass Ehrlichkeit in den meisten Fällen irgendwie auch belohnt wird.

Johannes Wosilat: Ich glaube auch, je größer die Verantwortung einer Person ist, desto mehr schätzt sie die Ehrlichkeit, weil viel Ehrlichkeit versteckt wird. Ich will hier keine Namen nennen, aber ich habe schon viele Unternehmer interviewt und da gibt es auch teilweise welche, deren Schatten ist überall und ich glaube, dass das ziemlich eingrenzen kann.

Djordje Nikolic: Du meinst bezogen auf mich, auch als Unternehmerperson?

Johannes Wosilat: Richtig, genau

Djordje Nikolic: Das ist definitiv so. Also wir haben jetzt mittlerweile eine Geschäftsführung bestehend aus vier Leuten. Klar ist natürlich, dass ich schon eine Sonderstellung in dem Ganzen auch habe und auch nach außen hin, das wird auch eingefordert. Bei bestimmten Gesprächen wird erwartet, dass ich mit dabei bin, gerade egal, bei wem das Projekt jetzt liegt. Das ist mir gar nicht so recht, weil ich das Unternehmen ganz bewusst namensunabhängig benannt habe, also ich möchte da gar nicht so eine große Rolle haben. Ein Unternehmen ist dann gesund, wenn es ein bisschen unabhängig ist von Einzelpersonen. Ein Unternehmen lebt von den Menschen, aber es ist nie gesund, wenn Du von einzelnen abhängig bist. Es wäre ungesund, wenn Aufträge immer an meiner Person hingen. Und ja, da hast Du recht, das versuche ich auch hinzubekommen, und auch da ist ein Wachstum erkennbar, dass ich denke, ich bin noch der Djordje von nebenan, der kleine Bengel vom Dorf, so ungefähr. Das ist natürlich, wenn Du größer wirst, was Du bei den Mitarbeitern aber so nicht mehr erwarten kannst, dass die Dich so sehen, sondern du bist dann der große Arbeitgeber, bei dem man sich dann irgendwie beworben hat, vielleicht auch, weil das Image am Markt gut ist. Und dann komme ich um die Ecke und denk immer, ich bin so hemdsärmelig, aber das musst Du erst mal hinkriegen, dass die Leute sehen: „Der will wirklich eigentlich nur, dass wir eine gute Sache machen, und es dabei noch Spaß macht.“

Johannes Wosilat: Ich glaube, Bock ist wichtig.

Djordje Nikolic: Ja, Bock ist das Wort.

Johannes Wosilat: Auf allen Ebenen, ja. Vorpreschen, aber immer mit Bock.

Djordje Nikolic: Ja, das ist so. Wir, Du und ich und alle hier, verbringen so viel Lebenszeit mit der Arbeit, das macht echt nichts, wenn es auch ein bisschen Spaß macht.

Johannes Wosilat: Das gehört dazu. Ich fand diesen Spruch so gut: „Finde etwas, was Dich begeistert und begnüge dich niemals mit etwas geringerem“ und das kann man auf alles setzen. Das kann man auf Menschen setzen, die auch Energie mitbringen und nicht nur Energie ziehen, mit denen man auf Augenhöhe ist, mit denen es einfach Spaß macht. Klar, alles ist nicht immer Spaß, man hat auch ernste Themen, aber ich glaube, wenn man mit mehr Spaß durch das Leben geht, das schadet auf allen Ebenen nicht.

Djordje Nikolic: Das ist so, und ich würde sogar noch ein Schritt weitergehen. Ich ermutige unsere Leute immer, ob im privaten Umfeld oder hier im geschäftlichen, zum Teil über die Grenze des Beruflichen hinaus, dass sie sich irgendein Interesse oder ein Hobby oder irgendwas suchen. Also sie dürfen nicht nur für Familie und für Job arbeiten, da muss es noch irgendwas anderes geben. Ich glaube, jeder hat irgendwelche Interessen. Der eine möchte fotografieren oder wollte schon immer fotografieren, der nächste geht gern wandern und wollte mal schon immer irgendwie vom Jakobsweg bis zu einer Alpenüberquerung oder so was machen. Ich unterstütze jeden Rahmen, der möglich ist, habe selber auch so ein, zwei Spinnereien, die ich weiterverfolge. Das meine ich mit: „Das letzte Hemd hat keine Taschen.“ Ich höre immer wieder, die Leute sagen: „Das mache ich mal, wenn ich in Ruhestand bin. Das mache ich mal, wenn ich 60 Jahre bin.“ Also ich muss sagen, wenn der Sensenmann morgen kommt und mich holt, habe nicht mehr viel vor mir. Alles, was jetzt kommt, ist Kür. Warum sollst Du was im nächsten Jahr machen, wenn Du es in diesem Jahr machen kannst? Warum nächste Woche, wenn Du es diese Woche machen kannst? Warum nicht eigentlich heute das Buch lesen, den Film gucken, die Reise machen, den Bungee-Sprung, was auch immer? Wenn das was ist, was Du gern wolltest, warum denn mit 60 Jahren, warum mit 65 Jahren? Also ich meine, die Wahrscheinlichkeit, dass wir auch noch mit 80 Jahren fit sind, ist höher als sie noch vor 50 Jahren war.

Johannes Wosilat: Du hast vorhin schon Deine Familie angesprochen: Du hast zwei Kinder und eine Frau. Was schätzt Du an ihr am meisten?

Djordje Nikolic: Wenn ich ehrlich bin, ist es das Paket. Aber wenn ich da jetzt Facetten aus dem Paket rausnehmen sollte, ist das schon, dass sie sehr, sehr klug ist. Also sie ist schlagkräftig, schnell, gedankenschnell und klug – und konsequent. Es gibt so Menschen, denen widerspricht man mal besser nicht vorschnell. Das würde meine Frau jetzt etwas anders darstellen, was den Widerspruch betrifft, aber wenn wir substanziell über irgendwas nachdenken und diskutieren, dann denke ich da sehr lange drüber nach, wo sie sehr schnell was sagt und wundere mich dann manchmal: Wie konnte sie dann so schnell, so differenziert eine Position dazu haben? Außerdem hat sie ganz schön oft recht. Ihre Klugheit ist wahrscheinlich das, was ich an ihr am meisten schätze; sie ist eine gute Mutter, eine tolle Frau, aber wenn ich eine Einzelfacette rausnehmen sollte, ist es, glaube ich, das.

Johannes Wosilat: Tauscht ihr euch viel aus?

Djordje Nikolic: Geht so, muss man ehrlich sagen. Wir haben zwei Sachen als eheerhaltende Maßnahmen beschlossen: Eine ist, dass wir kein gemeinsames Haus bauen, sondern wir haben ein fertiges Haus gefunden. Der Bau und den ganzen Ärger, den Du damit hast, da haben wir gesagt, das tun wir uns nicht an, weil wir uns sehr ähnlich sind, beide sehr energiegeladen, beide sehr vorwärtsgerichtet, sehr ungeduldig, und da zündet sehr viel Dynamit, wenn wir zu stark – „…und dann noch die Tapetenfarbe“, so ungefähr. Da haben wir gesagt, das muss nicht sein. Das zweite war die Arbeit. Ist doch klar, dass natürlich die Themen, wenn ich nach Hause komme, die mich so dominieren, jetzt die Themen von der Arbeit sind und ehrlich gesagt, finde ich da, wie sie mir den Rücken freihält mit Familie und allem: Hat sie dann noch irgendwie verdient, dass ich sie noch vollquatsche? Ich bin nicht so mitteilsam, im Sinne von: „Ich muss da noch mal eine Meinung hören“, aber wenn es bei mir wichtig wird und wirklich große Themen sind oder auch Themen, wo ich mich dann mal über irgendwas geärgert habe, dann ist sie ein ganz, ganz wichtiger Partner und teile ich mich ihr mit. Umgekehrt kann ich schon sagen, habe ich nicht das Gefühl, dass sie da eine große Hemmung empfindet, sich mir gegenüber mitzuteilen.

Johannes Wosilat: Okay. Seid ihr schon lange zusammen?

Djordje Nikolic: 2010 haben wir geheiratet, waren seit 2005 zusammen, also das ist jetzt lang. Ich bin 46 und dafür ist das schon okay.

Johannes Wosilat: Schön. Wie alt sind eure Kinder?

Djordje Nikolic: Neun, und der Louis wird jetzt elf.

Johannes Wosilat: Da kann man dann noch nicht über eine Nachfolge sprechen, aber planst Du auch nicht, oder?

Djordje Nikolic: Null, ich finde, so was kannst Du gar nicht planen. Ich finde das fürchterlich, wenn Du dem Kind dann irgendwie immer sagst… Also die sollen hobbymäßig das machen, worauf sie Lust haben, die sollen vom Job her das machen, worauf sie Lust haben. Ich denke mir immer so: „Wieso haben wir eigentlich so viele erfolgreiche Sportler, Künstler oder irgendwas?“ Weil die nicht Bankkaufmann machen mussten! Wenn Du irgendwie auch willst, dass Du die Breite des Spektrums weiter hast, dann musst Du zulassen, dass auch das möglich wird. Aktuell sehe ich eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit, dass mein Sohn so ein Fortnite-Zocker wird und dann hoffe ich, dass er auch mal eine Million in Las Vegas gewinnt, das wäre toll und bei meiner Tochter sehe ich aktuell sehr viel mehr Optionen.

Johannes Wosilat: Okay, aber da sind noch viele, viele Jahre Zeit, da tut sich noch viel.

Djordje Nikolic: Das haben unsere Eltern über uns auch gesagt, dass wir die falschen Sachen machen.

Johannes Wosilat: Ja, ich habe auch am Anfang. Ich meine, irgendwann kommt man natürlich in die Phase, wo man eine Entscheidung treffen muss: Was willst Du jetzt machen? Da habe ich angefangen BWL zu studieren und im ersten Semester wusste ich genau, es sitzen 550 Kommilitonen neben mir in dieser großen Aula, und da dachte ich: „Ich kann hier der Beste nicht werden. Ich habe da kein Bock drauf, ich muss sofort aufhören“ und dann bin ich aus dieser Aula raus und es war klar, dass ich aufhöre. Ich habe dann zum Spaß zwar noch die Prüfungen mitgeschrieben, hätte ich aber lassen können: Buchhaltung habe ich geschafft, aber das andere nicht. Aber ich wusste sofort, ich gehe da raus und ich mache genau das, worauf ich Bock habe, und damals war das die Fotografie. Dann war das genau mein Ding und dann bin ich da drin gut geworden und daran gewachsen. Heute haben wir auch ein paar Mitarbeiter, über 20 Freiberufler, und es macht einfach richtig Bock. Wir manchen nicht mehr nur Fotografie, wir machen auch Film, 3D-Visualisierungen, das ganze Thema SEO, SEA, alles… Ich höre nur einen Rat: Man braucht mehr als einen Fotografen, man versucht, das Ganze zu verstehen und daraus entwickelt man dann individuelle Strategien für jemanden. Das macht so Laune, weil man auf einmal dazu geholt wird und auf einmal richtig was bewegen kann. Wenn man jetzt mich fragen würde: „Würdest du es genauso wieder machen?“ – Wahrscheinlich genauso wieder. Das ist wahrscheinlich bei Dir genauso, Du würdest auch nicht mehr was anderes wollen…

Djordje Nikolic: Genau. Also rückblickend würde ich das genauso machen. Man fragt sich, ob man nicht Dinge schon hätte früher machen können, aber ich glaube, es war schon alles zur richtigen Zeit.

Johannes Wosilat: Du sagtest vorhin, Du bist ungeduldig: War das auch in Bezug auf Dein Unternehmenswachstum, auf Konzepte, auf Ideen? Oder auf was war das bezogen?

Djordje Nikolic: Eigentlich auf alles. Ich bin viel zu ungeduldig, muss ich sagen. Also ich drehe durch, wenn ich an der Supermarktkasse stehe und denke: „Das ist jetzt eine hausgemachte Schlange gerade vor mir.“ Wo sich alle davon überraschen lassen, dass sie irgendwann mal die Ware auf das Band tun, vom Band wieder in die Tasche, und dann einmal Portemonnaie suchen und so weiter. Das ist was, wofür ich nicht gemacht bin. Da habe ich Abwehrstrategien für mich entdeckt, damit es in der Situation zu keinen Fremd- und Selbstverletzungen kommen könnte, aber natürlich auch in jeder anderen Sache. Ich bin sehr hart zu mir selber, ich erwarte wirklich viel von mir, belade mich auch relativ viel mit unterschiedlichsten Themen, versuche, das auch immer breit zu gestalten, weil es das Salz in der Suppe ist. Aber diese Ungeduld habe ich auch im Unternehmen. Was ich wirklich schwer ertragen kann, ist, wenn ich das Gefühl habe, dass Dinge nicht möglich sind und dass „nicht möglich sein“ zum Selbstzweck wird. Es ist total okay, wenn man Ideen beerdigt, weil sie wirklich irgendwie unklug sind oder irgendwas in der Art, aber wenn ich das Gefühl habe, es wird nur so halbgar vorangetrieben, das möchte ich nicht. Das möchte ich eigentlich in keiner Lebenslage. Die Kids können… Also ich freue mich, wenn sie was mit Leidenschaft machen, aber wenn sie Dinge im Leben so vor sich hindümpeln, das finde ich Mist, weil dafür haben wir dieses eine Leben und das soll einen irgendwie auch erfüllen und mich erfüllt es nicht, wenn mal alles so ein bisschen lahm und träge so vor sich hinlaufen lässt. Ich brauche Action.

Johannes Wosilat: Deswegen hast Du wahrscheinlich auch die Verantwortung gut abgegeben, oder? Wenn man nämlich für Konzerne arbeitet, wo die Räder einfach ein bisschen langsamer sind, ist Ungeduld etwas, was man nicht haben sollte, oder?

Djordje Nikolic: Ja, absolut. Du musst auch überlegen, an welchen Stellen Du Wirkung entfaltest. Wenn es darum geht, die Sachen sauber abzuarbeiten, dann ist das ein ganz, ganz wichtiges Fundament für alles, wie es weitergeht. Du musst Deine Arbeit sauber machen. da habe ich aber auch gemerkt: Ich bin nicht derjenige, der die Sachen so sauber abarbeitet, sondern derjenige, der Impulse setzt, der neue Ideen entwickelt, neue Türen durchschreitet und erwarte dann aber auch, dass der Rest wirklich total sauber läuft. Das heißt, obwohl man sich irgendwie wegdreht und in die nächste Richtung marschiert, muss es sauber laufen. Ich habe da großes Glück und wir haben auch – muss man sagen – in den letzten Jahren sehr viel organisatorisch nachgezogen, dass wir die Maschen eng machen, dass es alles nicht zufällig ist, sondern dass die Projekte wirklich auch irgendwie einem gewissen Standard, auch qualitativen Standards, folgen, dass wir Wissenstransfer haben und so weiter. Aber in der Tat ist das so, dass ich mit meiner Ungeduld natürlich auch ganz viel Neues entdecke. Also ich glaube, ich kann gut antizipieren, was in der nächsten Ecke lauert und ich bin total bereit, an zehn Ecken vorbeizulaufen, wenn hinter jeder zehnten Ecke irgendwas lauert, was gut ist, dann kommt das bei mir häufig vor, weil ich, sozusagen, viel durch die Gegend tigere.

Johannes Wosilat: Cool. Hast Du einen Mentor gehabt oder hast Du einen Mentor?

Djordje Nikolic: Aktuell würde ich sagen: nein. Ich glaube schon, dass ich Mentoren hatte, und ich könnte auch einzelne Namen benennen. Vielleicht habe ich sogar einen und erkenne ihn jetzt gerade nicht, aber ich würde schon sagen, dass ich in den meisten Lebensphasen Mentoren hatte. Zumindest kann ich sagen, ist das so, dass ich immer sehr zu Leuten bewundernd aufgeschaut habe, die Dinge hinbekommen und ich habe jetzt auch das Glück, mit ganz vielen tollen Unternehmern zu tun zu haben. Das sind zum Teil natürlich ganz andere Kragenweiten – also die weit, weit über uns sind – und beobachte da viel und gucke, wie die das machen. Und habe mir ganz, ganz viele Dinge, auch Warnungen und Hinweise, von Leuten immer zu eigen gemacht. War witzigerweise auch da im letzten Sommer mit einem alten Freund zusammen, dem ich mal gesteckt habe, was ich mir die letzten Jahre bei ihm abgeschaut habe und der konnte das gar nicht glauben. Da sagt er: „Das habe ich Dir mal gesagt, echt? Und da hast du hingehört?“ Also ich achte da sehr drauf. Das sind manchmal die kleinen Bemerkungen von Leuten oder wenn sie sich über etwas ärgern und sagen: „Mist, das ist uns schiefgelaufen, weil…“, da habe ich immer sehr gut hingehört. Unter anderem eine Sache, auf die ich immer gehört habe, ist, warum Beziehungen und Ehen kaputt gegangen sind, wenn man zu viel in den Job investiert hat. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass ich eine intakte Ehe habe, und meine Familie ihren Vater noch kennt, obwohl wir so ein großes Rad drehen und so viel bewegen. Also es geht nicht alles um jeden Preis. Es gibt Termine, die finden nicht statt: Wenn die Kids Geburtstag haben, was soll da für ein Termin stattfinden? Oder Hochzeitstag oder sowas in der Art. Also ich habe das ganze Jahr über Zeit, mich auszutoben, aber es gibt Termine, da ist die Familie dran. Das sind so Sachen, die habe ich genau mir sozusagen bei anderen abgeschaut.

Johannes Wosilat: Du hattes gesagt, Du hast wirklich gegründet, Du warst alleine und jetzt stehen auf einmal 130 Mann hinter Dir. Da muss man auch viel mehr Struktur bringen, man muss viel vorweg denken, als wenn man alleine für sich ist, zumindest war das bei mir so. Ich brauchte viel weniger Planung als ich einfach… Ich bin in das Büro gekommen, als ich alleine war und dann ging das Telefon, dann ging alles so seinen Weg, aber irgendwann wurde es zu viel, und dann brauchst Du Struktur. Da muss man dann selbst viel lernen, weil das Dinge sind, die man von Grund auf erst mal gar nicht weiß: Wie konntest Du Dich da weiterentwickeln? Was hast Du da für Dich getan, dass Du das stemmen konntest?

Djordje Nikolic: Am Anfang habe ich mich da sehr versucht, methodisch mit auseinander zu setzen. Das begann beim Führen von virtuellen Teams, das war noch weit vor Covid, dass die ersten Mitarbeiter, die ich eingestellt habe, alle unterschiedliche Wohnorte in Deutschland hatten. Aber es waren aber die richtigen und damit konnte der Wohnort jetzt nicht dominant sein. Der Rest musste passen, und dann war der Wohnort einfach zu lösen, da habe ich mich mit sowas wie Führen von virtuellen Teams beschäftigt. Dann habe ich aber irgendwann gemerkt, dass der Bauch dann doch der beste Ratgeber ist oder der gesunde Menschenverstand und habe da nie einen Anwalt beauftragt, irgendwie die Verträge zu machen. Ich habe jedes Angebot selber geschrieben, zum Teil über große Beträge und nie ist mir eines um die Ohren geflogen in der Zeit. Weil es irgendwie so war, die Kombination aus: „So und so schreibe ich es hin, ich glaube, es muss so passen“ und dem Thema, dass ich doch mit Dir darüber rede und sage: „Das Du das mal gehört hast, der wird wahrscheinlich angreifbar sein, der Vertrag. Mag sein, dann viel Freude dabei, dass du jeden Tag in den Spiegel guckst, wenn Du mich abzockst, weil der Vertrag vielleicht nicht lückenlos ist“, dann machst Du das nicht. Das war immer so, haben wir gesagt: „Worum geht es Dir, wie kann ich Dir helfen?“ Aber der Vertrag war doch nur ein technisches Vehikel, damit Du was vorweisen kannst, damit wir das Verhältnis zwischen unserer Arbeitsleistung und der Vergütung dafür irgendwie regeln. Es war so, dass ich dann eigentlich immer auf meinen Bauch gehört habe, aber schon gemerkt habe, dass die Herausforderung darin liegt, das organisatorisch hinzukriegen, dass man nicht aus der Kurve fliegt. Dann wiederum liegt die Herausforderung darin, dass Du nicht aus einer Garagenmentalität – Wir haben da in einer Garage gegründet und jetzt sind wir groß. – zum Spießer wirst, mit dreifachen Vorlagen und Vordruck.
Aber es gibt Dinge, vor allem irgendwie den Urlaub, den haben wir in Outlook eingetragen, und dann wirst Du so viele, dass Du sagen musst: „Ja, was machst Du mit Krankheit im Urlaub? Und wie viele Tage habe ich noch mal?“ Also musst Du das regeln. So fängt die Spießigkeit langsam an, aber es geht nicht anders. Es gibt ein paar Dinge, da muss die Hemdsärmeligkeit enden, sonst endet es im Chaos. Da war es aber so, dass ich mir dann Leute rangeholt habe, die sich auch darum gekümmert haben. Und ehrlich gesagt, ist es doch meine Aufgabe nur, zu erkennen, dass wir ein Organisationsrahmen brauchen. Um den Organisationsrahmen mit Leben zu füllen, nehme ich mir die Leute und sage: „Wie wollen wir eigentlich zusammenarbeiten?“ Da haben wir relativ viele Workshops und so gemacht. Ich habe eine sehr ausgeprägte Kommunikationsstruktur und wir haben eine sehr gute Kommunikationskultur und innerhalb derer ist das so, dass die Leute wirklich weiterverfolgt werden. Die machen Strategiemeetings regelmäßig über Hierarchiestufen hinweg und dann kommen auch solche Sachen wie: „Wir machen Dinge, die sind Quatsch“, und dann sage ich: „Dann schaffen wir sie ab.“ Wir haben ein Managementsystem, wo wir sehr klar wissen, was unsere Vision und unsere Mission ist. Wir brechen das auf Quartale runter, was wir in dem nächsten Quartal erreichen wollen. Einmal im Quartal setzen wir uns zusammen und sagen: „Wo wollen wir in ein bis zwei Jahren sein?“ und justieren da ganz fein nach. Du musst nicht jedes Quartal alles über den Haufen werfen. Dann fragen wir uns: „Was heißt das runtergebrochen, wenn wir in ein bis zwei Jahren da und da sein wollen, was müssen wir jetzt schon machen? Und wen brauche ich dafür? Ich brauche den, ich brauche den.“ Da haben wir ein sehr gutes System, das erfordert Kommunikation und sorgt dafür, dass man sagt: „Augenblick mal, wenn wir das brauchen, bräuchten wir eigentlich auch jemanden, der sich da und darum kümmert.“ Dadurch sind die Maschen relativ eng. Das funktioniert ganz gut.

Johannes Wosilat: Kommen viele Mitarbeiter zu euch, weil ihr wachst und wachst und wachst? Man muss natürlich auch die Richtigen finden, die auch persönlich zu einem passen. Es ist wichtig, dass dieser Teamspirit vorangetrieben wird und nicht irgendwelche Quereler kommen: Wie macht ihr das, also wie stemmt ihr genau dieses Thema?

Djordje Nikolic: Die Carina, die macht das HR bei uns und das macht die großartig und wir haben aber auch den großen Vorteil, dass wir gut vernetzt sind. Wir haben eher sogar das Problem, dass, wenn wir in der Klinik sind und denen helfen, dass die Guten, die da sind, gerne zu uns wechseln wollen, weil sie sagen: „Endlich kommt hier mal ein guter Drive rein.“ Wir können aber nicht die Guten einen nach dem anderen abziehen. Das heißt, wir haben die goldene Regel, dass wir von Kunden keine Mitarbeiter nehmen und trotzdem ist es so, dass wir einen super Zulauf haben, auch was Initiativbewerbungen betrifft, also Leute, die wirklich bei uns arbeiten wollen. Wir werden aber auch da natürlich nachziehen, weil wir wollen, dass es so bleibt – Employer Branding. Viele von uns kommen aus großen Konzernen, die meisten aus dem größten Krankenhauskonzern und die haben eine bestimmte Art, mit Führungskräften umzugehen.
Das ist unser Schaden nicht gewesen in der Vergangenheit, weil das jetzt entweder unsere Auftraggeber oder unsere Mitarbeiter sind. Da hatten wir irgendwann mal so aus Spaß gesagt: Eigentlich müssten wir einen Präsentkorb hinschicken und sagen „Bleibt, wie ihr seid, vielen Dank für alles!“ Aber auch das wird abebben und ich glaube, dass der Markt sich weiter ändert. Aber, weißt Du – ich bin Dir gegenüber so, wie ich den Mitarbeitern gegenüber bin und ich bin den Mitarbeitern gegenüber so, wie ich den Kunden gegenüber bin und den einen gefällt das gar nicht und den nächsten gefällt das gut, und denen, denen es gut gefällt, die merken sich das. Wir haben jetzt auch bis zu Vorständen… Man würde sich wundern, wer bei uns einen Fuß in die Tür gestellt hat und gerne mal anklopft und sich vorstellen kann, bei uns zu arbeiten – das ist toll so.

Johannes Wosilat: Bist Du risikofreudig?

Djordje Nikolic: Ja, das würde ich auf jeden Fall sagen.

Johannes Wosilat: Was bedeutet für Dich das Risiko?

Djordje Nikolic: Dass Du Entscheidungen triffst, ohne eine Rückfalllinie zu haben, also Dinge, die schiefgehen können, Deiner Überzeugung zu folgen und da auch – Wie soll ich es sagen? – ins Dunkle zu tappen. Aber wenn sich das auch wieder richtig anfühlt, dann kenne ich total viele, die sagen: „Aber ich habe doch gar keinen Fallschirm dabei oder irgendwas. Mit Hosenträger und Gürtel, das bin ich nicht.“ Also es ist nie komplett unkontrolliert, so im Leben. Wir haben so viele Erfahrungswerte, sowohl privat als auch beruflich, und wenn Du mal auf das Gaspedal latscht auf der Autobahn, dann weißt Du auch, Du würdest nicht wie vollkommen bescheuert, blind und mit verbundenen Augen und dabei noch am Handy spielend fahren. Das machst Du auch wieder nicht, sondern mit 200 habe ich nicht das Gefühl, dass mich das umbringt, um es mal so zu formulieren – es kann auch 210 mal werden.

Johannes Wosilat: Was bedeutet für Dich Sicherheit?

Djordje Nikolic: Sicherheit heißt, dass das Risiko eben nicht ins Bodenlose geht, sondern dass das, in welcher Lage auch immer, abgefedert wird. Du brauchst irgendwie eine Mischung aus beidem. Irgendwann übernimmst Du Verantwortung nicht nur für Dich, sondern auch für Mitarbeiter und so weiter, deshalb ist das so, dass man natürlich irgendwie kontrollierte Risiken eingeht, aber das sind so die Pole. Das eine ist, Du weißt nicht, wie es ausgeht, das andere ist, wenn es schiefgeht, kriegen wir immerhin das.

Johannes Wosilat: Wenn Du einen Tipp hättest für einen Jungunternehmer: Wie würde der Tipp aussehen?

Djordje Nikolic: Gut zu sortieren, wem man zuhört, und sich auf keinen Fall das Ganze klein und schlecht quatschen zu lassen. Man ist umgeben von Leuten, die einem tausend Gründe nennen, warum Dinge nicht klappen, weil sie selber auch vielleicht… Missgunst ist ein ganz präsentes Element im Leben, und es gibt so viele Leute, die sich selber nicht trauen, ihr Leben in den Griff zu kriegen und einen Schritt zu wagen, und deshalb irgendwie das Umfeld auch kleinhalten wollen und da darf man sich nicht kleinhalten lassen. Ich glaube aber, dass man durchaus auch von klugen Leuten umgeben ist, die vielleicht auch einen Schritt vor dem anderen im Leben hinbekommen, dann würde ich den Leuten auch zuhören. Aber ich würde auf jeden Fall sagen: Hört auf euren Instinkt, hört auf euren Bauch! Wir haben zum Teil auch mit Leuten zu tun, die haben sich bei uns beworben und haben mir erzählt, was sie vorhaben. Und da habe ich gesagt: „Ich kann Dir keinen Job anbieten, denn was Du mir gerade gesagt hast, ist Unternehmertum. Werde Unternehmer, mach Dich selbstständig! Hier geht uns heute, glaube ich, ein echt guter Mitarbeiter verloren, aber ich werde Dich nicht halten können. Das, was Du vorhast, ist viel größer als das, was ich Dir bieten kann. Ich kann Dir nur einen Rahmen bieten, aber Du brauchst etwas über den Rahmen hinaus.“

Johannes Wosilat: Das muss man auch erkennen…

Djordje Nikolic: Ja, es ist so, aber Du hast dann an irgendeiner Stelle so einen Luxusfrust. Also für mich Luxus, dass der so von der Kette gelassen werden will, dass er… Der darf eigentlich auch gar keine Kette haben, das ist der Webfehler. Also das erkennst Du irgendwann, weil Du Leuten zuhörst und dann sagst Du: „Du redest gerade genau wie ich, was mich getrieben hat und mich hättest Du nicht bremsen können in dem Moment. Mach das, gib Gas!“

Johannes Wosilat: Hast Du in Deinen letzten zehn Jahren auch schon Krisen gehabt im Unternehmen?

Djordje Nikolic: Ja, zwei Arten von Krisen. Also das eine war eine existenzielle Krise in der Covid-Pandemie. Als der Lockdown kam, im März 2020, hatten wir gerade 50 Prozent Personal aufgestockt, aufgebaut, richtig teure Leute, gute Leute, die alle nichts zu tun hatten in der Zeit und dann war es auch so, dass wir als Unternehmen auch gemerkt haben, dass wir sehr hoch geflogen sind in der Zeit. Wir haben Gott sei Dank Liquidität und ein bisschen Fleisch auf den Rippen gehabt, aber auch das schmolz ab, weil natürlich auch Personalkosten ein dickes Brett bohren. Das hat mich sehr nachdenklich gemacht, bin ich im Nachhinein aber auch eigentlich ganz dankbar, weil das demütig gemacht hat. Also nichts ist für bare Münze zu nehmen. Das meinte ich auch, bei dem im Hier und Jetzt leben. Also Du musst auch im Hier und Jetzt in alle Richtungen irgendwie vorbereitet sein, aber trotzdem den Moment genießen und sagen: „Das ist jetzt einfach stark“ und nicht nur immer sagen: „Nächstes Jahr wird alles besser“, sondern irgendwie dafür sorgen, dass es jetzt hier auch gut ist.
Die zweite Art der Krise waren eigentlich Krisen, wo ich das Gefühl hatte im Unternehmen, dass wir vielleicht uns übernehmen oder das was zu viel ist oder der Druck. Also musste ich mich auch echt dran gewöhnen. Also das ist schon so, Du schläfst nicht mehr so gut. Es ist schon ein ganz gehöriger Dampf auf dem Kessel, Du bist zum Erfolg verdammt. Wir haben so viele Architekten, Ärzte, Physiker, Mathematiker, Pharmazeuten, so viele BWLer, Pflegekräfte und so weiter, das sind alles überdurchschnittlich bezahlte Leute, dass du wirklich zum Erfolg verdammt bist. Ich meine, der Markt ist da, wir sind gut, wir wissen, was wir können. Und wenn einer abschließt und sagt: „Du kommst bei uns nicht rein“ oder Dir fliegen zeitgleich die falschen drei Aufträge um die Ohren, weil es doch erst im halben Jahr ist, der Aufsichtsrat nicht zugestimmt hat oder so was in der Art. Da wirst Du unruhig. Diese Form von so ein bisschen Dauerkrisenmodus, wo Du an manchen Stellen gesagt hast: „Was soll das? Ach Du lieber Himmel, was ist passiert? Der Auftrag kommt doch nicht. Jetzt haben wir doch drei Leute eingestellt, weil wir dachten, wir brauchen sie.“ Dann unterfütterst Du das natürlich mit neuen Aufträgen, aber so geht das dann irgendwie los. Das ist dieses Risiko, da sagt Dir keiner, dass es gut geht. Das ist das eine, aber Covid war schon eine taffe Zeit, also die erste Jahreshälfte oder sagen wir mal so bis September. Das war so, dass ich schon gedacht habe… Weil ich alles immer im Unternehmen gelassen habe. Ich habe nicht groß irgendwas rausgenommen, sondern immer in neue Leute investiert und dann musst Du aber zu Hause erklären, was da die letzten Jahre los war, also auch der ganze zeitliche Aderlass, den Du dafür hattest, dass jetzt alles im Unternehmen ist und das Unternehmen aber gar keine Aufträge mehr erfüllen kann, weil es keine Aufträge gibt. Aber was soll ich sagen, es ging in vielen Branchen so und jetzt haben wir die Kurve gekriegt, aber wir sind viel, viel digitaler geworden, haben uns ganz anders gemanagt jetzt. Was soll ich sagen? Für irgendwas war es gut gewesen.

Johannes Wosilat: Was hast Du konkret gemacht in dieser Zeit? Ich sage mal, ab dem ersten Lockdown, bis wo Du sagst: „Jetzt ist die Zeit überstanden.“ Wie hast Du das hingekriegt?

Djordje Nikolic: Viele, viele klare Erwartung aussprechen. Wir mussten wirtschaftlich auch strenger werden. Also für uns war das, was reingekommen ist, eher zufällig. Die Wirtschaftsplanung habe ich alleine gemacht. Jetzt ist es sogar so, dass wir einen Rolling Forecast eingeführt haben. Das heißt, jeden Monat sagen wir: „Was schätzt Du, wo wir in sechs und in zwölf Monaten stehen?“ Es gibt da keine Erwartung dahinter. Wir wollen es aber verstehen und nehmen die Leute viel, viel mehr in die Verantwortung. Das macht den Leitungen auch überwiegend Spaß, weil sie irgendwie auch das Gefühl haben, sie sind da irgendwie jetzt auch verantwortlich für was. Das sind ja alles ziemlich starke Leute. Wir sind viel digitaler geworden, das heißt, jetzt kann nicht mehr so ohne Weiteres abgeschlossen werden. Also nicht: Eine Klinik mit Betretungsverbot und wir gucken in die Röhre, sondern wir haben Modelle modifiziert und können jetzt den Kliniken auch Unterstützung anbieten, ohne dass wir vor Ort sind und so ein paar andere Sachen auch.
Kulturthemen haben wir auch gemacht, und leider Gottes hat sich herausgestellt, dass einige Leute sich dann so in die Teams eingeschlichen haben, die wirklich nur zum Geldverdienen da sind und die überall arbeiten können. Doch genau in der Krise brauchst Du Leute, die bereit sind, die Extrameile zu gehen und die irgendwie auch ein Commitment zum Arbeitgeber haben. Da haben wir gemerkt, dass so Leute sich komplett in die Hängematte verabschiedet haben und wenn das ganze Team mitzieht und da sind ein, zwei Leute, die es nicht tun, dann merkst Du, dass es irgendwie auch nicht passt und dann knallt es. Da war ich richtig aufgefordert worden, also das gab es wirklich, dass wir vom Team aufgefordert worden: „Djordje, Du trennt Dich bitte von dem“, und in einem Leitungsfall war es sogar so, dass mir gesagt wurde: „Wenn Du Dich von unserer Leitung nicht trennst, gehen wir all.“ Das war ein sehr gesunder Prozess, der auch mit uns noch mal gemacht hat, dass man dem nachgehen muss, obwohl das Thema Trennung für mich eine Katastrophe ist, also ich möchte mich von niemandem trennen müssen, weil ich das Gefühl habe, ich habe denen irgendwie eine Zusage gemacht, die müssen sich echt darauf verlassen können. Das war eine scheiß Zeit, aber das war irgendwie der Schritt von der unternehmerischen Pubertät zum Erwachsenenwerden, kann ich irgendwie sagen.

Johannes Wosilat: Aber schön, dass ihr noch hier seid, dass das alles funktioniert hat. Vielen, vielen Dank für das Interview.

Djordje Nikolic: Sehr gerne.

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