Hidden Champions

Yves Nax

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Lesezeit ca. 15 Minuten

Warum bei Yves Nax die Mitarbeiter dem Chef Feedback geben

Kritik am Chef ausüben

Einen echten Hidden Champion erkennt man auch daran, wie er mit Krisen umgeht. Krisen erlebt die Automobil- und Nutzfahrzeugbranche in letzter Zeit mehr als genug, egal ob Corona oder Chipmangel. IVECO kam dennoch gut durch die vergangenen Jahre. Das ist auch das Verdienst von Yves Nax, dem Geschäftsführer der IVECO Süd-West Nutzfahrzeuge GmbH. Auf die Frage, ob er diesen Weg für sich geplant hat, sagt er: „Im Grunde genommen, ja.“ Yes hat schon immer selbstständig seine Ziele verfolgt und sich nicht von den Meinungen anderer verunsichern lassen, auch nicht, als er seinen sicheren Job bei Mercedes für seine Ziele aufgab. Mut hält er ohnehin für eine wichtige Eigenschaft, nicht nur für einen Geschäftsführer, sondern überhaupt: „Wir können nicht ewig rumeiern, bis eine Entscheidung getroffen wurde. Falls die Entscheidung falsch war, muss man eben aus den Fehlern lernen“, sagt er dazu.

Wie ist die Einstellung seiner Mitarbeiter zu dieser Haltung ihres Chefs? Yves kann das ganz genau sagen, denn das erste, was es bei ihm im Mitarbeitergespräch gibt, ist Feedback für den Chef durch die Angestellten. Das ist ihm wichtig, um blinde Flecken auszumerzen und um nah an seinen Angestellten zu sein. Statt den Druck, den er als Führungskraft manchmal empfindet, nach unten weiterzugeben, will er die Leute lieber motivieren. Wie er das macht und warum der Chef dazu auch schon selber in der Werkstatt stand, erfährst Du im Interview.

Interview mit Yves Nax

Johannes: Wir blicken in die Corona- und Chip-Krise. Die Absätze von LKWs brechen ein, um bis zu 68 %. Doch ein Unternehmen schafft es dennoch auf beinahe magische Weise im Bereich der Sattelzug-Maschinen Marktanteile zu gewinnen. Das Unternehmen, von dem ich spreche, ist die IVECO Group mit 18 Werken und fast 32.000 Mitarbeitern weltweit. Mein heutiger Gast ist der Geschäftsführer der IVECO Süd-West Nutzfahrzeuge GmbH. Was diese Zeit für ihn verändert hat und was er daraus mitnehmen konnte, das erfahren wir jetzt. Herzlich willkommen. Yves Nax, schön, dass ich hier sein darf.

Yves: Vielen Dank, dass Ihr hier seid.

Johannes: Was war der beste Rat, den Du je bekommen hast?

Yves: Der beste Rat, den ich je bekommen habe, war, glaube ich, von meinen Schwiegereltern. Als ich so Abi gemacht habe, habe ich überlegt: Was will ich denn eigentlich werden? Ich habe in der Zeit in deren Buchhandlung gearbeitet, so am Wochenende im Schulbuchgeschäft, in den Sommerferien. Da kam ich irgendwann auf die Idee, Buchhändler werden zu wollen und am besten dort in der Buchhandlung und die haben mir dann freundlich, aber bestimmt zu verstehen gegeben: Mach das besser nicht. Ich glaube, das war wirklich ein ganz guter Rat, denn sonst wäre es etwas schwierig geworden. Nicht so gut, glaube ich und ich glaube, es hätte mir auch nicht so viel Spaß gemacht.

Johannes: Okay, aber Du liest gerne?

Yves: Ja, kann man sagen.

Johannes: Was ist Dein Lieblingsbuch?

Yves: Ich habe jetzt kein konkretes Lieblingsbuch, aber ich lese beispielsweise sehr gerne Terry Pratchett oder John Irving. Solche Sachen oder auch Nick Hornby kann ruhig ein bisschen lustig sein.

Johannes: Schön. Bevor wir auf ein paar private Sachen kommen, würde ich gerne von Dir wissen: Was machst Du eigentlich hier in Mannheim und wie bist Du dahin gekommen?

Yves: Okay, ich bin Geschäftsführer der IVECO Süd-West Nutzfahrzeuge GmbH. Ich mache das seit November 2020, bin aber insgesamt seit knapp fünf Jahren bei IVECO, war zunächst Verkaufsleiter für Nutzfahrzeuge und davor habe ich 14 Jahre lang bei Mercedes-Benz Nutzfahrzeuge gearbeitet.

Johannes: Wie viele Mitarbeiter habt Ihr hier im Standort?

Yves: Hier am Standort sind es rund 60, aber insgesamt hat die IVECO Süd-West knappe 240 Mitarbeiter.

Johannes: Und für alle bist Du verantwortlich, oder?

Yves: Genau, es sind acht Standorte zwischen Kassel und Freiburg.

Johannes: Was ist Deine größte Herausforderung bei so vielen Standorten auf so viele Kilometer Distanz? Freiburg und Kassel sind ja ein paar Meter.

Yves: Ja, allerdings. Also mein Ziel ist es eigentlich, jeden Monat zumindest einmal an jedem Standort zu sein, weil es mir einfach wichtig ist, nahbar zu sein für die Leute, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und das ist auch die größte Herausforderung, die ganzen Mitarbeiter auch mitzunehmen, sie kommunikativ über die Themen, die wir so haben, zu informieren.

Johannes: Was glaubst Du, würde für die nächsten Jahre die größte Herausforderung sein?

Yves: Wir haben einen ziemlich großen Altersumbruch bei uns in der Firma und das Thema Fachkräftemangel geht durch die Presse und beschäftigt nicht nur uns. Das ist ein Riesenthema für die nächsten Jahre. Ich glaube, ich mache mir weniger Sorgen ums Business an sich, ob wir noch Fahrzeuge verkaufen oder reparieren oder so, sondern frage mich eher: Kriegen wir Leute an Bord, kriegen wir die richtigen Leute an Bord, kriegen wir gute Leute an Bord? Das ist, glaube ich, die größte Herausforderung in den nächsten Jahren.

Johannes: Du bist ja relativ jung, 43 hast Du vorhin gesagt. Aus meiner Perspektive ging das jetzt schon relativ schnell. Wie lange hast Du bei Daimler gearbeitet?

Yves: Rund 14 Jahre.

Johannes: Und dann kamst Du zu IVECO hier nach Mannheim und bist dann relativ schnell zum Geschäftsführer aufgestiegen. War das von vornherein Dein Ziel?

Yves: Im Grunde genommen, ja. Ich habe irgendwann mal bei Mercedes-Benz angefangen und habe gesagt, ich würde gerne mal Niederlassungsleiter bei Mercedes werden. Jetzt bin ich nicht Niederlassungsleiter bei Mercedes, aber Geschäftsführer bei der IVECO Süd-West. Das ist eigentlich sogar noch besser, denn ich bin nicht nur für einen Standort verantwortlich, sondern für acht. Da hat sich schon so ein gewisses Ziel für mich erfüllt.

Johannes: War das geplant?

Yves: Ich habe mir schon überlegt, wo die Reise hingehen soll. Dann habe ich mir auch überlegt, welche Schritte dafür möglicherweise notwendig sind. Ich war aber glaube ich schon so flexibel, dass es auch anders hätte kommen können. Ich bin damals nicht absichtlich zu IVECO gewechselt, um dann Geschäftsführer zu werden, sondern das war eigentlich mehr oder weniger Zufall. Der damalige Geschäftsführer, mein damaliger Chef, hat sich entschlossen, zurück nach Bayern zu gehen, wo er auch hergekommen ist, und dann hat sich hier die Position aufgetan und ich habe mit dem Finger gestreckt und habe gesagt, ich hätte Interesse an dieser Position. Und dann habe ich ein Geschäftsführer-Assessment gemacht, habe erst mal Gespräche mit den deutschen Entscheidungsträgern geführt, dann haben wir gedacht, das ist jetzt eigentlich das Ende. Aber dann durfte ich da noch mal Gespräche mit den italienischen Entscheidungsträgern führen und am Ende hat es dann geklappt und ich konnte hier Geschäftsführer werden.

Johannes: Kommst Du ursprünglich auch aus Mannheim?

Yves: Aus der Nähe von der anderen Rheinseite. Ich wurde in Ludwigshafen geboren, komme also hier aus der Region und kenne mich hier sehr gut aus.

Johannes: Okay, ja, dann ist es natürlich auch naheliegend, dass Du so von Wörth wieder zurück nach Mannheim gegangen bist.

Yves: Ja, zwischendurch waren dann noch Frankfurt und Mainz meine Stationen, bevor ich dann zurück nach Mannheim gekommen bin. Das war auch ein wichtiger Beweggrund für mich, das zu tun.

Johannes: Wenn Du die Zeit um fünf Jahre zurückdrehen würdest, was würdest Du anders machen?

Yves: Eigentlich nichts. Ich habe damals, vor rund fünf Jahren, die Entscheidung getroffen, diesen Schritt zu gehen. Den habe ich nicht bereut, aber natürlich manchmal gezweifelt. Ist das jetzt der richtige Schritt gewesen? Aber im Endeffekt bin ich jetzt hier, wo ich bin und ich bin glücklich damit.

Johannes: Wie kommt man durchs Leben? Wie kommst Du Durchs Leben?

Yves: Wie kommt man durchs Leben? Weiß nicht. Wie komme ich durchs Leben? Ich sag mal so: mit einer positiven Grundeinstellung. Erstmal würde ich sagen, mit einem gewissen eigenen Antrieb und dadurch, sich auch aktiv in Sachen einzubringen, sich zu interessieren, offen zu sein. Ich finde, da kommt man ja ganz gut durchs Leben und wenn man dann noch eine gewisse Prise Toleranz und Humor mitbringt, dann klappt das ganz gut.

Johannes: Planst Du viel, oder sagst Du auch: Ich überlasse viel dem Zufall?

Yves: Ich glaube, ich habe da so einen gewissen Mittelweg.

Johannes: Also privat wie auch geschäftlich?

Yves: Ja. Gewisse Sachen plane ich, die ich für wichtig halte. Aber ich sage mal, wir sind hier in einem ziemlichen, wie soll ich sagen, flexiblen, bewegten Business, wo man nicht so alles generalstabsmäßig planen kann. Ich sage mal, die großen, wichtigen Themen, die müssen geplant werden. Aber die kleineren Themen? Ich würde jetzt nicht unbedingt sagen, ich überlasse es dem Zufall, aber ich muss halt so drauf flexibel reagieren, wie sie eben passieren.

Johannes: Bist Du dann eher mutig?

Yves: Gemessen an der Welt, wo viele Menschen irgendwie ganz besonders tolle Sachen machen und Menschen retten und Menschen helfen, würde ich jetzt eher sagen: nein. Aber gemessen an dem, was ich erlebt habe und welche Entscheidungen ich getroffen habe und vom Umfeld her würde ich sagen: ja. Also ich gebe so zwei Beispiele. Als ich damals vom Werk in Wörth weggegangen bin, in die Niederlassung zu Mercedes-Benz, bin ich mir vorgekommen wie der erste Mensch, der so was macht. Die Reaktionen waren: „Oh Gott, wie kannst Du das Werk verlassen? Da ist doch alles sicher.“ Aber ich wollte halt mal weiterkommen, wollte was anderes machen, was anderes sehen. Und auch der Schritt von Mercedes zu IVECO. Also ich sage mal Mercedes-Marke und dann zu IVECO gehen. Da waren die Reaktionen damals auch so, dass diese Fragen gekommen sind. Es gab tatsächlich auch Leute, die gesagt haben: „Ich respektiere Deine Entscheidung, diesen Mut, diesen Schritt zu gehen. Wenn ich in Deinem Alter wäre, würde ich das jetzt auch machen.“ Also es war jetzt nicht so, als wäre ich als Verräter oder so bezeichnet worden, sondern ich habe da eigentlich mehr Respekt erfahren.

Johannes: Was natürlich auch das dann bestätigt hatte, die Entscheidung dorthin zu gehen, waren die fast 15 Jahre, die Du dort warst …

Yves: Ja, definitiv.

Johannes: Da hat man ja auch Freundschaften geschlossen. Man hat sein gewohntes Umfeld, man kennt sich. Also es ist ja alles ein Zeichen dafür, dass es doch passt. Aber warum gehst Du dann?

Yves: Es war lustig. Ich habe am Samstag einen ehemaligen Kollegen von mir getroffen und da haben wir uns dann auch über diese Sachen unterhalten und er hat dann auch gesagt: Oh, toll, was Du erreicht hast. Und ich so: Joa, war vielleicht ein bisschen Glück, ein bisschen Timing. Und er hat genau das gesagt: „Aber auch Mut gehört dazu.“ Da hat er möglicherweise recht.

Johannes: Da gehört ein bisschen Mut dazu, aus der eigenen Komfortzone herauszugehen. Ich meine, wahrscheinlich hast Du ein Gefühl gehabt: Hey, ich will jetzt mal weiterkommen. Ich will jetzt mal raus aus dieser Zone, wo ich jetzt gerade bin.

Yves: Ja.

Johannes: Wie seid Ihr denn durch die letzten Jahre gekommen, durch die Krise?

Yves: Corona?

Johannes: … oder Chip. Gibt ja so einige.

Yves: Also 2020 war schon ziemlich hart für uns, auch wirtschaftlich. Gott sei Dank waren wir nie an irgendeinem Punkt in einem unserer Betriebe, dass wir sagen müssen, jetzt sind so viele betroffen, dass wir irgendwie einen kritischen Punkt erreichen, wo wir schließen müssen. Großen Respekt und auch Dankbarkeit an die Mitarbeiter, die sich da echt diszipliniert verhalten haben. Insgesamt als Firma sind wir dann wirtschaftlich zumindest letztes Jahr wieder gut rausgekommen, haben sehr gute Geschäfte gemacht, gute Auftragseingänge und jetzt im Moment ist halt eher wieder schwierig, weil unsere Kundschaft ziemlich verunsichert ist aufgrund der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, insbesondere die Spediteure, die Transporteure, die eben insgesamt auch mit den hohen Spritpreisen zu kämpfen haben, die sind da schon eher zurückhaltend, was Fahrzeug-Neuanschaffungen betrifft, weil natürlich auch die Preise in den letzten Monaten ziemlich gestiegen sind.

Johannes: Aber das Gute ist, Ihr habt es so weit überlebt, musstet nicht einen Standort schließen, sondern es geht gut vorwärts.

Yves: Das war nie irgendeine Diskussion, auch nie eine Diskussion irgendwie Beschäftigtenzahlen abzubauen. Wir waren auch nur sehr, sehr kurz in der Kurzarbeit. Das hat auch nur einen Teil der Belegschaft getroffen und ich muss sagen, da hat auch unser Konzern insgesamt ziemlich großzügig aufgestockt auf das Kurzarbeitergeld. Also ich finde, da sind wir schon ein sehr soziales Unternehmen.

Johannes: Wie führst Du eigentlich den Laden?

Yves: Ich habe es vorhin schon mal angedeutet. Ich versuche, nahbar für die Leute zu sein. Also ich sage mal, ich bin ein normaler Mensch. Mit mir kann man ganz normal reden. Und ich bin jetzt keiner, der irgendwie den roten Teppich ausgerollt bekommen haben will, obwohl ich das manchmal scherzhaft zu den Mitarbeitern sage.

Johannes: Man muss auch dazusagen, der Weg von Anfang bis zu einem CEO, sind ein paar Meter. Das muss ein sehr lange roter Teppich sein.

Yves: Das ist richtig. Ich sag mal, ich habe das Büro hier letztendlich geerbt und wenn ich es selbst entscheiden könnte oder neu bauen würde, dann wäre mein Büro bestimmt nicht im letzten Eck. Also ganz klar. Nicht, weil ich den Weg scheue, sondern weil ich einfach zu weit weg bin von den Leuten, von der Action. Das muss ich ehrlich sagen.

Johannes: Was hast Du früher in der Führung erlebt, wo Du sagst: Das möchtest Du nicht mit rüber nehmen in Deine eigene Führung?

Yves: Wenn Führungskräfte zu sehr die Hierarchie raushängen lassen, wenn sie zu bürokratisch waren und was ich vor allen Dingen nicht leiden konnte: In so einem Konzern herrscht ja immer ein gewisser Druck, mal bei diesem Thema, mal bei jenem Thema, und da habe ich schon die eine oder andere Führungskraft erlebt, die nicht einfach nur diesen Druck weitergegeben hat, sondern diesen auch noch verstärkt hat. Das finde ich nicht so gut. Das mag ich überhaupt nicht, sondern ich glaube, da muss man eher die Leute mitnehmen, mit den Leuten sprechen und gemeinsam Lösungen erarbeiten, als einfach mal ungefiltert diesen Druck weiterzugeben oder gar zu verstärken.

Johannes: Mit Druck meinst Du auch das Erreichen von Zielen, oder?

Yves: Ja, zum Beispiel, ob es jetzt ein Projekt ist oder ein bestimmtes Absatzziel oder was auch immer. Gerade in schwierigen Situationen.

Johannes: Hast Du mal Deine eigenen Mitarbeiter gefragt, was sie über Dich denken?

Yves: Ja, mach ich regelmäßig. Wir führen ja Feedbackgespräche.

Johannes: Ach ja, okay, was kam da raus?

Yves: Also, bevor ich in den Kolleginnen und Kollegen Feedback gebe, frage ich erst mal nach Feedback. Wie geht es ihnen? Wie haben sie die Zeit empfunden? Wie geht es ihnen in der Zusammenarbeit mit mir? Darüber kriege ich auch eine Rückmeldung, was meine Person betrifft, was mir einfach wichtig ist, denn ich möchte mich auch weiterentwickeln und jeder hat so einen gewissen blinden Fleck. Um auf die konkrete Frage zurückzukommen: Was geben die mir so mit? Also die können das bestätigen, dass ich nahbar bin, dass man sich normal mit mir unterhalten kann, dass ich gewisse Themen nach vorne pushe, dass ich Veränderungen will, aber eben auch das, was ich gesagt habe, dass ich manchmal vielleicht ein bisschen zu schnell in der Veränderung bin und die Leute ein Stück weit mehr mitnehmen muss.

Johannes: Bist Du schnell in der Veränderung, wenn es um das operative Thema geht oder wenn Du am Unternehmen arbeitest und dann Dinge verändert haben möchtest? Wenn man da differenzieren kann.

Yves: Ich würde schon sagen, beim Operativen, denn es ist das Strategische, das Größere. Das kostet natürlich auch mehr Zeit. Um auch vorhin nochmal auf dieses Thema zurückzukommen. Da musst Du auch mehr planen, da brauchst Du auch die Leute und bei dem Operativen bin ich insofern vielleicht manchmal zu schnell, dass ich da eine schnelle Entscheidung treffe, ohne vielleicht noch mehr Leute in den Themen mit einzubinden.

Johannes: Wie seid ihr denn aufgestellt? Hast Du dann für jeden Standort auch noch mal einen Leiter, der Dein Ansprechpartner ist oder versuchst Du es wirklich direkt zu managen, indem Du wirklich jeden Standort, wie Du schon vorhin gesagt hast, mindestens einmal im Monat siehst?

Yves: Also, das wäre sicherlich zu viel, das alles direkt zu managen. Nein, wir haben an jedem Standort einen Betriebsleiter, der sich eben um den Standort, im Wesentlichen um die Werkstatt, kümmert und die ganzen Gebäudethemen, und daneben haben wir eben auch Verkaufsleiter, Aftersales-Leiter, Parts-Leiter und einen kaufmännischen Leiter.

Johannes: Wie ist denn Deine größte tägliche Herausforderung?

Yves: Die tägliche Herausforderung ist eigentlich die Zusammenarbeit mit meinen direkten Führungskräften. Ich war überrascht, als ich diesen Geschäftsführer-Posten angetreten habe, wie viel personelle Themen ich eigentlich zu bewegen habe. Aber so im Nachhinein eigentlich auch nicht verwunderlich. Bei knappen 240 Leuten an acht Standorten ist eigentlich immer irgendwas mit irgendjemanden und deswegen ist es schon ein Hauptteil meiner Arbeit, personelle Dinge zusammen mit unserer HR-Verantwortlichen zu reden.

Johannes: Wie bist Du das denn angegangen? Ich stelle mir das schon echt komplex vor. Ich meine, Du hast hier zwar gearbeitet, kommst aber von einem anderen Bereich und auf einmal hast Du eine Verantwortung über 240 Mitarbeiter, was jetzt nicht gerade wenig ist, aus den unterschiedlichsten Positionen. Wie kommt man damit klar? Also Du hast ja auf der einen Seite die Verantwortung über die. Auf der anderen Seite musst Du das Geschäft auch weiterentwickeln und am Unternehmen arbeiten. Wie kriegt man das überhaupt hin?

Yves: Also ich komme ja eigentlich aus dem Vertrieb bzw. Verkauf. Klar hat es schon einige Berührungspunkte, zum Beispiel Aftersales, Werkstatt usw., aber war nicht wirklich tief drin. Was ich halt ganz am Anfang gemacht habe, war mich intensiv mit den Personen auseinanderzusetzen, um tief in die Themen reinzukommen, Prozesse, Kennzahlen und so weiter. Nicht nur hier intern, sondern auch mit Kollegen der Zentrale zum Beispiel oder auch mit Vertragswerkstätten, die zu unserem Netz gehören und teilweise auch mit Kunden. Ich wollte auch mal richtig reingehen in die Werkstatt und habe in der ersten Januarwoche 2021 an drei oder vier Standorten einen Tag Werkstattpraktikum gemacht. Ich habe also richtig mal in der Werkstatt mitgearbeitet, um das kennenzulernen. Was sind denn die Themen, die die Kollegen bewegen? Wie funktioniert denn das alles? Ich sage mal vom Auftrag bis zur Rechnung und so und habe vor allen Dingen natürlich auch den Beschäftigten zeigen können, dass ich eben nahbar bin, dass man mit mir sprechen kann, ganz normal, und dass ich mich auch nicht davor scheue, mir mal die Finger schmutzig zu machen, obwohl ich beileibe kein Talent habe, was das Thema Werkstatt betrifft. Also ich habe noch nie an einem Auto rumgeschraubt oder so, wie manch anderer, aber das war mir wichtig. Das hat mir auch Spaß gemacht und ich glaube, es hat auch was gebracht.

Johannes: So ein bisschen Mäuschen spielen auch?

Yves: Ja, genau, im positiven Sinne. Also mir ging es jetzt nicht darum, irgendwie irgendjemanden auszuhorchen oder so, sondern ein Gefühl dafür zu bekommen, wie etwas funktioniert, wie die Stimmung hier ist? Natürlich auch die Leute kennenlernen.

Johannes: Ich habe von einer Esslinger Unternehmerin gehört. Ich weiß nicht, ob das stimmt, deswegen sage ich keinen Namen, aber sie fährt regelmäßig bei den Fahrern mit. Wenn die von A nach B fahren, zum Beispiel Esslingen, Frankfurt, dann sagt sie: „Hey, ich habe da einen Termin, wenn Du wieder zurückfährst, nimmst Du mich wieder mit.“ Und sie sagt das, was sie in dieser Zeit lernt und mitbekommt, kann sie extrem gut mitnehmen, um an ihrem Unternehmen weiterzuarbeiten, weil sie wirklich Einblicke bekommt, die sie nicht bekommen würde, wenn sie nicht bei den Fahrern im Auto sitzen würde.
Sie lässt sich jetzt nicht kutschieren, sondern sie will einfach auch im LKW mitfahren und ist dann ganz nah dran an der Person. Das finde ich super spannend, denn das machen nicht viele und wenn Du das im Kern verstehen möchtest oder auch ein Problem anpacken möchtest, dann musst Du es wirklich bis ins Mark verstehen. Warum ist es überhaupt entstanden, um es dann lösen zu können? Deswegen finde ich den Ansatz ziemlich gut.

Yves: Ich kenne auch ein paar Kollegen, die beispielsweise im Verkauf sind oder im Vertrieb. Die fahren auch mal in den Ferien LKW oder mal Reisebus durch die Gegend. Dann lernen die natürlich auch viel und kommen viel enger mit den Kunden und auch mit dem Produkt in Kontakt.

Johannes: Ja, stark. Womit hast Du Dein erstes Geld verdient? Bei der Buchhandlung Deiner Eltern, wahrscheinlich?

Yves: Bei den Schwiegereltern in der Buchhandlung. Genau. Mein Vater war Gastronom und hat in Mannheim ein Café oder Restaurant gehabt. Da habe ich als Jugendlicher auch schon mitgeholfen. Wobei, ich überlege gerade: Habe ich dafür Geld bekommen? Ich weiß es nicht genau.

Johannes: Was würdest Du anderen Jungunternehmern oder Menschen, die auch vielleicht vor der Situation stehen, ihren Job aufzugeben, mit auf den Weg geben?

Yves: Ich finde, es ist ganz sinnvoll, sich mal Gedanken zu machen: Wo soll denn die Reise ungefähr hingehen und welche soll es sein?

Johannes: Als Person?

Yves: Ja genau. Welche Schritte sind denn dafür notwendig? Aber man muss natürlich vorsichtig sein, dass man sich da nicht zu sehr einengt, sondern sollte vom Kopf her ein Stück weit flexibel bleiben, um sich möglicherweise auf andere Situationen einstellen zu können. Wir haben vorhin das Thema Mut gehabt, also das gehört sicherlich auch mit dazu, eine gewisse Prise an Mut, um dann auch Entscheidungen treffen zu können, denn ich denke, vor allen Dingen als Führungskraft ist es eine Hauptaufgabe, Entscheidungen treffen zu können. Den Rat habe ich auch immer mitbekommen. „Treffen Sie Entscheidungen“, wurde mir da gesagt. Die Entscheidung kann falsch sein, die Entscheidung kann richtig sein. Aber wir können nicht ewig rumeiern, bis eine Entscheidung getroffen wurde. Falls die Entscheidung falsch war, muss man eben aus den Fehlern lernen.

Johannes: Wie wird man denn eigentlich mutig? Das ist ja eine Eigenschaft. Man hat sie, man hat sie nicht. Aber wie wird man das? Ich kann mir vorstellen, dass es viele Menschen gibt, die eben vor einer Situation stehen und sagen: „Ich weiß nicht, ob ich das machen soll. Ich trau mich nicht.“ Das ist natürlich immer einfach zu sagen: „Sei mutig und mach es.“ Aber wie wird man mutig?

Yves: Gute Frage. Ich denke, das wächst mit der Zeit. Also ich würde, wenn ich mein 20-jähriges Selbst betrachte, auch nicht unbedingt sagen, dass ich mit 20 mutig war. Aber ich glaube durch Erfolge oder auch durch Dein soziales Umfeld, dass Dich bestärkt in den Sachen, die Du so machst. Dir positives Feedback gibt. Ich glaube, dadurch kann Mut steigen und dadurch gewinnt man eben auch Selbstvertrauen. Was ich eben auch über die Jahre festgestellt habe: letztendlich kochen alle nur mit Wasser. Also wenn ich manchmal neu irgendwo hingekommen bin, dann habe ich dann irgendwann festgestellt, es ist eigentlich gar nicht so doof. Das bestärkt Dich dann auch, gewisse Schritte zu gehen, gewisse Entscheidungen zu treffen.

Johannes: Ja, Du hast es ja auch schon gesagt, die Offenheit oder die Freude auf Neues. Also bei mir ist es so, die Vorfreude, wenn ich etwas verändere, ist meistens so stark, dass ich zu euphorisch in die Situation reingehe. Aber ich glaube, wenn man sich auf Dinge freut und die positiven Seiten daran sieht, die auf einen zukommen können, wenn man die Veränderungen lostritt, dann entsteht da viel Mut, dann einfach weiterzugehen und Gas zu geben.

Yves: Auf jeden Fall. Ich glaube, es ist auch besser, aus so einer Situation der Euphorie zu starten, als aus einer Ausnahmesituation, wo der Schmerz so groß ist, dass ich mich verändern muss. Ich war immer froh, dass ich jetzt nicht so eine Situation hatte, wo ich unbedingt wegmusste, sondern aus einer Position der Stärke Veränderungen betreiben konnte.

Johannes: Was hat es mit Deinem Tattoo auf sich?

Yves: Nichts Besonderes. Ein Anker und meine Kinder und ein Leuchtturm. Also ein klassisches Tattoo im Grunde genommen.

Johannes: Okay. Also ist Deine Familie der Anker?

Yves: Ja, ein Stück weit.

Johannes: Und Du der Leuchtturm?

Yves: Naja, also wir haben seit ein paar Jahren in Portugal unsere zweite Heimat, wo wir uns sehr wohlfühlen, wo wir seit Jahren immer wieder hingehen ans Meer und wo meine Tochter und ich auch surfen gelernt haben. Ja, da gehen wir eigentlich einfach sehr gerne hin und ich weiß nicht, ob das jetzt hier noch reingehört. Aber ich bin auch so ein alter Punkrocker-Hardcore-Fan-Typ und da ist es auch so ein bisschen Teil der Subkultur, kann man sagen.

Johannes: Stimmt, bist Du auf dem Metallica-Konzert diesen Freitag?

Yves: Nein, ich bin am Freitag auf einem sehr Underground-Ding-Konzert in Ludwigshafen, tatsächlich, wo völlig unbekannte Bands spielen. Also ich gehe lieber in einen Club, wo 50 Leute sind als auf ein Riesenfestival, wo 50.000 Menschen sind.

Johannes: Was hältst Du denn von dem Spruch, Schuster bleib bei Deinem Leisten?

Yves: Gar nichts, weil er für mich irgendwie eine totale Engstirnigkeit bedeutet und dass man überhaupt nicht seine Komfortzone verlassen will, aber das Leben bedeutet Veränderungen. Und wenn ich mich nicht verändern will, dann habe ich unglaublich Schwierigkeiten in dieser Gesellschaft, wenn sich alles um mich herum verändert. Ich glaube, das macht einen auch sehr unzufrieden.

Johannes: Hast Du einen Spruch, der Dich begleitet?

Yves: Vielleicht sogar zwei. Ich erinnere mich an meine Großmutter. Als ich ganz klein war, wenn ich was angestellt habe, da hatte sie immer so eine Kittelschürze an, und mit erhobenem Zeigefinger sagte sie zu mir: „Was Du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ Ich glaube, das ist eine ganz wichtige Leitlinie, die mehr Menschen befolgen sollten. Ich glaube, dann würde die Welt auch ein Stück weit anders aussehen. Und so was anderes, was mich mal beeindruckt hat: Ich habe mal was über einen Widerstandskämpfer im Dritten Reich gelesen, was der alles so miterlebt hat und wie er trotz der schlimmsten Rahmenbedingungen sich selbst treu geblieben ist und er hatte als Leitspruch einen lateinischen Spruch. Ich weiß jetzt auch nicht genau, ob ich ihn richtig ausspreche, aber der war: „Et si omnes ego non.“ Und wenn auch alle, ich nicht. Das finde ich auch einen sehr interessanten Gedanken, sich eben nicht von der Masse unterkriegen zu lassen, seinen eigenen Weg zu gehen und sich irgendwie nicht einem Gruppenzwang zu unterwerfen. Das sind so zwei Leitlinien, die gefallen mir gut. Ich kann nicht sagen, dass ich es immer 100-prozentig befolge, aber es sind schon so Orientierungspunkte für mich.

Johannes: Vielen Dank.

Yves: Sehr gerne. Vielen Dank auch für das Interview.

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