Hidden Champions

Marcel Saavedra

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Lesezeit ca. 18 Minuten

Wein ist meine Leidenschaft

Marcel Saavedra: Erfolgreiche Unternehmer denken immer größer als sie sind

Denkst Du, unser Hidden Champion Marcel Saavedra würde Dir einen schlechten Wein verkaufen? Ja, das würde er, aber er würde Dir gleich danach hinterherrennen und Dir eine Flasche von etwas Vernünftigem in die Hand drücken. Denn Marcel steht hinter dem, was er tut. Nach einer Ausbildung in Hamburg und Stationen in diversen Hotels und Gaststätten in Hamburg, Berlin und dem Schwarzwald hat er sich mit seiner eigenen Weinhandlung in Stuttgart einen Traum erfüllt. Wine Affairs ist Handlung und Bar zugleich. Hinter allem steht Marcel, der sich auch noch um den Onlineshop kümmert. Klar, dass das ohne Herzblut nicht geht. Ohne Herzblut könnte Marcel sowieso nicht arbeiten, da ist er sich sicher. Doch es würde auch nicht ohne Angst gehen. Die ist für jeden Selbstständigen unverzichtbar.

Marcel merkt man das Mindset des Unternehmers an. Seine Selbstständigkeit wurde ihm nicht geschenkt. Von Anfang an musste er sich durchboxen. Nach Stuttgart kam er als Niemand unter lauter etablierten Platzhirschen. Wie er sich gegen die durchgesetzt hat? „Du musst immer größer denken und das Ding im Kopf immer größer aufziehen, als es im realen Zustand ist.“ Wie das in der Praxis funktioniert, hat er uns im Interview verraten. Außerdem weit er uns in die Bedeutung eines guten Netzwerks ein. Das hilft ihm nicht nur, als Unternehmer zu bestehen, sondern bringt ihn immer wieder mit erfolgreichen Unternehmern zusammen, die er sich zum Vorbild nimmt. Eines hat er dabei erkannt: Sie haben alle ein bisschen Angst. Denn wer als Unternehmer keine Angst hat, wird alles verderben. Warum Marcel das so sieht und wie er seine Angst produktiv nutzt, erfährst Du im Interview.

Interview mit Marcel Saavedra

Johannes Wosilat
Weinfanatiker und Genussverfechter Marcel Saavedra hat mit Wine Affairs und Konzept in Stuttgart aufgebaut, das Fachgeschäft Weinbar und Tasting vereint. Nach über zehn Jahren Erfahrung als Sommelier in der Gourmet- und Szenegastronomie vom Schwarzwald über Hamburg und Berlin setzt er auf charakterstarke Weine und Weinerlebnisse, und das in stilvoller und lässiger Atmosphäre. Was es heißt, sich während einer Krise selbstständig zu machen und was man dafür mitbringen muss, das erfahren wir jetzt von Marcel selbst. Schön, dass ich bei Dir in Deinem Laden sein darf.

Marcel Saavedra
Schön, dass Du vorbeigekommen bist. Freut mich sehr.

Johannes Wosilat
Ich habe ein paar Fragen aus unserer Community mitgebracht. Was ist denn Dein Lieblingswein?

Marcel Saavedra
Meinen Lieblingswein kann man eigentlich nicht so richtig in eine Flasche fassen. Es geht eher um den Weinstil. Das ist, glaube ich, treffender. Es muss ein spannender Wein sein und Du musst Lust haben, die Flasche im schlimmsten Fall auch alleine zu leeren. Das klingt jetzt immer so ein bisschen hart, aber der Wein sollte dynamisch, spannend sein, sollte Lust machen auf ein zweites Glas. Da geht es auch nicht so stark um den Preis. Es muss kein teurer Wein sein. Auch ein Wein für 10 Euro kann sehr, sehr spannend und im richtigen Moment der perfekte Wein sein. Im besten Fall natürlich so, dass man die Handschrift des Winzers wiedererkennt und dass er im besten Fall nicht gewöhnlich ist, sondern dass er ein bisschen aus der Masse heraussticht. Das schaffen sogar schon Weine für 10 Euro. Es sollte nichts Belangloses sein.

Johannes Wosilat
Thomas fragt: Wählst Du jeden Wein selbst aus? Besuchst Du auch die Winzer vor Ort?

Marcel Saavedra
Ja, jeden Fall versuchen wir so viel es geht die Region zu bereisen und die Winzer zu besuchen, um vor Ort mehr über den Wein zu erfahren. Was hat er sich dabei gedacht? Warum hat er diesen Wein gemacht? Einfach nur aus Jux und Tollerei oder hatte er da einen tieferen Grund? Das ist natürlich immer eine zeitliche Frage, denn so eine Weinreise machst Du nicht mal eben schnell mit der S-Bahn, da musst Du schon die drei oder vier Tage einplanen.
Ich habe einen relativ engen Zeitplan, aber wenn die Zeit da ist, machen wir das natürlich immer gerne.
Aber ja, jeder Wein wird wirklich von mir rausgesucht und das ist eigentlich relativ einfach. Der Winzer muss über einen längeren Zeitraum konstante Qualität liefern. Es darf jetzt nicht nur dieser klassische One-Hit-Wonder-Wein sein, dass es ein Jahr, wo man ganz toll war und die Folgejahrgänge wieder schlecht, denn ich muss mich auch vor dem Kunden verantworten und der erwartet natürlich auch Qualität, egal ob das jetzt ein Wein für 10, 50 der 300 Euro ist, es muss einfach passen.

Johannes Wosilat
Warum hast Du Dich beruflich für die Gastronomie entschieden? Warum der Schwerpunkt Gourmet-Gastronomie?

Marcel Saavedra
Ich bin gebürtiger Hamburger und sozusagen zum Gastspiel bei den Schwaben. In meiner Heimatstadt war meine Intention, dass ich eine Kochlehre mache, weil mein Vater halt auch ein eigenes Restaurant in Hamburg hatte. Ich koche immer noch sehr gern, habe aber irgendwann gemerkt, dass mir eher dieser Partyservice liegt und fand das auf die Länge interessanter.
Ich habe dann mehrere Praktika gemacht und bin dann über meine Eltern auf die „Traube“ gekommen und habe gemerkt, dass es auch noch was anderes abseits von Hyatt oder Ritz Carlton gibt. Das waren halt die Hotels, wo ich dann schon ein bisschen Erfahrung, sei es in Praktika oder in Besuchen, gesammelt hatte und gemerkt habe, dass es auch ein bisschen familiärer geht. Das hat mir, glaube ich, auch sehr getaugt, dass es halt nicht so standardisiert ist. Das Hyatt ist eine super Kette, die machen auch einen sehr, sehr guten Job, aber man ist natürlich irgendwo einer von vielen und speziell in der „Traube“ war es natürlich anders. Da ist man irgendwie ein Teil der Familie. Es war natürlich eine sehr harte Lehre, ein Spaziergang war es nicht. Aber im Endeffekt überlegt man natürlich auch immer: Du investierst drei Jahre Deines Lebens, die sind prägend und daher ist es natürlich schon die Gourmet-Gastronomie geworden, denn Du willst ja nicht irgendwas machen und drei Jahre …

Johannes Wosilat
… Pommes verkaufen?

Marcel Saavedra
Pommes ist jetzt ein bisschen hart gesagt, aber Gourmet-Gastronomie ist natürlich einerseits hart, aber Du kannst ja sehr viel sehen. Du triffst sehr interessante Leute – nicht nur auf der Gästeseite, sondern auch bei den Mitarbeitern. Dieser Wille und dieser Hunger nach mehr, der ist relativ schnell da und das ist, glaube ich, das, was das Ganze auszeichnet.

Johannes Wosilat
Aber der Schwarzwald ist schon etwas ruhiger, oder?

Marcel Saavedra
Ja, es war schon krasser Kulturschock. Also von Hamburg nach Baiersbronn war dann schon krass. Ich habe mir abends mal gesagt, jetzt hole ich mir noch mal irgendwie was zu essen für den Abend und dann war um 8:00 Uhr schon der Edeka zu und dann musste ich den ganzen Berg wieder hochlaufen, denn der Bus fuhr auch nicht mehr. Das war irgendwie eine uncoole Erfahrung. Aber gut, man stellt sich darauf ein, es ist was anderes. Ich konnte auch die ersten zwei Wochen auch nicht schlafen, weil es einfach zu ruhig war. Also ich hab‘ wirklich gedacht, ich hätte einen Hörsturz, aber es war einfach komplett ruhig. Du hast nichts gehört. Speziell im Winter ist das einfach so totenstill da. Da kannst du hören, wenn der 20 Kilometer weiter umfällt. Also das ist brutal. Es ist anders. Aber du bist da natürlich extrem fokussiert auf das, was Du da machst. Du bist nicht abgelenkt, Du kannst nicht die ganze Woche lang wie in Hamburg feiern und sagen, jetzt hauen wir auf die Kacke und machen jetzt eben was, wonach uns ist, sondern Du bist wirklich 24/7 nur auf Deinen Job, auf Dich verbessern fokussiert und darauf, was die andern machen.
Man lernt sehr, sehr schnell und sehr früh, sich selbst aus seinem eigenen Dilemma herauszuarbeiten. Man lernt, selber wieder rauszukommen, wenn man in der Scheiße steckt, sich selbst ohne fremde Hilfe zu helfen. Das ist es, worauf es ankommt. Dieser Punkt, wo man denkt, man scheitert, sich aber einfach selbst noch mal in den Arsch tritt und sagt: „Scheiße, ich kriege das jetzt irgendwie gebogen!“

Johannes Wosilat
Marie fragt: Du hast Dich Mitte 2020 selbstständig gemacht. Wie war das für Dich, in dieser unsicheren Zeit in die Selbstständigkeit zu gehen und wie läuft es jetzt?

Marcel Saavedra
Ende 2019 war es in der Gastronomie schon relativ schwierig. Da gingen ja schon die ersten Meldungen ein, dass da so eine komische Grippe in Asien rumgeht. Ich bin 2017 hergekommen und Ende 2019 hatte ich ein ganz kleines Intermezzo, noch in einer Weinbar in Esslingen. Dann war für mich relativ schnell klar, dass das jetzt nicht schlecht war, aber ich habe immer diesen Traum gehabt, was Eigenes zu machen. Der Traum hat sich dann verfestigt, dass ich gesagt habe, es soll Verkauf sein, soll aber auf jeden Fall auch was Geselliges haben. Also dass wir auch ein bisschen Weinbar machen, dass wir den Leuten auch zeigen können, was wir im Portfolio haben.
Danach war ich einen Monat arbeitslos und in der Zeit hab ich den ganzen Businessplan aufgebaut, habe gesagt, was ich machen möchte und was in dieser Phase umsetzbar ist, ohne dass Du jetzt gleich ins Ausland auswandern musst, weil Deine Bank Dich jagt. Das war natürlich am Anfang erst mal Onlineshop.
Ich hätte natürlich auch in Kurzarbeit gehen und sagen können: „Du bist jetzt einmal die Woche im Laden oder gar nicht und wartest, bis irgendwas Tolles passiert.“ Oder Du nutzt die Zeit, gibst Gas und setzt was um. Klar, das war jetzt nicht das Riesending. Wir haben auch einen Onlineshop gemacht. Wir haben natürlich mit dem Baukastensystem gearbeitet. Ich habe erst gearbeitet, habe in zwei Wochen das Ding zusammengezimmert und da war der Onlineshop fertig. Das ist schon relativ einfach zu bedienen.

Johannes Wosilat
Das heißt, Du hast in einer Businessplan-Phase gleichzeitig diesen Aspekt des Onlineshops mit reingepackt?

Marcel Saavedra
Genau. Der Onlineshop, war im Prinzip das erste Ziel und die erste Idee war, dass ich nebenbei noch irgendwo in der Gastronomie arbeite, also dass ich vielleicht zwei, drei Tage an den Stoßzeiten noch dort arbeite. Ich habe aber schnell gemerkt, dass mich der Onlineshop zu 100 % auslastet.
Dann habe ich natürlich immer noch diesen Hintergedanken gehabt, auch einen Laden zu eröffnen und ich wollte das Gesamtkonzept abdecken. Wirklich vom Einkauf bis zum geselligen Glas mit Freunden, auch bei Weinevents oder Weinproben. Der Onlineshop ist dann wirklich sehr gut angelaufen. Das hätte ich so nicht gedacht. Ich hab natürlich auch stark vom Lockdown profitiert und dass ich natürlich auch immer relativ guten Kontakt zu meinen Stammkunden hatte und die persönliche Beziehung sehr gepflegt habe.

Johannes Wosilat
Das bedeutet, Du hast schon früh angefangen, Dein Netzwerk aufzubauen? Meine Frage ist jetzt nicht, wie wichtig das Netzwerk ist, sondern eher wie Du das machst.

Marcel Saavedra
Wie man das Netzwerk aufbaut?

Johannes Wosilat
Genau.

Marcel Saavedra
Das klingt immer ein bisschen opportunistisch, aber die meisten, die mich kennen, wissen, dass ich ein sehr guter Netzwerker bin. Du musst den Leuten immer so begegnen, wie Du Dir Dich selber am liebsten vorstellen würdest. Das ist ja unabhängig, ob der jetzt äußerlich nicht so behaglich ist. Sehr oft strahlen die Leute nach außen so eine gewisse Aura aus: relativ entspannt, eine warme Aura. Das heißt, die haben jetzt richtig Bock, Dir die Hand zu geben, zu fragen, wie es Dir geht. Man hat das Gefühl, man ist relativ schnell auf einer entspannten Ebene, man kann relativ schnell ein sehr angenehmes Gespräch führen und dann geht es natürlich weiter: Du guckst die Leute an, was sie machen und was da für Dein Netzwerk drin ist. Leute, die selbstständig sind, netzwerken die ganze Zeit und Du musst gucken, wo Du den Vorteil hast. Das klingt zwar doof, aber im Endeffekt ist es so: Wenn Du was haben willst, muss Du es nehmen. Das ist die eine Sache. Das geht sich zwar nicht ganz aus, da es immer ein Geben und Nehmen ist, aber wenn Du wirklich was machen willst, dann musst Du es Dir nehmen, denn es wird Dir keiner was schenken.
Das heißt, es muss irgendwas geben, aber was? Du musst überlegen, was die von Dir wollen könnten, was die woanders nicht kriegen können. Ich habe ein ganz gutes Beispiel. Wir hatten vor längerer Zeit einen Stammkunden aus der „Traube“ und den habe ich halt einfach mal bedient. Der Typ, der kann überall Wein einkaufen, ist auf mich nicht angewiesen. Ich bin die kleinste Klitsche in seinem Universum. Aber dann hat er gesagt: Wir machen jetzt privat hier eine Probe. Das war natürlich ein Testlauf. Das war für mich ganz klar, dass das ein Testlauf ist, denn der kann bei den ganz Großen kaufen, der ist nicht darauf angewiesen, bei mir zu kaufen. Bei den meisten kriegt er sogar noch ein Zahlungsziel. Bei mir ist das natürlich schwierig, weil ich auf den Cashflow angewiesen bin. Dann habe ich mir überlegt: „Okay, was mache ich jetzt? Buche ich dem den vollen Preis ab, denn der hat ja schon gesagt, sie wollen zu zwölft richtig Gas geben? Da habe ich so richtig aufgefahren. Käse-Buffet und was weiß ich für zwölf Leute. Normalwert: 180 €. Der Preis ist okay. Was mache ich jetzt? Der Typ hat mich nicht gesehen. Der kennt mich nicht. Der ganze Tisch kennt mich nicht. Ich kenn’ ihn vielleicht vom Sehen, aber das ist ja vom Bedienen. Das ist ja viele Jahre her und die ganzen anderen sind ja komplett unbekannte und das schreckt vielleicht mindestens 80 % davon erst mal ab.
Da habe ich gesagt, ich mache jetzt einen sehr entspannten Preis und weiß eigentlich, dass die dann auch alle kaufen. Das Ergebnis war: Ich habe 120 Euro abgebucht, also ich bin eigentlich da kostendeckend rausgelaufen, aber im Endeffekt war ich dann mit dem Umsatz, dem Nachbestellen nur von diesem Abend, bei 15.000 bis 20.000 Euro.

Johannes Wosilat
Die haben dann die Weine gekauft habe, die Du an diesem Abend aufgetischt hast?

Marcel Saavedra
Unter anderem, das ist natürlich noch hingegangen, da saßen wir bis 2:00 Uhr morgens im Lokal und von denen sind jetzt mindestens sechs Stammkunden. Im Endeffekt hätte ich die 180 Euro auch berechnen können, das wäre aber erst nach dem Abend gewesen und da hätten die gesagt: „Richtig geil.“

Johannes Wosilat
Wenn Du diese beiden Situationen vergleichst, also einmal die Ausbildung, die Du gemacht hast und dann die Selbstständigkeit, würdest Du die Herausforderung ins kalte Wasser zu springen und loszulegen, beide Male als gleich groß bezeichnen?

Marcel Saavedra
Ja, definitiv. Ich hätte mich nicht selbstständig machen können, hätte ich nicht das Standing, was ich nach der Ausbildung hatte. Aber wir haben jetzt 2022, ich bin jetzt seit zehn Jahren ausgelernt und Du musst schon ein gewisses Standing haben und Du musst schon so ein bisschen Ellenbogenmentalität haben, denn Selbstständigkeit ist ja jetzt nicht das, was einem jemand schenkt und schon gar nicht in Deutschland. Wenn Du jetzt nicht irgendwie ein Riesenunternehmen aufmachst mit Millionen-Kredit, dann bist Du ganz, ganz unten auf der Bestsellerliste. Das heißt, Du musst Dich um alles selber kümmern, kannst eigentlich nichts dem Zufall überlassen und Du musst jeden Tag breit aufgestellt sein – in alle Richtungen. Du musst Dich in sehr vielen Bereichen auskennen. Das fängt an beim Marken- und Patentschutz. Du musst immer größer denken und das Ding im Kopf immer größer aufziehen, als es im realen Zustand ist. Auch wenn Du mal klein anfängst, auch wenn Du noch kein DAX-Unternehmen bist, musst Du von Anfang an sagen: „Ich mach’s richtig, ich schau’, wie das die anderen gemacht haben. Marke schützen, irgendwelche Verfahren schützen, irgendwelche bestimmten Namen schützen – und Du musst gut schlafen können. Das ist wichtig. Das geht damit los, dass Du Deine Rechnungen ordentlich stellst, dass Du nicht anfängst, irgendwas nebenbei zu machen oder so einen Scheiß. Ich meine, viele sagen ja, Gastronomie geht nicht ohne Schwarzgeld. Das verstehe ich auch, beim Gastronomiebetrieb mit Essen ist es wahrscheinlich auch der Fall. Also ich gehe mal davon aus, dass mindestens 50 % schwarz arbeiten, sonst können sie gar nicht überleben, bei den Steuersätzen, die Du hast und bei den Ausgaben und Personalkosten. Aber wenn Du so was anfängst und selbstständig bist und nicht irgendwie Partner drin hast und wirklich alleine im Boot sitzt, haftest Du für alles. Meine Freundin hilft mir sehr viel und unterstützt mich sehr stark, wo sie halt kann. Wenn am Freitag und Samstag viel los ist und sie Zeit hat, hilft sie mir natürlich abends dann schon, aber das kann ich natürlich nicht fünf Tage die Woche verlangen.
Ich bin jetzt keine GmbH oder so, bewusst auch nicht, sondern ich bin Einzelunternehmer, das heißt, Du nimmst Dir Dein Gehalt, das ist dann Deine private Ausgabe und die musst Du besteuern. Du musst Dir wirklich ganz genau im Klaren sein, was Du jeden Tag machst. Man muss immer relativ bescheiden durch die Gegend laufen. Klar, Du musst schon ein gewisses Standing vor Kunden haben, denn Du willst ja auch wahrgenommen werden. Aber Du musst immer wirklich die Zahlen im Blick haben. Das ist nicht einfach. Wenn Du jetzt keine Buchhaltung oder andere Leute hast, dann wird halt alles abgearbeitet.

Johannes Wosilat
In zwei Sätzen: Was ist der beste Rat, den Du je bekommen hast? Mein Opa hat mir immer gesagt: „Johannes, das Geld liegt überall auf der Straße und man muss sich nur bücken und es aufheben.“

Marcel Saavedra
Ich glaube, das war: Wenn Du was haben willst, musst Du es Dir nehmen. Das ist es, glaube ich. Das erfordert extrem viel Opferbereitschaft und die haben nicht alle Leute. Deswegen versuchen nur ganz, ganz wenige, sich wirklich das zu nehmen, was sie haben wollen. Da gibt es aber vielleicht 1 % oder 2 %, die sagen: „Hey, ich gebe 200 % und verliere vielleicht ein Bein, aber ich komme meinem Ziel näher und ich bekomme das, was ich haben will.“ Das macht es dann aus. Das ist natürlich immer krass. Ich gebe zu, ich kann nicht jeden Tag 100 % geben, aber in entscheidenden Momenten musst Du bereit sein, das zu tun.
Da wird es Dir auch abverlangt und da hast Du manchmal auch gar keine Wahl. Das heißt, Du musst in den wichtigen Momenten bereit und in der Lage sein, 200 % zu geben. Das ist unabhängig von der finanziellen Situation.

Johannes Wosilat
Ich habe den Spruch gehört, der passt auch so ein bisschen zu dem Mindset: „Heute ist okay, morgen ist ganz schön und übermorgen ist ein Traum und die meisten Menschen sterben morgen Abend.“ Der war für mich sehr einprägsam, weil übermorgen der Traum ist. Das ist halt einfach übermorgen. Dafür musst Du noch einiges tun, um dort anzukommen und viele brechen halt einfach vorher ab und haben nicht diese Geduld es doch noch bis zum Ende durchzuziehen.

Marcel Saavedra
Du musst halt auch das Mindset haben. Immer. Du musst immer offen sein. Du musst immer wissbegierig sein und bereit sein, mehr zu lernen. Da bin ich auf der Suche. Immer wenn wir einen Kunden haben, der sich erlauben kann, schon Privatier zu sein, frage ich mich: „Hey, wie geht das?“ Dann versuche ich natürlich, mir so viel abzukupfern wie möglich, denn das ist der beste Boost und die beste Motivation. Das ermutigt mich natürlich auch, jeden Tag weiterzumachen, auch in Situationen, wo es halt richtig scheiße ist, wo kein Auftrag reinkommt, kein Kunde reinkommt, wo man vielleicht manchmal denkt, man zweifelt. Aber das gibt mir dann wieder diesen Motivationsschub. Das ist krass. Ich meine, das sind hohe, sehr hohe Ziele, gar keine Frage. Aber es wäre dämlich, wenn ich mich da an Leuten orientieren würde, die auf der selben Stufe stehen wie ich. Der Austausch unter Kollegen, der muss stattfinden, gar keine Frage. Aber wenn Du weiterkommen willst, dann kannst Du nicht immer auf der selben Etage rumeiern. Da musst Du schon mal in höheren Etagen jemanden fragen: „Wie haben Sie das gemacht, wie sind Sie hingekommen? Was war dafür nötig? Was muss man dafür tun?“ Und was haben die vor allem geopfert? Bist Du bereit, das auch zu opfern? Das ist die allergrößte Frage. Die meisten wissen, was derjenige alles gemacht hat, um so weit zu kommen. Sie kennen seinen Plan und wissen, wie der da hingekommen ist, aber sie sind nicht bereit, das zu opfern, was er geopfert hat. Da scheitert es meistens.

Johannes Wosilat
Also eigentlich ein Lebensmotto.

Marcel Saavedra
Das Lebensmotto steckt vielleicht in kurzen Wörtern. Also ich denke mal, Großzügigkeit ist da wichtig, Vertrauen und Loyalität und Du musst vergeben können. Das ist ganz wichtig. Also auch jetzt nicht im Sinne von: jemand geht fremd oder so, das meine ich jetzt nicht. Sondern Du musst vergeben können, indem Du einfach mal fünfe gerade sein lassen kannst. Das ist ganz, ganz wichtig und das ist auch für einen selber im Kopf wichtig. Denn wenn Du Dich über jeden Scheiß aufregst, der irgendwie kommt, dann wäre ich glaube ich schon in der Klapse. Das wird gar nicht gehen.

Johannes Wosilat
Wo siehst Du Dich in fünf Jahren?

Marcel Saavedra
Ja, eigentlich, dass natürlich der Laden weiter ausgebaut ist und im besten Falle noch mehr Mitarbeiter, oder überhaupt mal Mitarbeiter, hat. Das Ganze, die ganzen Verkaufsgespräche, kannst Du sonst nicht machen. Wenn eine Bestellung reinkommt, dann packst Du erst mal Montag und Dienstag Pakete, bereitest den Laden vor, machst die Buchhaltung, dann hast Du Wein-Events oder Weinproben, dann hast Du noch die Gastronomie, die Du machst. Das geht dann irgendwann an die Substanz. Deswegen ist Sport zum Abreagieren ganz gut. Oder besser gesagt für den Ausgleich. Aber Mitarbeiter sind natürlich besser. Du kannst natürlich mit Mitarbeitern, gerade in dem Geschäft, extrem eskalieren. Da kannst Du dann richtig Geld machen, das geht schon. Das ist jetzt das Ziel fürs nächste Jahr, auf jeden Fall einen sehr, sehr guten Mitarbeiter finden. Dann vielleicht noch ein zweiter Laden.

Johannes Wosilat
Wo würdest Du den eröffnen wollen?

Marcel Saavedra
Hier in Stuttgart. Auf jeden Fall.

Johannes Wosilat
Du bist selbst noch sehr jung, aber was würdest Du anderen Jungunternehmern mit auf den Weg geben?

Marcel Saavedra
Wenn man der Meinung ist, dass man genug Erfahrungen gesammelt hat und dass man in seinem Betrieb viele Sachen ändern oder besser machen könnte und sich auch für einen selbst herausstellt, dass die eigene Strategie vielleicht die bessere wäre. Das sollte aber über einen längeren Zeitraum passieren, denn das ist natürlich immer so, es gibt immer einen, der immer meckert und uns sagt, das und das könnte man noch besser machen.
Man muss sich natürlich bewusst sein: Wenn man selbstständig ist, dann kann man nicht mehr meckern, dann kann man sich nur selbst anmeckern. Man kann sich nur selbst ins Gericht nehmen. Einerseits ist es natürlich gut, weil man irgendwann auch nichts mehr auszusetzen hat, aber dann muss es natürlich auch funktionieren. Das heißt, Du stehst für jeden Deiner Fehler gerade. Wenn man das nicht einzugehen bereit ist, ist man eigentlich durch. Dann lass es lieber von Anfang an sein. Da muss man sich mehr als 100 % sicher sein, dass man das macht, denn in der Selbstständigkeit scheitern ist keine Schande, aber man sollte dann halt weitermachen, ein anderes Projekt beginnen oder es anders angehen oder vielleicht abspecken. Deswegen habe ich ja auch im Onlineshop angefangen. Das klingt jetzt vielleicht groß, aber für mich war das das kleinste Investment, was verkraftbar war.
Das war für mich noch umsetzbar. Aber dann könnte ich ja immer noch sagen, ich lass das und mach was anderes oder mache das vielleicht alles ein bisschen kleiner oder so. Wenn man 15 verschiedene Sachen aufmacht, einen Laden und den Onlineshop, das wäre halt viel. Das heißt, man muss sich wirklich bewusst sein, was man machen will. Man muss natürlich lokal einfach auch sehen, wenn da schon ein Markt ist und der vielleicht sogar übersättigt ist. Darum bin ich nicht in Berlin oder Hamburg geblieben. Die Märkte sind übersättigt. Berlin ist total übersättigt. Es gibt jeden Scheiß. Wenn Du denkst, Du machst einen veganen Burgerladen auf, dann gibt es schon zehn Stück. Pop-ups, die auch so einen Scheiß machen und dann nach sechs Wochen wieder weg sind. Das heißt, Du musst wirklich zu 100 % wissen, welches Produkt Du hast. Warum brauchen das die Leute und warum sollten sie es von Dir kaufen? Was ist Dein Unique Selling Point? Warum bist Du geil? Das ist halt leider so, Du musst da reingehen und sagen: „So, ich habe die dicksten Eier, ich verkaufe das geilste Produkt. Wer möchte noch mal Bestellung aufgeben?“
Ich bin ja von den Weinhändlern, die man in Stuttgart kennt, unbekannt. Ein paar Freaks, die kennen mich, ja klar. Zum Glück gibt es auch Laufkundschaft und Leute, die reinkommen wollen. Denen bin ich jetzt irgendwie auch ein Begriff und die kommen dann auch gerne her. Aber ich bin ja nicht einer von den Big Playern und wenn Du halt oben mitspielen willst, dann ist das die Herausforderung. Es soll ja nicht auf das Gleiche hinauslaufen, wie wenn Du angestellt bist. Du willst ja mehr, wenn Du Dich selbstständig machst. Das heißt auch nicht nur Geld, sondern es heißt ja auch Freiheit.
Die Freiheit hast Du aber nicht in den ersten zwei, drei Jahren. Für die meisten ist das, wie Du es vorhin angesprochen hast, das große Problem. Die nehmen einen Kredit auf. Die drehen völlig durch, sind erst mal auf Leasingwagen aus oder stellen sich 15 Leute ein und machen das ganz große Business. Das ist ganz schwierig, weil jetzt wieder so ein Typ am Tisch was trinkt und nebenher erzählt, was für ein großes Business er macht. Ist das okay? Was machst Du denn mit Krypto? Und so geht es richtig ab. Ich sag’ nein.
Wenn Du wirklich richtig reich werden willst, dann mach den dümmsten Schwachsinn, den Du machen kannst. Da musst Du unmoralisch sein und dann darfst Du eigentlich auch keine Leidenschaft haben. Da kannst Du viel Geld verdienen. Es ist kein Witz, wenn Du so denkst und nicht sagst: „Ich will jetzt nicht meiner Leidenschaft nachgehen und auch noch Spaß dran haben, sondern einfach nur Geld drucken.“ Dann ist es eigentlich relativ. Es klingt immer ein bisschen überheblich, aber guck Dir die Sachen an, die richtig Geld scheffeln.
Aber um auf die Freiheit zurückzukommen, das muss einem bewusst sein. Wenn man sich selbstständig macht, was will man machen? Wenn man denkt, man ist in zwei Jahren Millionär, das ist halt falsch. Es gibt solche Sachen, die extrem schnell funktionieren, gerade im Onlinebereich sind solche Sachen möglich, wenn Du wirklich eine extreme Nische findest. Für mich war der Job immer auch Leidenschaft und Wein ist meine Leidenschaft. Gut Essen ist meine Leidenschaft, die ganze Kultur, die schätze ich irgendwie. Da könnte ich zum Beispiel keinen Wein verkaufen, den ich nicht selber trinken würde. Selbst für 20 Euro wär mir das unangenehm. Bei Wein läuft vieles ja auch über die Präsentation. Die meisten Frauen sagen ja, sie kaufen nach Etikett, was vollkommen legitim ist, was ja auch logisch ist. Beim Kauf erwirbst Du etwas und das sieht ja erst mal nach einer bestimmten Sache aus. Wenn Dich das äußerlich schon nicht anspricht und Du keine tieferen Kenntnisse über Wein hast, was willst Du sonst auch mit dem anfangen, was da draufsteht? Wenn Du jetzt wirklich einfach nur Geld machen willst, dann ist das Etikett der beste Weg. Das ist nach wie vor der Titel, das ist eine Maschine in dem Sinne. Aber ein Unternehmen aufzubauen, leidenschaftlich Sachen aufzuziehen, mit Herzblut, das hat, wie ich es jetzt gesehen habe, einen sehr, sehr hohen Stellenwert. Es ist ein deutlich längerer Weg und deutlich schwerer und mit viel mehr Zwischenfällen gepflastert. Du musst ständig dafür brennen. Wenn Du ein Produkt hast, das Dir scheißegal ist, wie dieser Dropshipping-Mist … jeder druckt jetzt T-Shirts, macht Dropshipping. Wir drucken Dir Dein Ding drauf – alles super, aber irgendwann hast Du einfach zu viel von dem Scheiß. Man hat so ein Überangebot und dann musst Du dumpen und dann muss ich es auch noch in der Menge rechnen. Da musst Du so viel Menge durchschießen, dass Du noch marktfähig bist. Aber wenn Du dafür nicht brennst, dann kannst Du einfach auch anders denken. Ich denke halt leider oft kompliziert, weil ich natürlich will, dass alles passt.

Johannes Wosilat
Du verwirklichst Dich auf einer persönlichen Ebene.

Marcel Saavedra
Genau. Die anderen sagen halt: „Wo kann ich die Bude aufmachen, wo können wir den Output oder die verkaufte Menge verdreifachen?“ Die denken ganz anders. Sie sagen, wir verkaufen das Dreifache, schmeiß den Preis einfach 20 % runter. Egal, ob jetzt der Lieferant dabei pleitegeht, weil die das komplett skrupellos durchziehen. Geht auch und da gibt es viele, die so ihr Geld gemacht haben. Das ist auch vollkommen legitim, denn das muss es auch geben. Wenn es nur Herzblut-Leute gibt, wäre das natürlich schön, gar keine Frage. Aber es muss auch solche Leute geben, denn es gibt einen riesigen Abnehmermarkt dafür. Es muss Leute geben, die den 1-€-Markt zur Verfügung stellen, denn es gibt die Abnehmer dafür, genau wie, dass es Edeka oder dass es Norma gibt. Was davon ist besser? Der eine gibt 10 Euro für seinen Schweinenacken aus, der andere holt sich halt sein Prime-Beef. Jeder muss das entscheiden, wofür er bereit ist, Geld auszugeben. Aber es gibt leider immer mehr Zuspruch und deswegen wird es da auch immer mehr Geschäftsideen geben, auch gerade in diesem Preissegment.

Johannes Wosilat
Was bedeutet für Dich Risiko?

Marcel Saavedra
Ich glaube, bei ungutem Bauchgefühl einen Deal abzuschließen oder was zu machen oder was freizugeben und dann direkt danach ein ungutes Gefühl zu haben.

Johannes Wosilat
Das kann dann fatal werden.

Marcel Saavedra
Ja, also ich sage mal so, bei meinem Geschäft ist seit Gründung extrem viel Risiko dabei. Anfangs war ich ein bisschen skeptisch, was das Bauchgefühl anbetrifft. Aber Risiko ist immer da. Das ist die ganze Zeit präsent. Das hast du die ganze Zeit. Das musst Du eigentlich auch zulassen, diese Wirkung des Risikos, aber die Zuversicht, die muss auch immer da sein. Es muss immer eine Balance zwischen Risiko und Zuversicht sein und Du musst daran glauben, dass Du einfach, ein richtig geiles Produkt hast. Wenn Du das hast, dann kannst Du natürlich dieses gefühlte Risiko, dass eigentlich immer präsent ist, tragen.
Ich habe jetzt letztens mit einem sehr netten Selfmade-Mann gesprochen, der im Früchte-Bereich tätig ist und den habe ich auch gefragt, wie das geht. Er meinte zu mir, er hat ein bisschen einen hohen Blutdruck und das geht nie weg. Das ist ein Großunternehmen, das ist ein gestandener Unternehmer, der dabei alle Träume sich erfüllen konnte, tolle Familie, ein tolles Haus, kriegt natürlich guten Wein, aber der sagt selber halt auch, der Puls geht nie weg.
Du hast den Druck, Du hast dieses Risiko, aber Du brauchst diese Zuversicht und diesen Glauben an Deine eigene Stärke und dass Du einfach diese Leistung bringen kannst. Dann ist das Risiko zwar da, aber die Zuversicht und der Glaube an Dich selbst und Deinen Willen, einfach noch mehr zu geben, der überwiegt. Da bist Du bei 80 % und das 20 % Risiko. Das brauchst Du immer, denn sonst wirst Du übermütig, sonst sagst Du irgendwann: „Ich bin viel zu zuversichtlich, ich mache jetzt alles. Ich kann alles schaffen, ich habe keine Angst. Also der eine, der selbstständig ist und sagt, er hat keine Angst, das ist Schwachsinn. Du musst immer eine gewisse Angst zulassen. Das hält Dich in Schach, sonst drehst Du durch.

Johannes Wosilat
Marcel, vielen Dank.

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