Hidden Champions

Titus Dittmann

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Lesezeit ca. 31 Minuten

Wer sein Ziel im Leben erreicht, hat es nicht hoch genug gesteckt

Pionier sein war für mich das Geilste

„Wenn aus euch im Leben nichts werden soll, müsst ihr so sein wie der Titus.“, so wurde unser heutiger Hidden Champion von seinen Lehrern in seiner Schulzeit öfter seinen Klassenkammeraden vorgestellt. Wir stellen ihn lieber als Titus Dittmann vor, den Mann, der das Skateboard nach Deutschland gebracht hat und heute über 500 Mitarbeiter in seinen Filialen beschäftigt. Titus überlegte sich, als er die ersten Jungs auf Skateboards sah, wie sie immer wieder hinfielen, aufstanden und den Trick nochmal versuchten: „Die wollten immer weiter lernen, lernen. Da war kein Erwachsener bei, die hat keiner motiviert.“

In diesem Moment begann Titus sich Gedanken zu machen, wie man Kindern intrinsische Motivation vermitteln kann – und er begann selbst mit dem Skateboardfahren. Das war zu dieser Zeit eine solche Unerhörtheit, dass es ihm – Titus war inzwischen Sportlehrer – ein Disziplinarverfahren einbrachte. Doch Titus ist nicht nur ein Pionier des Skateboardfahrens, sondern auch des Handels mit den Brettern. Seine eigenen Ziele im Leben steckte er nicht von Anfang an zu hoch. Erst wenn er sie fast erreicht hatte, legte er die Messlatte ein kleines bisschen höher, sodass er sich immer weiter nach ihr strecken musste, denn Titus ist überzeugt: „Wer sein Ziel im Leben erreicht, hat es nicht hoch genug gesteckt.“

Interview mit Titus Dittmann

Interviewer: Ohne ihn wäre die Skateboard-Szene in Deutschland nicht dieselbe. Mein heutiger Gast gilt als Pionier seiner Branche und als Vater der deutschen Skateboard-Szene. Ich kann mir vorstellen, dass jeder Deutsche schon einmal an einem der 30 Skateboard Shops vorbeigekommen ist. Mittlerweile hat er das Unternehmen erfolgreich an seinen Sohn weitergegeben. Doch scheinbar nicht, um sich zu entspannen, sondern Gutes zu tun und sein Wissen weiterzugeben. Für dieses gesellschaftliche und soziale Engagement wurde er sogar mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

Titus Dittmann: Am Bande.

Interviewer: Was? Am Bande?

Titus Dittmann: Verdienstkreuz am Bande.

Interviewer: Am Bande. Was ist denn das?

Titus Dittmann: Es gibt verschiedene Qualitätsstufen. Bundesverdienstkreuz am Bande. Das heißt, ich stecke das hier und das hängt am Band und unten baumelt das Verdienstkreuz dran.

Interviewer: Ist das besser?

Titus Dittmann: Ja klar, es gibt auch welche Direkt zum Anstecken. Ich habe auch den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen, der ist ohne Band. Dann habe ich immer so ein Problem, wo hänge ich den hin? Hänge ich den oben oder unten mit hin?

Interviewer: Das ist das perfekte Intro. Das lassen wir so, da brauch ich gar nichts sagen. Eigentlich muss ich Dich nur noch vorstellen, die Rede ist eigentlich nur von Dir, Titus Dittmann.

Titus Dittmann: Okay mach doch weiter.

Interviewer: Ich mache ganz kurz noch eine Sache. Weil Du Dich doch recht viel bewegst.

Titus Dittmann: Sag ich doch. Wenn Du ADHS hast, dann fühlst Du Dich immer angegriffen. Du hast ein Übergerechtigkeitsempfinden, das ist manchmal peinlich. Nach meinem ersten Markus Lanz Auftritt hat man mich nie mehr eingeladen.

Interviewer: Was hast Du gemacht?

Titus Dittmann: Mir tat so eine Frau so leid, die der Stoiber da fertig gemacht hat. Ich wusste überhaupt nicht, was ich sagen sollte, aber da kann ich nicht anders, da muss ich mich melden und muss die in Schutz nehmen, weil ich mich sonst fremdschäme oder so. Das ist natürlich peinlich ohne Ende, weil keiner kapiert das, wenn man so… Die haben mich alle nur angeguckt, aber ich konnte das nicht ertragen, die arme Frau da so fertig zu machen.

Interviewer: Also hat sich die Frage, ob Du mutig bist, eigentlich schon voll…

Titus Dittmann: Das hat nichts mit Mut zu tun. Das ist einfach bescheuert.

Interviewer: Na ja, Du bist wie Du bist.

Titus Dittmann: Ja. So läuft das schon.

Interviewer: Es läuft schon.

Titus Dittmann: Willst Du was vom Mut hören? Wenn Du fragst, ob ich mutig bin, kann ich mal, weil Du das gerade angesprochen hast, was dazu sagen. Denn das ist wirklich, wenn man unter Mut versteht, einfach irgendwas machen, und keine Angst und nix haben. Wie man so sagt: Mutig sein und Augen zu und Durch und sowas. Also dann bin ich der größte Angstschisser und habe überhaupt keinen Mut. Ich sehe so mutig aus, weil ich viele Ängste habe, auch vor dem, was ich tue. Deswegen habe ich mich schon als Kind irgendwie automatisch so angewöhnt, dass, wenn ich vor was Angst habe… Das ist ein unangenehmes Gefühl und das will ich nicht. Ich will das ja trotzdem irgendwie machen. Also habe ich mich dann immer schon damit beschäftigt: Wovor hast Du Angst? Warum hast Du Angst? Ist die Angst begründet? Und trau ich mir das zu, obwohl ich Angst habe? Je mehr ich mich dann damit beschäftige, dann entwickelt sich das. Entweder wird aus der Angst Respekt und dann mache ich das, weil ich mir sicher bin, ich schaffte das. Oder es kommt die Erkenntnis: Nee, das ist Wahnsinn, wenn Du das machst, deswegen lieber die Angst als Selbsterhaltungstrieb. Dann mache ich das nicht.

Interviewer: Aber dann kannst Du abwägen. Also Du kannst das schnell erkennen.

Titus Dittmann: Subjektiv natürlich. Ich nenne mal ein Beispiel. Nehmen wir mal Fallschirmspringen, als ich Fallschirmspringen wollte. Ich bin ja ein ziemlich ehrgeiziger Typ. Ja, da hab ich natürlich, wie jeder auch, Angst und Du springst da oben raus und denkst, aber dann kommt die Vernunftseite, die sagt Dir: alles TÜV-abgenommen, tausend Dingsbums, kaum Tote. Was gehst Du überhaupt für ein Risiko ein? Und so weiter. Klar, so kann man sich auch damit beschäftigen. Aber ich gehe dann immer noch einen Schritt weiter, ich nenne das mentales Training, so in Kombination auch mit körperlich damit beschäftigen. Beim Fallschirmspringen habe ich mich dann erst theoretisch damit beschäftigt. Aerodynamik und Dings und wie man steuert und so weiter. Damit ich das dann nicht nur theoretisch so im Kopf habe, vor meinem ersten Sprung, habe ich einen Freund angerufenen, der ein Auto hat und gesagt: „Let’s go!“ Man fällt so ungefähr mit 140 bis 160 Stundenkilometer, je nachdem, was man für eine Haltung hat, auch viel schneller. Dann habe ich jemanden angerufen mit Schiebedach und habe gesagt, geh mal auf die Autobahn, fahr mal 160, und dann habe ich mich da oben rausgehangen und habe mich in die Stellung gemacht und habe dann angefangen zu lenken. Da kriegst Du ein geiles Gefühl und hast keine Angst mehr da, weil ich weiß, kriegst Du doch geregelt, alles unter Kontrolle. So mache ich das.

Interviewer: Cool, Du bist gesprungen.

Titus Dittmann: Klar, das waren die 50er Jahre. Wenn man mich gefragt hätte in dem Alter: „Was willst Du mal werden?“, hätte ich gesagt: „ 18“, denn ich wollte natürlich den Führerschein machen, weil das waren ja Jahrzehnte der Mobilität und da war das genauso. Wenn man 12, 13, 14 ist, dann hat man natürlich auch keine Angst. Aber Bedenken: Oh wie ist das denn? Schaffe ich den Führerschein oder wie auch immer. Da habe ich angefangen. Mit 12, 13, 14 bin ich jede Nacht unter der Bettdecke Auto gefahren und habe die Bettdecke über den Kopf gezogen, damit meine Eltern das Motorengeräusch und den Blinker nicht hören. Dafür habe ich aber nur eine Fahrstunde gebraucht, als es so weit war, und hatte meinen Führerschein.

Interviewer: Also wenn ich Dich heute fragen würde, was Du werden möchtest?

Titus Dittmann: Dann würde ich sagen glücklich. Denn das ist ja so pauschal.

Interviewer: Bist Du glücklich?

Titus Dittmann: Nee. Da muss man hart daran arbeiten. Es muss einem klar sein, dass es das Glück in dem Sinne, wovon man träumt, ja eigentlich gar nicht gibt. Ich bin, wie soll ich sagen, ich bin sehr anfällig dafür, glücklich zu sein, weil ich natürlich, so ein emotionaler Typ bin. Ich kann aber auch richtig scheiße drauf sein, aber das macht mich auch glücklich, weil dann alles draußen ist, dann kann ich anschließend wieder glücklich sein, und deswegen bin ich dann vielleicht ein bisschen überschwänglich-euphorisch, was dann auch Leute etwas irritiert.

Interviewer: Du hast ja von null auf Dein Unternehmen aufgebaut…

Titus Dittmann: Ja, von außen sieht das so aus.

Interviewer: War es denn auch so?

Titus Dittmann: Nein, denn ich habe ja weder einen Plan gemacht noch sonst was. Ich wollte ja auch gar kein Unternehmer werden. Ich habe Abitur gemacht. Für mich waren Unternehmer die größten Arschlöcher. Die waren doch alle schlecht. Alles Abripper. So ist man doch als Achtundsechziger erzogen worden. Das war doch normal. Ich bin kein typischer Achtundsechziger, aber so eine Gesinnung bleibt natürlich hängen. Da hab ich tatsächlich noch schubladenmäßig gedacht. Heute habe ich ganz andere Erkenntnisse. Genau wie heute, das hat ja auch alles so Schubladen. Heute nennt man das alles Rassismus, man packt alle in eine Schublade und alle sind gleich, die in der Schublade sind. Also verschiedene Berufsgruppen, das eine waren die guten, Unternehmer, das waren die Bösen. Na ja, und irgendwann lernt man im Leben kennen, dass es überall die Vollpfosten und die Arschlöcher gibt und überall die super Typen, scheißegal was für Berufe. Das, finde ich, ist eine unglaubliche Erkenntnis. Aber dazu muss man Mut haben, so ein Ergebnis zu haben, weil das Leben wird viel komplizierter, wenn man die ganzen Schubladen nicht mehr hat und muss jeden Typ individuell beurteilen. Das ist anstrengend.

Interviewer: Erzähl mal, Deine Leidenschaft war ja auch, bevor Du Dich selbstständig gemacht hast, das Skateboard fahren.

Titus Dittmann: Also das mit dem Skateboard fahren ist auch wieder so eine typische Titus-Sache, sage ich mal. Ich habe eben schon erzählt, heute weiß ich, dass ich eigentlich als Kind schon ADHS hatte, Gott, in den 50er Jahren war man dann ein Zappelphilipp und da gab es ja noch Prügelstrafe. Ich glaube, noch nie ist jemand so blau geprügelt aus der Schule rausgekommen wie ich, weil ich einfach nicht stillsitzen konnte, aber auch ziemlich schnell alles verstanden habe. Dann ist das noch schlimmer, still zu sitzen, wenn man schon alles kapiert hat, was der erzählen will und dann noch ein Zappelphilipp ist. Also doppelte Schwierigkeiten und damit muss man dann klarkommen. Anscheinend bin ich damit klar gekommen, weil es ja nur zwei Möglichkeiten gibt: Entweder man gibt auf und glaubt nicht mehr an sich und dann ist das scheiße im Leben, nochmal erfolgreich zu werden. Oder man fängt schon an, sich von Anfang an wirklich irgendwie mit sich selber zu beschäftigen und dann die Erkenntnis zu haben: Ich habe ja doch einiges drauf, nur die kapieren das alle nicht! Und sich dann entsprechend verhalten. Bei mir war das so, wenn Erwachsene irgendwo kamen, bin ich schon auf die andere Straßenseite gegangen, weil die Erwachsenen für mich alle Feindbilder waren, weil die mich immer alle Scheiße gefunden haben, weil ich halt nicht ruhig sitzen konnte. Dementsprechend schlecht war ich ja auch in der Schule. Jetzt im Nachhinein weiß ich das besser und das nutze ich jetzt auch für die Arbeit mit den Kindern, ich habe ja sogar ein Forschungsprojekt an der Uni Münster aufgebaut, weil ich vorher so einen Praxis-Workshop für Kinder mit ADHS-Diagnose gemacht habe, bevor ich überhaupt wusste, dass ich selber ADHS habe. Aber daran habe ich das gemerkt und bei der Professorin, die da für Psychiatrie und Dingsbums zuständig war, habe ich mich dann mal testen lassen. Normalerweise Du wirst ohne Ritalin so getestet; wie Deine Leistungsfähigkeit ist und Dein Gedächtnis und Deine Kreativität und so weiter. Ich habe mir natürlich in meinem langen Leben viele Techniken angewöhnt, damit ich das ein bisschen kompensieren kann, was man sonst als ADHS-Typ nicht so gut kann. Deswegen sagte sie schon: „Also wenn ich Dich jetzt nicht kennen würde, würde ich sagen, wir hören auf, Du kommst mit dem Leben klar, alles prima.“ Aber dann hat sie mir Ritalin gegeben und ich habe nach einer Stunde dieselben Tests noch einmal gemacht. Da habe ich selber in mir gespürt, mein Gehirn, das ist ja der reine Wahnsinn, wie konzentriert ich dann auf einmal war oder Pingpong zu spielen funktioniert, das Gedächtnis und alles ist besser. Also ich kam mir schon vor wie so ein kleiner Supermann.

Interviewer: Echt jetzt? Wie alt warst Du dann, als Du das erste Mal Ritalin genommen hast?

Titus Dittmann: Da war ich Ende 60. Das ist ja auch der Unterschied. Ich mache Workshops, die heißen „Skaten statt Ritalin.“ Das heißt ja nicht, dass ich sage, Ritalin ist grundsätzlich scheiße. Ich sehe nur ein Problem bei 10-, 11-, 12-, 13-, 14-jährigen Kindern, die noch nicht so reflektiert wie ich entscheiden können. Ich meine, irgendwo ist es ja eine Droge, wenn Du so willst, nur halt entsprechend dosiert. Wenn ich das den Eltern sage, die das Kindern verschreiben lassen, dann würden die mich am liebsten killen. Das ist nun mal so, aber das heißt ja nichts, jeder hat eine andere chemische Zusammensetzung im Kopf und wenn man das irgendwie nachfüttern kann, was einem fehlt, dann ist das auch prima, dann kann man etwas normaler leben. Nur das zu finden ist natürlich schwierig. Aber Millionen Kinder werden da jeden Tag mit vollgestopft, das ist jetzt nicht grundsätzlich zu verurteilen, aber ich sage mal, die Dunkelziffer des Missbrauchs – unbequem, der zappelt ein bisschen rum in der Schule –, deswegen hat man ja noch lange kein ADHS. Ich meine, Kinder sind in der Pubertät immer unruhig und da gibt es halt die Gefahr, dass das missbraucht wird und Kinder, die eigentlich gar kein Ritalin nehmen sollten, weil sie eigentlich vollkommen in der Norm sind, es dann auch kriegen, damit es ein bisschen ruhiger wird. Deswegen sage ich provokativ – nicht ernst nehmen: ADHS ist keine Krankheit, sondern ein Symptom für unmenschliche Erziehung. Denn durch das selbstbestimmte Lernen und diese Workshops „Skaten statt Ritalin“, fördern wir nur das selbst bestimmte Lernen, über die Selbstsozialisation und die Selbstwirksamkeit machen wir die Kinder stark. Das ist das, was heute eigentlich nicht nur den ADHS-Kindern hilft; bei denen fällt es auf, denn die kommen mit diesen Normierungsversuchen in der Schule gar nicht klar, weil die so schmerzfrei sind, weil sie einfach so einen Bewegungsdrang haben, weil ihr Kopf sowas von schnell funktioniert. Da fehlt ja auch so ein bisschen der Filter von den ganzen Reizen. Deswegen gibt es ja den schönen Satz: „Ich habe Hyperaktivität, oh guck mal da ein Eichhörnchen!“ Also diese Ablenkungsbereitschaft ist extrem hoch und das ist für Schule natürlich echt für‘n Arsch. Auf der anderen Seite, was ja kaum jemand mitkriegt, wenn sich aber so Kinder für was richtig interessieren, dann sind die so tief da drin und so leistungsfähig und so schmerzfrei wie kein „normales“ Kind sich damit beschäftigen kann.

Interviewer: Siehst Du Dich genauso?

Titus Dittmann: Ja, ich sehe mich genauso. Ich habe Mittel und das geht so weit, diese Schmerzfreiheit ist schön, ich habe das irgendwann als Kompliment empfunden, weil ich gemerkt habe, wenn ich mich so richtig konzentriere und da Spaß dran habe, das Herz brennt und so weiter, dann kann man ja gar nicht genug davon kriegen. Ein Beispiel, damit man überhaupt weiß, wovon ich rede: wenn ein Kind anfängt, Skateboard zu fahren, das Herz brennt und das ist begeistert vom Skateboarden. „Begeisterung ist Dünger fürs Gehirn.“, sagt ja schon Professor Hüther. Also von daher kann ich auch sagen: Skateboard fahren ist Dünger für’s Gehirn, weil Skateboarden begeistert. Begeisterung ist Dünger für’s Gehirn. Ganz einfache mathematische Gleichung. Und auf der anderen Seite: Das Schöne ist, durch dieses selbst bestimmte Tun beim Skateboard fahren, entscheidet sich so ein Kind, das ansonsten in der Schule vielleicht gar nicht so klarkommt und immer nur als Störenfried und unaufmerksam gilt: Ich will ein Olli lernen. Das sagt kein Lehrer, das sagen keine Eltern, das sagt das Kind zu sich selber. In dem Moment, wo der Mensch für sich selbst entscheidet, mit brennendem Herzen: Verdammte Scheiße, egal wie weh es tut, das will ich! Dann sieht man Skateboardfahrer und Kinder 20 mal, 50 mal, 100 mal, 1000 mal auf die Fresse fallen, die bluten, ein gebrochener Arm. Dann kommt der Krankenwagen. Habe ich alles schon erlebt. Dann sagt so ein Kind: „Nein, der soll warten, ich muss erst den Trick noch schaffen.“ oder sowas. Nur um zu zeigen, was da plötzlich passiert, wenn der Mensch selbst bestimmt irgendwas erreichen will. Und das gönnen wir unseren Kindern nicht mehr. Nach dem Krieg war die Entwicklung so: Ich bin früher noch in den Wald geschickt worden. Ich sage immer, ich konnte nur deswegen ein guter Unternehmer werden, denn mit 14 sagten die Eltern: „Jetzt nerv nicht rum, wenn Du die Hausaufgaben gerade gemacht hast und so, jetzt hau ab und komm wieder, wenn es dunkel wird.“ Kein Handy, nichts, keine Betriebsanleitung. Was macht man im Wald? Na ja, dann musst Du halt abhauen im Wald, da bist Du Zwangsunternehmer und dann hast Du ein Problem, stehst da und denkst: Ach wie scheiße, ist das langweilig. Ja und die Langeweile wird dann zum Nadelöhr. Zum Glück, denn das ist ja richtig unangenehm. Um die zu überwinden, musst Du nachdenken, kreativ werden, Pläne machen oder Ideen haben. Dann am nächsten Tag in der Schule, verabredest Du Dich mit Kumpels im Wald, und dann überlegt man sich schon, was spielt man zusammen? Erfindet Westerwälder Gotcha, wie mein Buch, da habe ich das beschrieben, also mit Tannenzapfen aufeinander werfen und wer getroffen wurde oder so was. Das sind Lernprozesse, wo die Kinder gar nicht merken, dass sie lernen. Das ist so wie eine positive Spirale, ein Ziel setzen, ich nehme mal wieder den Ollie beim Skateboard fahren, und dann dauert das vielleicht sogar bei einigen ein paar Monaten, wenn die Motorik nicht ganz so in Ordnung ist. Irgendwann stehen die dann der Ollie und dann passiert ein Feuerwerk. Wir nennen das Euphorie, aber in Wirklichkeit ist das ja ein körpereigener Drogenrausch, der dann durch die Birne fegt. Dann denken die Kinder ja kurzfristig, jetzt können sie auch über das Wasser gehen, so gut fühlen die sich. Aber das ist das, was das Selbstkonzept hebt. Das Selbstkonzept beim Menschen ist das, was man sich realistisch wirklich zutraut oder leisten kann. Durch so eine positive Spirale, wenn man sich selbst ein Ziel setzt und hart daran arbeitet und trotz aller Schmerzen und Widrigkeiten das Ziel erreicht, das hebt dann das Selbstkonzept, weil man selbstsicherer wird. Man weiß: Ah, ich habe es geschafft. Und dann kann man auf dem Level sich wieder das nächste Ziel vornehmen. Und das ist im Prinzip, das Schöne, wenn ich so erzähle, wie wir mit den Kindern arbeiten, dann ist das eigentlich ja eine Reflexion in meine Kindheit und meine Jugend. Wie habe ich das überhaupt geschafft, aus so einer scheiß Voraussetzung, mich so zu entwickeln? Das finde ich so faszinierend. Das macht mir dann auch so Spaß, weil ich da genau weiß, denen geht es genauso scheiße, weil alle Erwachsenen die scheiße finden, weil sie den Unterricht stören, weil sie halt nicht in die Norm passen. Na ja, und die dann stark zu machen und dadurch zu wertvollen Mitgliedern unserer Gesellschaft, was geileres kann man doch gar nicht machen.

Interviewer: Aber auf deine Aktivitäten mit Kindern würde ich gerne später zu sprechen kommen, denn das kam jetzt ja erst, ich würde gerne ein bisschen zurückgehen.

Titus Dittmann: Also eigentlich kam das jetzt nicht erst, sondern wenn ich wirklich mein Leben reflektiere, hat sich bei mir im Leben eigentlich gar nichts geändert.

Interviewer: Du bist immer Kind geblieben?

Titus Dittmann: Ja, nee. Ich habe aber auch diese Begeisterung und den Spaß an gewissen Dingen. Klar, zwischendurch ging ich mal in die Richtung und in die Richtung, im Endeffekt sieht es aus, als hätte ich unglaublich viele Brüche im Leben. Aber die habe ich ja nur, um eine Linie einzuhalten. Dass ich als Beamter in den Sack gehauen habe, das war ja nicht, weil ich was anderes machen will. Das Lehrerdasein war für mich das Schönste. Mit Kindern arbeiten und Kinder nach vorne bringen. Aber dieses System Schule, das war ja wie eine Zwangsjacke. Ich musste ja 80 Prozent der Zeit damit verbringen zu überlegen: Wie ecke ich jetzt nicht an und bleibe hier in der Norm drin? Es war sogar nicht gerne gesehen, wenn ich mich nachmittags mit den Schüler getroffen habe, mit denen Skateboard gefahren bin, ohne zu fragen, kriegst Du Überstunden bezahlt? Dann haben schon meine Kollegen gedacht, ich versaue den Schnitt. Ich hatte, mein Lehrerleben war genauso wie mein Schülerleben, Disziplinarverfahren, weil ich Skateboarden im Sportunterricht gemacht habe.

Interviewer: Ach, Du warst Lehrer?

Titus Dittmann: Ja, ich bin Studienrat gewesen und war verbeamtet, meine Pension, alles war durch. Da habe ich ‘84 gesagt: Leck mich. Ich muss das machen. Konfuzius: Such Dir einen Job, den Du liebst. Du wirst nie mehr arbeiten müssen. Ich habe keinen Bock zu arbeiten. Deswegen tue ich 24 Stunden Spaß machen und damit Geld verdienen.

Interviewer: Ja, und das fühlt sich gut an, oder?

Titus Dittmann: Ja. Manchmal ist das auch nervig.

Interviewer: Der Spaß oder das Geld verdienen?

Titus Dittmann: Geht hoch und runter. Jede Medaille hat zwei Seiten. Und das schön ist, ist irgendwann mal richtig scheiße. Ja, Gott, da muss man da durch. Dann wird es wieder schön.

Interviewer: Wie hast Du angefangen? Dieses Gefühl jetzt, Dein Lehrer Dasein zu beenden? Wusstest Du, was danach kommt?

Titus Dittmann: Nee, überhaupt nicht. Das war mir auch immer scheißegal und ist mir auch jetzt scheißegal. Mir ist es scheißegal, was kommt. Aber ich bin so positiv denkend und habe so viel Selbstvertrauen zu mir, dass ich mir sage: Ist doch scheißegal, was passiert. Ich werde immer irgendwie klarkommen und wenn ich klarkomme und damit zufrieden bin, dann habe ich überall dieselbe Chance, so ein bisschen in diesen Glückszustand rein zu kommen, das ist komplett unabhängig von der Kohle, das ist komplett unabhängig vom Beruf und so weiter. Es ist einzig und allein davon abhängig, ob Du was sinnstiftendes machst und ob Du eine intrinsische Motivation aufbauen kannst. Also Du musst was davon haben. Ich mach das ja nicht nur für die Kids. Klar ist das schön, die leuchtenden Augen zu sehen. Aber ich mach das auch für mich. Viel Anerkennung, die mir immer als Kind gefehlt hat, kriege ich auf einmal. Du kommst her und sagst: Hey, geiler Typ, und Dingsbums und so weiter.

Interviewer: Du hast Dich selbstständig gemacht. Du hast deinen ersten Skaterladen aufgemacht…

Titus Dittmann: Also sagen wir mal so, nicht bewusst, nicht bewusst. Nur von irgendwas muss man ja leben. Ich habe Sport studiert und ich war auch immer schon Extremsportler. Pionier sein war für mich in meiner Situation das Geilste. Weil wenn Du Pionier bist, dann hast Du keine Lehrer. Du hast keine Regeln sozusagen, Du erarbeitest das alles Durch selbst bestimmtes Lernen. Ich war einer der ersten Drachenflieger in Deutschland und ich habe die Hälfte der Berge hier erstbeflogen. Zu Fuß hoch, mit dem Drachen wieder runter und so, es gab keine Regeln. Das sind einfach schöne Zeiten, weil Du ganz selbst bestimmt wirklich leben kannst und handeln kannst. Snowboard fahren: Ich hab die erste Snowboard-Weltmeisterschaft mitgefahren 84. Und das Skateboarden habe ich zwar früh kennengelernt, aber davor habe ich mich auch von den Medien beeinflussen lassen. Das sind alles so Erlebnisse, die bleiben hängen und das Skateboarden wurde als der Wahnsinn dargestellt. 1977 hat der Tagesschausprecher mit dickem Backenbar das noch vom Blatt abgelesen, nicht vom iPad, und hat dem deutschen Volke verkündet, dass die Bundesregierung zusammensitzt und darüber berät, ob das Skateboard fahren in Deutschland verboten werden solle, weil man eine solche Gefahr aus den USA auf die deutsche Jugend doch nicht zukommen lassen kann. Das ist kein Witz, kann man auch googeln. „Gefährliche Bretter“ oder „gefährliche Rollbretter“, Tagesschau 1977 oder so was, und das ist keine heute show oder sonst was, das ist die Realität, die viel lustiger ist als jede Show kann ich nur sagen.

Interviewer: Aber Du hast damit weiter gemacht…

Titus Dittmann: Dann habe ich gedacht, das ist nichts für mich. Ich bin ja schon fast 30, Kinderkram und nur gefährlich und zu nichts nutze. Im ersten Staatsexamen dann, mein Studium war so gut wie zu Ende, ich hatte auch schon eine Referendarstelle am Gymnasium hier, gehe ich am Asi-Hügel spazieren und auf einmal sehe ich die ersten Skateboarder live, nicht nur gefärbt im Fernsehen, wo man Direkt meint: Och, alles gefährlich und hier und da fliegt schon wieder einer auf die Fresse und: „Was soll die ganze Scheiße? Das kann ich als Pädagoge und Erwachsener doch gar nicht verantworten.“ Und plötzlich sehe ich da so ein Dutzend pubertierender Rotzlöffel, alles Jungs damals noch. Die hatten aber nicht genug Skateboards, die haben sich fast um die Skateboards im positiven Sinne gezankt, wer jetzt fahren darf, und die haben ja die ganze Zeit gelernt und die haben vom Lernen die Schnauze nicht voll genug gekriegt. Die wollten immer weiter lernen, lernen. Da war kein Erwachsener bei, die hat keiner motiviert. Und ich als angehender Lehrer habe nur gedacht: Scheiße, was habe ich die ganze Zeit gelernt? Die haben auf nix Bock und dann muss man sich die 1.000 Tricks überlegen, um die zu motivieren in der Schule, dass sie was lernen, und auf einmal: Die wollen doch lernen! Sieht man doch, müssen nur die Erwachsenen die Finger weg lassen, dann lernen die auch, so ungefähr. Das war so die Erkenntnis. Dann habe ich mir eins ausgeliehen, selber probiert, und dann ist der Virus halt auch auf mich übergesprungen, weil es wirklich das selbst bestimmte Tun überhaupt ist. Damals war mir das noch nicht alles so bewusst, aber heute setze ich das natürlich als Werkzeug ein und das muss ich auch jetzt einsetzen. Wer weiß, wie lange das noch so bleibt. Denn je mehr Skateboarden in Richtung Olympia-Leistung geht, je mehr Skateboarden verschult wird, ohne dass es jetzt Skateboardschulen gibt, je mehr Skateboarden an der Schule gemacht wird, ist das natürlich der Tod des Skateboardens, weil es dann nämlich nicht mehr diese selbst bestimmte Kraft hat: Was baut einer Selbstwirksamkeit, einem Selbstbewusstsein, Selbstverständnis und so weiter auf, als dass man plötzlich als Kind – das immer nur von den Erwachsenen gesagt kriegt, was gut, was schlecht ist, wie man was macht – plötzlich merkt: Ich kann was besser und dann haben sie ihr Ding. Das ist so was von stark machend und persönlichkeitsbildend. Das ist unfassbar. Das will ich noch nutzen, solange das Skateboard diese Kraft noch hat.

Interviewer: Wie hast Du das überhaupt hingekriegt? Ich habe vorhin mal so ein bisschen in Wikipedia reingeguckt, und da stand so in ganz groben Schritten, in welchem Zeitraum Du, also mit der Fahrt nach Kanada oder Kalifornien, wo Du die ersten Boards geholt hast, weil es hier keine gab und Du Deinen ersten…

Titus Dittmann: Oder keine mehr gestellt, weil das war ja vorher schon mal so eine Welle als Spielzeug. Und so weiter.

Interviewer: Und dann im Keller verkaufen. Also klar, Du hast dabei Spaß gehabt, weil sonst hättest Du…

Titus Dittmann: Ja, ich habe das nicht als Business gemacht. Ich sage mal so, das sieht man doch daran: Wenn ich über zehn Jahre in ganz Europa der einzige bin, der Skateboards verkauft, da muss ich doch nicht sagen, das war kein Markt. So ein Geschäftsmann, der hätte das nicht angepackt, weil man da nichts verdienen kann. Ich war aber fasziniert. Also habe ich erst mal den Schülern in meiner Klasse, Skateboards aus den USA besorgt. Da ich natürlich als engagierter Lehrer sogar die Dinger in meiner Dreckwäsche durch den Zoll geschmuggelt habe, habe ich das zu den Fabrikpreisen weitergeben können, denn die hatte ich ja selber bezahlt, von meinem Lehrergehalt. Ja und die Mehrwertsteuer und den Zoll, das habe ich nicht eingesehen, dass die Schüler dafür bezahlen müssen. Also ein Brett, was weiß ich, fünf, sechs, sieben Bretter oder so was, die man aus dem Urlaub so mitnimmt. Und die habe ich denen dann weitergegeben. Dann hat sich das natürlich unglaublich schnell rumgesprochen, weil ansonsten die Sachen extrem teuer waren, wenn die offiziell dann bis hierhin kommen. Und so hat das Ganze angefangen. Und irgendwann musste ich natürlich dann so importieren und ganz normal, aber ich habe das eigentlich gemacht, ja, weil ich das als meine Aufgabe ansehe. Ich hatte diese Gruppe, eine Halfpipe angeschafft und ich war ja 15 Jahre älter als alle, und deswegen bin ich automatisch in so eine Leaderrolle reingepresst worden, was sehr gut war für mein Leben, weil die ich ja vorher nie gehabt habe, weil mich immer alle Erwachsenen gar nicht, durch meine Zappelei und sowas, gar nicht für so leistungsfähig gehalten haben. Und plötzlich bin ich 15 Jahre älter als die anderen, habe ein bisschen mehr Lebenserfahrung, und was meinst Du, wie gut das auf einmal tut, wenn ich für die das alles organisiere. Das hat für mich so viel Spaß gebracht. Und das hat mir so viel Selbstbewusstsein gegeben und hat bei mir diese Selbstwirksamkeit, also ich habe das Business eigentlich betrieben wie Skateboard fahren. Jetzt übe ich so lange und falle so lange auf die Schnauze, bis endlich der Trick gelingt und so und dann kennt man keine Schmerzen und geht immer nach vorne. Und ich wusste ja, wofür ich das gemacht habe. Ich habe das nicht für die Kohle gemacht. Ganz im Gegenteil. Wenn man ‘68 Abitur gemacht hat, hat man immer schlechtes Gewissen, wenn man ein bisschen Geld auf dem Konto hat. Also musste das immer weg. Und da ich eh nicht der Typ, der sich den Luxus leistet, habe ich dann immer direkt, wo mein Ziel ist, hier mein Titus Skates Show Team, das muss gut ausgestattet sein, wir brauchen eine Halfpipe. „Titus wir brauchen ein Magazin.“ Ja Gott, ich meine, das kostet Geld, ein Magazin zu machen. „Titus, wir brauchen einen Contest“, ja zack, auf einmal war die Weltmeisterschaft daraus geworden. Das waren die Ziele, die ich erreichen wollte. Und um meine Familie zu ernähren, musste ich halt nebenher ein paar Skateboards verkaufen, und das scheine ich ganz gut gemacht zu haben.

Interviewer: Wie viel hast Du verkaufen in Deinem Leben? Weißt Du das?

Titus Dittmann: Keine Ahnung, das dürften bestimmt… Ich weiß es nicht, kein Gefühl. Aber ich vermute mal, innerhalb von 45 Jahren dürften das schon Millionen sein. Ja klar, ich habe doch von DHL, weiß ich noch genau, als die erste Million Pakete raus gegangen ist, noch so eine Urkunde bekommen. Und dann kam die nächste auch ganz schnell, eine Zeit lang habe ich 10.000 Pakete am Tag verschickt. Inzwischen ist das wieder ein bisschen kleiner geworden. Ich bin ja auch mal ordentlich auf die Fresse gefallen. Aber auch da habe ich wie ein Skateboarder. Immer wieder aufstehen. Ja, das habe ich vom Skateboard fahren gelernt. Also wenn man nicht aufsteht, dann ist irgendwo das Leben vorbei.

Interviewer: Würdest Du sagen, Du hast einen Fehler gemacht, wo Du sagst, das hättest Du nicht machen soll?

Titus Dittmann: Also ich mache grundsätzlich keine Fehler. Das ist jetzt nicht Arroganz, sondern das ist wieder Philosophie.

Interviewer: Du hast Deinen Weg…

Titus Dittmann: Nein, nein, nein. Lass mich erklären. Weil ich glaube ja, man kann Fehler machen. Aber wenn man bewusst lebt, glaube ich, kann jeder Mensch einfach sagen: Nein, ich habe keinen Fehler gemacht. Aus einem ganz einfachen Grund: Wenn man unter den gleichen Voraussetzungen, mit den gleichen ganzen Fakten, die man recherchiert hat, wenn man die wieder ohne die Erfahrung, die man danach gemacht hat, alle zusammen, trifft man wieder dieselbe Entscheidung. Und zu dem Zeitpunkt war das die richtige Entscheidung. Wenn sich dann anschließend die Situation ändert und dann in die Hose geht und den Bach runtergeht, dann hat man ja keinen Fehler bei der Entscheidung gemacht, sondern das ist einfach scheiße gelaufen. Aber im Endeffekt würde man unter den gleichen Voraussetzungen, wenn man gewissenhafter Mensch ist, ja die gleiche Entscheidung treffen. Warum soll ich das einen Fehler nennen, wenn sich das Umfeld ändert, ich aber für den Moment die richtige Entscheidung getroffen habe? Also für mich ist das wirklich kein Fehler.

Interviewer: Hattest Du Entscheidungen abgeben müssen?

Titus Dittmann: Das ist Definitionssache.

Interviewer: Definitiv ja. Aber ich frage mich, wenn man, ich meine, Du hattest eine GmbH gehabt? Und dann bist Du in eine Aktien…

Titus Dittmann: Alles Mögliche…

Interviewer: Wahrscheinlich alles Mögliche und dann bist Du in eine Aktiengesellschaft.

Titus Dittmann: Das hat mit einem Reisegewerbeschein angefangen.

Interviewer: Echt jetzt?

Titus Dittmann: Ja mit einem Bauchladen meiner Frau. Ich war ja Beamter. Ich durfte ja nichts machen. Sie hatte einen Reisegewerbeschein und wir hatten kein Ladenlokal. Da hatten wir ein Wohnmobil vor die Mensa gestellt und hatten da Skateboards und Rollerskates verkauft. Mit einem Reisegewerbeschein ging das ja.

Interviewer: Ist das der Wagen, der vorne steht?

Titus Dittmann: Ja, den habe ich 1977 gekauft. Dann habe ich drei Stück gekauft, weil ich schon zwei hatte, die auch so einen haben wollten. Das ist ja, wie soll ich sagen, wenn Du keine Kohle hast und Dich immer am untersten Minimum entwickelt hast, hast Du ja dieselben Träume wie alle und die realisier ich dann halt. Und wenn ich mir das nicht leisten kann, dann mache ich da halt ein Business draus. Beim Drachenfliegen war das so, dann habe ich versucht, Drachen zu verkaufen. Beim Snowboardfahren auch, dann habe ich sofort angefangen sogar Lizenzgeschäfte zu machen. Ich war ja mal der zweitgrößte Snowboardproduzent, aber nicht, weil ich eine dicke Firma machen wollte, sondern weil mir das Snowboardfahren so geil Spaß gemacht hat und weil ich da auch jemand in der Szene sein wollte. Zahlt sich jetzt gerade aus, weil die ganz großen Heroes alle leider tot sind, wie Tom Sims und Jack Burden. Jetzt dreht da so ein Schweizer gerade einen Film, Old Hands Movie, über die 80er-Jahre-Snowboard-Stars. Und jetzt darf Klein-Titus, weil er so ein alter Sack ist, auch mitmachen. Ich war schon in Japan beim Drehen, dieses Jahr fliege ich nach Chile, da wird aus dem Hubschrauber, da wird man gefilmt, da wir schon im Heli oben. Nach Kamtschatka konnte ich nicht mitfliegen, wegen Corona und so. Das sind dann so die schönen Begleiterscheinungen. Und wenn man dann mit 73 sowas noch erleben darf, dann sage ich einfach, geiler geht’s nicht. Weißt Du, einfach machen, natürlich überlegen und so. Ne, nicht einfach, aber trotzdem. Was nutzt die beste Idee? Was nutzt das beste Team, was Du hast? Der Erfolg hängt in erster Linie von der Umsetzung ab und von nichts anderem. Besser ‘ne scheiß Idee und scheiß Team. Aber umsetzen als das geilste Team, die geilste Idee und Du kommst nie in die Hufen.

Interviewer: Wahnsinn. Wie alt bist Du jetzt?

Titus Dittmann: 73 und ich bin auch ganz stolz, dass ich mit 71 noch einen Flugschein gemacht habe. Und jetzt habe ich mir eine kleine Cessna gekauft, und das ist momentan so schön. Gestern war so schönes Wetter und dann habe ich gedacht: Ach, ich fliege mal meinen Bruder besuchen im Westerwald. Und dann habe ich mich reingesetzt, aber Gott, habe ich natürlich auch wieder damit verbunden, weil der Bürgermeister von meinem Geburtsort, die wollen für die Kids so eine kleine Skateboard-Anlage bauen. Und dann schlägt mein Herz auch gleich schon wieder höher, obwohl das sozusagen so überflüssig ist wie ein Kropf. Aber da kann ich nicht nein sagen. Dann meine ich, da muss ich wieder helfen. Ich habe vielleicht auch so ein Helfersyndrom, was manchmal ein Problem ist, aber das kann alles sein, das hängt natürlich alles zusammen.

Interviewer: Das macht aber Spaß.

Titus Dittmann: Ja, das macht Spaß, das ist mir vollkommen klar, im positiven Sinne, treibt mich das auch an, vielleicht in übertriebenem Maße die Anerkennung jetzt noch zu sammeln, die mir sozusagen als Kind und Jugendlicher von der Erwachsenenwelt, dem Establishment immer verwehrt blieb.

Interviewer: Die kriegst Du jetzt.

Titus Dittmann: Aber meine Lehrer sind alle schon tot. Denen kann ich den Stinkefinger gar nicht mehr zeigen, die Typen, die mich nach vorne geholt haben und dann der Klasse gesagt haben: Wenn aus euch im Leben nichts werden soll, müsst ihr so sein wie der Titus. Da würde ich jetzt gerne mal hingehen und den Stinkefinger zeigen. Na ja, aber gut.

Interviewer: Also ich kann immer noch nicht ganz glauben, weil Du sagtest vorhin, Du hast keinen Plan oder nicht viel Planung gemacht, sondern Du hast es im Hier und Jetzt.

Titus Dittmann: Ich habe viel mental trainiert, nenne ich das, denn ich sage extra deswegen nicht Plan. Ich bin nicht planlos, so im klassischen Sinne, dass ich überhaupt nicht weiß, was ich mache. Ich habe konkrete Vorstellungen, aber wenn man Unternehmer ist, dann lernt man ja leider Gottes: Jede Bank, wollte damals ein Fünfjahresplan und nach Möglichkeit noch länger haben. Da habe ich sehr schnell erkannt: Was soll die Scheiße? Du kannst doch nicht fünf Jahre so eine komplexe Sache planen. Kein Mensch kommt auf die Idee, sich einzubilden, er kann ein Schachspiel – und das ist nicht so komplex wie das Leben und Business – vom ersten Zug bis zum letzten planen, dass er gewinnt. Aber als Geschäftsmann wird von Dir erwartet, in dieser Komplexität und zuverlässig einen Plan über die nächsten fünf Jahre zu machen. Das geht nicht in meinen Augen. Es macht Sinn darüber nachzudenken. So worst case, best case, was kann passieren, damit man Plan B hat und was weiß ich alles und sich richtig mental da rein denken. Ja, aber das kann man immer nur, genau wie beim Schachspiel, nur drei vier Züge, je nachdem wie Dein Gehirn trainiert ist, und das ist beim Business ähnlich. Ich finde, so ganz kurzes nur darüber nachdenken, also mentales Training, was man auch Plan dann nennen kann. Aber dann muss man auch das als Plan sehen und nicht als Realität. Ich glaube, derjenige ist erfolgreich, der auch bereit ist, nach drei Wochen, wenn er merkt, ich habe falsche Voraussetzungen genommen, jetzt kommen wir wieder zu dem Fehler machen, zu sagen: Oh, Scheiße, hat sich geändert, zack, Plan zerreißen, nach Monaten neuen Plan machen. Also Chancen nutzen. Ich finde, Chance nutzen ist wichtiger, als mit sturen Plänen nach vorne zu gehen. Man muss eines bedenken: Die sturen Pläne helfen zwar manchmal, vielleicht dass man nicht direkt gegen die Wand läuft und so, weil man dann auch kein Risiko eingeht, denn man hält sich immer an den Plan A, das behindert aber auch Erfolg, wenn Du Dich an den Plan hältst. Du kannst ja unter Umständen auf einmal PAW machen, und wenn Du einen Plan hast.

Interviewer: Ein Plan ist die Behinderung zum Erfolg. Das ist ein geiler Spruch.

Titus Dittmann: Aber man darf das nie richtig absolut nehmen. Das ist bei jedem Beispiel, bei jedem Spruch.

Interviewer: Ich weiß, Du redest von Dir.

Titus Dittmann: Ich versuche natürlich auch das, was ich an Lebenserfahrung gesammelt habe, dann allgemein als Regeln zu machen. Aber diese Regeln sind natürlich genauso… Wie soll ich sagen? Das ist wie bei jedem Vergleich, in gewissen Situationen, und das ist ja das schöne, dass mir das nicht vorher bewusst geworden ist. Aber wenn man richtig weiterdenkt, ist das Leben so komplex, dass man natürlich nicht sagen kann, das ist wie ein Naturgesetz.

Interviewer: Der Grund, warum ich gefragt habe, war: Ich habe dieses Anfangsbild. Oder ich habe drei Bilder. Du bist in der Schule, dann bist Du Lehrer, Du schmeißt alles über den Haufen, dann fängst Du an über ein paar Wege. Irgendwann hast Du deinen kleinen Minishop, und auf einmal, nicht auf einmal, natürlich ist das ein Prozesses, hast Du ein Unternehmen, wenn man zurückschaut, eine AG mit 500 Mitarbeitern.

Titus Dittmann: Und sogar noch mehr. Zwischen Durch mal 100 Millionen Euro Umsatz und so weiter. Was nicht heißt, dass man dann Kohle verdient, meistens ist es umgekehrt.Mit so viel Umsatz kann man nicht nur gut Kohle verdienen. Man kann auch verdammt scheiß viel verbrennen.

Interviewer: Ja, das glaube ich. Man muss natürlich wissen oder ein Bild im Kopf haben: Wie könnte das aussehen? Welche Richtung gehe ich? Ich meine, der Unterschied ist der: Du bist in der Garage und auf einmal hast Du 500 Mann. Das ist ja ein Prozess.

Titus Dittmann: Ich habe keinen Unterschied gemerkt, das war immer alles dasselbe, weil das ist doch genauso, als wenn man mit einem Paddelboot das Wildwasser runterfährt, da weißt Du auch nicht, was da alles kommt, und irgendwann bist Du so erfahren, dann denkst Du so: Scheiß egal, was jetzt kommt, das habe ich alles im Griff. Dieses Gefühl und die Sicherheit, dass man das im Griff hat, das ist das Entscheidende.

Interviewer: Wie war das?

Titus Dittmann: Es gibt auch keine Gewissheit, dass mal was schief geht, aber ist erst mal das Entscheidende, diese Zuversicht und dann an sich selber glauben, aber realistisch an sich glauben und nicht einfach nur sagen: Ich bin der Größte und was weiß ich, sondern ganz im Gegenteil. Ich glaube, bei mir war das Geheimrezept, dass ich durch meine Sozialisation als Kind natürlich voller Zweifel war, weil mir keiner was zugetraut hat – und in der Schule war ich auch immer grottenschlecht.

Interviewer: Und Deine Eltern?

Titus Dittmann: Meine Eltern, hatten ein kleines Unternehmen. Also, was heißt Unternehmen? Hört sich so schlimm an oder so groß an? Mein Vater war Elektromeister und mein älterer Bruder war Gesellen und einen Lehrling hatten sie noch und dann haben die zu dritt – damals war ja die Bauphase – die Schlitze gekloppt und die Elektroleitungen in den Neubauten gelegt und davon gelebt. Das war noch zu einer Zeit, wo das Fernsehen erfunden wurde und noch ein kleines Elektrogeschäft da war, wo Batterien verkauft wurden und Taschenlampenbirnchen und Märklin-Eisenbahnen. Da hatte dann meine Oma natürlich als erstes einen Fernseher im Dorf, da kamen noch alle mit den Stühlen und setzten sich auf die Straße, weil keine Autos fuhren und haben stumm Fernsehen geguckt, kann ich mich als Kinder noch dran erinnern. Also es ist einfach unfassbar.

Interviewer: Und das wolltest Du nicht? Das wolltest Du nicht übernehmen, oder?

Titus Dittmann: Nein, das wollte ich nicht übernehmen, weil ich einen älteren Bruder hatte, der war schon Geselle und der war ja schon da drin. Was soll ich dann da auch noch mit rein? Irgendwann bin ich dann auf die schlaue Idee gekommen, ob ich dann doch nicht vielleicht das Abitur nachhole. Nach der Volksschule war ich auf einem Aufbaugymnasium im Internat in Bad Neuenahr, habe dann das Abi nachgeholt. Aber alles immer so, weil ich mir wenig zugetraut habe. Ja, vielleicht kann man das so vergleichen: Ich nehme mir immer nur was vor, wo ich auch ganz sicher bin, dass ich das schaffe. Alles andere ist so im Hinterkopf, da rede ich nicht drüber, das könnte ja mal sein, und Dingsbums, klar habe ich eine Riesenvorstellung. Aber ich verliere ja auch ungerne. Warum soll ich denn allen erzählen, was ich alles für möglich halte, wenn sowieso mich zu dem Zeitpunkt alle für einen Volldeppen gehalten haben? Da kann ich doch erzählen, was ich will. Da lachen alle nur noch mehr. Also habe ich die Gedanken schön im Kopf, aber wenn ich genau weiß, oh Gott, ist ganz locker, dann habe ich die große Fresse, weil ich ja genau weiß, ich kann nur gewinnen. Das sind dann so kurze Ziele. Aber bevor ich das Ziel erreicht habe, dann nehme ich schnell die Latte und lege die wieder höher. So wie bei dem Esel, der immer die Möhre vorn an der Angel hat. Dann bist Du Dein Leben lang motiviert, weil das Ziel immer ganz nah vor Augen ist, aber Du erreichst es trotzdem nicht. Denn wer sein Ziel im Leben erreicht, hat es nicht hoch genug gesteckt.

Interviewer: Okay, aber ich finde es trotzdem sehr beachtlich, wie Du das alles geschafft hast…

Titus Dittmann: Ich muss jetzt auch sagen: Wir müssen eigentlich von „Wir“ reden, denn ich glaube alleine wäre das sehr schwer geworden für mich, weil ich habe mich mit meiner Frau, damals natürlich Freundin, unglaublich ergänzt. Wir sind jetzt 50 Jahre zusammen, und die ist genau das Gegenteil von mir. Also das war schon schön. Ich konnte vorne rumrennen und war der Frontmann und habe alles aufgerissen. Dann brauchst Du einen, der hinter Dir einsammelt und dann in die richtigen Schubladen packt und so weiter. Es gab Zeiten, da wusste ich weder, wie viel Geld auf dem Konto ist, noch wo was hin überwiesen worden ist. Dann habe ich nur „Brigitta, können wir die Investition tätigen?“ gefragt und da hat die nachgerechnet und gesagt, „Jo, kannst Du machen.“ Fertig. Und dann haben wir es gemacht. Sie war immer die Aufräumerin. Ja, man kann ruhig sagen, sie war das Bremspedal, ich war das Gaspedal. Wenn Du nur eins von beiden hast, sie wäre nur mit Bremspedal nicht vorwärts gekommen und ich wäre mit nur Gaspedal wahrscheinlich in der nächsten Kurve rausgeflogen, aber in Kombination ist das eine schöne Sache.

Interviewer: Wie bist Du denn mit dem Gefühl dann umgegangen, als das Unternehmen dann zerschlagen war, als Du gemerkt hast, verdammt, das ist jetzt nicht so aufgegangen? Wie war das Gefühl?

Titus Dittmann: Scheiße, beschissener geht es gar nicht, denn wenn Du sowieso ein Mensch bist, der dauernd Selbstzweifel hat und darüber nachdenkt, wie er sich verbessern kann, nicht nur über mich, sondern über alles Mögliche… Durch dieses ADHS bist Du auch so übertrieben verantwortungsbewusst? Also wenn in China ein Sack Reis umfällt, dann kaufe ich mir ein Ticket, damit ich den aufstellen kann. So ungefähr. Ich fühle mich für die ganze Welt verantwortlich. Das ist sehr belastend. Ich weiß jetzt gar nicht, wenn Du auf Sicherheit hin willst und sowas. Ich bin eigentlich ein sicherheitsbewusster Mensch, aber Sicherheit ist bei mir was anderes. Sicherheit ist bei mir der Glaube an mich selber, dass ich das gebacken kriege. Der Glaube an mich selber, dass ich auch, wenn ich Dreck fresse und keine Kohle habe, ich dann trotzdem das Leben gemeistert kriege. Wenn ich daran glaube, dann habe ich Sicherheit.

Interviewer: Wie hat Deine Frau Dich in dieser Phase unterstützt, als es quasi erst mal beendet war? Oder als es hieß, jetzt müssen wir…

Titus Dittmann: Wir haben das zusammen aufgebaut, wir sind zusammen Durch die Scheiße gegangen, da muss man nicht groß drüber reden. Die Unterstützung meiner Frau, sowohl als wir in der Scheiße hingen als wenn man gerade Durch die Decke geht… Wir waren da immer ein gutes Team.

Interviewer: Es war auch eine recht lange Zeit. Also die Durststrecke war ja schon heftig.

Titus Dittmann: Ja, das hing wieder mit meinem Selbstbewusstsein zusammen, denn dann hat das geklappt und wir hatten Investoren drin und alles studierte Leute und Betriebswirtschaft und was weiß ich und dann, wenn ich kleiner Titus was sage… Das ist auch ein bisschen Gefrotzel, so ein bisschen, wie soll ich sagen: Da ist was dran, aber so fühle ich mich natürlich nicht, aber das kommt so von früher. Ich kenne ja nur zwei Sätze von Erwachsenen, wenn ich mal wieder geistige Ergüsse hatte und ich wollte das irgendeinem erzählen, als Kind, dann gab es in den 50er Jahren nur zwei Sätze, die zu mir gesagt wurden, entweder „Halt den Mund, wenn die Erwachsenen reden.“, dann warst Du fertig als Kind, oder „Werd doch erst mal groß.“

Interviewer: Ja, sind zwei scheiß Sätze.

Titus Dittmann: Wenn man so groß geworden ist, dann kann man gut überwinden. Und man kann ja immer auch aus allem was positives machen und was Positives rausziehen. Das ist ja das schöne, das gibt ja auch Kraft, wenn man das alle schafft. Und das Selbstbewusstsein und dann der Glaube an sich, dass man aus jeder Scheiße rauskommt, der kann ja nur kommen, wenn man in der größten Scheiße drin gesessen hat. Alle anderen, die haben da nicht so viel Selbstvertrauen, wenn die noch nicht so viel Scheiße miterlebt haben.

Interviewer: Aber Du hast jetzt Deinen Landen an Deinen Sohn abgegeben, oder?

Titus Dittmann: Ja, ich würde ihn gerne komplett, auch echt inhaberisch, als Gesellschafter abgeben aber da steht die deutsche Steuergesetzgebung noch ein bisschen im Wege. Das ist sehr komplex. Das ist ja so ein kleiner Konzern, wir befinden uns in so einer sogenannten Betriebsaufspaltung. Früher wusste ich gar nicht, was das ist, weil wir eine GmbH & Co. KG haben. Da wird dann plötzlich Dein Privatvermögen als Sonderbetriebsvermögen in die KG gepackt und wenn wir das jetzt auflösen, dann wird das extrem teuer. Das heißt, wenn wir unserem Sohn so nach und nach so eine Firma übergeben hätten, das wäre dann sozusagen die Auflösung der Aufspaltung und dann wären plötzlich die ganzen Zwischengeschäfte versteuert.

Interviewer: Also das heißt, Du bist nicht operativ, aber Du hattest vorhin schon mal gut angedeutet, dass Du mit Kindern arbeitest. Was?

Titus Dittmann: Ja, deswegen sagte ich eben, dass sich wirklich nichts geändert hat, denn ich habe immer diesen Spaß gehabt als Lehrer. Dann als Studienrat. Und ich habe immer unternehmerisch gehandelt und gedacht, auch als Beamter, merke ich jetzt im Nachhinein, weil jetzt musst Du Dir vorstellen, als Beamter verdienst Du immer dasselbe Geld. Damals war das A13 für einen Studienrat. Wenn Du dann noch gerade Abitur machst, dann überlegst Du Dir doch, welche Fächer will ich denn studieren und unterrichten? Da war ich ganz pragmatisch, eigentlich war ich immer, zwar ein schlechter Schüler, aber in Mathe stand ich immer 1+, das ist mir zugeflogen. Da musste ich nie was lernen. Ich kann eh nichts behalten, ich habe die Integralgleichungen abgeleitet in der Arbeit, damit ich damit arbeiten konnte, weil ich einfach verstanden habe, wie das funktioniert. Aber wenn einer gefragt hätte, hätte ich eine halbe Stunde gebraucht, um das ausrechnen. Das ist ja sehr ungewöhnlich. Von daher haben natürlich alle gedacht, dass ich Mathe studiere, aber das habe ich halt nicht gemacht, denn als ich in der Oberprima war, habe ich dann die Leute gefragt, die Sportstudenten und die Geografiestudenten, und die waren alle am besten drauf während des Studiums. Dann habe ich mir mal überlegt: Warum sollst Du Mathe studieren? Dann sitzt Du im Sommer da, Arbeiten korrigierend in Deinem kleinen Büro. Da gehe ich doch lieber mit einer Oberstufenmädchenklasse ins Schwimmbad chillen, für das selbe Geld. Und da war das entschieden. Also lieber schwimmen gehen mit wem auch immer und lieber Exkursionen machen als Student. Ich bereue das nicht, denn durch die Geografie kriegt man eine wunderbare Allgemeinbildung, das kann man wenigstens das ganze Leben gebrauchen. Wenn Du Mathe studierst, ob Du dann bei den Mädels glänzen kannst? Aber wenn Du denen erklären kannst, mit einem Apfel und eine Apfelsine, wie sich die Erde um die Sonne dreht und wie die Jahreszeiten entstehen, dann hast Du schon einen Stein im Brett.
Ich sage doch, das pragmatische Denken gehört einfach auch dazu. Ein bisschen darüber nachdenken, was macht mir Spaß? Aber auch: Wie kann ich am effizientesten sein? Als Beamter kannst du nicht wie ein Unternehmer, Marketing hier, Umsatz da, Kosten reduzieren – als Beamter kannst Du nur an der Spaßschraube drehen.

Interviewer: Stimmt ja. Hier haben wir die Spaßschraube. Sag mir mal, was hat es mit diesem wunderschönen Brett auf sich?

Titus Dittmann: Das ist so ein Schlüsselerlebnis. Alles, was ich so mache, das hat ja irgendwann so einen Impuls gegeben. Ich habe tatsächlich im Spiegel ein Interview, ich glaube Travis Byrd hieß der, so ein Australier, die mit einem anderen zusammen nach Kabul gereist ist. Sie sind, glaube ich, so sagt die Geschichte, sie wären ihren Freundinnen nachgereist, die dort an der Botschaft oder wie auch immer gearbeitet haben, und waren halt Skateboarder, und da sind die in Kabul Skateboard gefahren und die Begeisterung der Kids, die hinter denen hergelaufen sind, hat die dann so fasziniert, dass sie gesagt haben, wir kümmern uns drum, wir machen eine Skateboard-Schule auf. Das hat mich wieder so fasziniert, dass ich erst bei denen eingestiegen bin. Aber ich bin halt, wie soll ich sagen, so ein schneller Typ, der immer 24 Stunden rund um die Uhr…also das hat nicht so hingehauen mit unserem Team. Deswegen hab ich dann meine eigene Stiftung gegründet und habe mein erstes Projekt in Afghanistan gemacht mit Rupert Neudeck, der durch die Cap Anamur bekannt geworden ist. Da habe ich ein super schönes Erlebnis und das ist das Board und deswegen steht es immer an meinem Schreibtisch, denn das ist für mich der Inbegriff, wie wichtig so Begeisterung ist und wie wichtig ein brennendes Herz ist und Leidenschaft. Dieses Board ist nur sechs Wochen lang gefahren worden. Auch wenn das aussieht wie nach Jahrzehnten, das habe ich einem Kind, keine Ahnung, 11, 12, 13 Jahre alt gegeben und sechs Wochen später kriegte ich einen Anruf vom ZDF, dass sie jetzt endlich… Also die Nachrichten kriegen ja nur immer Kohle, um irgendwohin zu fahren, wenn eine Bombe explodiert oder sonst was. Wenn einer eine Skateboard-Anlage baut, dann muss man abwarten, bis irgendwo in der Nähe was passiert – und da ist was in der Nähe passiert. Da hat er angerufen, jetzt können wir auch dahin kommen und mal einen kleinen Bericht über den Skateboard-Park machen, denn die Finanzierung steht, weil da wieder ein LKW mit TNT gefunden worden ist und alles ganz spannend. Da bin ich ganz schnell im Flugzeug dahin und dann sah ich den selben Jungen, dem ich das vorher geschenkt habe, als wirklich neues Bord. Und jetzt guck Dir mal an, ein neues Board sieht so aus, wie viel länger das ist vorne und hinten. Da siehst Du, was das benutzt worden, ist abgefahren worden, und das finde ich einfach faszinierend. Und hier im Westen, in unserer Überflussgesellschaft ist das ja nur noch Schrott, aber die haben das immer wieder repariert. Dann ist das hier Durchgebrochen, komplett. Und die fahren barfuß und Nägel von unten nach oben, von oben nach unten, natürlich krumm geschlagen. Und mit diesen Dachlatten ist er dann wieder zum Halten gekommen und hier sind keine Kugeln mehr im Kugellager. So ist der wirklich noch gefahren. Der hat die Achsen nach vorne genommen, damit es nicht ganz so steht, weil man die Hinterachse immer mehr braucht. Der ist wirklich barfuß Durch den Park gefahren, hat noch Ollies gezogen und hatte einen Spaß damit. Und ich mit unserem westlichen Verständnis denke, das ist doch Schrott, bevor der das wegschmeißt, nimmst Du Dir das als Erinnerung mit, da hat er das mit seinem Leben aber wirklich verteidigt, so mit beiden Händen. Dann musste ich zum Auto gehen, habe ich aus dem Kofferraum ein neues Skateboard geholt, habe ihm das hin gehalten, dann habe ich das Alte gekriegt. Was soll ich sagen? Das sind Erlebnisse, die mir zeigen, wie wichtig das ist, was ich eben alles schon versucht habe, Dir zu erklären. In meinen Augen ist das das Allerwichtigste für Erfolg, egal im Business oder wo auch immer, dass wirklich Dein Herz brennt. Wenn dein Herz brennt, dann wirst Du leidensfähig, dann bist Du leistungsbereit, dann spielt nix mehr eine Rolle, dann bist Du schmerzfrei, weil Du ein Ziel vor Augen hast, was Du Dir selber gesetzt hast und nicht irgendjemand anderes Dir vorgegeben hat. Das ist das Geheimnis und das versuche ich weiterzugeben. Denn damit kriegst Du dein Leben geregelt, egal was Du für Voraussetzungen hast, genau damit kriegt man das Leben geregelt.

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