Hidden Champions

Andreas Jamm

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Lesezeit ca. 13 Minuten

Warum sich viele Unternehmen mit Veränderungen so schwer tun

Digitalisierung und Transformation

Früher war man schon ein Hidden Champion, wenn man als einziger einen Computer hatte. So hat es zumindest Andreas Jamm erlebt. Der Geschäftsführer der Boldly Go Industries GmbH aus Frankfurt am Main war der erste Computerbesitzer an seiner Schule und kam damit sogar in die Zeitung. Schon als Vierzehnjähriger hat er Platinen für Elektronikhersteller konstruiert. Heute hat er sein eigenes Unternehmen und berät andere Firmen in Fragen der Digitalisierung und bei der Optimierung der Arbeitsabläufe. Dabei stößt er immer wieder auf dieselben Vorbehalte: Die betreffende Branche sei mit anderen nicht zu vergleichen, das sei für einen Außenstehenden nicht zu verstehen und überhaupt hat man das alles immer schon so gemacht. Dazu hat Andreas eine klare Meinung: „Es ist natürlich nicht ganz anders, sondern es ist natürlich überall gleich.“ Woher die Blockade in den Köpfen tatsächlich kommt und was man dagegen tun kann, ist Andreas‘ Interesse und Arbeitsfeld als Berater.

Andreas hält nichts von der Holzhammermethode, im Stil von „das ist jetzt so, ihr müsst euch damit beschäftigen“. Er hilft Unternehmen lieber dabei, eine Organisation zu schaffen, in der sich die Mitarbeiter wohlfühlen und Verantwortung übernehmen, statt in Hierarchien zu arbeiten. Das erfordert Mut zur Veränderung und natürlich läuft nicht immer alles glatt. Dennoch geht Andreas selbst diesen Weg und unterstützt auch andere dabei. Was die Baukästen von Fischer-Technik in seinem Büro damit zu tun haben und warum er sein Glück trotz allem nicht über seine Karriere definiert, hat er uns im Interview verraten.

Interview mit Andreas Jamm

Johannes: Heute bin ich bei Andreas Jamm von BOLDLY GO INDUSTRIES aus Frankfurt. „Folge Deinem Herzen, finde das, was Du liebst und begnüge Dich niemals mit etwas Geringerem.“ Andreas, was hat es damit auf sich?

Andreas Jamm: Schönen guten Morgen, Johannes. Hallo. Schön, dass Du heute da bist. Wir hatten schon öfters den Plan, uns zu treffen. Die Pandemie hat uns einen kleinen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber jetzt umso schöner, dass wir uns hier physisch und live in unserem Office in Frankfurt treffen können.

Johannes: Was hat es mit dem Slogan auf sich?

Andreas Jamm: Das Schild mit dem Slogan über uns haben mir meine Mitarbeiter geschenkt, weil tief in mir so eine Entdeckerseele schlummert, die mich auch antreibt und mir den Weg vorgibt. Was macht mich eigentlich glücklich und was macht mich zufrieden? Und weil ich mir in meiner langen Business-Laufbahn immer wieder die Frage stelle: Wie weit bin ich auf einem Karrierepfad unterwegs und will ich das? Oder was ist das im tiefen Inneren, das mich dann zufrieden stellt und das mich im Herzen antreibt? Im Grundsatz, wenn man so zurückblickt, wird man sicherlich nicht die Aussage treffen: Die Karriere hat einen glücklich gemacht, sondern viele Dinge, die emotional im Herzen liegen und die einen berühren und die auch die Kraft geben.

Johannes: Hast Du Beispiele?

Andreas Jamm: Das sind ganz einfache Beispiele. Das ist, wenn ich oder ich mit meiner Frau zusammen über eine Almwiese gehe und den frischen Duft des Heus einatme und eine klare kühle Luft um mich herum weht, ich die Alpengipfel sehe, berührt mich das zutiefst und gibt mir Kraft. Das sind aber auch andere Begegnungen mit interessanten Menschen, aber auch im Business natürlich, wenn ich sehe, dass die Dinge, die wir entwickeln oder die Beratungsleistungen, die wir anbieten, für Veränderungen sorgen. Das ist ein buntes Spektrum, aber es geht für mich in erster Linie um Emotionen und nicht um die Frage: Was ist der Kontostand?

Johannes: Was macht ihr eigentlich?

Andreas Jamm: Was wir machen, das versuchen wir auch immer wieder auf den Punkt zu bekommen. Das ist gar nicht so einfach. Da sind wir auch die letzten Monate am neu ausrichten für die Zukunft. Wir haben jetzt gerade fünf Jahre hinter uns und Zwischenbilanz gezogen. Wir haben uns vor fünf Jahren auf den Weg gemacht, Unternehmen in die Digitalisierung zu begleiten. Digitalisierung hat vor fünf Jahren, wo wir uns konzeptionell darauf ausgerichtet haben, am Horizont geflackert, als so eine wichtige Veränderung für Unternehmen. Wir müssen Prozesse ins Digitale bringen, wir müssen Produkte bauen, die mehr digital sind oder vielleicht auch Services, die um physische Produkte herum angedockt sind und in dieses Business, in diese neue Welt begleiten wir Unternehmen. Was heißt eigentlich Digitalisierung? Was müssen wir tun? Welche Kompetenzen müssen wir im Unternehmen aufbauen, um solche digitalen Services anbieten zu können? Wo lebt diese Digitalisierung im Unternehmen?

Es ist nicht damit getan, jetzt ein CRM-System einzuführen, sondern im Grundsatz müssen wir schauen, dass Unternehmen auch in sich bereit sind und die Rahmenbedingungen geschaffen sind, dieser Digitalisierung wirklich gerecht zu werden und ein Stück in sich aufzunehmen. Da geht es auch viel um Organisationsentwicklung, Veränderung, Veränderungsbereitschaft mit dem Digitalen, um mit der Herausforderung auch umgehen zu können. Das ist auch ein großer Punkt für uns. Deswegen heißen wir auch BOLDLY GO, es geht da um viel Mut. Wir müssen mutig sein, in die Zukunft zu gehen. Veränderung heißt immer erst mal mit einem Reflex zu reagieren. Veränderung ist erst mal etwas Schwieriges und führt dazu, dass man vielleicht ein bisschen zu lange wartet. Und das erleben wir auch heute noch immer in der Wirtschaft, dass viele Unternehmen sich noch scheuen, in Richtung Digitalisierung zu gehen. Das ist auch ein Antrieb für uns, diese Barrieren zu verringern oder Unternehmen dahingehend zu begleiten, dass sie mutig in diese Zukunft gehen.

Johannes: Ich bin jetzt hier in Deinem Büro in Frankfurt und eigentlich geht es auch um IT-Lösungen, die ihr letzten Endes macht. Aber wenn man hier in Euren Räumlichkeiten ist, hat man nicht das Gefühl, dass es hier um IT geht, weil so viele Spielsachen hier sind, irgendwelche Figuren, coole Sitzecken, eure Dach-Lounge. Ihr seid schon sehr visuell. Es geht wahrscheinlich auch darum, die Dinge auch zu vereinfachen oder zumindest eine einfache, spielerische Herangehensweise zu kreieren, um IT-Lösungen vielleicht auch an jemandem heranzubringen, der keine Ahnung hat.

Andreas Jamm: Ja, das ist ein wichtiger Faktor, spielerisch damit umzugehen. Aber es hat eigentlich noch einen weiteren Grund. Und zwar geht es da in die Richtung, wie wir auf neue Themen kommen, wie wir als Menschen kreativ werden. Das ist eigentlich ein ganz einfacher Mechanismus: Du musst in einem Umfeld von Impulsen sein, Du musst quasi kreative Impulse, ein divergentes Denken, um dich herum haben, um diese kreative Arbeit auch zu schaffen. Das heißt, wenn Du in Deinem alten Setting bist, in Deiner klassischen Büro-Infrastruktur, feuert das Gehirn nicht so kreativ, wie es könnte. Darum müssen wir die Menschen aus ihrem Standardumfeld herausholen und in ein neues reinbringen, um in diese Kreativarbeit zu gehen.

Weil wir über Zukunft sprechen: Wir wollen neue Dinge entwickeln, neue Geschäftsmodelle, neue Services. Das heißt, wir müssen die Kreativität anregen. Und dieses Setting dient eigentlich dazu, genau das zu unterfüttern. Da gibt es eine Methode, Design Thinking, die ganz stark mit dem Prozess spielt, aber auch insbesondere mit dem Raum in der Umgebung, in der Du Dich bewegst.

Johannes: Es dreht sich alles um das Wort mutig. Überall, wo ich hinschaue, BOLDLY GO INDUSTRIES, BOLDLY GO. Auf deinem T-Shirt steht „Happy BOLD Day“. Bist Du mutig?

Andreas Jamm: Das ist immer schwierig, an der Stelle über sich selbst zu sprechen, aber ich würde mich schon als mutig bezeichnen. Tatsächlich beschäftige ich mich gerade mit diesen Begriffen seit einigen Wochen sehr intensiv, weil ich neben der ganzen Technologie seit einigen Jahren auch im Bereich-Coaching tätig bin. Ich habe vor einigen Jahren eine Ausbildung in Richtung Systemisches Coaching und Business Coaching gemacht und gerade jetzt habe ich eine Ausbildung beendet, die sich neurobasiertes Coaching nennt, wo wir sehr tief reinschauen: Was passiert im Gehirn? Wie können Veränderungsprozesse gestaltet werden? Was spielt da das Gehirn für eine Rolle?

Wir haben einfach in Veränderungsprozessen sehr starke Emotionen, da erleben wir natürlich Angst und Vorbehalte. Wie können wir Veränderungen als Menschen, aber natürlich auch in der Organisation, begleiten? Da triffst Du dann einfach auf diese Dinge wie diesen tiefen inneren Reflex oder Emotionen, die durch Angst ausgelöst werden, weil der Mensch eigentlich nicht darauf vorbereitet ist, in die Veränderung zu gehen. Aber wenn Du über Angst sprichst, kommst Du natürlich sehr schnell auf den Begriff Mut. Wie überwinde ich meine Angst, die bewusst ist, durch bewusstes Handeln? Ist das dann Mut oder ist es Zuversicht? Da gibt es verschiedene Schattierungen an der Stelle. Aber sicher ist es so, dass wir, wenn wir über Zukunft sprechen, jetzt in dieser komplexen Welt etwas erleben, was wir nicht sofort strukturiert bekommen, wo es für uns ein bisschen Überforderung bedeutet. In dieser unklaren Zukunft müssen wir irgendwie zurechtkommen. Wir müssen den ersten Schritt wagen. Das ist das, was wir zu unterstützen versuchen, diesen ersten Schritt in die Zukunft zu gehen. Der braucht ein Stück Mut, um damit anzufangen, auch wenn ich vielleicht noch gar nicht weiß, was das Ergebnis ist oder wohin mich dieser Schritt führt. Aber ohne diesen ersten Schritt beginnt die Veränderung nicht. Da spielt unser Körper eine wichtige Rolle, unsere Herkunft, unsere Geburt, frühgeburtliche Prägung und viele Dinge, die wir natürlich auf der langen Entwicklungsreise als Mensch durchgemacht haben.

Johannes: Das bricht wahrscheinlich auch so Gedankensätze wie: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Wahrscheinlich trifft man da in Deinem Bereich auch oft auf Fronten, wo diese Veränderungsprozesse im Äußeren vielleicht erwünscht sind, weil man irgendetwas machen muss, aber im Innern eher den bequemeren Weg haben.

Andreas Jamm: Wir hören auch ganz oft trifft den Slogan: „In unserem Unternehmen oder unserer Branche ist alles anders. Bei uns ist es so, das können Sie sich gar nicht vorstellen.“
Es ist natürlich nicht ganz anders, sondern es ist natürlich überall gleich. Wenn ich in so einem System stecke – in so einem geprägten Branchen-Mikroökosystem wie wir es nennen –, sehe ich natürlich auch nur die Situation bei mir selbst. Jemanden von außen einzubeziehen, ist dann sehr schwierig und wir versuchen an der Stelle die Vorteile aufzuzeigen. Man muss auch mal von außen darauf schauen und nicht nur von Innen kommen, denn wir müssen diesen Schritt nach Außen hinbekommen. Aber das ist oft die Erfahrung an der Stelle, dass nur jemand von Innen, aus dem System heraus, der ganz tiefe Kenntnisse hat, eigentlich weiterhelfen kann. Aber das ist natürlich nicht so.

Johannes: Das heißt, der Grund, warum Du eigentlich die die Ausbildung gemacht hast, ist: Du vereinfachst den ersten Schritt, oder?

Andreas Jamm: Der Grund, warum ich die Ausbildung gemacht habe, liegt eigentlich darin, dass ich Veränderungen angestoßen habe, sowohl in unserem eigenen Unternehmen, also auch bei mir selbst im Unternehmen, und auf Widerstand gestoßen bin. Warum gehen die Kollegen eigentlich nicht die Schritte mit?

Johannes: Hast Du ein Beispiel?

Andreas Jamm: Ja, ich habe viele Technologen an Bord gehabt, die nicht wirklich den Sinn dahinter gesehen haben, sich mit neuen Themen zu beschäftigen oder die dann das Gefühl hatten, dass durch die Veränderungen vielleicht die Identität verloren geht. Warum muss man zum jetzigen Zeitpunkt Veränderungen starten? Dem wollte ich auf die Spur kommen. Was ist das eigentlich in uns drin, das uns in Veränderungsprozessen so blockiert? Das geht bis hin zu: Warum schaffen wir es nicht, gewisse Verhaltensmuster abzulegen? Was ist das, was uns prägt? Und wie kann ich durch Coaching-Maßnahmen oder durch sinnvolle Interventionen vielleicht an der einen oder anderen Stelle etwas Positives beitragen? Weil wir viele Kundenorganisationen erlebt haben, die sich mit dieser Transformation so schwertun und wir schaffen es nicht nur durch Nutzenargumente, wir schaffen es nicht durch: Das ist jetzt so, ihr müsst euch damit beschäftigen. Das reicht einfach nicht aus, sondern wir müssen eine Organisation konstruieren, Maßnahmen und Interventionen vorsehen, die auf einer persönlichen Ebene auch greifen.

Johannes: Du hattest mir mal von einem Beispiel eines Innovation-Centers eines Automobilkonzerns erzählt, wo Du in die Küche reingeschaut hast und auf einmal 30 Senseo Maschinen da standen. Was war Dein Gedanke? Wo fängt Design Thinking an?

Andreas Jamm: Das war noch nicht mal in der Küche, sondern das war mitten im Großraumbüro, mitten drin auf einer Insel, da haben wir das vorgefunden bei einer Begehung dieses modernen New-Work-Spaces. Da war ich im ersten Moment sehr überrascht. Macht ihr hier einen Feldversuch mit Senseo-Maschinen? Tatsächlich ist es aber so gewesen, dass jeder Mitarbeiter seine eigene Kaffeemaschine mitgebracht hat und das ist natürlich auch ein gewisser Ausdruck von Kultur und von innerer DNA einer Organisation. Wie muss ich eine Organisation gestalten, damit Mitarbeiter sich in dieser Organisation wohlfühlen? Zum einen ist es vielleicht auch gar nicht so schwer zu sagen, die paar Cent, die ich jetzt für Kaffee investieren muss, sorgen dafür, dass eine gewisse Befreiung entsteht und Zwänge wegfallen. Ich glaube, das würde die Mitarbeiter von sehr vielen Problemen befreien. Aber natürlich zeigt sich an der Stelle auch zwischen den Teams und zwischen den Mitarbeitern, warum das so ist. Warum schaffe ich es nicht, mich innerhalb der Belegschaft abzusprechen, mich auf eine Maschine zu einigen? Warum habe ich so eine hohe Individualisierung, obwohl es teilweise identische Maschinen sind? Das ist hochspannend. Wenn wir über New Work sprechen, geht es nicht einfach nur darum, schicke Tische in den Raum zu stellen und irgendwelche Besprechungsinseln zu konstruieren, sondern ich muss auch eine Organisation schaffen, in der sich die Menschen aufgehoben und wohl fühlen und vielleicht auch mit einer anderen Vorstellung von Management oder Eigenverantwortung ausgestattet sind.

Johannes: Was hältst Du eigentlich von Hierarchien?

Andreas Jamm: Hierarchie ist etwas. Du sprichst das Thema Organisation auch an der Stelle an. Hierarchien gibt es an verschiedenen Stellen, sie sind vielleicht auch zum Teil an der einen oder anderen Stelle notwendig, um eine gewisse Struktur zu haben. Wir haben uns, wenn wir über Organisationen sprechen, vor langen Jahren intensiv damit beschäftigt und ich als Eigentümer sowieso, weil es mir auch ein bisschen leid war, alle Entscheidungen alleine treffen zu müssen, mich am Ende des Tages als Flaschenhals zu sehen. So sehen wir das in großen Organisationen sehr ähnlich. Wenn wir viele Hierarchiestufen haben, hast Du sehr lange Entscheidungswege rauf und runter und die sind dann oftmals sehr standardisiert. Am Ende wollen wir keine Fehler machen. Da sind wir wieder bei dem Thema Angst und Mut. Was heißt es, eine gute Entscheidung treffen? Was ist überhaupt eine Entscheidung? Da geht es schon los. Viele missverstehen eigentlich das Thema Entscheidung, weil sie diese Entscheidung als Vorlage geben lassen. Mit unzähligen KPIs ausgestattet, um dann vermeintlich das Richtige zu entscheiden. Aber wenn es dann schon entschieden ist, muss ich nicht entscheiden. Die Entscheidung, die unsicher ist, ist eigentlich eine schwierige Entscheidung. Hierarchie nimmt natürlich sehr viel Kreativität und Verantwortung von den Menschen weg, die ich eigentlich zur Verfügung habe; nämlich den Großteil meiner Mitarbeiter mit ihrer Innovationskraft, die sich gerne einbringen möchte. Deswegen braucht es eigentlich eine andere Form von Teamverständnis und Führungsverständnis, das weniger durch Hierarchie geprägt ist, sondern mehr durch Kollaboration und Verantwortung. Da gibt es natürlich Alternativen zu einem klassisch hierarchischen Modell, was bei unserem Fall eher soziokratisch funktioniert.

Johannes: Hast Du es manchmal in Frage gestellt und gesagt: „Okay, es gibt jetzt eine Entscheidung, die treffe ich jetzt einfach so, denn wenn ich zu viel offenlasse, führt es ganz oft dazu, dass Entscheidungen getroffen werden?“

Andreas Jamm: Ich habe immer wieder diese Situationen und Sequenzen, wo ich für mich natürlich sage: Überfordert natürlich dieser Ansatz ein Stück weit auch alle? Ebenen, weil natürlich nicht jeder an der Stelle so weit ist wie ich bzw. nicht in diese starke Mitverantwortung und Gestaltung will. Das ist auch alles okay und ist gut. Wichtig ist es nur zu wissen: Wenn Du per se sagst, jetzt müssen alle über einen Kamm geschoren werden, ist auch niemandem geholfen. Wir müssen natürlich ein gutes Verständnis haben. Wer ist bereit, sich mehr oder weniger in diese Thematik einzubinden? Wem bereitet das Freude und wem weniger und wer hat damit eher zu kämpfen? Dann muss man das entsprechend auch gestalten. Wenn ich die Erwartung habe, alle sind jetzt hoch begeistert im Mitverantworten und im Gestalten und das läuft dann manchmal nicht so gut, dann enttäuscht mich das natürlich ein bisschen. Okay, ist es vielleicht doch nicht das richtige System? Du triffst nie alle. Auf der anderen Seite musst Du das auch aushalten und zulassen, denn in einen Micro-Controlling-Modus zurückzufallen ist auch nicht das, was ich will. Das ist am Ende des Tages auch ein bisschen aushalten und Fehler zugestehen. Dann beim nächsten Mal machen wir es anders. Oder wie kann man es als Team dann besser gestalten? Aber da musst Du auch durch.

Johannes: Was war denn der beste Rat, den Du je bekommen hast?

Andreas Jamm: Etwas, das ich in meiner Berater-Karriere, wenn man das so bezeichnen möchte, erlebt habe – und das erlebe ich auch immer, wenn ich mit unseren Kollegen spreche und ich versuche, das mit einzuwerfen – ist ein Erlebnis: Wenn Du im Projekt bist und das Gefühl hast „Ich bin hier schon toll unterwegs und ich kann eigentlich aus meiner Perspektive nichts verändern“, aber das Gegenüber meint, da geht noch ein bisschen mehr in der Situation … Woran hängt das, dass es noch nicht so in die Richtung läuft? Und ich das damals ganz am Anfang überhaupt nicht verstehen konnte, was mein Chef von mir wollte, weil ich durch meine Brille immer noch der Meinung war „Ich mache das schon alles“ hat er mir den Rat gegeben: „Traue Dich dann einfach, gewisse Dinge aktiv anzusprechen oder aktiv in die Hand zu nehmen.“ Dieses Dahin-Zurückbesinnen, dieses aktive Angehen, das kann so viel bewegen.

Dir geht es vielleicht ähnlich. Du bist auf einem Kongress oder auch einer Situation und willst jemanden kennenlernen. Da ertappe ich mich auch oft: Ist das der richtige Moment, jemanden anzusprechen? Du möchtest unbedingt den Kontakt herstellen und bevor Du Dich versiehst, ist die Situation weg und kommt auch nicht wieder. Genau jetzt, in dem Moment, wo Dir das durch den Kopf geht. Den möchte ich jetzt kennenlernen, es auch sofort zu tun und nicht noch drei oder fünf Minuten zu warten oder zu sagen: Den treffe ich gleich noch mal um die Ecke, dann ist vielleicht besser. Nein, das ist weg. Und das ist, glaube ich, etwas, was mich seitdem antreibt: Situationen so schnell wie möglich aktiv zu nutzen oder sofort einzugreifen und zu gestalten und nicht abzuwarten.

Adidas, oder genauer der CEO, hat einen Spruch, von dem wir auch ein Bild in unserer Präsentation haben: „Nur die ersten stehen für Innovation.“ Du kannst aus Innovationssicht nur als Erster prägen. Die haben eine innovative Sohle produziert oder einen innovativen Laufschuh, wie auch immer. Aber nur der erste für eine Technologie und Innovation steht da auch dafür. Der zweite dann schon nicht mehr.

Johannes: Jetzt gehen wir mal ein paar Jahre zurück in die Zeit vor Deiner Selbstständigkeit. Wann war das eigentlich?

Andreas Jamm: 2000 habe ich gegründet.

Johannes: Also 22 Jahre. Was hat Dich angetrieben, in diese Selbstständigkeit zu gehen?

Andreas Jamm: Herr meines eigenen Glückes zu sein. Aber ich habe schon sehr früh angefangen, das zu erleben. Ich habe schon als kleiner Junge angefangen, auf dieser Ebene von: Ich mache was und bin im Mini-Unternehmer-Modus unterwegs. Ich habe selbst als kleiner Junge Wäscheklammern verleimt, irgendwelche Krippen gebastelt und im Kaufhaus verkauft. Nach diesem Bastel-Verkaufs-Modus habe ich dann Elektronik gemacht und habe als Jugendlicher für Elektronikfirmen Platinen produziert. Ich habe schon immer dieses Unternehmerische aus meinem eigenen Antrieb heraus gemacht. Deswegen war ich immer in diesem Modus: Ich mache was Eigenes und habe einen Mini-Markt und habe ein paar Interessenten dafür.

Johannes Platinen, als Jugendlicher?

Andreas Jamm Mit 14 Jahren habe ich angefangen Elektronikplatinen zu produzieren und für ein spannendes Unternehmen am Bodensee die Satelliten ausrüsten. Ich weiß nicht, ob es sogar eine meiner Platinen in den Satelliten geschafft hat.
Ich hatte auch sehr früh schon den ersten Computer. Auch als der erste überhaupt in der Schule. Ich war auch da schon in der Zeitung mit der Bürgermeistern, denn zur damaligen Zeit war das völlig verrückt und alles ganz am Anfang. Da ging es schon sehr früh los mit dieser ganzen Begeisterung. Ich kann mich erinnern, dass mein Vater, als ich ein kleines Kind war man, bei der Post gearbeitet hat. Er war im Fernmeldebereich tätig und ich bin immer zwischen den Kabelrollen herumgesprungen und zwischen den ganzen Techniksachen aus dem Fernmeldewesen. Da bin ich sehr früh auf diese Technologie-Schiene gekommen.

Johannes: Also war die Arbeitsstelle Deines Vaters quasi Dein Kindergarten?

Andreas Jamm: Ja, im Grundsatz war das nicht die Arbeitsstelle, aber wir haben in der Nähe gewohnt und da bin ich dann immer rumgeturnt, wo die ganzen technischen Dinge gelagert waren, und deswegen hat mich das sehr früh begeistert, diese Elektronik-Thematik.

Johannes: Was man auch übrigens hier immer wieder findet. Fischer-Technik in den Räumen, die man wahrscheinlich für den Zeitvertreib, aber auch für das Design Thinking nutzen kann.

Andreas Jamm: Das haben wir auf vielen Messen teilweise auch als Exponat dabei, um was zu simplifizieren, um Prozessabläufe darzustellen und greifbar zu machen. Das bietet sich auch heute noch gut an, das ist nach wie vor ein gutes Medium an der Stelle. Dann habe ich aber nach dem Studium gesagt: Ich muss das noch ein bisschen professionalisieren und war dann fünf Jahre in der Management-Beratung und habe da von der Pike auf gelernt, wie man im Beratungsumfeld die großen Themen bearbeitet und professionalisiert. Das half dann natürlich sehr viel beim Aufbau der eigenen Beratung. Da muss man schauen: Wie kriegt man neue Menschen und begeistert für seine Themen? Wir sind sicherlich jetzt nicht der Benchmark für: Bei uns bekommst Du das beste Gehalt, den besten Firmenwagen, das beste weiß ich nicht was. Da gibt es andere Beratungen, die auf der Ebene spielen. Bei uns ist es eher so, dass jemand gut zu uns passt, der die Themen dahinter mitträgt und Spaß daran hat, sich ein Stück weit einzubringen und eher unterwegs ist, also sagt: „Ich optimiere mich jetzt an anderer Stelle für mich.“

Johannes: Und wenn man Spielsachen mag.

Andreas Jamm: Und wenn man Spielsachen mag. Das ist sicherlich nicht verkehrt.

Johannes: Andreas, vielen Dank.

Andreas Jamm: Macht’s gut und seid mutig. Be bold!

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