Gastbeitrag von Susanne Janthur

Gestalten statt kämpfen

Vor einigen Wochen rief mich ein junger Mann an. Er hatte mit seiner Frau vor zwei Jahren ein Haus gebaut. Leider bewahrheitete sich dabei für ihn der alte Spruch: Das erste Mal soll man für seinen Feind bauen… Es gab eine lange Mängelliste und in der Folge mit dem Bauträger einen langen Rechtsstreit, der Anwälte und Gericht gut beschäftigte. Eine Lösung war nicht in Sicht.

Der junge Mann schlug dem Bauträger daher nochmals außergerichtliche Gespräche vor. Der war grundsätzlich dazu bereit, wollte sich aber nicht „mit so was wie einem Mediator“ an den Tisch setzen. „Deshalb, Frau Janthur, bin ich auf die Idee gekommen, dass Sie mir beibringen, wie Sie als Mediatorin arbeiten und dann mach ich das halt selber.“ „Wie viel Zeit haben wir denn?“ fragte ich. Wir telefonierten an einem Freitag und der Termin sollte am nächsten Mittwoch sein.

Wir verabredeten uns für drei Stunden am Montagvormittag und ich überlegte, mit welcher Vorgehensweise mein Mandant die besten Erfolgschancen in der bevorstehenden Verhandlung hätte.

Die Parteien steckten in einem klassischen Teufelskreis fest. Mein Mandant war unglücklich darüber, mit dem Bauträger ausgerechnet an einen Menschen geraten zu sein, der sich so schwierig, unvernünftig und stur verhält. Das Problem dabei: Der Bauträger dachte von meinem Mandanten genau dasselbe. Jeder lauert nur noch auf die nächste „unmögliche“ Reaktion des anderen und setzt nach Möglichkeit noch ein Schippchen drauf. Das ist menschlich und völlig normal. So alltäglich solche Teufelskreise sind, so viel Zeit, Energie und häufig auch Geld verschlingen sie.

Die gute Nachricht: Es gibt sie, die Ausfahrt aus dem Teufelskreis. Wir stoppen ihn, wenn wir uns entscheiden, die Regie in der Situation zu übernehmen. Wir verlassen die Rolle des ungerecht Behandelten, der das schlechte Verhalten des anderen erleben muss und sich wehrt – und werden stattessen zu einem Gestalter des Falles.

Susanne Janthur

Das geht am besten mit dem „Leatherman“ der Kommunikation: Dem Verstehen-Wollen.

Wir alle haben das Bedürfnis, mit unseren Interessen und Argumenten gesehen und verstanden zu werden. Und wir kämpfen mit viel Kraftaufwand um unsere Wahrheit und um unser Recht. Dummerweise tun wir das alle und nehmen uns inmitten eines solchen Überzeugungskampfes nicht die Zeit, die Interessen unseres Gegenübers zu verstehen.

Dabei hat das so eine entspannende Wirkung. „Endlich hat er verstanden, worum es mir geht!“ Und mit der Entspannung setzt die Kreativität wieder ein, die wir bei der Suche nach Lösungen dringend brauchen.

Und wie merkt Ihr Gegenüber, dass Sie verstehen? Ganz einfach: Sie fassen zusammen, was bei Ihnen angekommen ist. So sehen und bearbeiten Sie die Argumente Ihres Verhandlungspartners. Das hat auch den schönen Effekt, dass Sie sich ein Argument nicht „in Dauerschleife“ anhören müssen. Es ist ja schon angekommen und verstanden – und damit vom Tisch.

Verstehen ist nicht Verständnis und heißt nicht einverstanden sein!

Sie können ein Verhalten für unangebracht halten, keinerlei Verständnis dafür haben und weit davon entfernt sein, damit einverstanden zu sein. Die Haltung des Verstehen-Wollens reicht aus, den Kampf um Wahrheit zu beenden. Sie zeigen, dass Sie die Belange, Interessen und Wünsche Ihres Gesprächspartners nachvollziehen wollen und schaffen so den Sprung von der Diskussion in den lösungsorientierten Dialog.

Wie die Geschichte des jungen Bauherren ausgegangen ist?

Wir haben einen Vormittag lang nur Paraphrasieren geübt und wie man Verstehen und Nachvollziehen damit koppelt, beharrlich die eigenen Interessen zu vertreten.

Drei Tage später erhielt ich eine SMS: „Liebe Frau Janthur, wir haben in zwei Stunden eine Lösung erarbeitet mit der wir beide gut leben können!“