Hidden Champions

Roland Gumpert

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Lesezeit ca. 15 Minuten

In meinem Wasserstoff-Auto sitzt Du nicht auf einer Bombe!

Heute ist The Hidden Champion zu Gast bei einer Legende der deutschen #Automobilindustrie: Roland Gumpert ist der Vater des Quattro-Antriebs von Audi. Bei den Ingolstädtern war er viele Jahre als Entwicklungsingenieur tätig. Heute leitet er sein eigenes Unternehmen und entwickelt neue #Brennstoffzellen auf Basis von Methanol und Wasserstoff. Warum er diese für den Antrieb der Zukunft hält, mit welchen Widrigkeiten er zu kämpfen hat und warum er Menschen ins #Team holt, die die Peitsche schwingen können, hat er uns im Interview verraten.

„200 Quattros? So viel verkaufen wir davon niemals!“ So reagierte der VW-Vorstand, als der Entwicklungsingenieur Roland Gumpert seine Überlegungen über die Vorzüge des Allradantriebs darlegte und um die Erlaubnis bat, versuchsweise 200 Fahrzeuge zu bauen. Nur mit der Hilfe der Familie Piech selbst konnte er diese Widerstände überwinden. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Roland Gumpert hat ein eigenes Unternehmen gegründet, einen Sportwagen mit Straßenzulassung entwickelt, der ohne Umbauten auch auf der Rennstrecke fahren kann und mittlerweile fahren Millionen Audis mit Allradantrieb überall auf der Welt herum. Doch Gumpert denkt schon wieder weiter: Das Elektroauto hält er für eine sinnvolle Sache, doch nur, wenn es genauso weit und schnell fahren kann, wie ein Auto mit Verbrennungsmotor. Seine Lösung: die Methanol-Wasserstoff-Brennstoffzelle.

Auch bei diesem Projekt hat der ehrgeizige Unternehmer wieder mit vielen Windmühlen zu kämpfen, wie er es nennt. Warum er dennoch mit Freude zu seiner Arbeit geht, wie ihn seine Kindheit als Sohn verarmter Ostflüchtlinge geprägt hat und welchen Rat seiner Mutter er auch heute noch befolgt, hat er uns im Interview erzählt. Außerdem erklärt er uns, warum er als Chef eigentlich zu viel Zuckerbrot verteilt und wer bei ihm stattdessen für die Peitsche zuständig ist.

Interview mit Roland Gumpert

Johannes: Mein Name ist Johannes Wosilat von The Hidden Champion und heute bin ich bei Roland Gump von der Gumpert Aiways Automobile GmbH in Ingolstadt. Roland, vielen Dank, dass ich heute hier bei Dir in Deinen heiligen Hallen sein darf. Ich habe auch gleich die erste Frage: Wie kommt man durchs Leben?

Roland: In dem man das macht, was einem Spaß macht. Spaß sollte das Hobby sein und wenn man den Beruf zum Hobby macht, dann hat man das ganze Leben Spaß und so wird es auch nicht langweilig. Man hat immer Freude am Leben.

Johannes: Hast Du das Gefühl, dass Du Spaß bei der Arbeit hast?

Roland: Ja, sonst würde ich nicht arbeiten oder nicht diese Arbeit machen.

Johannes: Wie lange machst Du diese Arbeit schon?

Roland: Oh, seit meiner Kindheit. Ich habe schon als kleines Kind angefangen zu basteln und zu spielen, mit Autos und mit technischen Gegenständen. Und mein Vater hat mir beigebracht, wie man eine Fahrradkette repariert, wenn sie gerissen ist und das Fahrrad richtet. Und dann ging es weiter mit dem Motorrad und dann mit dem kleinen Auto. So habe ich immer meine Technik ausprobiert und selber gebaut und bin dann Ingenieur geworden und habe mein Hobby zum Beruf gemacht.

Johannes: Ingenieur für Automobil?

Roland: Nein, das war Maschinenbau. Ich wollte eigentlich Arzt werden, aber Chirurg. Das ist fast so wie ein Ingenieur, weil auch die Ärzte machen mit Schrauben dann den Knochen wieder heil und so weiter. Aber dann habe ich, wie ich 18 war, kurz vorm Abitur, so einen schrecklichen Motorradunfall gesehen, wo dann das Gehirn auf der Straße verteilt war, und da dachte ich: Na ja, werde ich doch lieber Ingenieur. Dann hast Du nicht ganzen großen Stress wie mit Menschen. Maschinen sind dann doch ein bisschen geduldiger.

Johannes: Oh ja, ich glaube auch, Maschinen zu reparieren ist noch mal was anderes als einen Menschen zusammenzuflicken.

Roland: Ja, das ist schön. Aber wenn man so ein bisschen älter wird und man sieht, welche Ersatzteile man brauchen würde – und das passiert ja heute schon mit Organtransplantationen –, dann sind das ja auch alles Ersatzteile. Wie im Maschinenbau: Da richtet man einen Oldtimer, braucht neue Zündkerzen oder einen neuen Vergaser, und für Menschen bräuchte man auch ein paar Ersatzteile. Ein bisschen komplizierter vielleicht zum Ein- und Ausbauen …

Johannes: Auf jeden Fall ist es ein sehr spannender Bereich, den Du jetzt hast. Aber andererseits wäre ich wahrscheinlich jetzt nicht hier, wenn Du Arzt geworden wärst. Erzähl mal kurz, was hast Du eigentlich erreicht? Vom Kette zusammenbauen in Deiner Kindheit bis da, wo Du jetzt bist.

Roland: Ich habe es ja schon gesagt, ich habe erreicht, dass mir mein Leben immer Spaß gemacht hat und meine Technik, meine Arbeit. Ich habe meine eigenen Autos gebaut, ich habe mal einen Porsche-Killer gebaut und vor 10 oder 15 Jahren mit dem Apollo an einem Auto, das weltweit eine Straßenzulassung hatte, aber sofort ohne irgendwelche Veränderungen als Sportwagen genommen werden konnte. Vielleicht gerade mal die anderen Reifen für eine Rennstrecke drauf und dann auf die Rennstrecke gestellt, dann ist das Auto Rundenstrecken gefahren und hat normale Rennautos geschlagen – als Straßenauto! Das war mein Ziel und das war toll. Das war ein serienmäßiges Auto, das nicht für eine Rennstrecke getuned werden musste. Das war ein tolles Ziel und das habe ich erreicht. Jetzt habe ich, glaube ich, erreicht, dass ich elektronische Fahrzeuge entwickle, die ohne Emissionen fahren und eben auch keine Distanzbeschränkungen haben und normal betankt werden, wie herkömmliche Autos mit Benzin- und Dieselantrieb, nach der gleichen Strecke, in der gleichen Kürze und trotzdem elektrisch fahren. Ich glaube, das ist die Mobilität für die Menschheit in der Zukunft.

Johannes: Du hast mir das ja vorhin ein bisschen erklärt, wie das mit Wasserstoff funktioniert, aber warum sagst Du, ist eine Technologie, die Du entwickelt hast, für die Zukunft der Menschheit bestimmt?

Roland: Die Zukunft der Menschheit ist, dass man ohne fossile Brennstoffe auskommen muss. Das heißt, man sagt das immer so schön: Der liebe Gott hat uns genug Sonnenenergie, gegeben, die wir verwandeln könnten, um unsere ganze Welt mit Energie zu versorgen. Da ist noch die Wasserkraft und es gibt Ebbe und Flut, da ist die Wärme, da ist der Wind; das können wir alles nutzen. Das ist genug Energie, die wir gewinnen können, ohne dass wir jetzt hier unsere Welt veröden müssen, mit Emissionen, mit Abgasen und alter Kohle und Erdöl und damit unsere Umwelt verschlechtern. Das ist das Ziel und mit unserer Technologie, in der ich jetzt der Pionier bin – mit Wasserstoff, aber nicht mit herkömmlichem Wasserstoff, sondern mit Wasserstoff, so wie wir es machen – ist das in meinen Augen möglich, so dass die Mobilität der Menschheit zu Land, zu Wasser und auch in der Luft so gestaltet werden kann, dass sie wirklich emissionsfrei ist und ohne fossile Brennstoffe.

Johannes: Du hattest mir vorhin kurz erklärt, der Unterschied ist: Wenn man einen herkömmlichen Wasserstofftank hat, sitzt man quasi auf einer Bombe, weil ein unglaublicher Druck herrscht. In Deiner Technologie ist es so, dass der Wasserstoff in dem Moment hergestellt wird, wo er benötigt wird.

Roland: Richtig. Die herkömmlichen Wasserstoffautos sind ja auch Elektrofahrzeuge. Das heißt, das beste Auto ist ein Elektrofahrzeug, ganz unumwunden. Aber ein Elektroauto ist in meinen Augen halt nur ein Kurzstreckenfahrzeug für 100 bis 200 Kilometer, weil die Batterie ein schweres Paket ist und man das dann ständig beschleunigen und wieder verzögern muss. Dazu kommt, dass man warten muss, bis die Batterie geladen ist. Das ist alles nicht so, wie wenn man eine Flüssigkeit in den Tank gibt. Das dauert ja nur ein paar Minuten oder paar Sekunden. Bei der Batterie dauert das immer länger. Das heißt also, die Batterie hat ein Problem mit dem Gewicht und mit der Ladezeit und deswegen hat Primärenergie zwar den besten Wirkungsgrad, taugt aber nur für kurze Strecken. Wenn man jetzt dieses elektrische Fahrzeug längere Strecken bewegen will, dann meine ich, muss man die Batterie nicht immer größer und größer machen, denn dann wird auch das Auto immer schwerer und schwerer. Dann wiegt die Batterie bald nicht nur 100 Kilo, sondern 200, 300 oder 1.000 Kilo. Oder beim LKW: Wenn wir jetzt einem LKW von Ingolstadt nach Spanien fahren lassen müssten, dann müsste der eine 6-Tonnen-Batterie haben. Das sind bei einem 40-Tonner schon 10 bis 15 Prozent seiner Ladekapazität. Das kann sich ein Spediteur gar nicht leisten. Und dann dauert es drei Tage, um die Batterie zu laden. Das heißt also, für die Langstrecke wird so ein batteriebetriebenes Elektrofahrzeug immer ungünstiger. Daraus folgt, dass man dieses Auto laden muss, während es fährt; man muss den Strom, während es fährt, On-Board erzeugen – und das ist unser Prinzip. Wir erzeugen unsere Elektrizität, während wir fahren, On-Board aus einer Flüssigkeit und diese Elektrizität wird verwendet, um das Fahrzeug zu bewegen.

Johannes: Methanol in dem Fall?

Roland: In diesem Fall Wasserstoff, aber bei Wasserstoff gibt es eben Riesenprobleme. Wasserstoff ist das kleinste Element im Periodensystem, das heißt, Wasserstoff ist sehr schwierig zu behandeln. Er muss flüssig sein, um die benötigte Energiedichte zu bekommen, denn nur eine Flüssigkeit hat die richtige Energiedichte, so wie Benzin und Diesel ja auch flüssig sind. So hätte der Wasserstoff auch eine entsprechende Energiedichte, wenn er flüssig ist, aber flüssig wird Wasserstoff bei -260 Grad. Dann müsste ich im Tank also ständig einen Riesenkühlschrank haben, um meinen Tank auf -260 Grad zu kühlen und den Wasserstoff flüssig zu halten. Da brauche ich viel Energie und das ist sehr kompliziert. Das geht eigentlich nur bei großen LKWs, bei PKWs nicht. Alternativ nehme ich Wasserstoff bei Raumtemperatur, dann ist ein Liter Wasserstoff so groß wie ein Fußballfeld. Das heißt also, ich muss das Wasserstoffgas zusammendrücken und dann habe ich es eben im Tank. Nun drücke ich es mit 700 bis 800 Bar und dann sitzt der Passagier natürlich auf einer Bombe. Aber ich habe auch noch ein anderes Problem: Ich muss ja auch tanken und dabei muss man das Wasserstoffgas zusammendrücken und allein das braucht so viel Energie für den Kompressor, als wenn ich mit einem Dieselfahrzeug 100 Kilometer fahre. Dann fängt schon dieser Blödsinn an, dass sich das nicht rechnet, entweder -260 Grad oder aber ein so hoher Druck. Sogar die Wasserstoff-Tankstelle kostet nochmal drei Millionen Euro, das weltweit und dann in den Entwicklungsländern. Herkömmliche Wasserstoffautos funktionieren scheinbar nicht so gut, zu mindestens nicht in Entwicklungsländern.
Dann habe ich mir gesagt: Wasserstoff ist ein tolles Prinzip, weil man Wasserstoff wirklich braucht, um Elektrizität zu erzeugen, aber dann muss ich den Wasserstoff im Fahrzeug selber herstellen – und das geht eben mithilfe von Methanol. Methanol ist wieder eine Flüssigkeit wie Benzin oder Diesel. Es hat eine große Energiedichte und aus dem Methanol, das früher mal Wasserstoff war, erzeuge ich jetzt wieder Wasserstoff und mit dem Wasserstoff, den ich jetzt im Auto hergestellt habe – völlig drucklos und ohne Gefahr – erzeuge ich meinen Strom in einer Brennstoffzelle und treibe mein Auto an!

Johannes: Okay und der Vorteil ist, dass man eben nicht viel Druck hat und nicht diese teuren Tankstellen, sondern man lädt Methanol auf der einen Seite rein und hat auf der anderen Seite eine Batterie.

Roland: Ja, ich habe jetzt eine kleine Puffer-Batterie, so wie jedes Wasserstoffauto auch. Das heißt, es ist kein Unterschied zwischen herkömmlichem Wasserstoff und unserem Prinzip. Nur jetzt habe ich mein Methanol. Methanol war früher mal Wasserstoff. Wie erzeuge ich Methanol aus Wasserstoff und CO2? Nun, CO2 nehme ich aus der Atmosphäre, aus der Luft oder aus den Schornsteinen, aus dem Kraftwerk oder aus dem Stahlwerk oder aus einer Zucker-Fabrik, wo eben CO2 in die Luft geblasen wird. Das nehme ich mehr oder direkt aus der Luft und mische es mit Wasserstoff und daraus entsteht dann Methanol. Und dieses Methanol ist eine Flüssigkeit, das bedeutet, die Energiedichte ist gut und ich kann es durch Pipelines schicken. Methanol ist ein Alkohol, es ist biologisch abbaubar. Ich kann keine Umwelt mehr verschmutzen, keine Strände mehr, keine Tiere müssen mehr leiden, weil Fell oder Federn von Öl verklebt sind. Methanol ist auch giftig, aber es ist biologisch abbaubar und es gibt Riesenmengen davon. Auf der Welt werden 150 Millionen Tonnen pro Jahr hergestellt. In jedem Kunststoff, in Plastik, in jedem medizinischen Präparat ist Methanol drinnen, das wissen wir oft gar nicht. Dieses Methanol wird neu hergestellt, aus Wasserstoff und eben aus der Luft, aus CO2 und das Methanol kann dann an jeder normalen Tankstelle getankt werden und schon habe ich weltweit mein Tankstellen-System. Das Methanol wird dann in Wasserstoff umgewandelt und das CO2 wird wieder in die Luft abgegeben, der Kreislauf ist also emissionsfrei. Das ist die Zukunft der Menschheit, da bin ich ganz sicher.

Johannes: Das klingt nach einer Wahnsinns-Innovation, aber ich möchte gerne noch einen Schritt zurückgehen. Du warst Ingenieur. Wo warst du?

Roland: Ich habe bei Audi angefangen. Ich habe als junger Versuchsingenieur angefangen und das hat mir immer Spaß gemacht. Ich habe den Audi 50 als erstes Gesamtfahrzeug als Typbegleiter bei Audi entwickelt, war dann der jüngste Abteilungsleiter in der technischen Entwicklung. Dann ist der Herr Piech dazugekommen, und aus dem Audi 50 ist der VW Polo gekommen, den es heute noch gibt. Der Polo ist ja eigentlich ein Audi 50 jetzt und wurde bei Audi entwickelt, aber das weiß heute keiner. Ja und dann habe ich mich bisschen weiterentwickelt, aber das war eine tolle Zeit bei Audi.

Johannes: Wenn Du jetzt auf die Zeit zurückblickst, damals warst Du angestellt, heute bist Du selbstständig, führst Dein eigenes Unternehmen. Was machst Du anders, wie Du es bei Audi in der Führung erlebt hast?

Roland: Mein Führungsstil war immer der gleiche. Ich war immer ein eigentlich zu weicher Chef, zu viel Verständnis, eigentlich immer auf Teamgeist aus. Nicht der schlechteste, ja, aber es heißt ja auch immer Zuckerbrot und Peitsche und Zuckerbrot habe ich immer gegeben. Peitsche auch, wenn es sein musste, aber zu wenig. Das ist eigentlich mein Nachteil im Vergleich zu anderen. Das wurde bei mir immer kritisiert. Es gab auch Führungsstile von meinen Kollegen, die nur die Peitsche hatten, und die haben dann vielleicht kurzfristig mehr erreicht, aber langfristig gesehen, glaube ich, nicht so viel. Wenn man aber die Vor- und Nachteile seines Führungsstils kennt, dann muss man eben die Mannschaft, die man sich auswählt, entsprechend intelligent wählen, sodass man dann auch ein paar Peitschen in der Mannschaft hat, die das auch können, denn da gehört ja auch ein gewisses Talent dazu.

Johannes: Gibt es eine Eigenschaft von Dir, die Du gerne nicht haben würdest?

Roland: Meine Frau sagt immer, ich sei zu stur. Aber das hat alles seine Vor- und Nachteile. Wenn ich nicht so stur wäre und so dickköpfig, dann würde ich heute nicht hier sitzen.

Johannes: Dann hättest Du wahrscheinlich auch nicht diese Technologie entwickelt.

Roland: Diese Technologie gab es ja bereits. Ich bin eigentlich nur der Pionier der Methanol-Wasserstoff-Brennstoffzelle. Weil ich gesagt habe: Das ist es, das muss man durchgehen. Ja, ich. Ich kämpfe seit vier Jahren gegen Windmühlen. Jetzt langsam gelingt uns der Durchbruch, aber das ist schon hart, weil diese ganze verkrustete Bürokratie, gegen die man kämpft, das ist schon schwierig. Aber Wasserstoff wird die Zukunft sein. Die Bundesrepublik will Wasserstoff-Land Nummer 1 in der Welt werden und hat neun Milliarden Euro dafür zur Verfügung gestellt. Aber wenn ich dann zur Regierung gekommen bin und gesagt habe: Wir haben auch Wasserstoff, dann hieß es: „Methanol? Habe ich noch nie gehört.“ Und schon ist die Tür wieder zugeschlagen gewesen ist. Diese Lobby, die den Wasserstoff herkömmlicher Art vertritt, obwohl man jetzt seit 30, 40 Jahren intensiv daran forscht, Milliarden von Euro ausgegeben hat und – in meinen Augen – nicht weitergekommen ist, keinen einzigen Schritt, diese Lobby, will keine anderen Möglichkeiten und Wege zulassen. Das ist natürlich schwieriger, aber da braucht man eine gewisse Kontinuität und Sturheit.

Johannes: Was sagen Deine Mitarbeiter über Dich?

Roland: Also ich glaube, die halten mich alle doch recht hoch und haben gute Erinnerungen an mich. Mit mir kann man jeden Scheiß machen, mit mir kann man Pferde stehlen. Natürlich verfolge ich auch mein Ziel. Bei mir gilt aber auch das Leistungsprinzip. Wenn ich sehe, einer bringt die Leistung, dann bin ich auch hochzufrieden. Ich glaube, ich habe da ein ganz gutes Image bei meinen Mitarbeitern und die kennen natürlich auch meine Schwächen. Wenn sie dann sagen: „Die Werkstatt ist besetzt, ich muss aber jetzt mein Privatauto am Wochenende hier reparieren“, dann lasse ich die auch in die Werkstatt. Wenn ich dann sage: „Aber da braucht man eine zweite Person als Aufsicht, das ist eben Vorschrift, dann bringen Sie ihre Frau oder Ihre Freundin mit und dann ist das auch erledigt.“ Aber ja, ich glaube, wir haben ein ganz gutes Verhältnis und ich finde das auch gut. Teamgeist muss da sein, langfristig gesehen ist das immer der beste Erfolg.

Johannes: Würdest Du Dich als mutig bezeichnen?

Roland: Ja, ich bin risikobereit, vielleicht oft auch zu risikobereit. Ich habe eigentlich wenig Probleme mit Angst. So wie es kommt, kommt‘s. Ich habe in meinem Leben auch schon einige knappe Fälle gehabt. Mit 19 Jahren habe ich einen schweren Motorradunfall gehabt, fünf Mal den Kopf gebrochen, ich glaube, mindestens drei Minuten tot, bis ich dann wiederbelebt wurde. Ich habe dann also auch diese bekannten Erscheinungen gehabt, dass es Gott gibt und so. Das hat mich schon schwer gezeichnet, mit 19 Jahren so einen schweren Unfall gehabt zu haben. Aber es war auch dann wieder schnell vergessen. Man muss schon mutig sein, auch im Leben, muss auch schon mal was riskieren.

Johannes: Hast du auch mal zu viel riskiert?

Roland: Vielleicht wie ich meiner Frau zu tief in die Augen geschaut habe. Aber ich lebe noch und ich habe immer Spaß gehabt. Und somit muss ich sagen: Nein, ich habe noch nicht zu viel riskiert. Man muss alles ausprobieren. Ich habe auch schon mal Kokain genommen zum Ausprobieren, habe auch mal Hasch genommen, auch zum Ausprobieren. Ich habe auch schon mal zu viel getrunken und dann mein Vater mit Hühnerknochen beworfen, als es gerade Hähnchen gab. Also trinken ja und lustig sein ja, aber dann etwas zu tun, wovon man hinterher nicht mehr weiß und was man gar nicht will, das ist eigentlich nicht meine Sache. Das ist menschenunwürdig und sollte einmal im Leben vorkommen, aber nie wieder. Somit hatte ich auch nie Angst mal was auszuprobieren.

Johannes: Wenn man das jetzt in Bezug aufs Geschäft nimmt, gibt es ja auch immer wieder Phasen, wo man vielleicht sagt: Okay, ich muss hier einen Neustart machen, aber es heißt ja nicht, dass das Leben vorbei ist. Das geht ja dann weiter …

Roland: Das ist meine Lebenserfahrung mit Apollo, da ist mein Investor dann krank geworden. Er war auch immer ein toller Freund gewesen. Der hatte dann eine Gehirnoperation und innerhalb von Stunden ist er mir spinnefeind gewesen, hat eine Wesensveränderung gehabt, alle seine Bürgschaften zurückgezogen und dann ist das Ding den Bach runter gegangen, der Chinese hat es übernommen und letztendlich ist es dann ausgebeutet worden und Konkurs gegangen. Das war für mich natürlich ein großes Unglück. Aber daraus ist dann eben das Neue geboren worden. So ist das eigentlich auch in meinem Leben; wenn man mal ein Unglück hat, dann muss man das Beste daraus machen. Wenn ich es heute betrachte, war das Unglück für mich ein großes Glück, sonst wäre ich auch nicht wieder hier und hätte es so weit gebracht. Dann hätte das Leben eine ganz andere Richtung genommen und dann wäre ich immer noch mit Verbrennungsmotoren und Rennstrecke beschäftigt.

Johannes: Wenn Du jetzt was machst, was machst Du dann anders?

Johannes: Ich habe eigentlich gar nichts anders gemacht. Ich habe damals ein Verbrennungsauto gehabt, das vom Band weggenommen auf der Rennstrecke benutzt werden kann, ohne irgendwelche zusätzlichen Sachen zu machen. Das waren so meine Gedanken. Denn bei jedem Porsche oder Ferrari, den Du von der Stange nimmst und auf der Rennstrecke fährst, ist nach zwei Runden die Bremse kaputt oder der Motor zu heiß oder das Getriebe überhitzt. Das funktioniert nicht mit normalen Straßenautos. Mein Apollo konnte das – und kann das heute noch. Jetzt bekam ich vor vier Jahren den Auftrag, ein Elektroauto zu bauen, das funktioniert. Und für mich bedeutet „funktionieren“ 800 Kilometer weit zu fahren, ohne anzuhalten und deswegen war das mein neues Ziel. Ein Elektroauto zu bauen, ist vernünftig, emissionsfrei zu fahren ist vernünftig und Wasserstoff ist auch vernünftig. Aber so wie es bis jetzt gemacht worden ist, ist es unvernünftig. Also muss man was Neues finden. Ich habe bei Audi den Allrad-Antrieb gehabt, die Idee gehabt, und habe den Piech überzeugt und habe gesagt: „Piech, fahr doch mal Prototyp, hier ist ein Allrad drinnen, so wie wir es damals vom VW Iltis übernommen haben.“ Den habe ich auch bei Audi gemacht, aber müsste eigentlich Audi Iltis heißen. Und habe ich dann die Idee gehabt, mit dem allradgetriebenen Geländewagen bin ich schneller als die normalen Limousinen in kurvenreichen Strecken. Und das war für mich die Überzeugung: Allrad ist besser als einachsgetrieben.

Johannes: Du hast doch auch den Quattro …

Roland: Ja, das war meine Idee. Dann muss man überzeugen und dann kämpft man gegen die Windmühlen. Als der Piech überzeugt war, haben wir gegen VW-Windmühlen kämpfen müssen. Dann hat der VW-Vorstand gesagt: „Was 200 Quattro-Antrieb-Fahrzeuge zu bauen? Zweihundert? So viel verkauft ihr doch niemals!“ Dan hat der Piech gesagt: „Ich habe genug Geld, ich kaufe die 200.“ und dann hat der VW-Vorstand gesagt: „Ja, dann machen wir das halt, die 200 werden wir auch noch verkraften, die nimmt uns eh keiner ab.“ Und heute sind es Millionen und Millionen.

Johannes: Heute will keiner mehr einen Audi A6 ohne Quattro haben. Es braucht also manchmal auch Zeit, bis sich etwas dann doch durchsetzt.

Roland: Ja, und was machen wir jetzt mit unserem Gumpert Power Train. Aber das ist nur zum „Angeben“, um zu zeigen, dass diese Technologie möglich ist in einem zweisitzigen Sportwagen. Einen Sportwagen, der 800 Kilometer weit fährt, der 300 km/h Spitze fährt, der von 0 auf 100 in 2,5 Sekunden beschleunigt, das braucht – Entschuldigung – keine Sau mehr. Das braucht man alles nicht. Aber wenn diese Technologie in einem zweisitziges Sportauto reingeht, dann geht sie erst recht in jenen SUV, in jedes Massenprodukt, in jeden Transporter, in jeden LKW, in jeden Bus rein – und das wollen wir zeigen. Somit fangen wir jetzt mit Transportern, LKW und Bussen an. Nächstes Jahr zur IAA werden wir einen 40-Tonner-LKW vorstellen

Johannes: Wofür bist Du in Deinem Leben am dankbarsten?

Roland: Na erstens mal, dass ich geboren worden bin (lacht), dass ich gesund bin, dass ich meine Frau, meine Kinder habe. Gesundheit ist, glaube ich, das tollste Gut, das man im Leben hat – und Glück natürlich, Zufriedenheit.

Johannes: Darf ich fragen, wie alt Du bist?

Roland (lacht): Nein. Gut, okay, kurz vor 77.

Johannes: Und immer noch richtig Bock …

Roland: Warum denn nicht?

Johannes: Das ist gut. Ich habe noch ein paar persönliche Fragen dazu. Glaubst Du, dass eine glückliche Kindheit zum Erfolg führt?

Roland: Es ist zumindest nicht von Nachteil. Also meine Kindheit war schon glücklich. Wir sind Flüchtlingskinder, kommen aus Schlesien, waren dort eine vermögende Familie, meine Eltern waren Besitzer einer Papierfabrik und mein Vater durfte dann nicht weg als Schlesien polnisch wurde, weil ohne ihn die Papierfabrik nicht lief. Ihm ist erst der zweite oder dritte Fluchtversuch gelungen, das war dann ’47 oder ’48. Somit waren wir Flüchtlinge und dann also auch schon verarmt. Das war also eine harte Kindheit, da hat man nichts zum Essen gehabt oder keine Süßigkeiten. Mein Vater hat als Hilfsarbeiter im Westen wieder angefangen und sich langsam wieder hochgearbeitet. Aber die Familie hat immer zusammengehalten. Es hat auch fast nie Streit gegeben und ich habe noch vier Brüder.

Johannes: Was hältst Du von dem Spruch: Schuster, bleib bei Deinem Leisten?

Roland: Das ist ein guter Spruch, hat meine Mutter immer gesagt.

Johannes: Lebst Du selbst auch danach?

Roland: Natürlich. Ich meine, die Welt ist heute digital und wir haben das nicht gelernt. Meine Tochter mit ihren 12 Jahren macht mir vor, wie es mit dem Rechner geht und mit meinem Handy. Deswegen ist es schon richtig. Aber man muss natürlich auch gewisse Neugier haben und sagen: Ja, ich kann das jetzt nicht völlig ablehnen, sondern ich muss mich damit auch beschäftigen. Aber ich werde niemals der Spezialist werden. Aber den Überblick, den brauche ich. Also ja und nein. Genauso wie der Spruch „Was Hänschen lernt, lernt Hans nimmermehr“. Natürlich, wenn man was als kleiner Junge lernt – Radfahren, schwimmen oder nähen, hat mir mal meine Mutter beigebracht –, dann verlernt man das nicht mehr. So ist es natürlich auch mit dem Beruf als Maschinenbauingenieur. Das hat man dann im Blut und auch das Gefühl dafür und das verlernt man dann nicht mehr. Deswegen ist „Schuster, bleib bei Deinem Leisten“ schon richtig. Natürlich muss man auch über den Tellerrand hinausschauen können, sich nicht abschotten gegen Neues. Wir müssen uns eben irgendwann einmal von unseren fossilen Brennstoffen, also auch von den Verbrennungsmotoren, verabschieden. Etwas Neues und Emissionsfreies finde ich schon richtig, obwohl es auch wehtut.

Johannes: Ich habe noch drei Fragen: Was heißt für Dich Risiko?

Roland: Naja, einerseits macht Risiko auch Spaß, weil es Dir nie langweilig wird. Die erste Nathalie, die wir gebaut haben, haben wir auf dem Nürburgring der Presse vorgestellt und die ist tatsächlich am Tag vorher fertig geworden. Wir sind zum Nürburgring und hatten noch Probleme und das ging nicht; Vorwärts- und Rückwärtsgang verwechselt gewesen und dann lief das Ding nur rückwärts statt vorwärts. Katastrophe! Und jeder hat mich für verrückt erklärt und gesagt: Brich das ab! Aber ich war stur und habe gesagt: Nein, ich gehe das Risiko ein und es ist alles gut gegangen.

Johannes: Was ist für Dich im Gegenzug die Sicherheit?

Roland: Verantwortungsgefühl und Sicherheit. Verantwortungsgefühl der Familie gegenüber bedeutet natürlich, dass man dafür sorgen muss, dass das Risiko, das man eingeht, nicht auf die Familie zurückfällt, wenn es schief geht. Das ist die Sicherheit, die man trotzdem haben muss. Also wenn mir was passiert, dann muss meine Lebensversicherung so gut sein, dass dann die Familie nicht am Hungertuch nagt. Mit 25 bin ich risikoreicher Motorrad gefahren als heute.

Johannes: Letzte Frage: Was würdest Du Jungunternehmern mit auf den Weg geben?

Roland: Die sollen nur das machen, was ihnen Spaß macht. Jeder Mensch soll ein Hobby haben. Jetzt muss man sich überlegen, wenn man so 16 oder 18 ist: Mensch, was macht mir denn Spaß im Leben? Und in diese Richtung muss der Beruf gehen. Das ist doch das Wichtigste; jeder sollte das arbeiten, was ihm Spaß macht. Somit kann ich sagen: Alles, was ich gemacht habe, in meinem Leben, meinem Beruf und so weiter, das hat mir immer Spaß gemacht.

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