Hidden Champions

Carina Kröll

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Lesezeit ca. 18 Minuten

Turnerin Carina Kröll: „Erfolg bedeutet mit sich selbst zufrieden zu sein.“

Ohne Perfektionismus geht es nicht

Jemand der bei einem Turnier gewinnt, ist ein Champion – dem würden sicher die meisten von euch zustimmen. Doch welcher Sportler ist dann ein Hidden Champion? Für Kunstturnerin Carina Kröll ist die Antwort einfach: Ein Hidden Champion ist für die 21-Jährige jemand, der Ziele hat und an sich glaubt und der sich auch von Verletzungen und anderen Hindernissen nicht abhalten lässt seinen Traum zu Leben. Von ihren eigenen Verletzungen, dem Umgang mit inneren Blockaden und von ihrem ganz großen Traum hat sie uns im Interview erzählt.

Carina Kröll turnt, seit sie vier Jahre alt ist. „Ich war schon immer ein sehr aktives Kind und da war es naheliegend, dass meine Mama mich dann ins #Turnen nimmt, und da hat man relativ schnell das Talent in mir erkannt.“ Heute turnt die 21-Jährige in der ersten Bundesliga beim MTV Stuttgart, mit dem sie schon zehn Mal Deutsche Mannschaftsmeisterin und Vizemeisterin am Balken wurde. Ihr aktuelles Ziel ist die Qualifikation für die Europameisterschaft. Dabei ist Carina sich sicher: Ohne Disziplin und auch eine gewisse Portion #Perfektionismus geht es nicht. Doch auch ihr Alltag würde ohne ihre #Selbstdisziplin nicht funktionieren. Neben ihrer Turnkarriere absolviert sie noch ein Fernstudium und ist auf Instagram als Content Creator aktiv. Dabei hilft ihr, dass sie schon früh gelernt hat selbstständig zu sein und Schule und Turnen unter einen Hut zu bringen: „Wo die anderen Mitschüler schon längst fertig sind und sich der Freizeit widmen können, habe ich dann halt noch am Schreibtisch gesessen und meine Hausarbeiten und Hausaufgaben gemacht.“ Doch trotzdem hat sie nie aufgegeben und noch immer ihren großen Traum im Blick: die Olympischen Spiele.

Interview mit Carina Kröll

Johannes: ‚The Hidden Champion‘: Außergewöhnliche Marktführer, Vordenker und Pioniere. Willkommen zur heutigen Folge von ‚Hidden Champion‘ und neben mir sitzt Carina Kröll.

Carina Kröll: Hi, ich bin Carina. Ich bin Turnerin der ersten Bundesliga, und zu meinen größten Erfolgen zählt der deutsche Vizemeistertitel am Balken und mit dem MTV Stuttgart wurde ich in der Ersten Bundesliga bereits zehn Mal Deutsche Mannschaftsmeisterin. Und neben mir sitzt der Johannes, der macht heute mit mir ein Interview.

Johannes: Ja, herzlich willkommen, Carina! Was war der beste Rat, den Du je bekommen hast?

Carina Kröll: Ich würde sagen, der beste Rat, den ich je bekommen habe, ist an mich zu glauben und nicht meine Ziele aus den Augen zu verlieren. Gerade bezogen auf das Jahr 2019, als ich mich nach meinen Verletzungen zurückgekämpft habe.

Johannes: Was war die beste Entscheidung?

Carina Kröll: Kann ich jetzt direkt auch darauf beziehen: nicht mit dem Turnen aufzuhören. Ich wurde 2019 zweimal operiert. Ich hatte eine OP an der Hüfte links und eine Minikus-OP am rechten Knie und beide Operationen innerhalb von vier Wochen. Danach war ich für ein paar Wochen erst einmal komplett außer Gefecht gesetzt. Und ja, es war ein langer Weg mich da zurückzukämpfen. Also es war auch nicht einfach. Ich bin da an ein paar Punkte gewesen, wo ich auch nicht wusste, ob ich weitermachen soll. Ich würde aber trotzdem sagen, dass es meine beste Entscheidung war, da nicht aufzugeben und da weiterzumachen.

Johannes: Was hat Dich zu der Entscheidung gebracht, weiterzumachen?

Carina Kröll: Also Turnen ist und bleibt einfach meine Leidenschaft und ich war zu dem Zeitpunkt 18 Jahre alt und ich hatte einfach auch sportlich noch nicht alle meine Ziele erreicht, die ich vorhatte. Ich will noch zu Europameisterschaften, zu Weltmeisterschaften und das größte wären die Olympischen Spiele. Und da habe ich mir einfach gedacht, wenn ich jetzt aufhöre, bereue ich es vielleicht irgendwann, dass ich damals nicht weitergemacht habe. Deswegen war meine Entscheidung dann schon relativ klar, dass ich auf jeden Fall daran weiterarbeiten will.

Johannes: Mega, und was war Dein größter Fehler?

Carina Kröll: Ich würde jetzt nicht sagen, dass ich irgendwas in meinem Leben bereue und ich finde auch jetzt nicht, dass man irgendwie auf sein Leben zurückblicken sollte und sagen sollte: „Das hätte ich anders machen können“. Ich finde, man sollte immer stolz darauf sein, was man bisher auch schon erlebt hat und ich meine, aus Fehlern kann man auch in irgendeiner Weise lernen. Deswegen würde ich jetzt gar nicht sagen, dass ich unbedingt eine Sache habe, die ich jetzt als Fehler bezeichnen würde.

Johannes: Was macht für dich ein Hidden Champion aus?

Carina Kröll: Ich würde sagen, dass man auf jeden Fall an sich glauben sollte. Und ich finde, man braucht auf jeden Fall immer Ziele im Leben. Also ich würde sagen, ein Hidden Champion hat auf jeden Fall Ziele, die man fokussiert und an denen man arbeitet und dass man sich auch nicht unterkriegen lässt von einer Verletzung oder von irgendwelchen Hindernissen im Leben.

Johannes: Bist Du denn darauf stolz, was Du bisher erreicht hast?

Carina Kröll: Ja, auf jeden Fall. Also ich würde sagen, wenige in meinem Alter haben schon so viel erreicht und sich auch von solchen Schicksalsschlägen zurückgekämpft. Ich finde es auch cool, dass ich so durch das Turnen, durch die Wettkämpfe schon so viel in der Welt rumgekommen bin. Ich glaube, die wenigsten in meinem Alter waren jetzt schon in Japan, in Mexiko, in Russland. Und da bin ich echt viel herumgekommen und habe auch so irgendwie Freunde auf der ganzen Welt und darauf bin ich schon stolz.

Johannes: Wie motiviert Du Dich?

Carina Kröll: Durch meine Ziele, würde ich sagen. Also ich trainiere 30 Stunden in der Woche und da ist es, glaube ich, klar, dass man nicht immer aufsteht und sich denkt: „Ja, heute wird ein guter Tag.“ Ich fühle mich auch nicht immer gut, aber ich versuche mich dann auf das zu fokussieren, auf was ich dahinarbeite. Jetzt gerade ist mein Ziel zu den Europameisterschaften im August zu kommen. Das ist mein Ziel, worauf ich hinarbeite und ich würde sagen, das motiviert mich dann auch aufzustehen, in die Halle zu gehen und meine fünf Stunden Training zu absolvieren.

Johannes: Das heißt, Du trainierst einmal am Tag oder mehrmals?

Carina Kröll: Ich trainiere mehrmals am Tag. Also meine erste Trainingseinheit ist meistens zwischen 9 und 12 Uhr. Dann habe ich Mittagspause, mache etwas für mein Studium. Und dann noch einmal von 14 bis ungefähr 16:30 Uhr.

Johannes: Muss man dabei sehr auf seine Ernährung achten?

Johannes: Ich würde schon sagen. Also ich habe jetzt keinen strikten Ernährungsplan, aber ich achte schon darauf, was ich esse. Denn Turnen ist eben auch eine Sportart, wo man eben sein Körper zu Höchstleistungen bringen muss und da spielt es auf jeden Fall auch eine große Rolle.

Johannes: Zweimal am Tag trainieren. Das arbeiten andere Menschen.

Carina Kröll: Ja, durch die 30 Stunden Training ist es eben ein Full-Time-Job, würde ich so behaupten.

Johannes: Was machst Du nebenher noch?

Carina Kröll: Ich mache ein Fernstudium in Gesundheitspsychologie. Also nicht coronabedingt, sondern schon von vornherein gewählt. Ein Fernstudium bedeutet, ich mach alles von zu Hause. Es war mir eben wichtig, dass ich so flexibel wie möglich bin, dass ich eben mein Studium um meine Trainingszeit herumbauen kann. Ich muss auch für Klausuren nirgendwo hinfahren, ich schreibe alles von zu Hause. So kann ich den Fokus auf das Training legen und trotzdem nebenher noch ein Studium absolvieren.

Johannes: Also Gesundheitspsychologie studierst Du? War der Grund Deine Verletzung, dass Du dich dafür entschieden hast? Oder hattest Du schon vorher angefangen und konntest dann auch Dich selbst ein Stück weit therapieren?

Carina Kröll: Ich würde sagen, so beides ein bisschen. Also ich habe mich schon immer dafür interessiert, so wie andere Leute ticken und was auch so im Kopf vorgeht. Ich habe auch selber eine Sportpsychologin und irgendwie fand ich es schon immer sehr beeindruckend, wie man andere Leute dazu bringt, auch so ein mentales Training zu absolvieren und vor allem wie es einem was bringt, also wie man dadurch auch irgendwie erfolgreicher ist. Das fand ich irgendwie enorm spannend. Und irgendwie bin ich dann so auf den Studiengang gekommen und habe mir das ein bisschen die Inhalte durchgelesen und es hat mich irgendwie gecatched und dann habe ich es angefangen.

Johannes: Bist Du perfektionistisch?

Carina Kröll: Ich würde schon ein bisschen sagen. Also bei dem Turnen geht es generell viel um Perfektionismus, aber ich sage es einmal so, man muss es immer im gesunden Maß sehen. Ich meine, ich werde für meine Übungen bewertet und für jede kleine Korrektur für jedes Mal, wenn ich meinen Arm nicht ganz durchstrecke oder mein Bein nicht ganz durchstrecke, gibt es Abzüge und da ist man natürlich schon sehr dran, die Übungen perfektionistisch auszuführen. Aber ich bin keine Maschine, das geht natürlich auch nicht. Aber ja, ich würde schon sagen, dass es ein bisschen auch mit Perfektionismus zu tun hat.

Johannes: Ja, das glaube ich auch. Man muss ja sich nur einmal so ein Barren angucken und dann auch angucken, was da für Choreografien drauf laufen.

Carina Kröll: Also es ist ja jetzt nicht nur, dass ich einen Purzelbaum am Boden mache. Ich meine, so ein Schwebebalken ist zehn Zentimeter breit, das kann man sich einmal auf einem Lineal anschauen, und da halt ein Salto darauf zu machen oder ein freies Rad – also ein Rad ohne Hände – passiert halt nicht einfach so: Dafür braucht man Übung und das ist jahrelange Übung. Ich kann das auch nicht von jetzt auf gleich und da steckt eben ganz viel harte Arbeit dahinter.

Johannes: Wie alt warst Du, als Du mit Turnen angefangen hast?

Carina Kröll: Vier Jahre alt.

Johannes: Wow!

Carina Kröll: Also mit dem Turnen ist es tatsächlich so, dass man sehr jung anfängt. Klar – allen die jetzt mit 20 noch mit Turnen anfangen wollen, steht auch nichts im Wege, aber dann wird es halt wahrscheinlich sehr schwer, auf den Leistungssportzweig zu kommen.

Johannes: Ja, das kann ich mir vorstellen. Bist Du mutig?

Carina Kröll: Ich würde schon sagen, dass ich mutig bin, gerade auf den Sport bezogen – also ein Barren ist jetzt auch über zwei Meter hoch: Da meine Elemente zu absolvieren ist jetzt nicht gerade einfach, aber auch da gilt: Das lernt man nicht von jetzt auf gleich. Also Turnen fängt man eben im jungen Alter an, damit man das schrittweise erlernt – also ich habe jetzt mit vier angefangen, bin jetzt 21, ich mache es schon ein paar Jahre, also ja, ich würde schon sagen, dass ich mutig bin.

Johannes: Wenn jetzt der Barren nicht zwei Meter hoch wäre, sondern zehn Meter: Würdest Du anders turnen?

Carina Kröll: Vielleicht schon! Also jetzt im Schwimmbad springe ich jetzt auch nicht so gerne vom Zehn-Meter-Brett, würde ich wirklich ehrlich sagen, aber es ist schon etwas anderes, ob ich jetzt am Barren turne oder ob ich jetzt vom Zehn-Meter-Brett springe.

Johannes: Vielleicht gibt es ja auch einmal einen Barren, der zehn Meter hoch ist.

Carina Kröll: Vielleicht! Also die Geräte verändern sich tatsächlich auch – also vor ein paar Jahren war zum Beispiel der Stufenbarren noch viel enger gestellt, da hat man ganz andere Elemente gemacht wie jetzt, also jetzt ist er viel breiter, so gesehen entwickelt sich das Turnen auch. Also vielleicht ist der Schwebebalken auch irgendwann noch dünner oder wird wieder breiter.

Johannes: Es kommt wahrscheinlich darauf an, wie viele Verletzungen darauf passieren, oder?

Carina Kröll: Kann auch sein, ja. Also es gibt auch Elemente, die früher geturnt wurden, die aber heute verboten sind, auch einfach, weil das Verletzungsrisiko zu groß ist.

Johannes: Zum Beispiel?

Carina Kröll: Es gibt bestimmte Namen, die sagen jetzt wahrscheinlich keinem etwas, aber bei den Männern am Boden ist es ein bestimmtes Element, wo man quasi zwei Saltos macht, mit eineinhalb Schrauben und über den Kopf abrollt, und da haben sich eben viele verletzt und deswegen wurde es entschieden, dass man das nicht mehr turnen darf.

Johannes: Okay, das hört sich auch brutal an! Aber könntest Du das?

Carina Kröll: Nein, aber das will ich auch gar nicht können – also da ist mir wirklich dann auch die Gesundheit lieber.

Johannes: Wofür bist Du denn in deinem Leben am dankbarsten?

Carina Kröll: Ich würde sagen, dass ich dankbar für meine Familie bin – meine Familie unterstützt mich wirklich in allem. Ich finde es auch wichtig, dass man eine Tätigkeit ausführt aus dem eigenen Willen und Interesse, aber dass man eben auch ein Umfeld hat, das einen dabei unterstützt. Also gerade bei mir: Ich habe sehr jung mit dem Turnen angefangen, ich bin mit acht Jahren in den Olympiastützpunkt gekommen und da mussten mich meine Eltern jeden Tag hinfahren, abholen, hinfahren, abholen, und das muss man auch mitmachen und vor allem auch wollen.

Johannes: Auch können, oder?

Carina Kröll: Auch können ja, vor allem. Ich habe auch noch einen jüngeren Bruder, der schwimmt, da war es ähnlich: Den musste man auch immer zum Training fahren und das sind natürlich auch alles Fahrtwege, was zum einen Zeit ist, was aber auch etwas kostet, und da ist natürlich auch wichtig, dass man die Unterstützung hat.

Johannes: Haben Deine Eltern das von vornherein im Fokus gehabt, dass ihr professionell Sport macht oder haben die gesagt: „Hey, wir stecken sie einmal dorthin …“

Carina Kröll: „…vielleicht wird es etwas!“ Nein, also ich glaube gar nicht, dass man da so rangehen sollte, dass man jetzt ein Kind in irgendein Sport schickt und sagt: „Das wird jetzt der neue Champion.“ Bei mir war es so, dass meine Mama auch früher geturnt hat und ich war schon immer ein sehr aktives Kind und da war es naheliegend, dass meine Mama mich dann ins Turnen nimmt, und da hat man relativ schnell das Talent in mir erkannt. Dann habe ich in meinem Heimatverein, dem TSV Bergheim, angefangen, mit meiner Heimattrainerin und vier Jahre später – mit acht – kam ich dann durch eine Sichtung an den Olympiastützpunkt und so hat sich das dann entwickelt. Also es war nicht von klein auf klar, dass ich da irgendwo im Leistungssport ende.

Johannes: Wenn Du jetzt einmal zurückdenkst, als Du acht Jahre alt warst: Wie war das Gefühl, als Du dann von diesem Olympiastützpunkt aufgenommen wurdest oder von dem Kader? Kann man das so sagen?

Carina Kröll: Ja, von dem Kader – schon toll. Also ich meine, man arbeitet ja ein Stück weit schon auch auf etwas hin und es ist immer ein tolles Gefühl, wenn das dann auch belohnt wird. Gerade dann auch am Olympiastützpunkt zu trainieren, wo dann auch die älteren Turnerinnen waren, die dann teilweise auch Vorbilder für einen waren – das war dann natürlich auch ein schönes Gefühl. Und ich glaube, für meine Mama war es am Anfang auch nicht so ganz einfach, weil ich dann ab der fünften Klasse an die weiterführende Schule in Stuttgart gegangen bin und dann bin ich halt morgens um sechs aus dem Haus und kam abends um sechs wieder nach Hause. Also ich war eigentlich den ganzen Tag so auf mich gestellt, aber ich sage halt, durch das bin ich halt auch so selbstständig geworden. Es hat natürlich auch seine Vorteile, aber muss man können und wollen, dann auch erst einmal so sein Kind in fremde Hände zu geben!

Johannes: Bist Du dankbar für das, was Deine Eltern Dir ermöglicht haben?

Carina Kröll: Ja, auf jeden Fall. Also ohne die Unterstützung hätte ich das, glaube ich, auch nicht gepackt.

Johannes: Wie viele Geschwister hast Du?

Carina Kröll: Einen jüngeren Bruder und der ist 19.

Johannes: Und der ist auch im Profisport?

Carina Kröll: Nein, nicht Profisport, also der macht es inzwischen eher ein bisschen hobbymäßig: Der schwimmt in Bergheim und macht aber nebenher auch ein duales Studium bei Porsche, also der ist da auch sehr eingespannt – ja, ich glaube, da sind meine Eltern schon ganz stolz drauf!

Johannes: Hört sich danach an! Was sind noch Deine Ziele im Leben? Was schwebt Dir noch vor, sportlich wie auch vielleicht privat, geschäftlich?

Carina Kröll: Also sportlich, jetzt als nächstes Ziel, die Europameisterschaft zu schaffen – da sind – im Mai ungefähr – ja die Qualifikationen und da entscheidet es sich dann, wer fährt. Mein großes Ziel sportlich die Olympischen Spiele – ich glaube, das ist von jedem Sportler so das größte Ereignis und das größte Ziel, das man erreichen kann. Da sind die nächsten 2024 in Paris – das wäre natürlich schon ein sehr schönes Highlight, um es vielleicht dann auch irgendwie ein bisschen zu beenden. Also Turnen kann man nicht ewig machen: Ich bin mit meinen 21 jetzt schon eher von der älteren Sorte, wenn man das jetzt so sagen kann. Es hört sich vielleicht ein bisschen komisch an – das ist in anderen Sportarten sicher anders -aber ich bin da schon eigentlich eher bei den Älteren und möchte natürlich dann auch irgendwo in die Berufswelt einsteigen. Also ich studiere Gesundheitspsychologie und da hat man eigentlich ganz unterschiedliche Wege und Richtungen, was man damit machen kann. Ich kann in verschiedene Betriebe gehen und die beraten, was Gesundheit angeht oder kann auch in Richtung Sportpsychologie gehen. Da gibt es ganz unterschiedliche Möglichkeiten, wo ich dann mal enden könnte.

Johannes: Gibt es da auch Unterstützung seitens des Kader, wo Du bist? Also, dass sie sagen: „Hey, du kannst danach bei uns anfangen?“

Carina Kröll: Ja, also die Möglichkeit gibt es auf jeden Fall. Ich kann mir auch vorstellen, dass ich irgendwann nebenher vielleicht in den Trainerberuf einsteige. Ich möchte es nur nicht hauptberuflich machen. Weil ich sage, ich habe jetzt mein ganzes Leben eigentlich schon in der Turnhalle verbracht, ich will dann auch einmal noch etwas anderes sehen. Aber auf der anderen Seite will ich auch irgendwo meine Erfahrungen so ein bisschen mit den Jüngeren – oder denen, die nachkommen – teilen. Ich meine, ich habe schon sehr viel in meinem Leben erreicht und auch Dinge gelernt, die ich weitergeben könnte.

Johannes: Hast Du einen Held in der Wirklichkeit?

Carina Kröll: Ich würde sagen meine Mama. Also gerade durch das, was sie auch früher so für meinen Bruder und mich alles getan hat, ist sie schon so ein bisschen meine Heldin. Auch was es an Fahrereien gibt. Dann eine Stunde dahin fahren, eine Stunde dorthin fahren, wo andere wahrscheinlich sagen: „Komm, hör mit dem Sport auf, es lohnt sich nicht.“ Aber da hat sie schon immer an mich geglaubt und auch nie aufgegeben und glaubt auch heute immer noch an mich.

Johannes: Was hat sie gemacht? Hat sie auch geturnt?

Carina Kröll: Ja, aber lange nicht so Leistungssport bezogen. Im Verein ein bisschen, aber anscheinend waren es doch ganz gute Gene.

Johannes: Ja, glaube ich auch. Da hast Du von vornherein auch mitgemacht?

Carina Kröll: Ja, genau. Mein Papa, der kommt aus Österreich, der war Skifahrer – also auch sehr sportlich – und ich glaube, die Gene sind ein bisschen auf mich übergeschwappt!

Johannes: Welche Eigenschaften schätzt Du an Menschen am meisten?

Carina Kröll: Ich finde es toll, wenn Leute diszipliniert und fleißig sind. Also hat auch damit zu tun, dass ich mich mit den Werten auch identifizieren kann. Also dadurch, dass ich von klein auf auch schon so selbstständig sein musste, bin ich eben auch selbstständig geworden. Also in der fünften Klasse den ganzen Tag sein ganzes Leben irgendwie zu organisieren und dann nach dem Training um 18 Uhr nach Hause zu kommen und dann noch mit den Hausaufgaben anzufangen. Wo die anderen Mitschüler schon längst fertig sind und sich der Freizeit widmen können, habe ich dann halt noch am Schreibtisch gesessen und meine Hausarbeiten und Hausaufgaben gemacht. Daraus wächst man und lernt und daraus entwickeln sich dann eben diese Werte wie Disziplin und Fleiß.

Johannes: Was glaubst Du, hat Dich dahin gebracht, wo Du jetzt bist? Ist es Dich selbst zu motivieren, also Deine eigene Motivation? Ist es der Fleiß, den Du da reinsteckst? Oder welche deiner Eigenschaften, glaubst Du, haben sich am meisten durchgesetzt?

Carina Kröll: Ich glaube tatsächlich, dass es bei mir der Fleiß ist. Also viele andere Menschen beschreiben mich auch als sehr fleißige Person. Ich habe nicht das größte Talent, was das Turnen angeht, aber ich bin sehr fleißig. Also von klein auf war ich gar nicht immer ganz vorne dabei. Ich war immer so fünfte, sechste, siebte, wenn es bei irgendwelchen Wettkämpfen darum ging, in der Mehrkampfwertung ein Ergebnis zu erzielen. Ich war nie ganz vorne. Bei uns ist das Lustige eigentlich: Der 2000er Jahrgang, in dem ich geturnt habe, war ein sehr starker Jahrgang. Also da gab es sehr viele Leute, die sehr gut waren. Aber ich bin jetzt noch die Einzige, die von dem Jahrgang übrig geblieben ist im Leistungssport, weil eben viele wegen Verletzungen oder auch psychischen Problemen ausgeschieden sind, die es dann eben nicht gepackt haben. Ich weiß selber nicht genau, warum ich übrig geblieben bin. Aber irgendwie muss es etwas damit zu tun haben, dass ich einfach fleißig bin und auch sehr diszipliniert vorgegangen bin.

Johannes: Wenn Du einen Fehltritt machst, das kann ja bei Dir größere Auswirkungen haben als woanders. Wie reflektierst Du das? Also sprichst Du mit einem Trainer? Schaust Du die Videoaufnahmen an? Wie kannst Du den Fehltritt dann zukünftig vermeiden, wenn man ihn vermeiden kann?

Carina Kröll: Ja, also im Turnen – da haben wir ja schon darüber geredet – muss man schon sehr perfektionistisch sein. Wenn man vom Balken herunterfliegt, ist es direkt ein Punktabzug, was natürlich sehr verheerende Auswirkungen hat im Endresultat. Aber es kann einmal passieren und da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Also entweder man spricht mit dem Trainer, der natürlich das dann von außen sieht und sieht, wo der Fehler lag. Aber oft merkt man auch schon selber, warum es jetzt nicht funktioniert hat. Also Turner und Turnerinnen haben eine sehr krasse Körperbeherrschung, also ich merke dann oft auch selber, woran es gelegen hat, dass ich jetzt runtergefallen bin. Oder man schaut sich auch ein Video an, um es einfach noch einmal zu visualisieren. Ich arbeite auch mit meiner Sportpsychologin ganz viel über das Visuelle, auch gerade, wenn sich so mentale Blockaden einschleichen. Also ich hatte das jetzt schon ein paarmal, dass man zum Beispiel einfach ein Element nicht mehr ausführen kann, einfach weil es im Kopf nicht funktioniert. Was sich jetzt vielleicht für andere Leute irgendwie ein bisschen komisch anhört, warum man das einfach nicht machen kann, aber teilweise ist es auch nach Verletzungen so, dass man vor den Elementen einfach Angst hat, das irgendwas passiert.

Johannes: Ein Element ist eine Übung?

Carina Kröll: Ja, ein Element ist quasi ein einzelnes Stückteil einer Übung, also von der Wettkampfübung, zum Beispiel einen Salto rückwärts. Wenn man sich da eben verletzt hat, dann hat man manchmal einfach Probleme damit, es noch einmal zu machen und da hilft es, sich das einfach vorzustellen und das visuell aufzuarbeiten.

Johannes: Kann man nicht einfach sagen: „Ich lasse jetzt dieses Element einfach draußen“?

Carina Kröll: Schwierig! Also klar, man kann dann schon auch andere Möglichkeiten finden, das zu machen, aber wenn es halt sehr schwierige Elemente sind, die eben auch viel wert sind und die dann auch viel für die Endwertung bringen, lohnt sich das schon, daran zu arbeiten.

Johannes: Okay. Ich bin ja auch nicht in allen Sachen perfekt, aber als Selbstständiger kann ich mir die perfekten Leute holen, die das dann können – das ist dann der Vorteil, den ich habe.

Carina Kröll: Stimmt, oder halt selber dran arbeiten!

Johannes: Oder das, das ist dann die härtere Variante!

Carina Kröll: Aber mit genug Motivation und Fleiß funktioniert es bestimmt.

Johannes: Ja, das stimmt. Gibt es denn etwas, was Du noch nicht gemacht hast oder was Du noch gerne machen würdest?

Carina Kröll: Ich würde einmal gerne auf eine längere Reise gehen – also ich habe zwar schon sehr viel von der Welt gesehen, würde ich sagen, aber manchmal ist es so, dass man eben bei den Wettkämpfen auch dann doch nicht so viel sieht, weil man eben in seinen Trainingshallen ist und im Hotel und sich eben auf den Wettkampf konzentriert und dann kommt man nicht dazu, Sightseeing zu machen. Also ich habe zwei Wochen Urlaub im Jahr – da kann man dann auch nicht so viel machen, und ich habe jetzt eine Woche im Sommer, eine im Winter und da bin ich dann auch mal froh, wenn ich einfach irgendwo am Strand liegen kann und nichts machen kann, wenn ich das ganze Jahr über so aktiv bin. Deswegen fände ich es schön, wenn ich einmal irgendwie drei, vier Wochen am Stück irgendwo hinreisen könnte und auch einmal etwas anschauen.

Johannes: Das kommt dann nach den Olympischen Spielen?

Carina Kröll: Hoffentlich, ja!

Johannes: Die Du dann gewinnst. Wenn Du im Urlaub bist: Lässt Du dann Sport komplett draußen?

Carina Kröll: Ja, eigentlich schon. Also wenn ich sonst den ganzen Tag über fünf, sechs Stunden trainiere, tut es auch wirklich einmal gut, nichts zu tun. Also ich liege dann auch gerne einfach einmal den ganzen Tag am Strand und mache gar nichts – das tut echt gut!

Johannes: Dann muss man das Gefühl genießen, wenn man es dann hat, oder?

Carina Kröll: Ja genau. Ich meine, es ist halt auch nur eine Woche und dann versuche ich das meiste da rauszuholen und mich auch wirklich zu erholen.

Johannes: Also für mich hören sich so fünf Stunden für mich und für meinen Körper viel zu viel an, weil wenn man eine Stunde Crossfit macht, dann ist man k.o. Dann hat man davon vielleicht eine halbe Stunde trainiert und die andere Hälfte Sachen vorbereitet oder warm gemacht, aber da ist man k.o.! Da kann man nicht noch an weitere vier Stunden denken – da ist man absolut körperlich am Ende. Deswegen frage ich mich, wie man das dann schafft, fünf Stunden an einem Tag – und das jeden Tag! Du machst das jeden Tag? Fünf Tage die Woche? Sieben?

Carina Kröll: Sechs Tage die Woche, Sonntag ist mein freier Tag.

Johannes: Sechs Tage die Woche? Wie schaffst Du den Spagat zwischen dem Studium und dem Turnen?

Carina Kröll: Das weiß ich selber nicht so ganz genau, würde ich sagen. – Nein, also ich würde sagen, ich habe sehr viel Plan. Ich organisiere mir eigentlich meinen Tag komplett durch. Meine Trainingszeiten sind sowieso fix – ich trainiere von 9 bis 12 und von 14 bis 16:30 Uhr – in meiner Mittagspause esse ich und entweder entspanne mich da oder fange schon an etwas für die Uni zu machen. Wenn ich in der Mittagspause nichts mache, dann muss ich halt nach dem Training ran und sitze da noch bis 18 oder 19 Uhr daran und mache etwas für die Uni. Das ist alles komplett durchstrukturiert. Ich habe einfach einen Plan, wie ich es gerne haben möchte. Wenn dann irgendwelche Termine dazwischenkommen, dann versuche ich halt irgendwie drum herum zu planen.

Johannes: Was bedeutet für Dich Erfolg?

Carina Kröll: Ich würde sagen, Erfolg bedeutet, dass man das Beste gegeben hat. Also bei einem Wettkampf ist es jetzt für mich nicht unbedingt der Erfolg ganz vorne dabei zu sein, sondern dass ich einfach selber mit einem guten Gefühl rausgehen kann und weiß, ich habe mein Bestes gegeben, ich habe alles gegeben und ich kann trotzdem zufrieden mit mir selber sein.

Johannes: Bist Du auch zufrieden mit dir selber, wenn Du nicht den ersten Platz machst?

Carina Kröll: Ja, auf jeden Fall. Ich würde sagen, es kommt selten vor, dass ich den ersten Platz mache, weil eben auch einfach andere gute Leute da sind. Da bin ich auch dann so, dass ich mich für die anderen freue, auch wenn die eine gute Leistung gebracht haben. Solange ich mit mir selber zufrieden bin, ist es für mich ein Erfolg.

Johannes: Das können sicherlich viele mitnehmen für sich. Ja und was bedeutet für Dich Risiko?

Carina Kröll: Risiko bedeutet für mich, auch einmal über seinen Schatten zu springen und auch einmal mutig zu sein. Gerade wenn es zum Beispiel im Turnen um Elemente geht, wo man vielleicht auch Angst davor hat, da einfach mal anders ranzugehen und sich auch zu denken: „Komm‘, Ich schaffe das“ und sich auch selber ein bisschen zu motivieren.

Johannes: Wie kannst Du Blockaden lösen?

Carina Kröll: Also ganz viel über mentale Methoden. Mit meiner Sportpsychologin arbeite ich dann daran und versuche, mich nicht zu sehr darüber aufzuregen, dass es gerade nicht funktioniert, sondern es einfach zu akzeptieren und hinzunehmen und dann daran zu arbeiten.

Johannes: Und wie arbeitest Du daran? Also wenn Du zum Beispiel Angst vor einem Rückwärtssalto hast.

Carina Kröll: Ja, ich habe tatsächlich manchmal ein bisschen Rückwärtsblockaden, also dass ich Elemente, die rückwärts gehen, manchmal einfach nicht machen will. Gar nicht, weil ich unbedingt Angst vor dem Element habe, sondern einfach, weil ich nicht mag – es ist ganz schwierig zu beschreiben. Dann versuche ich, mir das ganz oft visuell vorzustellen, also die Augen zuzumachen und dann 20, 30 Mal einen Salto rückwärts zu machen, also dass ich einfach vor meinem inneren Auge das mache und dann eben so versuche, das Problem zu lösen.

Johannes: Ja, ich habe auch ein Problem mit rückwärtslaufen: Ich kann eher vorwärtslaufen, und das Rückwärtslaufen braucht man ja nicht so oft! Spannend eigentlich.
Carina Kröll: Ja, auf jeden Fall spannend und gerade auch durch diese Rückwärtsblockaden ist es eben spannend auch, dass ich durch meinen Studiengang so ein bisschen etwas darüber lernen kann und es dann an mir selber einfach ausprobiere, ob es funktioniert oder nicht.

Johannes: Es ist wirklich so, dass Du gewisse Sachen an Dir ausprobieren kannst?

Carina Kröll: Ja! Es ist eigentlich ganz cool, gerade was so psychologische Dinge angeht oder gerade auch das Thema Achtsamkeit, also einfach, dass man achtsam durchs Leben geht, achtsam Auto fährt, achtsam ist – das kann man auf ganz viele Bereiche im Leben anwenden.

Johannes: Muss man das trainieren?

Carina Kröll: Ich würde sagen, das kann man so ein bisschen einfach nebenher im Leben mitlaufen lassen – es ist jetzt nicht so, dass ich mich hinsetze und denke: „Ich muss jetzt achtsam irgendwas essen“, sondern ich habe das einfach immer im Hinterkopf und wenn ich gerade dran denke, dann probiere ich das umzusetzen.

Johannes: Im Vorgespräch hattest Du gesagt, dass Du drei Standbeine hast: Du hast Dein Studium, Du hast den Sport und du hast auch Deine Selbstständigkeit als Influencer: Was machst Du da?

Carina Kröll: Also ich mag das Influencer-Wort tatsächlich nicht so gern, ich sage Content Creator. Also ich nehme die Leute einfach so ein bisschen mit durch meinen Alltag, würde ich sagen. Mein Ziel ist es jetzt gar nicht, dass Content Creator oder Influencer – wie man es auch immer nennt – mein Beruf wird; ich finde es einfach nur toll, wenn die Leute so ein bisschen was aus meinem Leben sehen können. Ich teile da Videos, wie ich turne. Ich erzähle von meinem Studium, wie das abläuft. Ganz viele interessieren sich zum Beispiel auch gerade für das Fernstudium, weil das ist, glaube ich, gar nicht so verbreitet und viele wissen gar nicht, dass es überhaupt die Möglichkeit gibt, das zu machen, und ich versuche einfach, so ein bisschen einen Einblick zu geben in das, was ich mache.

Johannes: Hast Du ein Ziel dahinter?

Carina Kröll: Nein, eigentlich gar nicht. Also ich habe auf Instagram jetzt knapp 17.000 Follower – wenn man sich das an Leuten vorstellt, gar nicht so wenig, die mir da tagtäglich zuschauen. Ich finde es auch schön, einfach mit den Leuten so ein bisschen in Kontakt zu kommen. Gerade auch wenn ich Fanpost kriege von Leuten, die sich Autogrammkarten wünschen, ist es irgendwie einfach schön, dass man so auch ein bisschen mit den Leuten in Kontakt bleiben kann oder auch einfach zu sehen, dass es Leute gibt, die zu mir aufsehen – also bei mir gibt es, oder gab es, auch früher immer Leute, zu denen ich aufgesehen habe, die meine Vorbilder waren und das ich jetzt einfach so eine Person bin, zu der man aufsieht, ist einfach ein schönes Gefühl.

Johannes: Mega! Vielen Dank für das Interview!

Carina Kröll: Gerne!

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