Hidden Champions

Holger Zulauf

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Lesezeit ca. 16 Minuten

Geht nicht, gibt´s nicht

Holger Zulauf über sein rasantes Unternehmenswachstum in der Notfalllogistik

The Hidden Champion sprach mit Holger Zulauf, Firmenchef von Samedaylogistics, dem weltweit agierenden Unternehmen im Bereich der Notfalllogistik aus Kelsterbach über die Visionen eines CEOs eines mehr als mittelständischen Betriebes. Was vor mehr als 20 Jahren mit der Übernahme des elterlichen Reisebüros begann, zählt heute zu den Global Leaders.

Wie schwer es sein kann, Verantwortung zu übertragen und loszulassen? Wie wichtig es ist, Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen? Erfahre im Interview mit Holger Zulauf, wie wichtig das Einbringen unterschiedlicher Expertisen für die Marktführerschaft ist und wie notwendig es ist, sich rote Ohren zu holen, um Dinge zu ändern. Der leidenschaftliche Rennfahrer erzählt uns, wie wichtig ihm Familie und Freizeit sind und wie man alles unter einen Hut bekommt. Holger Zulauf lässt uns teilhaben an der Tatsache, dass es trotz der Corona-Pandemie möglich ist zu expandieren und gerade im Bereich der Hilfsgüterlogistik unterstützend tätig zu sein. Dabei stehen ethnische Grundsätze im Vordergrund, denn außerhalb humanitärer Zwecke sind Lieferungen in Kriegsgebiete absolut tabu!

Wir sprechen über das noch vorhandene Potential im Bereich der Healthcare-Logistik und warum es ihm gerade deshalb wichtig ist, in diesem Bereich weitere Unternehmer mit ins Boot zu holen und zu expandieren. Warum er heute Prioritäten setzt und sich somit mehr Quality-Time gönnt, erzählt uns der sympathische Visionär mit viel Charme und Herzblut.

Interview mit Holger Zulauf

Holger: Bei uns bekommt der Kunde innerhalb von 10 Minuten eine Lösung!

Johannes: Holger, es sind bestimmt 5 Jahre her, wenn nicht noch sogar länger, als ich dich das letzte Mal besucht habe. Und da gab es das Reisebüro und da gab es, glaube ich, Samedaylogistics.

Holger: Richtig.

Johannes: Was hat sich seitdem geändert?

Holger: Es hat sich vieles verändert. Ich habe die Vision, die ich damals schon hatte, nachverfolgt. Ich habe das Thema der Notfall-Logistik und er Spezial-Logistik immer weiter ausgebaut und wir haben das Unternehmen mittlerweile stark internationalisiert und diverse andere Business-Units entsprechend in die Gruppe integriert und dazu erworben, gegründet und dementsprechend die Firma um diese Business-Units erweitert.

Johannes: Als ich in Dein Büro kam, ich würde mal sagen schätzungsweise 20 Personen, die dann einen freundlich angegrinst haben, vielleicht ein paar mehr, paar weniger. So nur vom Gefühl her: wie ist der Stand heute?

Holger: In Kelsterbach nach wir vor nicht viel mehr, wir sind etwa knapp über 30 Personen. Wir haben allerdings in verschiedenen Ländern Niederlassungen gegründet, wir haben die Life-Science-Sparte stark ausgebaut. Wir haben in den USA stark Fuß gefasst und sind dort in 41 Bundesstaaten vertreten aktuell. Und um auf Deine Fragen anzuspielen: Ich schätze etwa 800 Personen aktuell!

Johannes: Inwiefern haben die noch mit Samedaylogistics zu tun?

Holger: Bedingt. Also ich glaube, dass alle Menschen letzten Endes die Story, die ich vorlebe, mit leben. Dass ich Derjenige bin, der Plattformgeber ist, der die SLS-Gruppe geprägt hat, der vom ersten Tag an letzten Endes an die Vision geglaubt hat und der das ganze System immer weitergetrieben hat. Letzten Endes wären der Erfolg und die heutige Konstellation nicht möglich gewesen mit den Partnern, mit denen ich das Ganze ausgebaut haben und mit denen wir das Thema weiter vorangetrieben haben. So haben wir jeweils Geschäftsführer für die jeweiligen Business-Units in München sitzen und den USA sitzen. Ich habe in Kelsterbach noch einen Kollegen, der an der großen Geschichte der Holding und an der gesamten Struktur des Unternehmens arbeitet. Und in dieser ganzen Konstellation sind wir 4 Führungskräfte, die tatkräftig unterstützt werden von M&A-Kollegen, von Financern und so weiter und die das ganze Geschäft weitertreiben.

Johannes: Das heißt, wenn Du jetzt auf die Sparten guckst: Was hat sich verändert? Also klar, Du hast mit Samedaylogistics Sachen von A nach B gebracht, in kürzester Zeit. Das war Deine Expertise, ist noch Deine Expertise. Welche Bereiche hast Du hinzugenommen?

Holger: Also, wir haben die Firma an sich oder die Muttergesellschaft heißt ja SLS, und SLS steht für Special Logistik Services. Man muss nun jetzt unterscheiden, in welchen Bereichen man Speziallogistik definiert. Wir haben früher gesagt, die Samedaylogistics ist die schnelle Tochter quasi, die zeitkritische Sendungen von A nach B transportiert. Das heißt, mit Samedaylogistics haben wir die große Expertise, sehr, sehr schnelle Transportlösungen für die Kunden anzubieten und quasi Ad-hoc-Transporte in kürzester Zeit durchzuführen. Da sind wir Marktführer, das haben wir weiter ausgebaut und sind mittlerweile eben nicht nur in Kelsterbach oder Frankfurt, sondern auch in anderen Ländern tätig. Wir haben sehr erfolgreiche Büros in Osteuropa, beispielsweise in Tschechien oder Rumänien. Wir sind in den USA, wir sind in Italien, wir sind in Nordeuropa, in Schweden tätig und haben uns dort überall auf die Fahne geschrieben, schnelle Transporte abzuwickeln. Hinzugekommen, seitdem wir uns das letzte Mal ausführlicher unterhalten haben, sind die Bereiche Life-Science und die Bereiche Radiopharmacy. Life-Science ist der Marktführer für Stammzellen-Transporte, klinische Studien und Transplantationen, also im Prinzip eine ähnliche Tätigkeit, die wir auch tun. Also zeitkritische Sendungen, die allerdings nicht per sofort transportiert werden müssen, sondern zeitkritisch geplant sind. Du musst es Dir so vorstellen: Bei Transplantationen plant man in der Regel mit medizinischen Eingriffen 2 bis 3 Wochen im Voraus. Und diese Terminierung des Transports von einem Probanden zu einem Patienten, die muss exakt und 100% genau erfolgen und entsprechend durchgeführt werden. Und das ist die Expertise, die die Kollegen von der Life-Science-Sparte haben. Da geht es also nicht nur um die reine Geschwindigkeit, sondern eher um die Genauigkeit. Ferner haben wir noch den Bereich Radiopharmacy, der relativ neu hinzugekommen ist, das gehört seit knapp 1 Jahr zur SLS-Gruppe. War eine jüngste Akquisition in der Corona-Zeit, haben wir im letzten Jahr hinzugekauft und gleich weitere Akquisitionen nachgeschoben. Das Ganze macht sehr viel Spaß, weil Radiopharmacy bedeutet: Wir transportieren isotopische Dinge, die für die Krebs-Früherkennung eingesetzt werden. Und bei Isotopen kann man sich das vorstellen wie bei einem strahlenden Medikament: Es gibt eine Halbwertszeit und irgendwann ist das Medikament nicht mehr funktionsfähig. Das heißt, man muss auf sehr schnellem Wege Isotope zusammensetzen und sehr schnell transportieren, dass sie noch wirksam sind. In der Regel am selben Tag. Und die Kollegen in den USA machen das so, dass sie nachts produziert werden, tagsüber zu den Patienten geliefert werden und angewandt werden durch eine ärztliche Injektion und am selben Tag im Prinzip verabreicht sind.

Johannes: Ok, also es hat sich an dem Thema Zeit eigentlich nichts verändert?

Holger: Es hat sich an dem Thema Zeit speziallogistisch wenig verändert. Es ist alles irgendwo eine Frage der Zeit, aber natürlich auch eine Frage der Expertise. Es kam, bedingt natürlich durch Corona, durch die ganzen Transporte, Vakzine und Proben und Seren noch andere Fragen hinzu, nämlich: Wie kann Kühlketten-Transport, wie können die erfolgen? Wie können wir solche Dinge abbilden und transportieren? Im Prinzip eine weitere Spezifikation in den Transporten, die wir schon durchführen, aber grundsätzlich eine, sag ich mal, tiefere Expertise, die mit dem Wachstum des Unternehmens erforderlich ist.

Johannes: Du musstest viele Entscheidungen treffen. Wie viele von diesen Entscheidungen, wo Du jetzt gerade stehst im Vergleich zu vor 5 Jahren, hast Du vom Bauch heraus entschieden?

Holger: Fast alle, weil es alles Unternehmen sind, die in Themen sich engagieren, die mich hochgradig interessieren. Es sind alles Unternehmen und Unternehmer, auch die dahinterstehen, die jeweilige Niederlassung beispielsweise oder die jeweiligen Business-Unit treiben, die hinter ihrem Produkt stehen und mit ihrer Expertise auch für den Erfolg des Unternehmens natürlich stehen. All diese Menschen habe ich überzeugt, bei der Geschichte der SLS-Gruppe dabei zu sein und entsprechend den Weg mit mir gemeinsam zu gehen. Demzufolge muss ich in allen Bereichen auch zu 100% die Entscheidung auch aus dem Bauch und der Vernunft heraus treffen.

Johannes: War das klar, dass Du in diesen Bereichen expandieren willst? Wie sah Deine Vision aus, an der Du dann gearbeitet hast, um die Gruppe zu bilden, um diese Bereiche wie Radiopharmacy einfach dazu zu holen? Wie hast Du da die Entscheidung getroffen? Welches Bild hattest Du?

Holger: Ich habe mich vor 10 Jahren entschieden, mit der Samedaylogistics einen Schritt weiter zu gehen, die Samedaylogistics nach vorne zu bringen, die Marktführerschaft, die wir zu dem damaligen Zeitpunkt hatten, weiter auszubauen. Und was braucht man dazu? Man braucht dazu Expertise und Expertise, um ihn zu internationalisieren. Man braucht Expertise für weiteres Wachstum, man braucht Expertise natürlich auch in Marken- und Firmenrecht und so weiter und so fort. Und vieles habe ich nicht unbedingt gehabt. Ich hatte eine große Expertise natürlich in meiner Vision, schnelle Transporte durchzuführen, schnelle Transporte zu organisieren. Und für alles Weitere habe ich mir Unterstützung und Hilfe von einem Private Equity Fonds geholt. Seit 10 Jahren habe ich eine Partnerschaft mit Auctus Capital AG in München und Auctus ist für mich ein Geschäftspartner, ein Mitgesellschafter, ein Teilhaber, mit dem ich die großen Stories mir zu der damaligen Zeit ausgedacht habe und die wir jetzt im Laufe der Zeit natürlich auch erleben und umsetzen. Ziele, die wir uns damals gesetzt haben, fingen wir vor 10 Jahren an zu definieren: Was ist denn überhaupt Spezial-Logistik? Da gibt es ganz viele verschiedene Themen: man kann es natürlich definieren über die Geschwindigkeit, über einen Kühlketten-Prozess, über das Produkt, das besonders werthaltig ist oder eben isotopisch ist, strahlend ist. Es gibt ganz viele verschiedene Dinge, die so speziell sind, dass es einfach ein normaler Spediteur nicht ober selten abbildet. Und das waren die Beweggründe eigentlich für mich zu sagen: Ich möchte das gerne mit einem Partner machen, der mir die Möglichkeit gibt, weiteres Wachstum zu generieren. Ich liefere dazu das ganze Knowhow, ich liefere dazu natürlich die Leidenschaft, ich liefere dazu meine Lebensperspektive. Es ist mein Lebenswerk, das ist das, was ich machen möchte, was ich machen wollte und was ich auch immer machen werden will. Und auch das gibt mir die Möglichkeit, dass umzusetzen, was wir gemeinsam beschließen. Und das war der Weg, der Wandel. Und dann dauert es natürlich eine ganze Zeit, bis man die entsprechenden Mitstreiter, Mitgefährten, Weggefährten, bis man die, ja, identifiziert, definiert, überzeugt und bis man die an Bord hat, dauerts schon eine Zeit. Und das Ganze ist geschehen in den letzten 5, 6, 7 Jahren und das Ganze hatte sich beschleunigt, jetzt, in der Corona-Phase. Wir haben allein im letzten Jahr 10 Akquisitionen getätigt. Wir haben 10 Unternehmen gekauft seit Ausbruch der Pandemie jetzt innerhalb der letzten 12, 13, 14 Monate.

Johannes: Wenn du sagst, Du hast Unternehmen gekauft: Wie seid ihr da vorgegangen? Klar, man kann Unternehmen kaufen, meistens geht es ihnen schlecht oder die haben ein Nachfolge-Thema. Wie bist Du da drangekommen?

Holger: Also, wir verfolgen eine ganz andere Strategie. Wir kaufen kein Unternehmen, dem es schlecht geht, um es dann wieder aufbauen zu müssen, sondern wir suchen ausschließlich Unternehmerpersönlichkeiten, die in einer ähnlichen Situation sind, oder in einem ähnlichen Umfeld sind, wie wir es auch sind. Die Expertise haben, die möglicherweise auch mit uns geschäftlich in Verbindung stehen, die bekannt sind und die möglicherweise ein Wachstumsproblem haben, Nachfolgeprobleme haben, wo es keine Nachfolgeregelung gibt und so weiter. Und versuchen diese Unternehmen und diese Unternehmer für uns zu gewinnen, das Unternehmen zu kaufen, das Unternehmen an dem großen ganzen Erfolgsmodell der SLS partizipieren zu lassen und die Unternehmertypen dann auch entsprechend in das Unternehmensmodell oder Erfolgsmodell mit einzubinden. Das heißt, die werden in der Regel rückbeteiligt und haben einen Anteil am Gesamterfolg des Unternehmens.

Johannes: Und wahrscheinlich bleiben die in den Positionen, oder?
Holger: Natürlich! Also es ist für uns auch sehr wichtig, dass die Personen weiterhin die Position begleiten. Die Personen haben die Expertise, die Personen kennen den Markt, die Personen sprechen in der Regel auch die Landessprache, sind vor Ort präsent, sind gut vernetzt und es wäre töricht zu sagen, wir möchten nur die Firma und die Hülle. Wir wollen natürlich den Unternehmertypen und das Team.

Johannes: Ok, das heißt ja fast jeden Monat ein Unternehmen!

Holger: Das Ganze hat sich beschleunigt, jetzt in der Pandemie. Anfangs der Pandemie, es wusste keiner, wie es weitergeht, weltweit! Jedes Unternehmen hatte Angst gehabt vor Verlust von Aufträgen, vor Verlust von möglichen Arbeitsplätzen, die abgebaut werden müssten, Verlust von Kunden, finanzielle Schwächung. Jedes Unternehmen auf der Welt hatte Angst. Wie geht man mit einer Pandemie um? Was passiert in Pandemiezeiten und wie lange wird diese Ausnahmesituation anhalten? Und genau diese Merkmale haben wir uns vielleicht ein bisschen zunutze gemacht, indem wir einfach gesagt haben: wir gehen antizyklisch vor! Wir haben ein Unternehmen, was gut lief und was auch gut läuft, was sich der geänderten Nachfrage innerhalb der Pandemie sehr spontan und sehr schnell und sehr intelligent angepasst hat. Das heißt, wir hatten ein funktionierendes, gutes Geschäftsmodell auch in der Pandemiephase, was sicher verändert war im Vergleich zu vorher. Aber es hat gut funktioniert und wir haben viele Partner gehabt, die einfach Ängste hatten, die finanzielle Sorgen hatten, die Angst hatten vor Aufträgen, die sie möglicherweise verlieren. Die auch in gewisser Weise Existenzsorgen hatten und gesagt haben: Wir möchten ganz gerne die Sicherheit eines größeren Unternehmens, wir möchten unter Dach schlüpfen, wir möchten gerne mit euch gemeinsam was machen. Und genau dieser Anspruch haben wir gemacht zu Beginn der Pandemie und hatten viele, viele Gespräche erfolgreich geführt und haben einige Unternehmer davon überzeugt, doch an unserem Erfolgsmodell teilzuhaben.

Johannes: Wenn Du jetzt auf die nächsten 5 Jahre guckst. Ich meine, die Pandemie ist noch nicht zu Ende. Geht es direkt weiter, so, wie du die letzten 12 Monate gemacht hast, oder was sind jetzt Deine Pläne?

Holger: Nein, es geht ein bisschen dezidierter weiter. Wir hatten anfangs gesagt, wir möchten ganz gerne wachsen, um die verschiedenen Themen der Speziallogistik, die ich vorhin definiert hab, weil wir gesagt haben: Naja, es gibt ganz viele verschiedene Bereiche und man kann sicher in allen Bereichen ganz gut wachsen. Mittlerweile haben wir das strategisch ein klein bisschen dahingehend verändert, dass wir gesagt haben: Wir haben 3 sehr erfolgreiche Business-Units und speziell der Bereich, ich nenne es mal insgesamt „Healthcare“, einmal Life Science, einmal Radiopharmacy und so weiter. Alles, was mit Gesundheit zu tun hat, auch natürlich pandemiegetrieben und pandemiebedingt, ist momentan etwas, was sehr stabil und sehr spannend ausbaubar ist. Und wir möchten eigentlich in der nächsten Zeit den Fokus legen auf Unternehmen, die sehr, sehr gut in den Healthcare-Bereich passen, sowohl in den Life-Science „Klinische-Studien-Proben-Bereich“, als auch im Bereich der Radiopharmacy, weil es ein Krebs-Früherkennungs-Tool ist, wo es weltweit noch unheimlich viel Potenzial gibt, das entsprechend zu implementieren und zu vermarkten und so weiter. Und dort möchten wir Leadership-Rolle einnehmen und möchten ganz gerne in dem Bereich die Führung weiter ausbauen. Im Bereich der Stammzellentransporte sind wir Weltmarktführer, im Bereich der Radiopharmacy, da kann man davon nicht wirklich sprechen, weil das ist eigentlich überwiegend nur in den USA ein relativ übliches medizinisches Produkt, was dort verkauft wird. Aber es wird weiter expandiert oder sich weiter weltweit expandieren. Und mit dem weiteren Siegeszug weltweit für diese Radiopharmacy-Produkte werden wir weiter profitieren.

Johannes: Wenn Du auf den Tagesablauf guckst, den Du vor 5 Jahren hattest: Als ich Dich besucht hatte, bin ich durch das Reisebüro, wenn ich mich recht entsinne, gelaufen, ein Stockwerk höher, glaube ich.

Holger: Zwei.

Johannes: Zwei. Und dann hattest Du da Dein Büro gehabt, natürlich viel am Telefonieren gewesen. Es war sehr, sehr viel Tagesgeschäft, wenn ich mich recht entsinne, zumindest in diesem kurzen Moment, wo ich Dich erleben konnte. Was hat sich geändert?

Holger: Mein Büro ist immer noch an selber Stelle, es hat sich nicht verändert. An meinem täglichen Tun hat sich sehr viel verändert. Ich habe mich aus dem operativen Tagesbusiness rausgenommen, ich betreue einige Key-Accounts, einige wirkliche Großkunden. Wir haben in den letzten Wochen und Monaten sehr viel für Hilfsgütertransporte beigetragen, wir haben sehr viel von den Anfangsmasken, dann FFP2-Masken, jetzt Schnelltests etc. und sonstige medizinische Hilfsgüter importiert. Da war ich natürlich aufgrund des Volumens und aufgrund auch der großen Verantwortung teilweise mit eingebunden. Aber grundsätzlich besteht mein Tagesablauf eher darin, die Geschicke der gesamten Gruppe weiter zu lenken und das weiter auszubauen und zu forcieren. Und ich unterstütze mein Team in der weiteren Professionalisierung dessen, was sie tagtäglich tun. Ich habe eine operative Leitung, ich haben eine IT-Leitung, ich habe eine Vertriebsgeschichte, also ein komplettes Team, und die machen ihren Job verdammt gut und die wissen genau, was sie tun. Und genau da kann ich höchstens unterstützend dazu beitragen, ihre Arbeit weiter noch zu verbessern, wobei sie es sehr, sehr gut machen und von meiner Seite einfach dazu beizutragen, das Große und Ganze weiter zu perfektionieren.

Johannes: Das heißt: Der Sprung ist eigentlich gewesen von primär operativ „in“ „am“ Unternehmen arbeiten?

Holger: Ja, anfangs „im“ Unternehmen, weil es einfach auch noch zu klein war. Wir waren damals ein kleiner Mittelstand, du hast es gesagt, mit etwa 30 Mitarbeitern alles sehr überschaubar. Mittlerweile ist das Unternehmen aus dem kleinsten Mittelstand in den Mittelstand gewachsen. Man kann auch nicht sagen, dass wir ein Großunternehmen sind. Wir sind dezentral aufgestellt, aber all das muss irgendwie organisiert werden, es muss strukturiert werden. Und wie Du schon richtig sagst: Die Arbeit „am“ Unternehmen ist die wichtige Arbeit.

Johannes: Das klingt sehr, sehr spannend. Ich habe schon viele Unternehmen oder Unternehmer kennengelernt, die aus diesem „im“ Unternehmen nicht mehr rauskommen, die so in ihren Strukturen sind, dass sie eben nicht mehr es schaffen, sich so komplett rauszuklinken, eher die Sicht auf ein Unternehmen zu haben. Deswegen echt spannend, dass auch in dieser eigentlich kurzen Zeit Du diesen Sprung gemacht hast. Hast Du da viel an Dir selbst gearbeitet?

Holger: Ja! Also ich wurde vor allen Dingen sehr oft darauf hingewiesen, was ich zu ändern habe in meinem Leben. Natürlich gibt es Mitarbeiter, Kollegen, ich habe vorhin erwähnt mein Mitgesellschafter, die natürlich mich auch immer darauf hinweisen, was man vielleicht anders oder möglichweise auch besser machen kann. Und natürlich ist es so, dass man seine eigenen Stärken herauskehren sollte. Und es ist jetzt schwierig bei einem Unternehmertyp, der ein Unternehmen aufgebaut hat, und ich glaube, ich spreche für alle Branchen, sich aus dem Operativen, was er selbst aufgebaut hat, wo er die größte Expertise hat, sich herauszunehmen, die Verantwortung zu übertragen und einfach größere Dinge zu denken und weiterzudenken. Das ist sehr, sehr schwer. Ich glaube, mittlerweile ist es aber ganz gut, dass ich genau diese Dinge kenne, dass ich diese Dinge auch selbst erkannt habe und dass ich genau diesen Unternehmern, die wir für unsere Idee gewonnen haben, davon überzeugen kann, dass sie den gleichen Weg, den ich gegangen bin, auch gehen müssen.

Johannes: Hast Du Dir Hilfe geholt, um diesen Sprung auch zu gehen?

Holger: Nein, ich habe immer wieder mir rote Ohren geholt und dann ging das ganz gut.

Johannes: Die braucht man manchmal. Hast du jetzt mehr Zeit als vorher?

Holger: Ich habe anders Zeit. Ich hatte vorher sicher mehr Arbeitsstunden, ich war sicher auch mehr im Unternehmen und hatte auch durch die Bereitschaft und Wochenenddienste und Kundennähe und so weiter natürlich unheimlich viel „Nicht flexible Zeit“, über die ich nicht verfügen konnte, weil ich ganz einfach zu jederzeit abrufbereit im Bereich der Notfalllogistik tagtäglich gebraucht wurde. Dahingehend hat sich mein Tagesablauf und meine Arbeitszeit und meine Freizeit sehr verändert. Ich glaube, dass ich heute nicht weniger auf der Uhr habe, ich glaube, dass ich grundsätzlich wahrscheinlich sogar mehr Arbeit auf der Tagesordnung habe. Allerdings kann ich mir die Arbeit anders einteilen, ich kann mir meine Arbeit in den Abend mitnehmen, ich kann sie zu anderen Zeiten machen, ich kann mir auch mal zwischendrin freinehmen oder kann anderen Dingen nachgehen, die akut oder aktuell vielleicht mir persönlich wichtiger erscheinen und mach die Dinge, die gemacht werden müssen, einfach dann einen Tag später. Ich bin kein Typ, der etwas aufschiebt, ich bin nach wie vor ein Mensch, der immer sehr schnell alles macht. Aber es ist der Unterschied, ob ich Dinge schnell mache oder ob ich Dinge sofort machen muss, und das Sofort-machen-müssen, das hab ich hinter mir.

Johannes: Also kannst Du auch sagen, Du hast priorisiert.

Holger: Ja klar!

Johannes: Und kannst das auch richtig leben?

Holger: Also, eine gute Priorisierung ist der heutige Tag: Wir Beide haben priorisiert, dass wir uns jetzt hier treffen.

Johannes: Das stimmt. Welche Sachen sind Dir wichtig?

Holger: Man muss unterscheiden: Einmal zwischen dem Privaten und andererseits dem Geschäftlichen. Wir reden gerade über das Geschäftliche, von daher muss ich sagen: Mir ist natürlich sehr wichtig der weitere Ausbau des Unternehmens und die Verfolgung meiner Ziele. Ich habe ganz klar mein Ziel im Fokus, wo ich hinmöchte und was ich nachverfolge, das ist mir sehr, sehr wichtig. Auf der anderen Seite ist mir natürlich Familie sehr wichtig. Den Lernerfolg und das Großwerden meiner Kinder zu sehen, die zu begleiten über die Kindheit, schulische Jugendlaufbahn bis ins Erwachsenendasein, das macht mir sehr, sehr viel Spaß. Und man hat natürlich immer mehr Zeit, die man auch investiert in Sachen Freizeit, Freizeitgestaltung. Reisen ist ein tolles Thema, wenn man es denn darf. Im Moment ist es ein bisschen schwierig alles, aber so gewöhnt man sich doch ganz gerne an diese Dinge. Und Du weißt ja, ich liebe leidenschaftlich die Berge, und ob das jetzt Mountainbiken ist, Skifahren ist, wandern, die Hunde. Also gibt es schon viele Themen, die man machen kann und ich glaube einfach, langweilig wird mir nie.

Johannes: Ja, also das glaube ich sofort. Vor was hast Du Angst?

Holger: Es ist eine sehr heraufordernde Frage und ehrlicherweise ist sie sehr, sehr schwer zu beantworten. Ich glaube, bleiben wir wieder bei dem Geschäftlichen zuerst: Als Vollblutunternehmer hat man natürlich Angst irgendwann zu scheitern. Ich glaube jeder Unternehmer hinterfragt sich selbst, ob das, was er tut, das Richtige ist, ob das, was er tut, lange Zeit oder langanhaltend von Erfolg gekrönt ist oder ob er irgendwann daran scheitert. Ich würde nicht sagen, dass ich Angst davor habe, das glaube ich nicht. Ich habe Respekt davor. Wenn Du den Respekt vor Deinem täglichen Handeln nicht hast, wirst Du immer scheitern.

Weibliche Stimme: Wovon träumst Du?

Holger: Ich träume davon, über Zeit zu verfügen, ich träume davon, eine Weltreise zu machen und ich träume davon, irgendwann mal mit meiner Familie 6, 8, 10 Wochen gemeinsam auf Reisen zu sein. Es ist mein größter Traum, weil irgendwann sind die so alt, dass sie keinen Bock mehr haben mitzufahren, irgendwann ist das Thema vorbei. Wir hatten uns das vorgenommen, auch für dieses Jahr, dann kam letztes Jahr die Pandemie, dieses Jahr wird´s auch nix. Wir haben viele Urlaube verschoben zwischenzeitlich, wir wollten letztes Jahr zum Heli-Skiing, das haben wir ja verschoben auf dieses Jahr. Dieses Jahr hieß es, ihr dürft immer noch nicht.

Johannes: Kommt!

Holger: Ja, kommt wieder.

Weibliche Stimme: Holger, Dein Lieblings-Beifahrer für eine lange Autofahrt?

Holger: Jemand, der mich gut unterhalten kann und der ein schlechter Autofahrer ist, dann redet er nämlich nicht so viel rein.

Weibliche Stimme: Hast Du irgendein Talent, von dem niemand was weiß? Kannst du auf einer Hand Liegestützen machen wie Deine Tochter? Kannst du irgendetwas Besonderes?

Holger: Also, ich habe eine extrem schnelle Reaktion. Es wird niemals irgendetwas neben mir runterfallen und den Boden berühren. Also ich bin in allem sehr reaktionsschnell, aber ich glaube, das sind alle Rennfahrer. Das ist auch so eine Tugend, die hat man, also das ist glaube ich auch normal. Deshalb glaube ich nicht, dass es irgendein Talent gibt, was ich in mir schlummern habe und nicht erkannt habe. In unserem Job muss man Schnelldenker sein, man muss Schnellmerker sein. Du unterhältst Dich mit 100.000 Menschen und Du hast jeden Tag andere Anforderungen, die Kunden an dich stellen. Und bei uns? Wir sind ja nun im Bereich, gerade Samedaylogistics, im Bereich der schnellen Transporte unterwegs und die Kunden, die bei uns anrufen, die haben keine Transportanfrage, die haben ein Problem! Und die haben ein Problem, dass irgendwo eine Sendung so nicht befördert werden kann, wie sie sich das gerne vorstellen möchten. Wir müssen in kürzester Zeit Lösungen finden, und da brauchst Du schnelle Auffassungsgabe, du musst natürlich die Komplexität verstehen, du musst den Sachverhalt verstehen, du musst den Kunden verstehen und du musst dem Kunden umgehend Lösungen bieten und wir haben uns auf unsere Fahnen geschrieben, dass wir Lösungen anbieten innerhalb von 10 Minuten. Bei uns bekommt der Kunde innerhalb von 10 Minuten eine Lösung.

Johannes: Ich glaube, ich hatte irgendwo gelesen, dass ihr innerhalb von 12 Stunden oder 16 Stunden schon europaweit…

Holger: Ja, aber das ist ja keine Kunst.

Johannes: Naja…

Holger: Finde ich jetzt keine Kunst. Ich mein, Du weißt, wie schnell ein Flugzeug sich bewegt, also, dass ist jetzt keine Kunst. Ich find´s viel krasser, wenn Du mich fragst: Wir haben jetzt 16 Uhr und heute Abend musst du noch irgendetwas in wo auch immer haben. Da finden wir Lösungen. Also allein den Lösungsansatz, das finde ich krass, den abzubilden.

Johannes: Kannst Du ein Beispiel nennen?

Holger: Ja, kürzlich passiert aus meiner operativen Zeit noch, so etwa 1 Jahr her. Hab jemand am Telefon gehabt, Neukundin von mir oder damals noch keine Kundin. Ein Interessent von mir mit einem typischen Problem aus der Nähe von Siegen. Zwei Stunden Fahrzeit von Frankfurt in etwa entfernt und sie fragte mich: Sie hätten eine Produktionsstätte in Mexiko und haben in Siegen, oder in der Nähe von Siegen, an ihrem Standort Ware liegen, die möglichst schnell noch in Mexiko sein muss, weil die dort Produktionsstillstand haben. Und dann habe ich so den Weg erklärt, dass wir morgens, wenn wir das abholen, jetzt innerhalb von einer halben bis 1 Stunde, und sind beispielsweise um 10 Uhr auf der Straße in Siegen, dann könnten wir gegen 12 Uhr in Frankfurt sein. Dann können wir um 13.30 Uhr die Lufthansa nehmen Direktflug nach Mexiko mit einem entsprechenden Anschluss und so weiter und so fort, und dann wären wir am Abend entsprechend dort. Sie hat mir aufmerksam zugehört und fand es alles wirklich ganz toll, den Lösungsansatz mit einem entsprechenden begleiteten Kurier, mit einer Zollabfertigung, alles, was gemacht werden muss, hab dazu auch erklärt, welche Dokumente es nötig hat und so weiter. Und dann hat sie mich gefragt: Das klingt ja alles ganz spannend und ganz toll, und welchen Tag meinen Sie? Und da habe ich gesagt: Na heute! Das konnte sie gar nicht glauben. Dann haben wir das gemacht, dann war am selben Abend die Ware in Mexiko. Gut, Du fliegst gegen die Erdrotation, muss ich ehrlicherweise sagen, ist jetzt nicht so die Kunst.

Johannes: Gegen die Zeit…

Holger: Also andersherum wäre es ein bisschen schwieriger, dann musst Du beamen.

Weibliche Stimme: Und dann relativieren wir.

Holger: Genau. Was will der eigentlich, ist ja eigentlich pillepalle.

Johannes: Eine meiner letzten Fragen: Hast Du schon Situationen gehabt, wo Du nicht gleich eine Lösung hattest, die auch zu Problemen führte, die Dich extrem gefordert hatten?

Holger: Ja! Es gibt Situationen, die sind nicht so ohne Weiteres lösbar. Ich habe mal ein großes Teil für einen Schiffsdiesel gehabt, was nach Dutch Harbor musste. Das ist eine der Insel von den Aleuten südlich von Alaska. Da gibt es keinen Flughafen, da gibt es keine Möglichkeit irgendwo zu landen. Und wir haben das Schiffsteil natürlich nach Anchorage bringen können, das ist kein Problem, aber ein 1-Tonnen-Teil ohne große Landebahn und nicht mit einer Helikoptermöglichkeit herunterzufliegen, das war schon eine große Herausforderung und das hat ein bisschen gedauert. Aber in der Zwischenzeit war es unterwegs in Richtung Anchorage und wir haben dann die Lösung während des Fluges gefunden und haben dann eine alte DC3 gechartert, die auf einer sehr kurzen Landebahn landen kann und eine große Luke hat und das einladen konnte. Und von daher war es kein Problem.

Johannes: Also auch wieder es geschafft. Gab es etwas, was du nicht schaffen konntest?

Holger: Was eine sehr große Herausforderung war, wo eigentlich sonst keiner einen Lösungsansatz hatte, haben wir dann gelöst.

Johannes: Okay, also war das eine Situation wo Du erstmal dachtest…

Holger: Schwierig…

Johannes: Ja, aber nicht unlösbar…

Holger: Geht nicht, gibt´s nicht.

Johannes: Gibt es Länder, wo das „Geht nicht, gibt´s nicht“ nicht geht?

Holger: Ja, da gibt es natürlich auch ethische Grundsätze. Also wir fliegen zum Beispiel nicht, wir fliegen in Krisengebiete, aber nur für humanitäre Zwecke. Also wir fliegen z.B. keine militärischen Dinge in irgendwelche Kriegsgebiete oder sowas, machen wir nicht. Ob ich das will oder ob ich es kann, oder nicht will, unabhängig davon, das sind einfach ethnische Grundsätze die ich habe, und das mache ich nicht.

Johannes: Finde ich gut. Holger, danke für das Gespräch.

Holger: Danke Dir, Johannes.

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