Hidden Champions

Marion Janssen

Pinterest LinkedIn Tumblr
Lesezeit ca. 17 Minuten

Kein Streit ist durch Emotionen gelöst worden

Risiko gehört einfach mit dazu

Wenn Meeresschildkröten reden könnten, hätten sie bestimmt viel zu erzählen, dessen ist sich Marion Jannßen sicher. Sie ist unser heutiger Hidden Champion. Marion ist nicht nur begeisterte Hobbytaucherin, sondern sie hat lange Jahre die ProReServ GmbH aus Neu-Isenburg geleitet. Zuletzt war sie für über 6.000 Mitarbeiter verantwortlich. Heute hat sie sich ins Privatleben zurückgezogen. Ein Glück für uns, denn so konnten wir diesmal ganz anders als sonst ins Gespräch kommen – privat eben. Was die Gründe für ihre Entscheidung waren und was sie glaubt, wie ihre Mitarbeiter darüber gedacht haben, hat sie uns im Interview erzählt.

Über ihren Führungsstil sagt Marion, er sei vom Zuhören geprägt: „Ich glaube, ich habe die Menschlichkeit mitgebracht, diese Fürsorge“, wodurch eine Unternehmenskultur entstanden ist, die von Gegenseitigen Vertrauen zwischen ihr und den Mitarbeitern geprägt war. Doch bei der Streitkultur hat sie großen Wert darauf gelegt, nicht emotional zu sein, da Emotionen – davon ist sie überzeugt – noch keinen Streit gelöst hätten. Der Abschied von ihrem Betrieb war für die #Unternehmerin hingegen sehr emotional. Das sollte jeden, der sie kennengelernt hat auch nicht überraschen, denn trotz allen Business ist für Marion Janßen eines klar: „Letztendlich bleibe ich Mensch.“

Interview mit Marion Janssen

Johannes Wosilat: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Hidden Champion. Heute spreche ich mit Marion Janßen. Sie ist Mitgründerin von ProReServ, einem Dienstleistungsunternehmen mit knapp 200 Mitarbeitern. Heute ist sie als Privatperson bei mir, und was sie alles erzählen wird, hören wir direkt jetzt.

Marion Janßen: Hallo! Vielen Dank für die Einladung, ich freue mich sehr.

Johannes Wosilat: Was war der beste Rat, den Du je bekommen hast?

Marion Janßen: Ich habe in jungem Alter einen Rat bekommen, dass man in Gesprächen oder Konflikten die Emotionen beiseitelegen sollte. Das heißt nicht, dass man keine haben sollte, aber letztendlich werden Gespräche am besten geführt, wenn man sachlich bleibt, wenn man auf Augenhöhe bleibt. Der Rat, den ich mitgeben kann, ist, die Emotionen aus der Sache herauszuhalten, auch wenn man gerade dafür brennt. Kein Streit ist durch die Emotionen gelöst worden, die man gerade hat. Den Rat fand ich spannend und musste lange darüber nachdenken. Die Umsetzung kam erst später, aber es war ein weiser Rat, der mir gutgetan hat. Letztendlich sorgt man auch dafür, dass man ein Ruhepol bleiben kann, indem man bei den Themen, die man gemeinsam zu besprechen hat, sachlich bleibt. Da ist es eigentlich egal, um welches Thema es dann gerade geht. Das hat aber nichts damit zu tun, dass man seine Leidenschaft für etwas verliert, das sind ja auch Emotionen wie Freude und so weiter. Wenn es aber um heiße Themen geht, finde ich am wichtigsten, dass man auf der Sachebene bleibt.

Johannes Wosilat: Was war Deine wichtigste Entscheidung?

Marion Janßen: Das kann ich jetzt gar nicht so sagen, weil mein Berufsleben ein Flow war, möchte ich einmal sagen, und Entscheidungen sind immer getroffen worden. Ich denke, da wir ja jetzt hier auch privat sprechen, war die wichtigste Entscheidung, dass ich meine beiden Kinder doch erst sehr spät bekommen habe.

Johannes Wosilat: Wie alt warst Du?

Marion Janßen: Ich war 40 und 44 Jahre alt.

Johannes Wosilat: Okay, das ist ein wenig später.

Marion Janßen: Ja, das ist ein wenig später als gedacht, aber das war eine meiner wichtigsten Entscheidungen, die ich auch bis heute nicht bereue. Ich bin sehr glücklich über meine zwei Jungs.

Johannes Wosilat: Was war Dein größter Fehler?

Marion Janßen: Es wäre gelogen, wenn man sagt, man hat nie Fehler gemacht. Fehler sind immer gemacht worden, man hat bestimmt einmal eine Entscheidung getroffen, die jetzt vielleicht nicht so günstig war und hat dann hat man das korrigiert. Wenn einem Mitarbeiter irgendetwas passiert ist, dann ist man natürlich nicht amüsiert darüber, aber ich bin da jemand, der lieber nach vorne schaut und sagt: „Okay, was ist die Sachlage? Was ist der Ist-Zustand. Wie kriegen wir jetzt die Kuh vom Eis?“ Das ist das Credo, man schaut jetzt nicht so lange zurück und beschäftigt sich mit dem, was schlecht gelaufen ist, sondern schaut lieber, was noch zu retten ist, was wir besser machen können, wie wir Kunden wieder zufriedenstellen können und wie wir den Normalzustand wiederherstellen können? Da ich bei uns auch für das Qualitätsmanagement zuständig war, fragt man sich, wie wir den Prozess so hinbekommen, dass er für alle tragbar ist und wieder gut funktioniert, damit so etwas vielleicht nicht noch mal passiert.

Johannes Wosilat: Was würdest Du heute anders machen als vor fünf Jahren?

Marion Janßen: Da ich ja heute weiter bin als in der Vergangenheit, würde ich die Entscheidungen, die ich im letzten Jahr getroffen habe, vielleicht doch noch weiter vorziehen. Im Nachhinein sagt man ja immer, dass alles so gut ist, wie es ist, denn sonst hätte man es vielleicht vorher schon gemacht. Es gab äußere Umstände, die mich dazu gebracht haben, dass ich das damals noch nicht machen konnte.

Johannes Wosilat: Was macht für dich einen ‚Hidden Champion‘ aus?

Marion Janßen: Authentizität, also, dass dieser Funke und diese Leidenschaft da sind, zu sagen: „Hey, ich mache das, was ich mache, gerne und ich bin voller Überzeugung.“ Dass so jemand ein Licht in sich trägt und das auch auf andere übertragen kann, das finde ich total spannend an einem ‚Hidden Champion‘.

Johannes Wosilat: Siehst Du Dich als einen ‚Hidden Champion‘?

Marion Janßen: Das müssen andere entscheiden.

Johannes Wosilat: Aber Du hast das, was Du gemacht hast, mit Leidenschaft gemacht?

Marion Janßen: Das stimmt. Das habe ich gerne gemacht, und die Geschäftsidee elektrisiert mich nach wie vor. Ich fand es toll, was wir da gemacht haben.

Johannes Wosilat: Man kann das Baby ja auch beim Namen nennen, es nennt sich ProReServ.

Marion Janßen: Genau, Professional Retail Service GmbH.

Johannes Wosilat: Die hast Du mitgegründet und von Anfang an mit hochgezogen?

Marion Janßen: Genau. Wir haben das zusammen mit dem Geschäftsführer Peter Scholz gemacht. Wir kannten uns damals schon von der Firma Boeder Deutschland GmbH. Dann haben wir damals eine Tochtergesellschaft gegründet, die Retail Service GmbH, und haben dann im Jahr 1999 die Firma ProReServ gegründet.

Johannes Wosilat: Die Firma gibt es auch heute noch?

Marion Janßen: Ja, die Firma gibt es auch heute noch und ich wünsche mir auch, dass es sie noch ganz lange gibt.

Johannes Wosilat: Aber Du bist nicht mehr dabei?

Marion Janßen: Genau, ich bin raus. Ich habe mich entschieden, auszusteigen.

Johannes Wosilat: Was war der Hauptgrund für Dich, diesen Schritt zu gehen? Man baut ja, wie Du eben sagtest, etwas auf, mit Leidenschaft, mit Feuer. Man steht dahinter. Man gibt Gas und auf einmal trifft man eine Entscheidung, die sicherlich auch eine gewisse Vorgeschichte hat, aber auf einmal sitzen wir hier und Du bist nicht mehr dabei.

Marion Janßen: Ja, das ist richtig. Ich sehe das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Das weinende Augen sagt: „Toll, was hast Du da geschaffen hast! Und jetzt, nach so langer Zeit, gehst du raus aus diesem Unternehmen.“ Auf der anderen Seite muss ich mich selber sehen. Ich habe sehr viel Kraft da reingesteckt und das ging letztendlich dann auch zulasten meiner Gesundheit. Da habe ich dann gesagt, dass man Gesundheit für kein Geld der Welt kaufen kann, egal wie viel man arbeitet, und habe mich dann für meine Familie und für meine Gesundheit entschieden.

Johannes Wosilat: Hast Du es bisher noch nicht bereut?

Marion Janßen: Nein. Ich muss wirklich sagen, dass ich es bisher noch nicht bereut habe. Ich kümmere mich sehr viel um mich selbst, und wenn es mir gut geht, dann geht es auch der Familie gut. Das kann man so sagen. Natürlich vermisse ich meine Kollegen, Mitarbeiter und so weiter, aber letztendlich habe ich festgestellt, dass es mir gut gehen muss, und wenn es mir gut geht, dann kann ich auch wieder kreativ sein und vielleicht etwas Neues aufsetzen.

Johannes Wosilat: Das ist spannend.

Marion Janßen: Ja, es ist eine spannende Zeit. Es war auch aufregend für mich, überhaupt diesen Schritt zu gehen und zu fragen: „Machst Du das jetzt?“ Natürlich unterhält man sich dann auch mit der Familie und mit Freunden. Viele sagen dann: „Wie kannst Du das machen? Du hast doch einen sicheren Job und es läuft doch alles super.“ Ich denke aber, wenn man nicht mehr glücklich ist, wenn die Leidenschaft dann fehlt oder die Leidenschaft tatsächlich Leiden schafft und diese Leiden eher auf mich selbst bezogen sind, dann ist die Kreativität nicht mehr da und das fände ich dann einfach schade. Dann einfach nur weiterzumachen, weil es schon immer so war, dann bin ich nicht mehr authentisch, und dann kann ich das nicht mehr vertreten und kann das auch meinen Mitarbeitern oder Kollegen dann auch einfach nicht mehr so verkaufen. Wenn ich etwas mache, dann möchte ich es gerne mit Hand und Fuß machen.

Johannes Wosilat: Wie war das Gefühl für Dich, die Entscheidung getroffen zu haben?

Marion Janßen: Das war ein langjähriger, ein langwieriger Prozess, der ging über ein, zwei Jahre und er war letztendlich, als man sich geeinigt und etwas unterschrieben hatte, doch sehr emotional. Das muss ich sagen. Ich glaube, es wäre auch falsch, einfach zu sagen, man geht einfach so und es wird einen nicht berühren. Das wäre nicht richtig gewesen. Es war tatsächlich sehr emotional. Nicht nur für mich, auch für andere, weil viele damit gar nicht gerechnet haben, dass ich gehe. Viele haben vielleicht schon gesehen, dass ich unglücklich bin, aber dass ich dann tatsächlich den Schritt mache, das kam, glaube ich, für viele sehr überraschend.

Johannes Wosilat: Für mich war es auch eine Überraschung, als wir letztes Jahr telefoniert haben. Da dachte ich: „Nein, Marion ist ProReServ. Sie ist es“

Marion Janßen: Das finde ich spannend, wie viele Kollegen mich sehen. Ich bekomme auch einige Anrufe, was mich natürlich sehr freut. Das heißt, irgendetwas scheine ich ja richtig gemacht zu haben. Die Menschen erinnern sich an eine gute Partnerschaft und sagen dann: „Ja, wir haben sehr gut zusammengearbeitet.“ Ich hoffe, egal was ich mache, ich sage immer: „Man sieht sich immer zweimal im Leben.“

Johannes Wosilat: Das ist es meistens so!

Marion Janßen: Ja, das stimmt, und ich möchte, dass man mich, wenn überhaupt, dann in guter Erinnerung behält. Das ist mir wichtig.

Johannes Wosilat: Welche Eigenschaft als Mensch, als Marion, hat Dich dahin gebracht, wo Du heute bist?

Marion Janßen: Ich denke, die Eigenschaft, ehrlich zu sein, den Menschen zuzuhören und einfach da zu sein, auch kompetent aufzutreten, mit dem, was man tut oder was man versucht zu vermitteln. Natürlich auch mit einem gewissen Ehrgeiz verbunden, das ist ja dann wichtig, wenn man Projekte verfolgt und letztendlich die Ziele gerne erreichen möchte, gemeinsam mit dem Team zusammen. Weil alleine baut man so etwas nicht auf, man braucht seine Kollegen, Mitarbeiter, die einen da voll mit unterstützen. Das Wort Leidenschaft kommt jetzt öfter vor, aber es ist ja tatsächlich so, dass ich ganz wichtig finde, den Funken überspringen zu lassen.

Johannes Wosilat: Ja, es bringt nichts, wenn man von vorne schreit, in welche Richtung es geht, aber niemand hinter einem steht.

Marion Janßen: Das ist richtig. Es wichtig, dass man alle mit abholt.

Johannes Wosilat: Wie hast Du das Unternehmen geführt?

Marion Janßen: Ich hoffe, dass ich es offen geführt habe. Gut, ich denke, es gibt immer verschiedene Wahrnehmungen. Wenn du ein Unternehmen mit 6.000 Mitarbeitern hast, dann hat jeder eine eigene Wahrnehmung, und man hat immer sein Eigenbild und sein Fremdbild. Ich hoffe, ich habe es gut geführt, und ich hoffe, ich konnte immer ein guter Ansprechpartner, ein guter Sparringspartner sein. Und letztendlich bleibe ich Mensch.

Johannes Wosilat: Du musstest Dich nicht verstellen?

Marion Janßen: Nein, das war mir immer wichtig. Ich habe mich nie verstellt. Es gibt Menschen, die sich verstellen im Job. Ich sage immer: Der Mensch macht die Position und nicht die Position macht den Menschen. Das war mir wichtig. Ich war auf der Arbeit nicht anders als zu Hause. Vielleicht lachen jetzt auch einige andere darüber, aber ich denke, letztendlich ist es wichtig, dass man bei sich selbst bleibt. Ich wollte kein Rollenspiel.

Johannes Wosilat: Das wäre anstrengend, glaube ich.

Marion Janßen: Ja, genau. Ich war und bin auch nach wie vor so, wie ich einfach bin.

Johannes Wosilat: Gab es Zeiten, schon während des Aufbaus, wo Du dich gefragt hast, ob es die richtige Sache ist, die Du aufziehst oder gab es so etwas nicht? Hattest Du auch solche Phasen während des ganzen Aufbaus gehabt? Du sagtest, 30 Jahre gibt es die ProReServ jetzt?

Marion Janßen: Die ProReServ selbst gibt es seit 1999. Die Geschäftsidee gab es schon vorher. Ich habe ja damals bei Boeder schon im Merchandising gearbeitet, von daher bin ich jetzt seit 30 Jahren im Handel selbst, genau. Ob ich Bedenken hatte, als wir angefangen haben? Damals bei der Retail Service GmbH haben wir so viel Pionierarbeit geleistet, so viele Gespräche haben da stattgefunden, wo man dann sagt, dass man jetzt mit so vielen Firmen gesprochen hat und irgendwie ist der Funke noch nicht übergesprungen. Das hat schon ein Jahr, anderthalb Jahre gedauert, in denen wirklich viel Vertriebsleistung getätigt worden ist und wo man sich dann fragt, ob der Markt versteht, was wir eigentlich mit dieser Dienstleistung, die wir anbieten, möchten. Da muss man sagen, im Vertrieb wurde dann noch einmal richtig Vollgas gegeben und dann sind die Dominosteine umgefallen. Das fand ich toll. Aber natürlich gibt es immer einmal Bedenken, wo man sich fragt, ob es richtig ist, was man macht, wo man zweifelt. Ich denke aber, dass sich der ganze Aufwand, die ganze Arbeit, die dahinter steckt, dass sich das alles gelohnt hat, dass der Erfolg dann doch gekommen ist, wenn man dran bleibt. Das war wichtig. Dranbleiben an dem Thema und selbst dran glauben, das ist das, was wichtig ist, weil wenn man selbst nicht authentisch ist und nicht daran glaubt, dann vermittelt man das auch seinen zukünftigen Kunden nicht.

Johannes Wosilat: Das heißt, ihr habt da eine Idee gehabt und seid in den Vertrieb gegangen. Habt ihr diese Idee während dieser anderthalb Jahre auch verändert? Habt ihr Anpassungen gemacht, anhand der Gespräche, die ihr mit potenziellen Kunden geführt hattet?

Marion Janßen: Wir haben hingehört, was der Kunde haben möchte. Wir hatten eine Idee, wie es laufen könnte, und diese Idee hatte sich ja damals schon bewiesen in dem Markt. Letztendlich ging es aber dann darum, andere Firmen davon zu überzeugen, dass wir die richtigen sind für diese Arbeit und für diese Aufgabe. Als die ersten dann umgefallen sind, also den Auftrag unterschrieben hatten, dann konnten wir das ja noch einmal unter Beweis stellen. Das hat sich dann herumgesprochen, dann hatten wir Referenzen und so ging es dann weiter. Das fand ich schon toll.

Johannes Wosilat: Spannend, anderthalb Jahre Vollgas, und dann kam der Punkt…

Marion Janßen: Genau, von Boeder zur Retail Service GmbH und dann zur ProReServ. Also die Geschäftsidee war ja schon vorher da und wurde dann an der Stelle mit Leben gefüllt, das ist richtig. Anderthalb Jahre war so meine Wahrnehmung, um aus der Geschäftsidee etwas mit Potenzial zu erstellen.

Johannes Wosilat: Was sagen Deine Mitarbeiter über Dich? Oder was haben sie gesagt?

Marion Janßen: Da musst Du meine Mitarbeiter fragen.

Johannes Wosilat: Wie ist Dein Gefühl?

Marion Janßen: Als ich mich verabschiedet habe, waren natürlich Emotionen da. Es wurde mir gesagt: „Es ist schade ist, dass Sie gehen. Ich konnte mir nie vorstellen, dass Sie gehen. Ich wünsche Ihnen alles Gute.“ Es war ein großes Bedauern, aber es gibt immer zwei Seiten der Medaille. Vielleicht gab es auch den einen oder anderen, der gesagt hat: „Was für ein Glück, dass sie jetzt weg ist.“ Ich kann es Dir nicht sagen, man kann den Menschen nur vor die Stirn gucken. Ich glaube, ich habe die Menschlichkeit mitgebracht, diese Fürsorge, dieses Zuhören, dieses Soziale. Ich denke, das war mit eine meiner Aufgaben, was dann die Menschen dazu gebracht hat, dass sie zu mir kamen und sich mir anvertrauen konnten.

Johannes Wosilat: Ich kann Dir sagen, wie ich Dich beim ersten Fotoshooting bei euch wahrgenommen habe.

Marion Janßen: Gerne!

Johannes Wosilat: Du hast ganz klar gesagt, was du gedacht hast: „Das gefällt mir nicht. Das gefällt mir. Das müssen wir anders machen.“ Ganz oft erlebt man, dass nicht ehrlich mit einem umgegangen wird und man dann nicht weiß, woran man ist. Ich fand es immer ganz gut, dass ich, wenn Du etwas gesagt hast, wusste, was deine Gedanken sind. Da kann man dann andocken.

Marion Janßen: Das stimmt. Jetzt, wo Du das sagst, es hat letztens noch jemand zu mir gesagt: „Du bist so ehrlich. Du hast sehr gute Ideen, Du bist kreativ und Du sagst, was Du denkst.“ Er sagte: „Ich habe genug Leute um mich herum, die mir Honig um den Mund schmieren, aber bei dir weiß man, wo man dran ist.“ Es ist interessant, dass du das sagst, das hat mir gerade vor ein paar Wochen auch jemand gesagt.

Johannes Wosilat: Gibt es etwas, was Du machen wolltest, schon immer machen wolltest, aber bisher noch nicht gemacht hast?

Marion Janßen: Reisen ist ein Riesenthema für mich. Ich mag es, durch die Weltgeschichte zu reisen. Mein Traum ist, dass ich gerne auf den Kilimandscharo laufen möchte.

Johannes Wosilat: Das ist eine Aufgabe.

Marion Janßen: Das ist eine Aufgabe, genau.

Johannes Wosilat: Wofür im Leben bist Du am dankbarsten?

Marion Janßen: Für meine Gesundheit. Dafür bin ich am dankbarsten. Anscheinend habe ich gute Gene mitbekommen. Es gibt viele Freunde, die Knochenbrüche hatten, Unfälle, auch Krebs, und das ist mir alles bisher erspart geblieben. Es war überschaubar, was an Krankheiten da war, und für diese Gesundheit bin ich am dankbarsten, weil die kannst Du nicht kaufen.

Johannes Wosilat: Kannst Du weinen?

Marion Janßen: Ja, vor Freude. Es gibt viel Freudentränen oder so Situationskomik, wenn die Kinder irgendwas erzählen oder auf der Arbeit oder auch durch Filme. Aber auch bei traurigen Sachen. Bei uns, in diesen Firmenleben, haben wir ja doch schon viele Menschen kennengelernt, die uns begleitet haben, und es war dann halt auch so, dass wir uns auch von vielen Menschen schon trennen mussten, auch von lieb gewonnenen Menschen. Das sind Sachen, die Dich dann berühren, das geht ja an einem nicht vorbei. Das ist etwas, wo man denkt: „Auch das ist das Leben, auch das gehört mit dazu.“ Ich finde es auch nicht schlimm, wenn ein Mann weint, das finde ich auch gut, wenn jemand seine Emotionen an der Stelle zeigen kann. Ich denke auch, dass es auch eine Stärke ist, die man da dann zeigt. Warum? Weil Du dann auch wieder Dich zeigst. Man ist ja dann nicht aus Holz. Man ist nicht die Führungskraft schlechthin. Natürlich repräsentiert Du Stärke, Führung, den Respekt und alles, was dazugehört, aber letztendlich bleibt man, so sehe ich das, halt doch Mensch, und dann gehören auch solche Emotionen mit dazu.

Johannes Wosilat: Was bedeutet denn für Dich Risiko?

Marion Janßen: Das kann man vielleicht an einem Beispiel festmachen. Wenn man zum Beispiel in eine neue Sparte möchte, oder einen neuen Kunden gewinnen möchte, dass man das Für und Wider abwägt. Oder man möchte in eine Innovation investieren oder in eine neue Software, da denke ich, dass keine Investition ohne Risiko ist. Man muss dann für sich selbst mitentscheiden, wo man sagt: „Möchte ich in den Markt? Möchte ich das neue Projekt? Möchte ich die neue Software? Bringt mir das das Erwünschte, was ich damit umsetzen möchte?“ Du hast immer ein Risiko dabei. Eine Partnerschaft kann ein Risiko sein. Wenn du aus der Tür herausgehst, kann Dir ein Blumentopf auf den Kopf fallen, also selbst da ist das Risiko mit dabei. In der IT hat man ja so ein Notfall-Handbuch und man hat auch Kriterien, die Risiken bewerten.
Was ist für mich Risiko? Ich denke, das Risiko gehört einfach mit dazu und man sollte es nicht außer Acht lassen. Es ist wichtig für Investitionen, für Entscheidungen, dass man gut abwägt, was man macht. Man sollte also nicht offenen Auges irgendwo hineinrennen, und wenn man selbst keine Erfahrung hat, ist es einfach gut, wenn man ein Umfeld hat, das Dich unterstützen kann, das Dir einfach auch einen Rat geben kann, dass man sich auch mal einen Rat einholt. Vielleicht hat Dein Umfeld so etwas auch schon durchgemacht und sagt: „Ach ja, davon würde ich dir abraten“, oder, “Super, macht das und das und das, aber denkt da und da und da noch dran.“ Das finde ich gut, wenn man sich da gegenseitig unterstützt.

Johannes Wosilat: Was bedeutet Sicherheit für Dich?

Marion Janßen: Was ist Sicherheit? Ich denke, wenn Du bei Dir selbst bist und wenn Du diese Ruhe in Dir hast und damit dann das Gefühl der Sicherheit auch vermittelst.

Johannes Wosilat: Was bedeutet Erfolg für Dich?

Marion Janßen: Wenn ein Sprinter den 400-Meter-Lauf gelaufen hat und die Goldmedaille hat, das ist ein Erfolg. Erfolg ist, wenn Du etwas in den Händen hältst. Wenn Du mit Stolz auf das zurückblicken kannst, was Du geleistet hast, oder wenn Dir andere vielleicht sagen: „Das war toll. Das habe ich als erfolgreich gesehen, was ihr da gemacht habt.“

Johannes Wosilat: Hast Du das Gefühl, dass Du erfolgreich warst?

Marion Janßen: Wenn ich zurückblicke und überlege, wie ich angefangen habe, ich habe meine gesamte schulische Laufbahn auf dem zweiten Bildungsweg gemacht, auf der Abendschule, wie ich meine Karriere gemacht habe, man hat ja immer ein eigenes Gefühl, wenn man sagt: „Du bist erfolgreich“, dann würde ich das für mich als Erfolg verbuchen, dass ich das alles geschafft habe, und dass ich sagen kann: „Das hast du gut gemacht.“ Auch, dass ich es alleine gemacht habe, das ist ja das, was wichtig ist, und das kann ich so sagen.

Johannes Wosilat: Hast Du die Priorität immer auf die Karriere gesetzt oder auch auf andere Sachen?

Marion Janßen: Die Priorität lag nicht immer auf der Karriere. Früher bin ich viel gereist, ich habe viele verrückte Sachen gemacht. Ich habe Tauchkurse absolviert, ich habe alle Segelscheine. Ich bin Motorrad gefahren. Ich bin aus dem Flugzeug gefallen, habe einen Fallschirmsprung gemacht.

Johannes Wosilat: Das ist ja krass. Wo war das?

Marion Janßen: Es gibt da verschiedene Flugplätze. Wir haben das in der Clique gemacht, und einmal mit meinem besten Freund. Beim zweiten Mal wollte ich dann einen Salto aus dem Flugzeug machen. Solche Sachen. Oder ich bin alleine nach Nepal und bin zum Annapurna-Basecamp gelaufen. Warum? Weil ich das einfach machen wollte. Ich habe viele Sachen gemacht, gesagt: „Ich arbeite viel.“ Ich hatte Fernweh, ich wollte etwas machen, wollte aufregende Sachen machen, die Sachen haben mir alle gefallen, das waren alles Hobbys von mir. Ich bin oft mit dem Motorrad in den Urlaub gefahren. Das hat mich glücklich gemacht, da habe ich Spaß dran und jetzt freue ich mich, dass meine Kinder mobil sind und dass die das alles mitmachen. Die fahren mit Motorrad, der Ben war schon bei einem Tauch-Schnupperkurs.

Johannes Wosilat: Cool. Was für eine Art von Ventil hast Du, wenn es zu viel wird? Da gibt es ja die unterschiedlichsten Möglichkeiten, wie man Ausgleich findet.

Marion Janßen: Wenn es zu viel wird, gehe ich mit dem Hund spazieren. Mittlerweile habe ich das als Ventil, dass ich einfach mit dem Hund ein, zwei Stunden spazieren gehe, da bekommt man Kopf frei. Oder man hat gute Freunde, mit denen man sich gut unterhalten kann. Es kommt darauf an, was für Themen einen beschäftigen. Wenn man so emotional aufgeladen ist, dann hilft es mir am besten, dass ich dann einfach aus dieser Situation herausgehe und mich dem entziehe, denn wenn man zu voll im Kopf ist oder aufgeregt ist und so weiter, dann bringt es nichts, da weiterzumachen. Ich glaube, dann ist es auch nicht falsch, einfach zu sagen: „Wisst ihr was Leute, wir machen eine Pause für eine Viertelstunde oder eine halbe Stunde.“ Dann geht man raus, Frischluft tanken, andere gehen raus um zu rauchen, andere trinken einen Kaffee, oder machen Sport. Früher war das mein Ventil, dass ich viel Sport gemacht habe. Danach geht es dann frisch weiter, weil man dann einfach noch einmal einen anderen Blick darauf hat, weil man dann Abstand davon nehmen kann. Das finde ich eigentlich ganz gut.

Johannes Wosilat: Kopf auf, Frischluft rein, Kopf zu.

Marion Janßen: Genau.

Johannes Wosilat: Was würdest Du jungen Unternehmerinnen auf den Weg geben?

Marion Janßen: Was ich empfehlen kann, ist: „Macht nicht alles alleine. Sucht euch Menschen, die Erfahrung haben, die euch begleiten, die euch helfen. Aber brennt nach wie vor für eure Ideen. Gebt nicht auf.“ Wenn ihr der Meinung seid, dass es überhaupt nicht weiter geht, dann ist auch Ausdauer gefragt, dass man sagt: „Nein, dranbleiben! Noch einmal darüber nachdenken, Brainstorming machen.“ Wie gesagt, auch einfach mit anderen noch einmal sprechen, sich Menschen suchen, die positiv gestimmt sind und die Dich unterstützen bei dem, was Du machst. Das sind so vier, fünf Highlights, die ich mitgeben würde. Suche Dir Menschen, die an das glauben, was Du machen möchtest und Dir einfach nur gut. Das wäre ein guter Rat.

Johannes Wosilat: Was schätzt du an Freundschaften und Beziehungen am meisten?

Marion Janßen: Was ich schätze, ist. Wenn man sich lange nicht gesehen hat, dann gibt es ja Menschen, die sind „aus dem Auge, aus dem Sinn.“ Das gibt es bei meinen Freundschaften eigentlich nicht, weil wir genau wieder da anknüpfen können, wo wir vielleicht vor einem Jahr gewesen sind. Man hat sich etwas zu erzählen. Das ist das, was spannend ist, dass man interessiert bleibt. Das ist das, was ich schätze, dass man sagt: „Hey, was hast Du gemacht? Wie geht es Dir?“, und dass man nicht einfach sagt: „Okay, die macht jetzt irgendwie etwas ganz anderes, das ist ja sehr schräg, dann interessiert mich das nicht mehr.“ Da gibt es ja wirklich viele Leute, die auch sehr oberflächlich sind. Ich glaube, das macht eine Freundschaft aus, einfach interessiert zu sein: „Hey, was machst Du gerade in deinem Leben? Auch wenn es jetzt nicht meiner Lebenslinie entspricht, finde ich es trotzdem spannend, weil ich Dich als Menschen super finde, und weil wir auch gemeinsam immer ein Stück gegangen sind.“ Dann verliert man sich auch mal wieder. Das Leben ist halt nicht nur so, sondern es hat viele Höhen und Tiefen. Wichtig ist, dass man sich da gemeinsam begleiten kann.

Johannes Wosilat: Es wäre ja auch langweilig, wenn alles linear laufen würde.

Marion Janßen: Ja, aber manchen ist das zu anstrengend. Wenn jemand jetzt nur Probleme hat oder was auch immer, dann kann es auch anstrengend sein oder man kann es nicht aushalten. Wenn ein Mensch krank wird, ein Freund, da gibt es viele, die dann erzählen: „Meine ganzen Freunde sind nicht mehr da, weil die das nicht mehr aushalten können.“ Das habe ich auch schon oft erlebt.

Johannes Wosilat: Was ist Deine schönste Erinnerung?

Marion Janßen: Meine schönste Erinnerung ist die Geburt meiner Kinder, die ist am emotionalsten. Der Mensch an sich ist ja schon ein Wunder, und wenn dann so ein kleines Wesen auf die Welt kommt… Abgesehen von den Kindern, war es tatsächlich mein erster Fallschirmsprung, da war ich so voller Adrenalin.

Johannes Wosilat: Das glaube ich.

Marion Janßen: Das ist sensationell. Du sitzt dann im Flugzeug und zahlst dafür, dass Du Dich in die Tiefe stürzt. Da war ich wirklich so voller Adrenalin, und das Sensationellste war dann, als der Fallschirm aufgegangen ist. Das ist toll. Dein Körper, das ist ja so ein Chemiebaukasten, was da für Emotionen herauskommen können, das ist schon toll. Tauchen gehört auch mit zu meinen Leidenschaften. Wir waren auf den Brother Islands in Ägypten und da ist dann so eine riesige Wasserschildkröte so grazil neben mir hergeschwommen. Das war toll. Das ist schon beeindruckend. Die Unterwasserwelt ist super.

Johannes Wosilat: Bist Du mir ihr mitgeschwommen?

Marion Janßen: Nein, sie mit mir. Dann ist sie irgendwann weggeschwommen. Das war schon toll.

Johannes Wosilat: Die können sehr, sehr alt werden.

Marion Janßen: Das stimmt. Wenn die reden könnten.

Johannes Wosilat: Da schwimmt ganz schön viel Weisheit neben einem.

Marion Janßen: Das hast Du recht. Wenn die reden könnten, hätten sie bestimmt viel zu erzählen.

Johannes Wosilat: Wenn Du etwas an der Art und Weise ändern könntest, wie Du erzogen worden bist, was würde das sein?

Marion Janßen: Das weiß ich nicht, ich glaube nichts. Am Anfang, als Kind denkt man: „Hach, deine Eltern, machen die alles richtig oder falsch?“ Jetzt bin ich selbst Elternteil und manchmal ertappt man sich, dass man das Gleiche macht wie seine eigenen Eltern. Das wirst Du auch noch feststellen. Was ich so im Nachhinein an meinen Eltern geschätzt habe, was ich aber am Anfang ganz schwierig fand, war, dass ich doch viele Freiheiten hatte. Das fand ich richtig cool. Dadurch kam auch diese Selbstständigkeit, dieses Selbstbewusstsein: „Du bist auf Dich alleine gestellt und musst viele Sachen selbst machen.“ Das versuche ich auch den Kindern zu vermitteln. Ich glaube, das ist das, was es ausmacht, dass Du selbstständig durch das Leben gehen kannst und selbst deine Erfahrungen machen kannst

Johannes Wosilat: Gebt ihnen Flügel und lasst sie fliegen.

Marion Janßen: Das ist ein guter Spruch. Das ist tatsächlich so.

Johannes Wosilat: „Bis bald!“

Marion Janßen: „Adios!“ Wichtig ist, dass sie trotzdem wiederkommen und Hallo sagen.

Johannes Wosilat: „Ich wünsche dir guten Wind!“

Marion Janßen: Genau.

Johannes Wosilat: Das war ein sehr cooles Interview mit Dir.

Marion Janßen: Ja, ich fand es auch sehr gut, das muss ich wirklich sagen. Ich fand es auch sehr spannend. Natürlich gibt es nichts ohne Aufregung, aber Du hast es gut gemacht!

Comments are closed.

Pin It